Weihnachten als Propagandawaffe Leise rieselt die PR

Atom-Baukästen unterm Christbaum und Revolver für die lieben Kleinen: US-Propagandisten nutzten in den fünfziger und sechziger Jahren das Weihnachtsfest für eine weltweite Propaganda-Offensive. Gerhard Jochem zeigt anhand historischer Fotos, wie die Manipulation funktionierte.

Gerhard Jochem/Amerika-Dienst (USIA)

Santa, der sanfte Killer

"Was für uns am Weihnachtstag das Christkind ist, das ist für die Amerikaner St. Nikolaus, auch einfach St. Nick genannt. Nach einer alten Legende kommt er mit einem Rentierschlitten vom Nordpol, sein Gefährt ist vollgepackt mit Paketen, die er in den frühen Morgenstunden des 25. Dezembers überall in den Häusern verteilt. Man sagt, er rutscht durch den Kamin, weswegen auch viele Kinder in Amerika Strümpfe, Socken und Säckchen am Kamin aufhängen, damit sie der gute St. Nick voll füllt."

Als das Foto mit diesem Text 1951 entstand, mussten der abgebildete Fremdling und seine exotischen Umtriebe den Deutschen noch weitschweifig erklärt werden - bezeichnenderweise ohne seinen hiesigen Decknamen "Weihnachtsmann" zu verwenden. Langfristig aber ließ sich der mutierte Nikolaus in Westdeutschland ebenso wenig bei seinem kalendarischen Vormarsch vom 6. Dezember zum Weihnachtsfeiertag aufhalten wie in der DDR der Sozialismus in seinem Lauf.

Eine weitere Parallele zwischen den beiden Roten - Erich und Nick - ist das besondere Verhältnis zu Ochs und Esel: Während der eine ihren Widerstand gegen das Arbeiter- und Bauernparadies fälschlicherweise als überwunden ansah, machte ihnen der andere - typisch amerikanisch - unter der Mehrheit der deutschen Weihnachtsbäume als Krippenfiguren eiskalt den Garaus. Und dem Christkind gleich mit, das bis dahin die jahreszeitlichen Fantasien der Kleinen dominiert hatte. Von seiner strategisch günstig gelegenen Konzernzentrale aus übernahm der dicke Patriarch als weltweit umsatzstärkster Vertreter des Konsums kurzerhand den Job des "holden Knaben im lockigen Haar". Das zierliche Christkind wäre der nötigen right-on-time-Lieferlogistik ohnehin nie wirklich gewachsen.

... und Botschafter des "American Way of Life"

Fotos wie dieses wurden der deutschen Presse in den fünfziger und sechziger Jahren vom "Amerika-Dienst" der "United States Information Agency" (USIA), einer Abteilung des US-Außenministeriums, zur Verfügung gestellt, um die Vereinigten Staaten ins rechte Licht zu rücken. Sie sind milde Propaganda, mehr oder weniger gestellt oder gestylt - und deshalb umso verräterischer. Die von den Amerikanern ergänzend formulierten Begleittexte brachten die Botschaft der Motive so subtil wie ein Grundschullesebuch auf den Punkt.

Prinzipiell war die Idee, mittels strahlender Kinderaugen die moralische Überlegenheit des eigenen Systems zu beweisen, unschlagbar. Im Zangenangriff der Werbemaschinerie von US-Industrie und Hollywood wurde Weihnachten global amerikanisiert. Wer kann sich das Fest heute noch ohne Bing Crosbys "White Christmas" oder Santa mit der Coke-Flasche vorstellen? Die Aufnahmen dokumentieren so nebenbei auch eine längst vergangene Ära: Als Eigenwerbung der USA noch erfolgreich war.

Santa over Germany

In Nachkriegsdeutschland wurde die weihnachtliche Charmeoffensive der Amerikaner wie selbstverständlich Teil der "Reeducation"-Politik. In ihr ließen sich praktische Lebenshilfe und Wertevermittlung unschwer miteinander vereinen. Begonnen hatte die Offensive als Privatinitiative von Angehörigen der US Army, lange bevor es dafür einen ideologischen Überbau gab. Der unbändige "Christmas Spirit" der Soldaten und ihrer Familien brach sich Bahn in lokalen Spendenaktionen und Einladungen, die für den "Amerika-Dienst" fotografisch festgehalten wurden.

So öffnete etwa Anfang der fünfziger Jahre der US-Frauenclub im schwäbischen Vaihingen Waisenkindern ein Fenster ins amerikanische Weihnachtswunderland, indem er sie für einige Stunden bei GI-Familien unterbrachte. Die Übergabe des obligatorischen, mit Geschenken gefüllten Strumpfes wurde abgelichtet und an deutsche Redaktionen verteilt. Die Szene wirkt etwas steif, Ursache dafür könnte die Unsicherheit der Gastgeber angesichts der (Wieder-)Bewaffnung des kleinen Deutschen sein - im Bild mit Revolvergürtel.

Für die mit soviel Gastfreundschaft Bedachten war der Besuch wahrscheinlich der Anfang vom Ende der deutschen Weihnacht. Ältere hatten noch die Vereinnahmung des Festes durch die Nazis mit Bescherung durch "Onkel Hermann" (Göring) und "Stille Nacht" via Radio für die Ostfront erlebt. Wünschten sie sich eine weniger schwermütige Variante im Stile der Sieger? War das deutsche Christkind der Entnazifizierung zum Opfer gefallen?

Bei deutsch-amerikanischen Begegnungen jedenfalls entstanden unter dem Tannenbaum weiterhin symbolträchtige Bilder - etwa 1956, als der Private First Class Leonard J. Gerardi - extra-cool mit Siegelring und Zigarette - und der Seligenstädter Waisenjunge Dieter - mit messerscharfem Seitenscheitel - auf der vom "Pioneer Club" in Hanau organisierten Weihnachtsfeier für deutsche Kinder mit einem Mercedes SL-Modellauto spielten: Der große amerikanische Bruder und sein kleiner deutscher Schützling mit dem Luxus-Cabrio auf der Fahrt durch das Wirtschaftswunder.

Die Selbstdarstellung der USA: Indoktrination und Naivität

Die US-Propagandisten nutzten in diesen Jahren Weihnachten visuell und verbal gnadenlos zur Vermittlung eines positiven Images ihres Landes: Santa Claus im trauten Gespräch mit einem afroamerikanischen Jungen, glückliche - und vermutlich laute - amerikanische Kinder mit ihrem Weihnachtsgeschenk, einem "Dixieland Band Set". Die Realität der Rassentrennung in der ersten Hälfte der 1950er Jahre erschließt sich erst bei genauem Hinsehen: Auf der Verpackung des wohl nur für den Nachwuchs wohlhabender Weißer erschwinglichen Instrumentariums findet sich trotz Südstaatenmotiven wie Mississippi-Panorama und Schaufelraddampfer kein einziger Schwarzer.

Als diese Bilder entstanden, führten die Vereinigten Staaten Krieg in Korea - offiziell im Auftrag der UN - und in Vietnam, der Kalte Krieg wurde stellenweise ziemlich heiß, zum Beispiel in der Schweinebucht, und die Bürgerrechte waren in "God's own Country" längst nicht gleichmäßig verteilt. Waren die suggerierten Werte deshalb nur Heuchelei? Wer in einer hochgradig manipulativen Medienwelt lebt, sollte sich vor solchen arroganten Urteilen über die Vergangenheit hüten.

In den Fotos steckt trotz ihres eindeutigen Zwecks auch eine anrührende Naivität. Beim Thema Weihnachten ging offenbar sogar mit den ansonsten kühl kalkulierenden US-Profis das Rentier durch: Auch 1960 dürfte sich niemand ernsthaft von der Ablichtung des "singenden Weihnachtsbaums" im "nordkarolinischen" Charlotte eine Stärkung des Ansehens der Supermacht USA versprochen haben. Die für den europäischen Geschmack etwas abseitige Show mit Massenchoreographie lässt eher an nordkoreanische Vorbilder denken. Ihre fotografische Verbreitung ist schlicht Ausdruck der kindlichen Begeisterung, mit der sich Amerika noch heute auf alles stürzt, was glitzert und nach Tannennadeln riecht.

Nostalgie erlaubt

Als Bewohner einer voll globalisierten und daher etwas unübersichtlich gewordenen Erdkugel braucht man deshalb kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn beim Betrachten der Bilder Wehmut und ein Quäntchen Neid aufkommen. Damals war die Welt noch in Ordnung: Der Westen leuchtete zur Weihnachtszeit mittels Millionen bunter Glühbirnen, adrette Jungs küssten ebensolche Mädchen unter Mistelzweigen - für beide Seiten vermutlich stimulierender als das gemeinsames Äpfelbraten - und US-Boys in Ringelhemden spielten arglos mit radioaktiven Substanzen. Die offizielle Unterzeile für das Horrorfoto von 1954 klingt herrlich schräg: "Weihnacht im Kinderland. Ein Experimentierkasten, der auch eine Probe Uraniumerz und eine kleine Einführung in die Geheimnisse der Atomenergie enthält."

Hoffentlich ist dem kleinen Jack oder Jim mit seinem "Radioactive Screen" nach dem Shooting kein drittes Auge gewachsen oder sonst ein Schaden entstanden. Aus heutiger Sicht hätte man das Set "Der kleine Jihadist" nennen können, wenn ihm neben Chemikalien und Uran noch die Anleitung zum Bau einer "schmutzigen Bombe" beigegeben worden wäre.

Die fotografische Realsatire ist Ausdruck einer längst verlorenen Unschuld. Aber gerade das Beispiel Atomkraft zeigt, wie sich - selbstverständlich immer streng wissenschaftlich fundierte - Einstellungen selbst in aufgeklärten Zeiten wandeln können. Womöglich ist die Einschätzung ihrer Nutzen und Risiken letztlich ebenso eine Glaubensfrage wie die Existenz des Weihnachtsmanns.

Zum Weiterlesen:

Über die einschlägigen Aktivitäten der US-Soldaten in Bayern erfahren Sie mehr in "'Operation Christmas Spirit': Amerikanische Weihnachtsfreuden für die Besiegten" auf der Website rijo-research.de.



insgesamt 2 Beiträge
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Manfred Raida, 16.03.2011
1.
Eher traurig dieser Rummel, Loriot hat das sehr gut beschrieben. Leider fehlen die Bilder vom "total verweihnachteten" Singapore mit Schaumkanone und voll erleuchteter Orchard Road.
John Global, 05.12.2013
2.
After one has read Paul Ham, Hiroshima Nagasaki, Harper Collins, ,2011 and visited the memorial museums in Hiroshima and Nagasaki as I did , one is immune to US propaganda. Le crime de humanite grande leaves one with no illusion what the US is all about. Only the German still have a nostalgic view of their occupier. The rest of the world have seen the reality behind the Hollywood fiction of the US. PS. A merica is a continent and not a country.
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