Weihnachten in der "Apollo 8" Missionare im Weltall

Weihnachten in der "Apollo 8": Missionare im Weltall Fotos
NASA

Kitschige Bibelstunde mit Mondblick: Im Wettlauf mit der Sowjetunion schicken die USA drei Astronauten auf den ersten bemannten Flug um den Mond - genau über Weihnachten. Mitten im Kalten Krieg rezitieren die Männer im All die Schöpfungsgeschichte - und rühren mit der rauschigen TV-Ansprache Millionen. Von

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An jedes Detail hatten die drei Astronauten gedacht. Wann der Mond durch das kleine Bordfenster am besten zu sehen war. Wer zuerst den Text vom feuerfesten Papier ablesen sollte. Schließlich ging es um nichts weniger als um das größte Spektakel der US-Fernsehgeschichte: Eine Fernseh-Live-Schaltung aus der Mondumlaufbahn, rund 370.000 Kilometer von der Erde entfernt. Und das an einem Tag, an dem die USA für Tränen und Kitsch besonders empfänglich sind: dem 24. Dezember. 1968 sollte die emotionalste Weihnachtsparty der Geschichte steigen - im All.

Drei Tage zuvor war die Erde erzittert, als die mächtige "Saturn V"-Rakete vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida mit einer Schubkraft von 160 Millionen PS in den Himmel schoss. Auf 40.000 Kilometer pro Stunde beschleunigt, sollte die Rakete die Raumfähre "Apollo 8" mit den Astronauten Frank Borman, Jim Lovell und William Anders zum Mond bringen. Landen konnte die Kapsel zwar nicht, doch erstmals würden Menschen um den Mond kreisen - und das gleich zehn Mal.

Es war eine riskante Operation mit vielen Unbekannten. Doch im Wettlauf mit den Russen um die erste Mond-Mission wollten die Amerikaner unbedingt die Nase vorn haben. Was passte da besser, als im Propagandakrieg der Systeme auch das Weihnachtsfest zur Machtdemonstration aufzublasen?

Botschaft an die Erdlinge

"Du wirst das größte Publikum haben, das Weihnachten jemals einem Menschen im Fernsehen zugehört hat. Mach etwas Angemessenes." Das waren den Erinnerungen von Kommandant Frank Borman nach die einzigen Vorgaben der Nasa für die weihnachtliche Übertragung aus der Erdumlaufbahn. Borman zerbrach sich den Kopf: Was ist in so einer außergewöhnlichen Situation angemessen? Schließlich schlug ihm ein Freund vor, die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel vorzulesen. Bormann besprach die Idee mit seinen Kollegen. Niemand erhob Einwände. Die Astronauten schrieben die uralten Verse auf feuerfestes Papier.

Am Tag vier der Mission, nach genau 85 Stunden, 44 Minuten und 58 Sekunden im All, begann der große Auftritt der bis dahin weitgehend unbekannten Astronauten. In Florida war es 21.30 Uhr Ortszeit. Beste Sendezeit also. Millionen Menschen starrten nun in Kneipen oder neben dem Tannenbaum auf ein unscharfes Fernsehbild, das von rauschendem Ton unterlegt war. Zu sehen gab es Bilder aus der Raumfähre, im Hintergrund der Mond, fast zum Greifen nah.

"Hier sendet 'Apollo 8' live vom Mond", begann Borman. "Wir haben den Tag vor Weihnachten damit verbracht, Experimente zu machen, Fotos zu schießen und unsere Raumfähre zu manövrieren." Er erklärte den Zuschauern die Beschaffenheit der Mondoberfläche und schilderte seine persönlichen Eindrücke. Der Mond sei wüst und einsam, eine "Ausdehnung des Nichts".

Es werde Licht

Nach 20 Minuten näherte sich die Sendung ihrem geplanten Höhepunkt: einer surreal anmutenden Bibelstunde im All. Zuerst nahm sich William Anders das feuerfeste Papier und begann, langsam die Schöpfungsgeschichte vorzutragen. Auf der fernen Erde hallte nun eine verzerrte Stimme aus Millionen TV-Lautsprechern: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer und Finsternis lag über der Tiefe."

In den USA flossen die ersten Tränen. Gebannt lauschten die Menschen den vertrauten Worten. Vermutlich verfolgten weltweit rund anderthalb Milliarden Menschen in 64 Staaten die Übertragung im Fernsehen und im Radio. "Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht und sah, dass es gut war."

Nach Anders war Jim Lovell dran, dann las Borman die Schlussworte. Fast staatstragend beendete er die Schaltung: "Wir, die Crew der 'Apollo 8' beenden diese Botschaft mit einem 'Gute Nacht', viel Glück und frohe Weihnachten. Gott segne euch alle - euch alle auf der guten, alten Erde."

Halbgötter im All

Das war in Wahrheit eine doppelt frohe Festbotschaft: Gott schuf die Welt. Und die USA sind die unangefochtenen Halbgötter im All. Als die Übertragung beendet war, funkte die Bodenkontrolle in Houston zufrieden an die Crew: "Vielen Dank für diese tolle Show."

Damit nicht genug: Am nächsten Tag feierte sich die Nasa selbst. Die Bodenkontrolle in Houston las den Astronauten den Pressespiegel vor. So erfuhren die Weltraumfahrer, wie ihre Familien auf der Erde Weihnachten verbracht hatten, wann ihre Kinder die Geschenke auspacken durften, und wie sehr ihre Frauen um ihre so mutigen Männer bangten. Auf der ganze Welt, fuhr die Pressestelle stolz fort, selbst im kommunistischen Moskau und Havanna, habe es nur ein Thema gegeben: die Weihnachtsrede aus dem All.

Dabei hatte es lange nicht danach ausgesehen, dass die USA das Wettrennen um die erste bemannte Mondfahrt gegen ihre kommunistischen Gegenspieler gewinnen würden. Zu tief saß noch der "Sputnik"-Schock von 1957, als die Sowjetunion als erste Nation einen Satelliten in die Umlaufbahn der Erde geschossen hatte.

Mond statt Mexiko

Elf Jahre später rüttelten Aufklärungsbilder der CIA die Kalten Krieger in Washington erneut auf. Die Fotos von Anfang 1968 zeigten eine offenbar startbereite Rakete der Sowjets in der Steppe von Kasachstan. "Der erste Mann auf dem Mond wird ein sowjetischer Kosmonaut sein", prophezeite noch im September 1968 düster das "Hamburger Abendblatt."

Die Nerven lagen blank bei der Nasa. Aus Angst vor einem Propagandaerfolg Moskaus änderten die USA überstürzt ihre Pläne. Eigentlich wollten sie auf dem Mond landen. Doch die Technik dazu war noch nicht ausgereift. Deswegen entschloss man sich kurzerhand, "Apollo 8" wenigstens um den Mond fliegen zu lassen. Eine intern höchst umstrittene Entscheidung: Nach nur vier Monaten Vorbereitung sollte es schon losgehen. Ohne die Eigendynamik des Kalten Krieges hätte es also niemals eine Weihnachtspredigt aus dem All gegeben.

Selbst die Astronauten wurden von der Eile überrascht. Jim Lovell musste seiner Frau im August 1968 den schon seit langem geplanten Weihnachtsurlaub im mexikanischen Badeort Acapulco absagen. Seine trockene Begründung an die ungläubige Gattin: "Ich fliege zum Mond."

"Der schönste, herzzerreißendste Anblick"

Er sollte es nicht bereuen, den Mond gegen Mexiko eingetauscht zu haben. Zwar gab es in der engen Raumkapsel nicht mal Platz für einen Miniatur-Tannenbaum. Zudem bekam Kommandant Borman Brechanfälle und Durchfall - kein Vergnügen für seine Kollegen, die die Körperflüssigkeiten in der Schwerelosigkeit wieder einfangen mussten. Doch zehn Stunden vor der groß inszenierten TV-Show wurden die drei Astronauten mit einem ganz persönlichen Weihnachtsspektakel für ihre Mühen entschädigt. Und das hatte niemand anders geplant als die Natur.

"Oh, mein Gott!", entfuhr es Frank Borman laut Protokoll des Nasa-Bordrekorders. "Hier geht die Erde auf. Wow, sieht das schön aus!" Plötzlich packte diese drei sonst so kühlen Wissenschaftler eine kindliche Aufregung. Jetzt plapperten sie wild durcheinander. Es war der wohl hektischste Moment der Mission.

Die Amerikaner traf das Naturwunder völlig unvorbereitet. "Gib mir einen Farbfilm." - "Oh Mann, ist das großartig!" - "Beeil dich!" - "Hast du den Film?" - "Ich glaube, wir haben es verpasst." - "Hey, ich hab es doch genau hier." - "Oh, was für ein schöner Schuss!"

Am Ende gelangen drei historische Bilder, die um die Welt gingen: Einmal die aufgehende Erde in Schwarz-Weiß, zweimal in Farbe. Frank Borman sprach vom "schönsten, herzzerreißendsten Anblick" in seinem Leben, der bei ihm das schiere Heimweh geweckt habe. "Die Erde war der einzige farbige Punkt im All."

Grüße vom Weihnachtsmann

Der scharfe Kontrast zwischen der kargen, lebensfeindlichen Oberfläche des Monds im Vordergrund und der nur daumennagelgroßen, blauen Kugel machten die Schnappschüsse später zu echten Foto-Ikonen. Die Umweltschutzbewegung setzte sie als starke Symbolbilder für die Einzigartigkeit und Zerbrechlichkeit der Erde ein.

Mit allem hatten sie gerechnet, sagten die Astronauten später, nur nicht damit, ins All zu fliegen, um die Schönheit der Erde zu entdecken. Jetzt galt es, die spektakulären Aufnahmen von farblosen Mondlandschaften und dem leuchtenden Erdball sicher zurückzubringen. Am 25. Dezember stand das gefährlichste Manöver bevor: Die "Transearth Injection" - das Zünden des Triebwerks, um aus der Umlaufbahn des Mondes auszubrechen. Versagte die Technik, müssten die Astronauten ewig um den Erdtrabanten kreisen.

Funkstille hinter dem Mond

Die Operation musste ausgerechnet in jener Phase geschehen, in der kein Funkkontakt zur Erde bestehen würde, weil "Apollo 8" sich dann hinter dem Mond befand. In Houston stieg die Anspannung. Der Funkkontakt war schon seit 30 Minuten abgerissen. Nervös wartete die Bodenkontrolle auf die erste Reaktion. Sie funkte ins Nichts. Keine Antwort.

Dann, endlich, die Erlösung. Mit einem Sinn für die Komik der Situation meldete sich Jim Lovell zurück: "Please be informed there is a Santa Claus". Aufpassen: Es gibt einen Weihnachtsmann. Die Worte gingen um die Welt. Das Manöver war gelungen. Zwei Tage danach landete "Apollo 8" sicher im Pazifik.

Doch schon sieben Monate später gerieten die neuen Helden in Vergessenheit, als Neill Armstrong als erster Mensch durch den Mondstaub sprang. Was blieb von Weihnachten 1968, war das Motiv der aufgehenden Erde, verewigt auf einer US-Briefmarke.

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1.
Joachim Holstein 26.12.2010
Es gibt dazu ein sehr treffendes Gedicht des Nicaraguaners Leonel Rugama (1949-1970), der dem Propagandaaufwand die Situation der heutigen Armen Nicaraguas gegenüberstellt, die schlechter leben als ihre präkolumbianischen Vorfahren (http://en.wikipedia.org/wiki/Ancient_footprints_of_Acahualinca): LA TIERRA ES UN SATÉLITE DE LA LUNA El Apolo 2 costó más que el Apolo 1 el Apolo 1 costó bastante. El Apolo 3 costó más que el Apolo 2 el Apolo 2 costó más que el Apolo 1 el Apolo 1 costó bastante. El Apolo 4 costó más que el Apolo 3 el Apolo 3 costó más que el Apolo 2 el Apolo 2 costó más que el Apolo 1 el Apolo 1 costó bastante. El Apolo 8 costó un montón, pero no se sintió porque los astronautas eran protestantes y desde la luna leyeron la Biblia, maravillando y alegrando a todos los cristianos y a la venida el papa Pablo VI les dió la bendición. El Apolo 9 costó más que todos juntos junto con el Apolo 1 que costó bastante. Los bisabuelos de la gente de Acahualinca tenían menos hambre que los abuelos. Los bisabuelos se murieron de hambre. Los abuelos de la gente de Acahualinca tenían menos hambre que los padres. Los abuelos murieron de hambre. Los padres de la gente de Acahualinca tenían menos hambre que los hijos de la gente de allí. Los padres se murieron de hambre. La gente de Acahualinca tiene menos hambre que los hijos de la gente de allí. Los hijos de la gente de Acahualinca no nacen por hambre, y tienen hambre de nacer, para morirse de hambre. Bienaventurados los pobres porque de ellos será la luna. Die Erde ist ein Satellit des Mondes Apollo 2 kostete mehr als Apollo 1 Apollo 1 war teuer genug. Apollo 3 kostete mehr als Apollo 2 Apollo 2 kostete mehr als Apollo 1 Apollo 1 war teuer genug. Apollo 4 kostete mehr als Apollo 3 Apollo 3 kostete mehr als Apollo 2 Apollo 2 kostete mehr als Apollo 1 Apollo 1 war teuer genug. Apollo 8 kostete eine Menge, aber das bereute niemand: die Astronauten waren Protestanten, und vom Mond aus* lasen sie die Bibel, alle Christen waren voller frohem Staunen Papst Paul Vl. segnete sie bei ihrer Rückkehr. Apollo 9 kostete mehr als alle zusammen einschließlich Apollo 1, der teuer genug war. Die Urgroßväter der Leute in Acahualinca hatten weniger Hunger als die Großväter. Die Urgroßväter starben vor Hunger. Die Großväter der Leute in Acahualinea hatten weniger Hunger als die Väter. Die Großväter starben vor Hunger. Die Väter der Leute in Acahualinca hatten weniger Hunger als die Söhne der Leute dort. Die Väter starben vor Hunger. Die Leute in Acahualinca haben weniger Hunger als die Söhne der Leute dort. Die Söhne der Leute in Acahualinca werden nicht geboren vor Hunger, sie hungern danach, geboren zu werden, und sterben dann Hungers. Selig sind die Armen, denn ihrer ist der Mond. Die deutsche Übersetzung stammt von Christel Dobenecker und ist zitiert aus dem Reclam-Band "Moderne Lyrik aus Nicaragua", Leipzig 1981; * ist von mir korrigiert.
2.
Martin Protz 26.12.2010
Ein schönes Beispiel für das, worin die US-Amerikaner wirklich Weltmeister sind: Marketing. Sie haben den Einsatz von Milliarden Dollars für die Demonstration technologischer Dominanz als eine Geste der Bescheidenheit und Demut vor der Schönheit der Schöpfung verkauft. Das ist genial oder diabolisch - wahrscheinlich beides.
3.
Sascha Banck 26.12.2010
die erde geht am mond weder auf noch unter, da der mond immer die gleiche seite zur erde zeigt und man somit nur den eindruck hat, die erde geht auf, wenn man um den mond herumfliegt. allerdings bin ich kein astronom, sondern malerin und habe mir daher irgendwann mal länger über diese aufnahmen gedanken gemacht, vielleicht hat jemand eine korrekte erklärung?
4.
Roland Mösl 26.12.2010
Sputnik hat die USA aufgeweckt, Panik bei den US Militärs, wenn die Russen heute das Sputnik können, was können die erst 15 Jahre später. Die Antort, das Mondprogramm. 1998 fuhren die ersten 40.000 Elektroroller in Shanghai. Keine Panik bei der Autoindustrie, kein Gedanken daran, wenn das die Chinesen heute können, was können die in 15 Jahren.
5.
Giovanna Garcon 26.12.2010
In dem Song "Think Big" aus dem Album "Come with me" der wenig bekannten Popgruppe "Rust" ist zu Beginn ein Radioansager zu hören, der den Beginn der "Round the Moon Voyage" der "Apollo 8 Astronauts" ankündigt. War halt eine Sensation, damals.
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