Geboren am 24. Dezember Jesus, das nervt!

Doppelt beschenkt? Von wegen! Christoph Gunkel ist ein Christkind. Die Höchststrafe, findet er. Erinnerungen an einsame Partys, einen grotesken Marsch durchs Heilige Land - und Honigschnaps vor dem Gottesdienst.

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Jesus wird es wieder durchziehen, knallhart. Sich ins Rampenlicht werfen. Mir die Show stehlen, diesen besonderen Tag vermiesen. Wie er es 39 Jahre getan hat.

Jetzt also mein 40. Geburtstag. Auch er steht unter einem schlechten Stern. Dem Stern Bethlehems.

Eigentlich müsste ich den Kerl an die Wand nageln für diese Frechheit. Wenn das nicht so ähnlich vor 2000 Jahren passiert wäre. Wenn ich wütend sein könnte auf den Sohn Gottes, der ja auch nichts dafür kann, dass die Menschen irrtümlich glauben, er sei am 25. Dezember geboren - und so dumm sind, dieses wohl völlig falsch datierte Fest schon einen Tag vorher zu feiern.

An MEINEM Geburtstag. Und an dem anderer Christkind-Opfer: Ricky Martin, Hans Eichel, Kaiserin "Sisi".

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Geboren am 24. Dezember: 15 prominente Christkinder

Fast 40 Jahre habe ich geschwiegen. Jetzt muss es raus, für die etwa 0,3 Prozent der Deutschen, die am 24. Dezember geboren sind: Das ist, wie Franz Müntefering sagen würde, völliger Mist. Es sei denn, man hat eine nette Nachbarin und viel Honigschnaps. Aber der Reihe nach.

Die Ungerechtigkeit fängt mit den Geschenken an. Als Kind musste ich ein zähes Jahr lang auf sie warten, während meine Freunde schon bald wieder beschenkt wurden. Ich hingegen musste in der Adventshektik einen Riesenwunschzettel anfertigen: für Geburtstag UND Weihnachten.

Damit war ich selbst oft überfordert, sodass viele Verwandte schlicht nicht wussten, wie sie mich an einem Tag doppelt bescheren sollten. Sie fanden einen eleganten, auch finanziell interessanten Ausweg: Statt zwei Geschenken gab es einfach ein "besonders großes" Geschenk.

Eine Doppel-CD etwa. Statt einer einfachen CD. Stark.

Noch schlimmer aber war: Wie feiert man an diesem Tag eigentlich Geburtstag?

Höfliche Kurzbesuche

Ich konnte Dutzende Freunde einladen, aber klar war: Niemand würde länger als ein paar Höflichkeitsminuten bleiben. Selbst meine ersten Freundinnen statteten mir nur Kurzbesuche ab, bevor sie zurück mussten in die hektische Heimeligkeit ihrer Familien.

Blieb das Nachfeiern. Aber wann? An den überfrachteten Tagen nach Weihnachten? Da betrank man sich als Jugendlicher im einsamen Soester Umland sowieso in irgendeiner Schützenhalle. Zehn Mark Eintritt, frei saufen: harte Konkurrenz für jeden Geburtstag. Ähnlich war es Silvester.

Meine Eltern versuchten zu retten, was zu retten war. Schon als ich klein war, durfte ich lange aufbleiben, und wir feierten rein. Morgens gab es ein, zwei Geschenke, die exklusiv als "Geburtstagsgeschenke" ausgewiesen waren. Es wurden Geburtstagslieder gesungen, bevor mein Geburtstag völlig vom weihnachtlichen Radio-Klangteppich aus "Stille Nacht" und "Last Christmas" erstickt wurde. Und natürlich gab es einen liebevoll geschmückten Geburtstagsteller.

Strafe zum Geburtstag

Spätestens mittags aber brach Hektik aus: Der Baum musste geschmückt werden, das Festessen vorbereitet werden, irgendwas noch schnell gekauft werden. Mein Feiertag geriet nun in den Schatten dieses omnipräsenten Christkinds, dem ich zu allem Überfluss auch meinen langweiligen Vornamen verdanke: Christoph.

Auch das noch! Weihnachtslieder am Geburtstag
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Auch das noch! Weihnachtslieder am Geburtstag

Ab und an verlegten meine Eltern daher meine Feier auf mein Taufdatum im April. Allerdings weiß ich bis heute nicht, wann genau ich getauft wurde. Und warum. Also dachte ich über den 12.6., als eine faire, mathematische Lösung nach. Blöd nur, dass sie kaum einer sofort verstand: 24.12.? 12.6.? Ach sooo!

Die größte Strafe aber war, an meinem Geburtstag in die KIRCHE gehen zu müssen. Und zwar exakt am nahezu einzigen Tag im Jahr, an dem meine Eltern überhaupt in unsere Dorfkirche gingen, die auch nur an diesem Tag heillos überfüllt war. Man musste früh kommen und endlos warten. Jedes Jahr stellte ich daher die Sinnfrage: Warum nicht antizyklisch gehen? Eine Woche vorher? Meine Eltern, sonst diskussionsfreudig, antworten nur: Weil man das so macht. Ende der Debatte, Geburtstag hin oder her.

Rettung: Honigschnaps!

Zum Glück gab es da meine Nachbarin: Julija, die beste Freundin seit Kindestagen, gesegnet mit einem tollen Geburtstag mitten im warmen Juli. Ich glaube, ich war 17 oder 18 geworden, als sie vor dem Gottesdienst mit einer Flasche "Bärenfang" vorbeikam. Das ist ein klebriger Honigschnaps, den man eigentlich nur auf der Soester Allerheiligenkirmes trinkt, dann aber in rauen Mengen.

Die Kirmes muss man sich wie die Wiesn Westfalens vorstellen, nur besser: eine Millionen Besucher, die fünf Tage die historische Altstadt von Soest ins Chaos stürzen - Karussells sausen Zentimeter an jahrhundertealten Sandsteinkirchen und Fachwerkhäusern vorbei. Und es gibt diesen lokalen Imker, der sich hier eine goldene, oft schnapsrote Nase mit seinem "Bärenfang" verdient. Dauersingend und gurrend zum Hit "Drei weiße Tauben" preist er den. Der Mann ist Kult, sodass man schnell vergisst, wie scheußlich sein Gesöff schmeckt.

An diesem Weihnachtsabend aber rettete es mich. Auch ohne den Tauben-Hit hatten wir eine gute Schlagzahl drauf. Nüchtern waren bald nur unsere Mägen, die wir notdürftig mit den schokoglasierten, essbaren Schnapsbechern versorgten, als der "Bärenfang" viel zu schnell leer war.

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Geburtstag an Heiligabend: Happy Weihnachten to you!

Julija und ich wankten ins Kirchenschiff. Das sonst endlose Warten bis zum ersten donnernden Halleluja - oder war es ein "Hallojulija"? - verging wie im Fluge. Nur eine Sache sorgte uns: Wo ist die Toilette, wenn uns ganz übel wird?

Die Predigt wurde in diesem Zustand ein Highlight. Der Pastor hatte es gut gemeint und sie bewusst simpel gestaltet, sodass jedes Kind sie verstehen konnte - obwohl kaum welche da waren. Salbungsvoll trug er die Weihnachtsgeschichte vor und ließ die Gemeinde dazu basteln. Dafür gab es eine vorgestanzte Krippe mit Joseph, Maria, den Königen und Hirten. Vom hochbetagtem Greis bis zum Dorfdoktor mussten nun alle eine vorgestanzte Figur nach der anderen aufrichten.

Schon nüchtern eine recht interessante Pädagogik.

Samen auf der Hose

Wir waren leider die Einzigen, die an dieser Aufgabe scheiterten. Mein Joseph wackelte, die ganze Krippenkonstruktion war instabil, schief, verdreht. Manche Figuren waren bald arg zerfleddert. Ich Christkind schaffte es nicht, die Krippe fürs Christkind aufzubauen. Ständig glitt meine Fehlkonstruktion raschelnd zu Boden, meist in der Stille des Gebets. Dann trafen uns die strafenden Blicke unserer Eltern.

Noch peinlicher wurde es im Folgejahr, unter ähnlichen "Bärenfang"-Vorzeichen. Diesmal hatte der Pastor Streichholzschächtelchen verteilen lassen, in denen auf Watte drapierte Samen lagen. Er wollte etwas über Neubeginn, Wachstum, Aufbruch predigen. Viel zu früh und ungeschickt hatte ich aber schon zuvor das Schächtelchen geöffnet. Alle Samen purzelten auf meine Jeans. Dummerweise ließ ich mir den Kalauer mit den Samen auf der Hose nicht entgehen. Dummerweise sprach ich zu laut.

Aus, vorbei. Julija durfte danach zunächst nicht mehr vor der Kirche bei mir vorbeikommen.

Ich trat die Flucht nach vorne an: aus der prüden Provinz ins noch prüdere Zentrum des Heiligen Landes. Meinen 30. Geburtstag verbrachte ich 2007 in Jerusalem, als Stipendiat eines Journalistenprogramms. Er war so grotesk, dass ich ihn nie vergessen werde.

Eigentlich wollte ich am 24. Dezember die Predigt des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem hören, die er jedes Jahr in der Geburtskirche Jesu in Bethlehem hält. Man konnte sich darauf bewerben. Ich kokettierte mit meinem Geburtstag. Das Los entschied. Gegen mich.

Also Plan B: Ich schloss mich einem Pilgermarsch von Jerusalem zur Geburtskirche an, die wir nach der Predigt erreichen würden. Typisch für Jerusalem war die Teilnehmergruppe sehr heterogen. Vorne marschierten religiöse Frömmler, darunter viele Polen. Einer hatte ein großes Holzkreuz dabei, wie es auch Ostern oft durch die Via Dolorosa getragen wird; fehlte nur noch Kunstblut. Hinten aber erinnerte der Lauf an einen Vatertagsausflug mit zischendem Dosenbier und schlechten Witzen.

Singend an der "Mauer der Schande"

Zum ersten Zwischenfall kam es am martialisch gesicherten israelischen Grenzposten, denn Bethlehem liegt im Westjordanland. Im religiösen Übereifer hatten zwei Polen einfach auch den Posten mitgefilmt, was die israelischen Sicherheitskräfte nicht so witzig fanden. Für die Polen endete der Ausflug abrupt hier.

Der Rest zog singend und betend weiter, entlang dieser kilometerlangen, höchst umstrittenen Mauer, mit der sich Israel vor Terroranschlägen schützen will. Wie können vor so einem Ungetüm weihnachtliche Gefühle aufwallen, selbst in homöopathischen Dosen? Auf dem Grau der Mauer prangten wütende Graffiti, die von "Apartheid" und "Schande" sprachen. Gemalte Friedenstauben trugen kugelsichere Westen, auf einer Karikatur sah man nur abgeholzte Weihnachtsbäume - bis auf einen, eingeschnürt von einer Mauer.

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Endlich erreichten wir die Geburtskirche. Mir blieb kaum Zeit, darüber nachzudenken, ob hier alles begonnen haben konnte, irgendwie auch zwischen uns Christkindern. "One picture and go!" brüllte ein Aufpasser. Zu viel Andrang. Dabei wollte ich nichts fotografieren. Nach Sekunden war alles vorbei.

Ein Wunder!

Vier Wochen später wurde ich dafür entschädigt: Im Januar 2008 schneite es in Jerusalem. Eine wundersame Laune der Natur, ein verspätetes Weihnachtsgeschenk! Es waren zwar nur ein paar Zentimeter Schnee, aber für kurze Zeit überdeckten sie den ganzen Konflikt: Es gab kein anderes Thema mehr.

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Die Stadt flippte komplett aus, der Verkehr kam zum Erliegen, Uni und Schulen schlossen. Selbst auf dem sonst so umkämpften Tempelberg lieferten sich die Menschen nun lediglich friedliche Schneeballschlachten. Lässig wickelten sich die Israelis Plastiktüten über ihre Flip-Flops und schlurften darin fröhlich durch die Stadt.

Zehn Jahre danach frage ich mich wieder, was ich an meinem Geburtstag machen soll. Vielleicht gehe ich in die Kirche, diesmal mit den eigenen Kindern.

Wehe, die machen Quatsch!



insgesamt 23 Beiträge
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Karl Schuch, 24.12.2017
1. Am 24.12. Geburtstag
Mein Sohn hat auch am 24. Geburtstag. Deswegen wurde von Anfang an festgelegt, dass der Kindergeburtrstag am 24.6. gefeiert.
Burkhard Franke, 24.12.2017
2. Amüsanter Beitrag!
In vielem stimme ich dem Autor zu, aber zum Thema Geschenke habe ich (Geburtstag 25.12.) das Geschäft meines Lebens gemacht. Die liebe Verwandschaft dachte: "Schade, der Junge hat Weinachten Geburtstag, der kriegt bestimmt weniger geschenkt. Wir schenken dafür etwas mehr". So haben ALLE gedacht. Ich kann mir hinsichtlich der Geschnke keinen besseren Geburtstag vorstellen. Und zum Leidwesen meiner Mutter wurde auch am 25.12. gefeiert. Allen schöne Weihnachten!
Andre Harl, 24.12.2017
3.
Unserem ersten Sohn erging es genau umgekehrt: Er wurde im Schaltjahr an einem 29. Februar geboren. Alle Leute zeterten ständig „das arme Kind“, er selbst fand das immer ausgesprochen cool und einzigartig. Ich erinnere mich noch an einen 29.2., als ein Radiosender dazu aufruf, dass alle am 29.2. Geborenen ins Studio kommen dürfen. Er, damals 12, wurde von mir auf dem Motorradsozius eiligst hinchauffiert. Ein unvergessliches Erlebnis für das Kind. Ich selbst wurde übrigens am 24.11. geboren. Schon da bekam ich immer zu hören: Es gibt nur was kleines - es ist ja bald Weihnachten. Das habe ich auch gehasst!
Hansjörg Ruprecht, 24.12.2017
4. verstaendnis
Kann den Mann gut verstehen. Habe am 26.12. Geburtstag. Die Probleme mit Geschenken und Feier ähneln sich. Auch am 26. sind alle bei Ihren familien und geschenke ist schwierig. Ich kann dem Autor raten ins westliche Ausland zu gehen. Da feiert man am 25.12.
Alexander Plum, 24.12.2017
5. Bin auch ein Christkin
und ich kann den Kram hier überhaupt nicht bestätigen. Mir hat mein Geburtstag immer gefallen. Früh morgens hat die Familie für mich gesungen, es gab die ersten Geschenke. Nachmittags kamen dann die ganzen Freunde ( Die Eltern waren froh, das die Kinder aus dem Haus waren xD ), nächste Runde Geschenke.. xD. Abends dann Bescherung wieder Geschenke. Kann mich echt net beschweren. Läuft heute immer noch so. Nur den Baum den stell ich jetzt auf und schmücke ihn. Und das spätestens am 23. schon. Manchmal auch schon nen Tag früher. Das haben meine Eltern auch schon so gehandhabt, nach dem ich zur Welt kam. Je nachdem wie es zeitlich passt. Wenn natürlich die Eltern meinen, sie müssten den Baum am 24. aufstellen und schmücken...tja...falsche Eltern ausgesucht würde ich mal sagen...
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