Weimarer Republik Eine Flagge, die niemand wollte

Am 27. September 1919 führte Reichspräsident Friedrich Ebert eine neue Reichskriegsflagge ein - doch die Reichsmarine ignorierte diese neue Flagge hartnäckig. Obwohl sie der alten kaiserlichen Flagge nachempfunden war, verschwand sie nach gut zwei Jahren wieder, ohne jemals tatsächlich benutzt worden zu sein.

Jörg Karaschewski

Mit dem Ende des ersten Weltkrieges ging das Deutsche Reich nicht nur seines Kaisers verlustig, es musst sich auch neue und vor allem demokratische Symbole suchen. Der ideologische Kampf zwischen der alten Farbfolge des Kaiserreiches schwarz-weiß-rot und den demokratischen Farben schwarz-rot-gold füllt nahezu endlose Regalreihen an Ausarbeitungen und Publikationen.

Insbesondere die konservativen Kräfte in der jungen Reichswehr taten sich schwer mit der neuen schwarz-rot-goldenen Farbgebung der Weimarer Republik. Der Flaggenstreit der jungen Republik endete in einer Flaggensymbolik, die von Anfang an ein fauler Kompromiss war und nie eine nachhaltige Akzeptanz in der Breite der Bevölkerung fand.

Die überwiegend von der Marine des Deutschen Reiches benutzte Kriegsflagge wurde in ihrer Grundform bereits seit dem 10. Oktober 1867 im Norddeutschen Bund eingeführt. Die Marine des Kaiserreiches übernahm die Flagge unverändert. Erst seit dem Jahr 1892 wurde sie regelmäßig Reichskriegsflagge genannt.

"Zeitpunkt der Einführung bleibt vorbehalten"

Die Grundform der neuen "demokratischen" Reichskriegsflagge sollte als Reminiszenz an die über 50 Jahre andauernde Geschichte der kaiserlichen Flagge weitgehend beibehalten werden. Letztlich sollten nur die schwarz-weiß-roten Farben der linken Oberecke durch die neuen Reichsfarben schwarz-rot-gold ersetzt werden. Im mittleren Kreis sollte der Preußische Adler durch einen neuen republikanischen Adler abgelöst werden. Dieser neue Adler wurde vom ehemaligen Wappenzeichner der deutschen Kaiserin Emil Doepler d. J. entworfen. Doepler war aufgrund von diversen Änderungswünschen der Reichsregierung jedoch derartig verstimmt, dass er darum bat, nicht als Urheber genannt zu werden.

Die neue Reichskriegsflagge wurde mit Erlass des Reichspräsidenten Friedrich Ebert vom 27. September 1919 offiziell eingeführt. Ausführungsbestimmungen zu diesem Erlass wurden gut zwei Wochen später am 15. Oktober 1919 im Marine-Verordnungs-Blatt publiziert. Da der Reichspräsident in seinem Erlass kein konkretes Datum zum tatsächlichen Nutzungsbeginn der neuen Flagge genannt hatte, konnte der Chef der Admiralität Adolf von Trotha in den Ausführungsbestimmungen folgenden Satz aufnehmen: "Die Bestimmung über den Zeitpunkt der Einführung der neuen Reichskriegsflagge nebst Gösch bleibt vorbehalten." Bis dahin sind die bisherige Kriegsflagge und Gösch weiterzuführen.

Offensichtlich hatte niemand in der neuen republikanischen Marine Interesse daran die neue Kriegsflagge einzuführen. Die alte Reichskriegsflagge blieb unverändert im Gebrauch. Das neue Symbol wurde schlicht ignoriert. Adolf von Trotha konnte wohl mit der neuen republikanischen Staatsordnung und ihren Symbolen nur wenig anfangen. Er fiel durch seine verbale Unterstützung des Kapp-Putsches 1920 bei der Reichsregierung in Ungnade und wurde nach Niederschlagung des Putsches in den Ruhestand verabschiedet.

"Wenn diese Flagge sinkt"

Das tatsächliche Ende der alten kaiserlichen Reichskriegsflagge erfolgte dann mit einer Verordnung über die deutschen Flaggen vom 21. April 1921. Hierin wurde dann vom Reichspräsidenten Ebert eine völlig neue Reichskriegsflagge festgelegt. Sie sollte auf den alten kaiserlichen Farben schwarz-weiß-rot mittig ein großes Eisernes Kreuz zeigen. Die Farben der Republik erhielten einen kleinen verschämten Platz in der linken Oberecke. Der Satz: "Die bisherigen Flaggen dürfen noch bis zum 1. Januar 1922 geführt werden." gab dann keinen Freiraum mehr für individuelle Interpretationen des Austauschzeitpunktes.

Der ungeliebte Flaggenentwurf von 1919 wurde niemals von den Schiffen der neuen republikanischen Marine geführt. Wie tief der Widerwille zum Symbolwechsel in der Marine war zeigt ein Auszug aus dem Tagesbefehl zum Flaggenwechsel am 1. Januar 1922: "Was wir empfinden, wenn diese Flagge sinkt, verschließen wir in unseren Herzen."

Der Autor ist einer der Gründungsväter der Deutschen Gesellschaft für Flaggenkunde. Die Geschichte der Flaggenführung im deutschen Kaiserreich hat er im Buch "Flaggen im deutschen Kaiserreich" dokumentiert.



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