Weihnachten 1914 Ein bisschen Frieden mitten im Gemetzel

Weihnachten 1914: Ein bisschen Frieden mitten im Gemetzel Fotos
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Sie sangen Weihnachtslieder, spielten zwischen den Schützengräben Fußball: An Heiligabend 1914 verbrüderten sich deutsche, britische und französische Soldaten für wenige Stunden. Kurz darauf schossen sie wieder aufeinander. Dennoch hat die Feuerpause bis heute Symbolkraft. Von

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Am Heiligen Abend im Jahre des Herrn 1914 verläuft die Front, entlang derer sich junge Männer aus Frankreich, England und Deutschland seit über einem Jahr als Todfeinde gegenüberstehen, über 600 Kilometer von der Nordsee bis an die Alpen. Die Kampfzone beginnt im flandrischen Nieuwport an der Ijzer-Mündung, zieht sich den kleinen Fluss entlang nach Süden, schlägt einen Bogen westwärts um Ypern und an Arras vorbei, schwenkt im großen Bogen durch Picardie und Champagne westwärts nach Verdun und dann weiter Richtung Südwest bis an die Schweizer Grenze: Die Front gleicht einem Schnitt quer über das Gesicht des Kontinents, gezogen wie mit einem rostigen, alten Messer.

Bis Weihnachten, so hatte der deutsche Kriegsherr Kaiser Wilhelm II. vier Monate zuvor seinen Soldaten beim Ausmarsch aus Berlin zugerufen, würden sie wieder daheim sein. Im Überschwang des "Augusterlebnisses" hatte kaum jemand an dieser Voraussage gezweifelt. Nun allerdings war daraus nichts geworden, genau so wenig wie aus Weihnachten in Paris, von dem nicht minder überschwängliche Parolen, mit Kalkweiß auf die Güterwaggons geschrieben, beim Abtransport deutscher Truppen an die Front gekündet hatten.

Rattenverseuchte Schützengräben

Die Wahrheit lag auch diesmal in der Mitte - nämlich auf halbem Wege zwischen französischer Hauptstadt und deutscher Grenze, im Schlamm Flanderns. Dort vegetierten die Soldaten beider Seiten Ende 1914 längst in rattenverseuchten Schützengräben zwischen Minenfeldern und Stacheldrahtverhauen, die Angst im Nacken und den Tod vor Augen. Rund eine dreiviertel Million Tote hatte der Krieg bis dahin schon verschlungen: 160.000 Engländer, 300.000 Franzosen, ebenfalls 300.000 Deutsche waren von Granaten zerfetzt, von MG-Garben durchsiebt, beim Bajonettangriff Mann gegen Mann aufgespießt worden. Weihnachtliche Stimmung wollte da bei wenigen aufkommen.

Natürlich wusste die Oberste Heeresleitung um die Bedeutung des Christfestes für die Moral der Truppe und tat zur Hebung der Stimmung an den Festtagen das ihre: In der Vorweihnachtswoche wurden Tausende von kleinen Tannenbäumen, teils komplett mit Kerzen an den Zweigen, bis in Schützengräben und Unterstände an vorderster Linie geliefert. Doch gerade diese Gabe entfaltete an der Front in den Festtagen eine ungeahnte subversive Kraft - als Symbol, dass die christlichen Europäer über Grenzen und Nationen einte.

"We not shoot, you not shoot!"

Bei Fleurbaix zum Beispiel, einem Dorf fünf Kilometer südlich von Armentières im Pas-de-Calais. Die Lichter, die britische Soldaten dort an Heiligabend drüben in den deutschen Stellungen wahrnahmen, stammten ausnahmsweise nicht von Mündungsfeuer - die deutschen Landser hatten die geschmückten Tannenbäume auf die Brustwehren gestellt. Und dann bewegten sich die lichterglänzenden Bäumchen langsam auf die britischen Linien zu, als Friedenszeichen vor sich hergetragen von den Gegnern, die in sächsisch gefärbtem Englisch laut ihre friedlichen Absichten bekundeten. Zögernd kamen ihnen die ersten Briten entgegen; man gab sich die Hände, rauchte gemeinsam, zeigte sich gegenseitig Fotos der Lieben zu Hause.

Der Mini-Frieden von Fleurbaix war beileibe kein Einzelfall in der kalten, sternenklaren Heiligen Nacht 1914. "We not shoot, you not shoot!", hieß es auch an vielen anderen Stellen der Front - zwischen Sachsen und Schotten, Westfalen und Franzosen, Hannoveranern und Engländern (nicht jedoch mit den Preußen); häufiger im bereits blutgetränkten Flandern, wo die Gräben oft weniger als 100 oder auch mal nur 20 Meter auseinander lagen, als in weniger umkämpften Abschnitten.

Humanität im Gemetzel

"Es klingt kaum glaubhaft, was ich euch jetzt berichte, ist aber pure Wahrheit", schrieb ein gewisser Josef Wenzl vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16 am 28. Dezember 1914 an seine Eltern: "Kaum fing es an Tag zu werden, erschienen schon die Engländer und winkten uns zu, was unsere Leute erwiderten. Allmählich gingen sie ganz heraus aus den Gräben, unsere Leute zündeten einen mitgebrachten Christbaum an, stellten ihn auf den Wall und läuteten mit Glocken... Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen."

Der Autor Michael Jürgs hat für sein Buch "Der kleine Frieden im Großen Krieg" viele solche einzigartigen Zeugnisse aus Briefen, Tagebüchern und anderen Überlieferungen zusammengetragen, die zeigen, dass die Humanität auch im größten Gemetzel noch Oberhand gewinnen kann, wenn nur jemand ein Zeichen für sie setzt. Niemand garantierte den Christbaumträgern, dass ihr Vorgehen nicht falsch verstanden und sie mit Gewehr- oder Granatfeuer anstatt mit Zigaretten und Schnaps empfangen werden würden.

"A Merry Christmas, English!"

Doch der geheimnisvollen Kraft des Weihnachtszaubers konnten sich selbst hartgesottene Militärs nicht durchweg entziehen. Jürgs berichtet von einer Begebenheit, bei der sich eine britische Einheit für Heiligabend eine Kriegslist zurechtgelegt hatte: Mit Weihnachtsliedern wollten diese Engländer den Gegner einlullen, um ihn dann unvorbereitet mit einem wohl gezielten Artillerieüberfall zu treffen. Man habe vorgehabt, den Deutschen "drei Choräle zu präsentieren, dann fünf Runden Feuer", zitiert Jürgs aus einem Brief des Schützen Ernest Moreley.

Die Deutschen allerdings durchkreuzten den durchaus perfiden Plan auf denkbar einfache Weise. Nachdem das Lied "While Shepherds Watched their Flocks by Night" aus den englischen Gräben verhallt war, geschah nämlich Unvorhergesehenes: "Wir hörten aufsteigenden Gesang, sozusagen die Antwort aus ihren Gräben. Dann begannen sie zu uns herüberzurufen", berichtete Moreley nach Hause. "Deshalb stoppten wir die Vorbereitungen für Runde zwei, die Feindseligkeiten. Sie riefen 'A Merry Christmas, English, we are not shooting tonight.' Wir riefen eine ähnliche Botschaft zurück."

Auf besonders originelle Weise übermittelte eine sächsische Einheit bei Armentières dem Gegner ihren Weihnachtswunsch: Mit geübtem Wurf beförderte man dort statt der üblichen Handgranaten einen gut verpackten Schokoladenkuchen in hohem Bogen in die gegenüberliegenden Stellungen, darin die schriftliche Bitte, am Abend eine Stunde die Waffen ruhen zu lassen. Als dann im Dunkel der Nacht deutsches Liedgut über die Todeszone schallte, stiegen die Briten auf ihre Unterstände und applaudierten dem Ständchen.

Kicken im Krieg

Eine Szene aus dem unwirklichen "Christmas Truce" hat sich - in England und Frankreich früher und weitaus stärker als in Deutschland - in die Erinnerung der Nation eingebrannt: das Fußballspiel, zu dem sich die Feinde Weihnachten 1914 zwischen den Schützengräben trafen, verewigt auch im Kinofilm "Merry Christmas" mit Benno Führmann und Daniel Brühl, der 2005 in die Kinos kam.

Tatsächlich gab es sogar viele solcher Fußballspiele, an denen Hunderte von Soldaten beider Seiten teilnahmen. Als Pfosten dienten schon mal Pickelhauben hier, britische Feldmützen dort. Wo kein echter Ball aufzutreiben war, reichte eine behelfsmäßige Kugel aus drahtumwickeltem Stroh und zur Not auch eine Blechbüchse. Doch nicht selten konnten die Briten - immerhin die Fußballnation schlechthin - mit einer Lederkugel dienen. "Wir schickten einen mit dem Fahrrad nach hinten in unsere Reservestellung", schrieb etwa ein Soldat der Scottish Guards seinen Eltern, "und der holte den Ball."

Es waren nur kurze, flüchtige Momente der Menschlichkeit, die vielen kleinen improvisierten Weihnachtsfeiern von Menschen, die noch am Tag zuvor Todfeinde gewesen waren und es tags darauf wieder wurden. Und längst nicht überall an der Front längs durch Europa machte das Morden am Heiligen Abend 1914 Pause. Mit der ersten Bombe auf England, die der deutsche Oberleutnant Friedrich von Arnauld de la Perrière am 24. Dezember 1914 in den Garten eines Pfarrhauses in Dover warf, erreichte der Krieg an Weihnachten sogar eine ganz neue Dimension, deren Tragweite erst sehr viel später deutlich wurde.

Dennoch steckt in diesen Fußnoten der großen Katastrophenerzählung des 20. Jahrhunderts namens Erster Weltkrieg bis heute eine Botschaft von ungeheurer Symbolkraft: Wenn die Menschen es wollen, hört der Krieg auf - sofort.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Paul Moll 24.12.2007
Irgendwas ist mit den Jahreszahlen durcheinander geraten: im Dezember 1914 tobte der Krieg noch nicht länger als ein Jahr. Das Gemetzel begann erst im August 1914. Meinte der Autor vielleicht 1915? Rochus
2.
Alfred Pocher 24.12.2007
Gleich der erste Satz bringt mich etwas durcheinander. Seit "über einem Jahr" sollen die Gegner schon einander gegenüber gestanden haben? Der Erste Weltkrieg brach aber doch im August 1914 aus, also waren es erst etwa 4 Monate. Man mag das jetzt kleinliche Besserwisserei nennen, aber mir erscheint das wichtig. Es zeigt nämlich, dass diese weihnachtliche Feuerpause weniger auf Kriegsmüdigkeit denn auf ein Gefühl europäischer Zusammengehörigkeit gründet.
3.
Michael Stein 24.12.2007
Eine solche Episode beschreibt auch der Schriftsteller Friedrich Wolf (1888-1953) in der Kurzprosa "Lichter überm Graben" von 1948.
4.
Lokin Lokinson 24.12.2007
Interessant, aber etwas ausgewogener geht es sicher rauch. Dass der Krieg noch kein Jahr dauerte, setze ich mal beim Autor als bekannt voraus. Es wird aber an gleich zwei Stelen auf geradezu groteske Weise ein völlig falscher Eindruck erweckt. 1. Die Kriegsdauer wurde von der deutschen Seite völlig falsch eingeschätzt. Das ist richtig. Von der englischen, französischen und allen anderen am Krieg beteiligten Parteien aber auch. Der Eindruck, nur die deutsche Seite hätte nicht gewusst, was sie tut, ist irreführend. 2. Die Bemerkung mit der Bombe im Garten eines Pfarrhauses in Dover ist ebenso irreführend. Wer in Deutschland Bombenkrieg sagt, sagt notwendigerweise immer Dresden, Hamburg usw. . Hier praktisch den Deutschen den Entwurf des Bombenkrieges gegen die Zivilbevölkerung in die Schuhe zu schieben, ist bestenfalls dumm. Eine abschließende Bemerkung: Die Schlussfolgerung, dass Kriege zu Ende wären, wenn die Menschen sie nicht wollten, kann man sicher ziehen. Allerdings ist sie so banal, dass man sie nicht Schlussfolgerung nennen sollte. Über die Notwendigkeiten in denen die damals Lebenden sich gefangen sahen, sagt sie nichts. Sie wird dem Thema einfach nicht gerecht.
5.
Dirk Gerhardt 25.12.2007
Wenn die Menschen es wollen, hört der Krieg auf - sofort. Diese Erkenntnis wird den heimlichern Machern des Krieges bestimmt nicht gefallen haben, weswegen sie in den Jahren danach auch immer strikte Befehle gaben, an Weihnachten extra starke Angriffe zu fahren. Immerhin haben sie jahrelang konspiriert um dies überhaupt erst möglich zu machen. Wie man von unzähligen gut recherchierten Büchern von hauptsächlich US-Geschichtsrevisionisten erkennen kann. Es gibt wirklich ein Ereignis, welches genau ein Jahr vorher passierte: Das FED-Act genannte Gesetz, welches die Geldmacht der USA in die Hand der Privaten gab, mit dem 1. Weltkrieg war der Goldstandard tot und die Schulden aller Länder stiegen ins unermessliche. Gut für Bänker?
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