Weihnachtsphänomen Alutanne Heilig's Blechle

Weihnachtsphänomen Alutanne: Heilig's Blechle Fotos
Corbis

Er war mannshoch, pink oder gold - nur eines nicht: echt. In den sechziger Jahren stellten sich Millionen US-Amerikaner zu Weihnachten einen Aluminiumbaum in die gute Stube. Die Kunsttanne wurde zu einem Erfolgsmodell des "Space Age", bis eine Comic-Figur den Abstieg einläutete. Von

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"Besorgt den größten Aluminium-Weihnachtsbaum, den ihr finden könnt. Und malt ihn vielleicht pink an!" Damit beauftragt Lucy, das kleine, schwarzhaarige Mädchen, ihre Comicfreunde Charlie Brown und Linus zum ersten Mal vor 45 Jahren im US-amerikanischen Fernsehen. Im "Peanuts"-Weihnachtsfilm "A Charlie Brown Christmas" ist Lucy wie viele Amerikaner einem festlichen Hype verfallen: einer künstlichen Blechtanne.

Doch was macht Charlie Brown? Er pfeift auf Lucys Auftrag, lässt die pink, lila und rot strahlenden künstlichen Weihnachtsbäume links liegen und sucht sich stattdessen den einzigen natürlichen Baum im Angebot aus: einen kleinen krummen, der bei jeder Erschütterung seine Nadeln verliert. Charlie enttäuscht Lucy, doch seine Entscheidung hat auch für die Alutanne weitreichende Folgen.

Der Trickfilm "A Charlie Brown Christmas" setzt einem der größten Weihnachts-Phänomene der sechziger Jahre ein Denkmal - und versetzt ihm gleichzeitig den Todesstoß. Zunächst war der Alubaum in den USA so begehrt gewesen, dass allein die Firma Aluminum Specialty Company ihre Flittertanne mit den Metallschnipseln über eine Million Mal verkaufte. Der Baum passte perfekt ins "Space Age", in dem Kunststoffe der letzte Schrei waren und die Technisierung des Alltagslebens Zeitgeist. Doch Charlie Browns Entscheidung gegen die Kunsttanne ließ den Verkauf einbrechen, die Menschen warfen die bunten Metalltannen auf den Müll. Schließlich wurde die Produktion ganz eingestellt.

Manitowoc, Hauptstadt des Alu-Hypes

Die Geschichte der Alutanne, dieses glitzerndes Weihnachtsphänomen, war damit aber noch nicht zu Ende. Denn der verschmähte Kunstbaum feierte 30 Jahre nach seinem Abstieg noch einmal ein glänzendes Comeback.

Zwei Fotografen wurden zu den Rettern des Baumes. Julie Lindemann und John Shimon stammen beide aus dem kleinen Städtchen Manitowoc in Wisconsin, die in den sechziger Jahren die Hauptstadt des Alu-Hypes war. Die Bäume wurden dort produziert und schmückten nicht nur die Wohnzimmer. "Im Space Age gab es diese kitschigen Lokale mit Neonlichtern. In der Weihnachtszeit hatten sie dort die Aluminiumbäume hinter der Bar stehen. Ich fand sie sehr exotisch, sie wirkten wie von einem anderen Stern", erinnert sich Fotografin Lindemann an ihre erste Begegnung mit der Kunsttanne.

Das Besondere am Modell der Firma "Aluminum Specialty Company" aus Manitowoc war, dass die etwa hundert Äste eines 1,80 Meter hohen Baums alle die gleiche Länge hatten. In verschiedenen Winkeln wurden sie in den Stamm gesteckt, bis sie die Form einer Tanne bildeten. 1959 war der Aluminiumbaum auf einer Spielzeugmesse in New York zu Gast gewesen und zum Verkaufsschlager geworden. In den sechziger Jahren wurde das Modell "Evergleam" zum Aushängeschild der Firma und fand in schillernden Farben von silber, grün, gold und pink reißenden Absatz. Bis Charlie Brown kam. Hatte der Aluminiumbaum noch 1962 seine höchsten Verkaufszahlen erreicht, wurde er 1967 kaum noch nachgefragt und 1969 aus dem Sortiment genommen.

Ein Kunstwald sorgt für Furore

Als der "Peanuts"-Film zum ersten Mal im Fernsehen lief, war Julie Lindemann gerade acht Jahre alt. Auch sie glaubt heute: Das Ende der Alutanne kam mit Charlie Brown. "Der Film wurde anschließend jedes Jahr wieder ausgestrahlt und zu einem Mantra." Deshalb hätten sich die Menschen wieder einen echten Christbaum für das festlich geschmückte Wohnzimmer gewünscht anstatt der bunten Glitzertannen.

Lindemann, die als Kind in dem Lokal ihre erste Alutanne gesehen hatte, kehrte erst als erwachsene Frau in ihre Heimatstadt zurück. Die Aluminiumbäume waren da schon seit fast dreißig Jahren auf den Dachböden und in Garagennischen verschwunden. Ungläubig beobachteten die Menschen Lindemann und ihren Kollegen Shimon, als diese Anfang der neunziger Jahre beschlossen, die übrig gebliebenen Bäume einzusammeln und für ihre gemeinsame Galerie einen Wald aus ihnen zu bauen.

Das Fotografenduo kaufte die Tannen für etwa einen Dollar pro Stück, und niemand konnte es fassen, dass sich überhaupt noch jemand für die eingemotteten Kitschkolosse interessierte. "Wir mussten uns anhören, warum wir so einen Schund nur haben wollen", sagt Lindemann. 1993 war die Sammlung auf etwa 40 Bäume angewachsen, die Lindemann und Shimon allesamt in ihrer Galerie drapierten. Eine schmerzhafte Erfahrung für Lindemann, denn es dauerte Tage, bis sie die Bäume aufgebaut hatte: "Am Ende heulte und blutete ich. Die Äste sind sehr scharf und schnitten mir Hände und Arme auf. Aber sie waren so schön, dass ich den Schmerz am Ende vergaß."

Weihnachten unter dem Prototypen

Je größer die Sammlung wurde, desto mehr interessierte sich Lindemann für die Geschichte der Bäume. Doch wen auch immer sie fragte, niemand wollte sich an Manitowocs Zeiten als Kitschhauptstadt erinnern. Dabei war hier mit dem "Evergleam" einst der beliebteste Alubaum der USA gefertigt worden. Dann kam Lindemann an einem Wintertag 1996 der Zufall zu Hilfe. Kurz vor Weihnachten war sie in ihrer Galerie. Draußen herrschte eisige Kälte, drinnen waren die Funkelbäume erleuchtet, einige rotierten meditativ mit einer Drehung pro Minute und machten dabei ein leise knirschendes Geräusch. Es klingelte. In der Kälte stand ein älteres Ehepaar, das um Einlass bat und dann durch den Glitzerwald spazierte. Der Mann blickte sich um und sagte dann: "Ich habe die Bäume designt."

Der Mann im Wald war Richard Thomsen, ehemals Chefingenieur der Aluminum Specialty Company, eines großen Herstellers von Kochzubehör aus Aluminium. Der Massenproduktionsfachmann Thomsen war 1958 damit beauftragt worden, einen in Chicago gesehenen handgefertigten Weihnachtsbaum aus Aluminium nachzubauen und für die Fließbandherstellung zu rüsten - und ihn so erschwinglich zu machen. Genau das tat Thomsen mit Hilfe zweier Kollegen. Seither hatte er jedes Jahr Weihnachten unter seinem fast 2,50 Meter hohen silberfarbenen Prototyp verbracht. Bei der Begegnung mit dem Künstlerduo war er gerührt, dass seine gestalterische Leistung endlich gewürdigt wurde.

Der Wald in Lindemanns Galerie interessierte bald auch die Lokalpresse - und die Einwohner Manitowocs. Sie waren wieder stolz auf das verstoßene Stadtkind, viele taten es Richard Thomsen gleich, kamen in die Galerie und erzählten von ihrer Vergangenheit bei "Aluminum Specialty". Einige kramten ihre "Evergleam"-Kartons hervor, platzierten den Glitzer-Giganten in Wohnzimmern und Schaufenstern - und sorgten so für die leuchtende Renaissance des Alubaums. Doch nachdem Lindemann und Shimon fünf Jahre in Folge ihren Winterwald errichtet hatten, reichte es ihnen. 1998 stellten sie die Bäume zum letzten Mal auf.

Bäume bei eBay

Bevor sie sie endgültig wegpackten, fotografierten sie ihre Lieblingsexemplare und machten einen Bildband daraus. Er erschien 2004 unter dem Titel "Season's Gleamings". Lindemann und Shimon gaben einige Interviews, doch sie hatten nicht damit gerechnet, was dann geschah: Die wichtigsten amerikanischen Medien kamen nach Manitowoc, um die Geschichte der Alubaum-Heimat zu erzählen. Sie nannten Manitowoc "tinsel town" - Glitzerstadt. "Wir wussten nicht, wie gewaltig die Macht von Weihnachten als Stoff für die Medien ist", sagt Lindemann.

Doch sie freute sich über die Aufmerksamkeit für die Stadt: "In den USA haben kleine Städte ein schlechtes Selbstbild. Neben dem Hollywood-Schimmer und dieser ganzen vermarkteten Lifestyles werden sie ganz klein. Aber auf einmal gab es etwas, worauf die Leute hier stolz sein konnten." Der Glamour war zurück in Manitowoc. Und Bäume, die zehn Jahre zuvor auf Garagenflohmärkten für einen Dollar verkauft wurden, erzielten nun das Hundertfache. 2005 wurde im Internet ein besonders seltener pinkfarbener Alubaum verkauft - für die Rekordsumme von 2600 Euro.

Lindemann und Shimon haben sich inzwischen von einem Teil der Bäume getrennt und sie der Organisation "Wisconsin Historical Society" vermacht. Lindemann ist "erleichtert, dass jemand die Bäume übernommen hat und ihre Geschichte weiterhin pflegt." Abgewandt hat sie sich von dem Glitzerkult jedoch nicht: "Mein Herz hüpft jedes Mal ein kleines bisschen, wenn ich eine Alutanne sehe."

Die drohende Entforstung der Wälder ließ Erfinder schon im 19. Jahrhundert an alternativen Weihnachtsbaumideen tüfteln. einestages zeigt die schönsten und schrulligsten Versuche, der Echttanne etwas entgegenzusetzen.

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1.
Dominik Kammerer, 17.12.2010
Wäre nicht auch die "Panne-Tanne" vom Breitscheidtplatz in Berlin ne Erwähnung wert? Grüße
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