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Wehrmachtsdeserteure Ein deutscher Held

Wehrmachtsdeserteure: Ein deutscher Held Fotos
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Die NS-Justiz hatte ihn als Deserteur zum Tode verurteilt, nach dem Krieg wurde er als "Volksschädling" und "Verräter" beschimpft. Nun wird er zu seinem 90. Geburtstag geehrt: Ludwig Baumann hat sein Leben lang für die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und sogenannten Kriegsverrätern gekämpft. Von

Wer sich mit Ludwig Baumann unterhält, sollte Zeit mitbringen. Der Mann steckt voller Geschichten. Vielleicht weil er selbst ein Stück Geschichte ist. Ein gutes Stück. Denn dieser Kämpfer ist ein deutscher Held. Auch wenn er das nicht hören will. Zum einen ist Ludwig Baumann, Vorsitzender des Bundesverbands Opfer der NS-Militärjustiz, bescheiden im besten Sinne des Wortes. Zum anderen sind ihm Begriffe wie Kämpfer und Held zu militärisch-martialisch, sie erinnern ihn zu sehr an die Verehrung von Soldaten. Denn es war sein Leben als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg, das ihn fast selbiges gekostet hätte und die Grundlage legte für alles, was in den harten Jahrzehnten danach geschah. Ludwig Baumann galt damals nicht als Held, sondern als Verräter.

Der letzte noch lebende Deserteur aus Hitlers Wehrmacht wird an diesem Dienstag 90 Jahre alt. Allein die Tatsache, dass der Senatspräsident der Freien Hansestadt Bremen eine Feier für einen Deserteur ausrichtet, sagt eine Menge aus über den gesellschaftlichen Wandel. Einen Wandel, der alles andere als selbstverständlich war und an dem Ludwig Baumann großen Anteil hat. Der politische Kampf für die Annullierung der NS-Militärgerichtsurteile hat den Rentner bundesweit bekannt gemacht. Aber es hat ihm auch geholfen, sein eigenes Leben, seine Kämpfe und das Trauma zu verarbeiten, das mit dem Kriegsende 1945 eben noch lange nicht zu Ende war.

Für Hitler waren Wehrmachtsdeserteure wie Ludwig Baumann Staatsfeinde Nummer eins. Rund 30.000 Deserteure, Verweigerer und "Kriegsverräter" wurden von der NS-Militärjustiz zum Tode verurteilt, geschätzt etwa 20.000 hingerichtet. "Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben", lautete Hitlers Weisung.

Monate in der Todeszelle

Als Ludwig Baumann am 13. Dezember 1921 in Hamburg zur Welt kam, erholte sich Deutschland gerade noch von den Folgen des Ersten Weltkriegs. Die Eltern, gutsituiert als Tabakgroßhändler, setzten große Hoffnungen in ihren Jungen, der aber als Legastheniker eher auf eine Ausbildung zum Maurer setzte.

Mit Hitlers Angriffskrieg wollte er nichts zu tun haben. Mit anderen Soldaten, unter anderem seinem Freund Kurt Oldenburg, desertierte Baumann 1942 als Marine-Gefreiter im französischen Bordeaux. Er wurde gefasst, gefoltert, verurteilt und verbrachte zehn Monate in der Todeszelle. Das Grauen, die Erinnerung daran verfolgt ihn bis heute. Eine deutsche Zollstreife hatte ihre Pläne durchkreuzt. Sie hätten schießen können, hätten morden müssen, um weiter zu fliehen: Das wollten sie nicht.

Baumann und Oldenburg wurden geschnappt und im Juli 1942 vom Gericht des Marinebefehlshaber Westfrankreichs zum Tode verurteilt. Dass der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine dieses Verdikt im August in eine zwölfjährige Zuchthausstrafe umwandelte, erfuhr Ludwig Baumann erst im Frühjahr 1943. Die langen Monate in der Todeszelle haben sich unauslöschlich in das Gedächtnis des 90-Jährigen eingegraben. "Jeden Morgen, wenn die Wachen wechselten, dachte ich: Jetzt holen sie dich."

Die permanente Todesangst und dann wieder Zeit, die nicht verstreichen wollte: So sahen die Tage in der Zelle aus. Sein Urteil wurde nach einer Intervention des Vaters bei einflussreichen Bekannten in zwölf Jahre Zuchthaus umgewandelt. Baumann verließ die Todeszelle im April 1943, aber nur um in eine andere Hölle weitergeschickt zu werden: das KZ Esterwegen, Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna Torgau, und schließlich zum Himmelfahrtskommando in einem Strafbataillon an der Ostfront.

"Das letzte Tabu"

In Torgau hatte Baumann "den Johann" kennengelernt. "Der Johann", das war der Obergefreite Johann Lukaschitz aus Wien, der 1944 mit blutigen Gelenken im Krankenrevier des Wehrmachtsgefängnisses Torgau lag - eine Folge der schweren Ketten, die seine Arme und Beine fesselten. Baumann war sein Bettnachbar, an Diphtherie erkrankt. Der Johann sei ein "durch und durch besinnlicher, stiller und humaner Mann gewesen", erinnert sich Baumann. Lukaschitz, damals 24, war für die "Nichtanzeige eines geplanten Kriegsverrats" zum Tode verurteilt.

In Lukaschitz' Truppe hatte sich ein Soldatenrat nach sowjetischem Vorbild gebildet. Der Johann hatte sich diesem Rat nicht anschließen mögen, seine Kameraden aber auch nicht verpfeifen wollen - doch genau dafür sollte er sterben, befand das Reichskriegsgericht unter Vorsitz von Richter Werner Lueben am 3. Februar 1944. Wenige Tage später lag Lukaschitz als Kriegsverräter unter dem Fallbeil.

Schicksale wie die des Johann und sein eigenes waren es, die Baumann dann später zum Kämpfer werden ließen. Denn die Urteile gegen Männer wie Lukaschitz wurden nach dem Krieg nicht aufgehoben. Sehr spät, erst im Jahr 2002, beschloss der Bundestag zwar die pauschale Rehabilitierung aller Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und Wehrkraftzersetzer der Wehrmacht. Nur die sogenannten Kriegsverräter wurden ausdrücklich ausgespart - weil man ja nicht ausschließen könne, dass die "Verräter" durch ihr Handeln Zivilisten oder deutschen Soldaten geschadet hätten. In Bezug auf die NS-Urteile waren sie "das letzte Tabu", wie es der renommierte Militärhistoriker Wolfram Wette und sein Kollege Detlef Vogel nennen.

Schreiende Ungerechtigkeit

Der Krieg und die Schrecken des NS-Regimes hielten Baumann noch lange in ihrem Bann. Im Zivilleben kam er nach dem Kriegsende nie richtig an. Der Heimkehrer wurde wie ein Aussätziger behandelt, denn im stramm antikommunistischen Nachkriegsdeutschland galt einer wie Baumann schlicht als Feigling. "Einmal wurde ich in Hamburg von ein paar 'alten Kameraden' zusammengeschlagen. Als ich das bei der Polizei anzeigen wollte, bekam ich auf dem Revier nochmals Prügel."

Baumann, doppelt bestraft, verfiel dem Alkohol und vertrank sein beträchtliches väterliches Erbe. Erst der Tod seiner Frau bei der Geburt des sechsten Kindes rüttelte ihn wach. "Als ich dann wirklich Verantwortung übernehmen musste, war das eine Gnade für mich", sagt der 90-Jährige in der Rückschau.

Sein politisches Engagement begann Anfang der achtziger Jahre mit der Friedensbewegung. 1990 gründete er mit damals noch 37 Mitstreitern den Bundesverband Opfer der NS-Militärjustiz, dessen beharrliche Aufklärungsarbeit in ein Gesetzgebungsverfahren mündete. 2002 - 60 Jahre nach Baumanns Todesurteil - erklärte der Bundestag die Schandurteile der NS-Militärrichter für null und nichtig.

Dabei hätte es Baumann bewenden lassen können. Aber da war noch was. Die rot-grüne Bundesregierung hatte nach einer persönlichen Intervention von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) zwar die Urteile gegen Deserteure und Wehrdienstverweigerer aufgehoben. Doch beim "Kriegsverrat", dem "im Felde" begangenen Landesverrat, traute sich die SPD dies nicht - sie fürchtete den Vorwurf aus dem konservativen Lager, damit sogenannten Verrätern von Kameraden ein Denkmal zu bauen. Für Baumann eine schreiende Ungerechtigkeit, denn damit blieben Männer wie sein Freund Johann Lukaschitz weiter "stigmatisiert". Also kämpfte Baumann wieder und weiter. Enttäuscht von SPD und Grünen suchte er neue Verbündete.

"Ich will nicht pathetisch werden"

Unterstützung bekam er dann aus der Wissenschaft und der Politik. Das Verdienst, 64 Jahre nach 1945 die Rehabilitierung der Kriegsverräter initiiert zu haben, gebührt vor allem dem Linkspartei-Abgeordneten Jan Korte. Der junge Abgeordnete und sein Mitstreiter Dominic Heilig haben den zähen Kampf in dem lesenswerten Sammelband "Kriegsverrat" nachgezeichnet. Ein Geschichts-Kompendium zum Schämen über deutsche Vergangenheitspolitik, zeigt es doch, wie aus parteipolitischem Kalkül und revisionistischem Grundgedanken jahrelang auch die letzte Rehabilitierung verschleppt und behindert wurde (SPIEGEL Nr. 5 vom 26.01.2009 - Seite 37: "Der letzte Kampf").

Den Durchbruch schafften Korte, Heilig und Baumann mit Hilfe des renommierten Wissenschaftlers Wette und dem Juristen Helmut Kramer, die nachwiesen, dass Kriegsverräter eben keine Verräter waren, sondern meist aus ethischen Motiven handelten. Das Trio knüpfte geschickt Allianzen mit Abgeordneten aller Parteien und der Kirche. Sogar Joachim Gauck, als ehemaliger Beauftragter für die Stasi-Akten der Nähe zu Linken eher unverdächtig, mischte sich ein. Als der Bundestag schließlich unter wachsendem öffentlichem Druck auch die Urteile gegen Kriegsverräter aufhob, saß Baumann oben auf der Besuchertribüne und kämpfte mit seinen Tränen: "Ich will nicht pathetisch werden, aber es ging ein Traum in Erfüllung."

Von den 37 Mitstreitern, mit denen er vor über 20 Jahren seinen Verband gegründet hatte, ist Baumann der letzte Überlebende. Aber Deutschlands bekanntester Deserteur wird auch mit 90 Jahren keine Ruhe geben. Immer noch ist er fast jede Woche irgendwo in Deutschland unterwegs, um als Zeitzeuge in Schulen oder auf Podien Geschichte in Geschichten zu erzählen. Seine Geschichte. Er ist immer noch ein Kämpfer. Ein deutscher Held.

Zum Weiterlesen:

Jan Korte/ Dominic Heilig (Hrsg.): "Kriegsverrat. Vergangenheitspolitik in Deutschland". Karl Dietz Verlag, Berlin 2011, 208 Seiten.

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insgesamt 38 Beiträge
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1.
Thomas Schmidt, 14.12.2011
Auch die Geschichte der Widerstände gegen das Nazitum wird von den Eliten definiert. Georg Elser und Andere werden deswegen eher vergessen als solche, die es verdient hätten vergessen zu werden, wie z.B. C. Graf Schenk v. Stauffenberg, der SA-Ausbilder und Nazi-Karrierist.
2.
erwin fortelka, 14.12.2011
Was hat es in manchen Orten für ein politisches Theater gegeben, wenn ein Denkmal für hingerichtete Deserteure gefordert wurde. Ja, das waren eben immer noch Verräter an der deutschen Sache! Sehr spät, fast zu spät, hat der Bundestag im Jahr 2002 die pauschale Rehabilitierung aller Deserteure beschlossen. Aber es gibt noch eine weitere Seite in diesem Kapitel der deutschen Geschichte: Mehr als 2.000 belastete Kriegsrichter rückten in justitielle und staatliche Spitzenpostionen auf! Filbinger:"Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!" Freisler hat sein Verständnis von Recht so ausgedrückt: "Das in einem Staate geltende Strafrecht ist in besonderem Maße Ausdruck des Wesens des Staates selbst". Es war eben das Strafrecht eines Verbrecherstaates, und die Wehrmachtsjustiz hat diesen Verbrecherstaat und seinen Krieg fleißig unterstützt! "Vestigia terrent"- "Die Spuren schrecken" Bis heute! Erwin Fortelka
3.
reinhard ernst, 14.12.2011
muss man einen deserteur unbedingt zum "deutsche helden" machen? in eine reihe, beginnend mit siegfried bis hin zu clausewitz, gneisenau, moltke? na, ich weiss nicht. das wird ein gutes vorbild fuer die neue bundeswehr.
4.
Fritz Oshkosh, 14.12.2011
Richtig gehandelt sehr geehrter Herr Baumann, ich wäre auch desertiert von der Gurkentruppe des Gröfaz
5.
Jan Mittendorf, 14.12.2011
Mag ein nettes Zeichen sein, Kriegsdeserteure im Nachgang zu rehabilitieren. Meines Wissens werden noch heute in allen Armeen der Welt Kriegsdeserteure mit mindestens hohen Haftstrafen verurteilt. Wenn im Krieg Desertation ohne Konsequenz bleibt, kann das Schule machen und für eine Nation böse enden.
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