Fotosammlung Wehrmachtssoldaten in Frauenkleidern

Deutsche Soldaten, jederzeit mannhaft, sittenstreng und hart wie Kruppstahl - Hunderte von Privatfotos ergeben ein ganz anderes, rätselhaftes Bild. Der Künstler Martin Dammann hat sie gesammelt: Crossdressing im Zweiten Weltkrieg.

Hatje Cantz Verlag/ Sammlung Martin Dammann

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Wehrmachtssoldaten in inniger Umarmung mit Kameraden in Frauenkleidern, beim Anprobieren von Damenwäsche oder mit Rock und Büstenhalter vor Hakenkreuz-Emblem: Auch mit diesen Soldaten trat Hitler seine Eroberungsfeldzüge an und verlangte von jedem einzelnen mannhaften Einsatz. Es war die Armee eines Regimes, das Homosexuelle erbarmungslos verfolgte, bestrafte, ermordete.

"Wohl keine Armee der Welt war so besessen von der Schädlichkeit der Männerbeziehungen wie die Wehrmacht im Dritten Reich", zitierte der SPIEGEL 1977 den Münchner Militärhistoriker Franz Seidler. Je weiter der Zweite Weltkrieg fortschritt, desto energischer verlangten auch die Heeresführer ein Einschreiten in Fällen, die ihnen "in besonders hohem Maße" geeignet schienen, "die Moral und die Manneszucht der Truppen zu untergraben". Homosexualität in der Wehrmacht wurde mit Zuchthaus oder gar, wegen "Wehrkraftzersetzung", mit der Hinrichtung bestraft.

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20  Bilder
Crossdresser in der Wehrmacht: "Frau sein. Woanders. Wer anders."

Wie geht diese unerbittliche Sittenstrenge zusammen mit den Bildern aus Kriegszeiten, die der Berliner Künstler Martin Dammann jetzt in seinem Buch "Soldier Studies. Crossdressing in der Wehrmacht" im Hatje Cantz Verlag veröffentlicht hat?

"Wenn es die Fotos nicht gäbe, würde man es nicht glauben", sagt Dammann. Seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Amateuraufnahmen aus dem Krieg. Private Bilder faszinieren ihn, weil die Fotografen, anders als Profis, sich der Wirkung kaum bewusst seien und daher auch nicht auf eindeutige Bildaussagen abzielten. So entstünden Aufnahmen, die ein unmittelbares, oft auch überraschendes Bild vom Krieg vermittelten.

Im Frauenkostüm zum Kompaniefest

Für das Londoner Archive of Modern Conflict reiste Dammann um die Welt, um auf Sammler- und Militaria-Börsen private Fotoalben oder auch Serien- und Einzelbilder aufzustöbern und anzukaufen. Das Archiv hat mittlerweile die wahrscheinlich größte Sammlung privater Kriegsfotografie überhaupt.

Viele Motive sind banal. Bald aber fielen Dammann Fotos von Soldaten auf, die sich als Frauen kostümierten. "Ich fing an, sie zu sammeln." Das Phänomen von Soldaten in Frauenkleidern ziehe sich durch viele Konflikte und Nationalitäten. Solche Aufnahmen kennt Dammann schon aus dem Ersten Weltkrieg und auch aus amerikanischen, englischen und französischen Kriegsalben - "aber sie sind besonders häufig in deutschen Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg".

Über die Gründe kann der Sammler nur mutmaßen: Anders als im angelsächsischen Raum gebe es in Deutschland eine karnevalistische Tradition des Crossdressings, also Männer, die sich als Frauen verkleiden und umgekehrt. "Ich denke, das hat es den Frauendarstellern auf Kompaniefesten einfacher gemacht." Eine Rolle spiele sicher auch, dass der Angriffskrieg viele deutsche Soldaten für lange Zeit weit weg von der Heimat führte, so dass sich "Sehnsüchte und Bedürfnisse besonders deutlich zeigten".

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Martin Dammann:
Soldier Studies

Cross-Dressing in der Wehrmacht

Hatje Cantz; 128 Seiten; 28,00 Euro.

Die Schwarz-Weiß-Bilder sind oft verblüffend. Manchmal probieren Soldaten offenbar an, was sie in den Kleiderschränken der Dörfer fanden, die von der Wehrmacht überfallen wurden. Auf Gruppenbildern trägt ein Einzelner inmitten von Uniformierten Rock und Büstenhalter. Und Bilderserien zeigen einen beinahe fließenden Übergang von varietéhaften Aufführungen bis zum Moment, da den Männern, die eben noch im Glitzer-Bikini auf der Bühne standen, biertrinkende, uniformierte Zuschauer in den Armen liegen.

Dammann ist davon überzeugt, dass diese Fotos abbilden, was es in der Wehrmacht wie in jeder anderen Armee gab und gibt: "Auch wenn die Mehrzahl der Soldaten heterosexuell war, so zeigen sich auch homo- und transsexuelle Orientierungen in ungewöhnlicher Deutlichkeit."

Der "Erlass zur Manneszucht", zu Kriegsbeginn herausgegeben vom Oberkommando des Heeres, hatte Homosexuelle prinzipiell noch als "sonst gute und brauchbare Soldaten" angesehen und ihren Kampfeinsatz als wirksames Erziehungsmittel. Den Soldaten im Kriegseinsatz sollten Fronttheater, initiiert vom Propagandaministerium und der Organisation "Kraft durch Freude", Unterhaltung und Entspannung verschaffen.

An der Front war manches erlaubt

Im Programm traten allerdings auch Frauen auf, "so dass Crossdressing in den offiziellen Theatern kaum stattgefunden hat", sagt Dammann. Neben dem offiziellen Fronttheater gab es eine weitere Form: von Truppeneinheiten selbst organisierte Aufführungen, oft spontan, von deren mehr oder minder begabten Darstellern einige als Frauen auf die Bühne gingen.

Berichten zufolge mokierten sich zwar mitunter Vorgesetzte, dass Frauendarsteller auf Kompaniefesten unsoldatisch seien, so Dammann. Für Strafen nach solchen Inszenierungen fand er aber keine Belege: "Auf der Ebene kleinster Militäreinheiten in unmittelbarer Frontnähe spielte das keine Rolle. Jeder kannte jeden. Das waren gar keine echten Vorführungen mehr, da fielen Darsteller und Publikum zusammen."

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Militärische Logik wog an solchen Orten womöglich schwerer als Parteiideologie. "Man wollte den Soldaten eine gewisse Entlastung und Erholung gönnen - einfach, um ihre Kampfkraft zu erhalten." Als Motive für solche Aufführungen sieht der Künstler "tatsächliche Sehnsucht nach Frauen, vielleicht auch nach Männern, aber auch ein starkes Element von Eskapismus sowie parodistische und karikierende Elemente".

Sind es simple Scherze, Maskeraden unter Kameraden, harmlose Kostümfeste im Krieg - oder deutlich mehr als das? In der Gesamtschau wertet Dammann die Fotos als Beleg, dass Crossdressing ein verbreitetes Phänomen innerhalb der Wehrmacht gewesen sei und so auch die homophobe Ideologie der Nazis unterlief.

Beweisen lässt sich das im Einzelfall nicht, die Informationen zu den meisten Fotos sind ausgesprochen karg, oft wurden auch gar keine überliefert. Am Ende sind die Bilder eben nur Bilder: Sie sagen nichts darüber aus, welche Rolle die jeweilige Ersatzfrau gerade spielt, wie der Soziologe Harald Welzer in seinem Begleittext zum Buch bemerkt. So bleibt dem Betrachter überlassen, was er darin sieht, was er sehen will - eine kleine Rebellion gegen die Nazi-Vorstellungen von soldatischer Männlichkeit oder doch nur karnevaleske Verkleidungen.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
David Braben, 15.11.2018
1. Das Boot nicht gesehen?
Daran ist nichts rätselhaft. Mobiles Kino und Videospiele gab es nicht. Also hat man sich anderweitig beholfen.
Torsten Behrend, 15.11.2018
2. völlig normal!
Mein Opa hat viele Geschichten davon erzählt. Aus Mangel an echten Frauen mußten halt Männer die Frauen "spielen" Meist waren dies die "Jüngelchen" , die in Frauenklamotten gesteckt wurden, um dann den weiblichen Part im Theaterstück zu spielen oder einfach aus Jux und Dollerei, um die Truppe bei Laune zu halten. Und natürlich gab es wie überall wo Männer lange Zeit unter sich sind, homosexuelle Kontakte. Was daran jetzt so ungewöhnlich sein soll, erschließt sich mir nicht.
Gernot Winkelmann, 22.11.2018
3. Das ist nicht wirklich neu
Langweile, Karnevalerfahrungen, Stressabbau an der Front. Warum denn auch nicht.
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