Renovierungsfotos vom Weißen Haus Mr. President, Sie wohnen in einer Bruchbude

Renovierungsfotos vom Weißen Haus: Mr. President, Sie wohnen in einer Bruchbude Fotos

Der Putz kam von den Wänden, die Fundamente versanken im Sumpf - und Harry Trumans Tochter brach fast durch den Fußboden: 1948 war das Weiße Haus kaum mehr als ein Trümmerhaufen. Dann wurde renoviert. Fotos der Arbeiten zeigen, wie weit die Architekten gehen mussten, um den Präsidentensitz zu retten. Von

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Im Sommer 1948 war der Ernst der Lage nicht länger zu leugnen. Da brach das Spinett der Präsidententochter Margaret Truman mit einem Bein durch den Fußboden des ersten Stocks - und durch die Decke des Esszimmers darunter.

"Das Weiße Haus", vermerkte ihr Vater Harry Truman lakonisch, "ist dabei einzustürzen."

Es überraschte ihn nicht. Schon kurz nach dem Amtsantritt 1945 hatte Truman bemerkt, dass er mit seiner Familie in eine ziemlich morsche Residenz gezogen war. Überall in dem damals schon 145-jährigen Gemäuer zog es, knirschte und knarrte es. Kronleuchter, ja ganze Zimmer schwankten. Die präsidiale Badewanne versank im Fliesenboden. "Das alte Haus", erinnerte sich Margaret Truman später in einer Biografie ihres Vaters, "fiel schlichtweg auseinander".

Wenige Monate nach dem Spinett-Vorfall ließen sich die Trumans ins Blair House umquartieren, das Gästehaus gegenüber. Bauarbeiter machten sich an die Arbeit. Sie würde mehr als drei Jahre und fast sechs Millionen Dollar verschlingen - die teuerste Renovierung seit Bestehen des US-Präsidentensitzes.

Komplett entkernt und nachgebaut

Jetzt hat das Nationalarchiv die Bilder des Präsidentenfotografen Abbie Rowe von dem Projekt veröffentlicht. Die Aufnahmen, die lange in den Katakomben der Truman-Bibliothek schlummerten, zeigen, wie das Weiße Haus komplett entkernt und aus Stahl und Beton neu erbaut wurde. Nur die Fassaden drumherum blieben stehen. Alles dahinter wurde rekonstruiert.

Mit anderen Worten: Barack Obama lebt und arbeitet heute in einer historischen Attrappe.

Bis auf die steinernen Außenmauern und das Dach war das Weiße Haus einst weitgehend aus Holz. George Washington, der erste US-Präsident, hatte den Standort auf einem Hügel am Potomac River persönlich ausgewählt, der irische Architekt James Hoban den mit 500 Dollar dotierten Design-Wettbewerb gewonnen.

Grundsteinlegung war 1792, doch erst im November 1800 zog Washingtons Nachfolger John Adams ein. 14 Jahre später besetzten die Briten die US-Hauptstadt und fackelten viele Regierungsgebäude ab, auch das Weiße Haus. Der Wiederaufbau dauerte zweieinhalb Jahre.

Unter Theodore Roosevelt entstand 1902 der West Wing. 1927 kam ein neues Dach mit Stahlträgern hinzu, 1942 der East Wing, um den Bunker darunter zu tarnen. Den Verfall der Bausubstanz konnte das alles nicht aufhalten.

Todesfalle Präsidentenschlafzimmer

Bei einem Empfang begannen sich die Halteketten eines Kronleuchters zu dehnen. Im repräsentativen East Room, dem größten Saal des Weißen Hauses, sackte der Putz um fast einen halben Meter ab. "Die Decke des State Dining Rooms hält sich nur noch aus reiner Gewohnheit!", berichtete Truman. Er selbst musste im Lincoln Bedroom nächtigen - in seinem eigenen Schlafzimmer zu übernachten, war längst zu gefährlich.

Truman ließ das Gemäuer von einer Expertenkommission überprüfen. Das Ergebnis war verheerend. Die Fundamente versanken im Sumpf. Das Stahldach belastete die brüchige Struktur, deren Balken und Ziegel noch aus dem 19. Jahrhundert stammten. Die marmorne Haupttreppe war nicht mehr begehbar.

Hinzu kam, dass ein Labyrinth aus Leitungen, Rohren und Kabeln das Holzskelett über die Jahre immer weiter ausgehöhlt hatte: "Wasser- und Abwasserrohre, Gasrohre, Heizungsrohre, Strom- und Telefonkabel, Signalsysteme, Aufzüge, ein Feuerlöschsystem und andere mechanische Innovationen", wie das Magazin "Architectural Digest" damals akribisch dokumentierte.

Das Weiße Haus stand kurz vor dem Einsturz.

Ein Abriss wäre billiger gewesen. Doch Truman wollte den "kulturellen Wert" des Originalbaus nicht zerstören und entschied sich für eine Kernsanierung. Im Dezember 1948 zog die Familie um. Jetzt habe er nur noch "halb so viel Platz für Gäste", murrte Truman.

"Er sagte nur fünfmal 'schön'"

Unter Leitung von Lorenzo Simmons Winslow, dem langjährigen Architekten des Weißen Hauses, begannen die Bauarbeiten. Das Innere wurde restlos entfernt, inklusive Decken und Böden. Allein eine dreistöckige Hülle blieb übrig. Dann wurde alles wiederaufgebaut, nur diesmal mit Stahlträgern, Betondecken und 126 zusätzlichen Stützpfeilern. Insgesamt wurden 660 Tonnen Stahl verbaut.

Winslow modifizierte sonst nur wenig. So ließ er die Haupttreppe verändern, eine zentrale Klimaanlage einbauen und zwei neue Keller anlegen. Aus 48 Räumen wurden 54. Alle Gästezimmer hatten fortan Bäder. Da die Außenwände nicht angetastet werden durften, wurden alle Bagger, Bulldozer und andere Geräte zerlegt, durch die Türen ins Innere gebracht und dort wieder zusammengesetzt.

Die Renovierung nahm 39 Monate in Anspruch. Am 27. März 1952 eröffnete Truman das Weiße Haus mit einer kleinen Zeremonie wieder.

Die offizielle Einweihung aber war im Mai, mit einer TV-Führung vor 30 Millionen Zuschauern. Dabei setzte sich Truman im East Room an ein Klavier und spielte Mozart. Der Präsident habe seine neuen Räumlichkeiten betont nüchtern präsentiert, fand die "New York Times" anschließend: "Er sagte nur fünfmal 'schön'."

Das Klempnerblatt "Plumbing News" war trotzdem beeindruckt - besonders von einem Zimmer: "Böte man mir einen Raum in dem Haus an", schrieb Reporter Andrew Tilly, "dann würde ich Mr. Trumans Badezimmer nehmen." Vor allem die enorme Wanne gefielt ihm: "In der kann sich ein Mann ausstrecken, wenn er von der Arbeit kommt und erschöpft ist, weil er einen hitzköpfigen Republikaner fertiggemacht hat."

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