Wehrmachtssoldaten im O-Ton "Wupps, so ringehalten. Das macht Spaß!"

Wehrmachtssoldaten im O-Ton: "Wupps, so ringehalten. Das macht Spaß!" Fotos

Kampfpiloten mähen Dorfbewohner nieder, Landser erschießen Frauen und Kinder: Zwei Forscher haben Abhörprotokolle ausgewertet, in denen Wehrmachtssoldaten über Töten und Sterben im Zweiten Weltkrieg berichteten. Der Sensationsfund zeigt, wie Männer zu Mordmaschinen wurden. Von Jan Fleischhauer

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Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist nahezu unüberschaubar, kein anderer bewaffneter Konflikt ist von der Forschung so gut ausgeleuchtet worden. Doch wie die Soldaten selber das mörderische Ringen um die Herrschaft in Europa erlebten, wie sie die Dauerpräsenz von Tod und Gewalt veränderte, was sie fühlten, fürchteten, aber am Waffengang eben auch genossen - all das hat die Wissenschaft bislang eher am Rande interessiert.

Schon bei aktuellen Militäroperationen ist es schwer, sich ein akkurates Bild vom Krieg aus Sicht der Teilnehmer zu machen. Wer als Soldat offen über das Erlebte berichtet, muss fürchten, auf Ablehnung zu stoßen, zumal, wenn er sich nicht immer so verhalten hat, wie es die Haager Landkriegsordnung eigentlich vorschreibt. Im Einzelfall droht ihm sogar ein Verfahren wegen einer Beteiligung an Kriegsverbrechen. So geben die Selbstzeugnisse in aller Regel nur einen geschönten Ausschnitt der Kriegswirklichkeit wieder.

Man darf also wohl von einem Sensationsfund reden, der zwei deutschen Wissenschaftlern jetzt in britischen und amerikanischen Archiven gelungen ist. Bei der Recherche über den U-Boot-Krieg im Atlantik stieß der Militärhistoriker Sönke Neitzel vor sechs Jahren erstmals auf Abhörprotokolle deutscher Wehrmachtoffiziere, in der diese in unerhörter Offenheit über ihre Kriegserfahrungen sprachen. Je weiter er grub, desto mehr Material fand er, insgesamt 150.000 Seiten an Originalquellen, die er zusammen mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer auswertete. Das Ergebnis dieser Arbeit ist ein Buch mit dem schlichten Titel "Soldaten", das ab kommender Woche im Handel liegt und eine Innenansicht des Zweiten Weltkriegs erlaubt, die wohl endgültig den Mythos von der sauberen Wehrmacht erledigen wird.

Einzigartige Dokumentation der Kriegswahrnehmung

Etwa eine Millionen Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS gerieten bis Frühjahr 1945 in britische oder amerikanische Gefangenschaft. Die meisten kamen nach ihrer Festsetzung in normale Kriegsgefangenenlager. Über 13.000 deutsche Gefangene aber wurden zur näheren "Beobachtung" in spezielle Abhörlager überstellt, deren Zellen mit versteckten Mikrofonen verwanzt waren. Aufgabe dieser Einrichtungen, die die Alliierten erst im Herrensitz Trent Park nördlich von London, dem Latimer House in der Grafschaft Buckinghamshire und von Sommer 1942 auch in Fort Hunt in Virginia eingerichtet hatten, war es, den Soldaten militärische Geheimnisse zu entlocken.

Weil die Lauscher aber naturgemäß sehr viel mehr protokollierten als Gespräche über Ausrüstung, Bewaffnung oder taktische Erwägungen, hinterließen sie eine einzigartige Dokumentation der Kriegswahrnehmung in historischer Echtzeit, die auch eine Antwort auf die Frage zulässt, was es braucht, um aus braven Familienvätern kaltblütige Gewalttäter zu machen. Wer die Abhörprotokolle liest, die Neitzel und Welzer aufbereitet haben, muss zu dem Schluss kommen, dass es dazu keiner besonderen Anleitung bedarf. Bei vielen dauert die Gewöhnungsphase gerade einmal ein paar Tage, dann geht ihnen das Tötungsgeschäft leicht von der Hand. Nicht wenige empfinden sogar offen eingestandenes Vergnügen dabei. Der Gebrauch von Gewalt ist ganz erkennbar eine reizvolle Erfahrung, sie liegt den Menschen sehr viel näher, als wir uns nach 65 Friedensjahren zu denken angewöhnt haben.

Krieg ist das umfassendste Sozialexperiment, wozu Menschen fähig sind, wenn sich die Lebensumstände ändern, an die sie sich anpassen müssen. Das Opfer gibt es nur noch als Ziel, das es zu treffen und zu vernichten gilt, als Schiff, Haus, Eisenbahn oder eben Radfahrer, Fußgänger und Frau mit Kinderwagen. Ein Bedauern über das Schicksal Unbeteiligter zeigt sich in ganz wenigen Fällen, Mitgefühl praktisch nie. Manche der abgehörten Soldaten sind sogar besonders stolz, wenn sie möglichst viele Zivilisten getötet haben, was allerdings noch lange nicht heißt, dass sie sich als gewissenlose Mordbestien sehen.

Tatsächlich hebt Krieg die Bedeutung moralischer Kategorien nicht auf, wie man vermuten sollte, er verschiebt lediglich ihren Gültigkeitsbereich. Solange sich der Soldat innerhalb der Grenzen bewegt, was als notwendig gilt, empfindet er sein Handeln als legitim, das kann durchaus Akte äußerster Brutalität einschließen. Deshalb bereiten ihm auch Handlungen, die in Friedenszeiten sofort Abscheu hervorrufen, keine besonderen Gewissensqualen.

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1.
Michael Habersath 09.04.2011
In jedem bewaffneten Konflikt auf der Erde gab und gibt es diese Art Greueltaten. Wieso sollte da gerade die Wehrmacht unter der Nazi-Herrschaft eine Ausnahme machen? Der Mensch muß sich halt immer wieder vor Augen führen, daß er ein gezähmtes Raubtier ist, welches - wehe, wenn sie losgelassen - zur Bestie werden kann. Alle Erdenbewohner töten eigentlich nur aus zwei Gründen: bei Bedrohung und Hunger; nur zwei Spezies töten auch organisiert aus Mordlust: die Ameise und ... der Mensch.
2.
Joachim Hübner 09.04.2011
Es ist so traurig, es ist so beschämend..... Gewusst hat man es. Und wenn ich an dieanhaltende Glorifizierung der U-Boot-Fahrer hier im norddeutschen Raum denke ....... eklig!
3.
Sven Fuchs 09.04.2011
Nur Menschen, die ihre Emotionen bzw. ihr Mitgefühl abspalten können, sind zu solchen taten fähig. Die Frage muss also sein, welche Grundlagen zu einer solchen Abspaltung führten? In den Kindheiten der um 1900 geborenen Deustchen wird man hier einen großen teil dieser Antwort finden. Dem Morden im Krieg ging der Terror gegen Kinder in deutschen Elternhäusern voraus. Siehe dazu Arbeiten des Psychohistorikers Lloyd deMause.
4.
Birgit Meseck-Thieme 09.04.2011
56 Jahre nach Kriegsende ist offenbar vergessen worden, dass wir Deutschen bis zum Einmarsch der Nazis (und verborgen lange darüber hinaus) begeisterte Nazis waren, Täter, Mitläufer, Arschkriecher, Charakterschweine quer durch die Bevölkerung ? selbst erlebt. Warum wachen die Historiker, von denen viele die "verführte" Wehrmacht Jahrzehnte lang verklärt haben, jetzt erst auf, und das anhand von Protokollen, die sie nicht erarbeitet haben?
5.
lucius volny 09.04.2011
"Der Gebrauch von Gewalt ist ganz erkennbar eine reizvolle Erfahrung, sie liegt die Menschen sehr viel näher, als wir uns nach 65 Friedensjahren zu denken angewöhnt haben." Na ja, man muss nur mal auf die SPON-Foren zum Krieg in Libyen gehen. Soviel Kriegsbegeisterung, gerade in den ersten Tagen, bzw. Bedauern, das 'wir' leider nicht mitbomben. Einfach unfassbar ...
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