Weltausstellungen Jahrmarkt des Atomzeitalters

Weltausstellungen: Jahrmarkt des Atomzeitalters Fotos
Getty Images

Es war der Mega-Event der Nachkriegszeit: Mehr als 41 Millionen Menschen besuchten vor fünfzig Jahren die Weltausstellung von Brüssel. Im Schatten des Atomiums sahen sie futuristische Technikträume und sozialistischen Großkitsch. Von Ralf Bülow

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    2.9 (888 Bewertungen)

Es ist Donnerstag, der 17. April 1958. Auf dem Hamburger Rathausmarkt demonstrieren 150.000 Menschen unter dem Motto "Kampf dem Atomtod!". Sie protestieren damit gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Nuklearwaffen, die der Bonner Bundestag im März nach tumultuöser Debatte mit der absoluten Mehrheit der CDU/CSU beschlossen hat.

Am gleichen Tag findet 500 Kilometer weiter westlich eine zweite Großveranstaltung ganz anderer Art statt: In der belgischen Hauptstadt Brüssel eröffnet der erste Mega-Event der Nachkriegszeit, die große Weltausstellung von 1958. Hier lautet der Slogan "Bilanz einer Welt für eine menschlichere Welt", und über dem Expo-Areal glänzt die Allegorie des Zeitalters, das 102 Meter hohe Atomium - eine spektakuläre begehbare Skulptur des Architekten André Waterkeyn aus silberglänzendem Aluminium, die neun Atomkerne in 165-milliardenfacher Vergrößerung darstellt.

Die Planungen für die erste Weltausstellung nach dem Krieg hatten fünf Jahre zuvor begonnen. Viele Städte Europas lagen da noch weiträumig in Trümmern, ein Volksaufstand erschütterte die DDR und der Koreakrieg war gerade mit einem fragilen Waffenstillstand beendet worden. Nun, im Frühjahr 1958, blickte Westeuropa auf einen fulminanten Wirtschaftsaufschwung zurück und die Römischen Verträge hatten das einst zerrissene Europa ein Jahr zuvor friedlich zu einer Gemeinschaft geschmiedet. Auch zwischen USA und UdSSR herrschte eine Phase friedlicher Koexistenz, zwei Wochen vor Eröffnung der Weltausstellung hatte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow gar einen einseitigen Stopp von Atombombentests verkündet.

Endlich wieder Geld im Beutel

Überhaupt ließ sich wieder leben, in den angeblich so drögen und autoritären Fünfzigern; viele Menschen hatten endlich wieder etwas Geld im Beutel. Und so schwangen sich Millionen Bundesbürger auf Moped oder Motorrad, stiegen in die Eisenbahn oder - seltener - ins Auto in Richtung Brüssel. Geduldig warteten sie an der Grenze auf ihre Abfertigung, um sich am Ziel in lange Warteschlangen einzureihen. Denn das Publikumsecho auf die Brüsseler Schau war phänomenal: Insgesamt 41.454.412 Besucher stürmten bis zum 19. Oktober das Ausstellungsgelände - zur Expo in Hannover im Jahr 2000 kamen gerade einmal 18 Millionen.

Auf zwei Quadratkilometern fanden die Angereisten Pavillons von 48 Ländern, dazu von übernationalen Organisationen und einigen Firmen. Es gab Ausstellungsflächen zu globalen Fragen, das Folklore-Viertel "Belgien 1900" und eine Kirmes zum Entspannen. Hostessen in modischen Uniformen und mit kecken Hütchen lenkten die Ratlosen, und in den Hallen für Kunst und Wissenschaft quäkten die Tonbandstimmen von Audioguides.

Anders als bei späteren Weltausstellungen wurde 1958 nur zu einem geringen Teil bereits vorhandene Messegebäude genutzt. Stattdessen erhoben sich auf dem Heysel-Plateau im Brüsseler Nordwesten eigens für die Weltausstellung errichtete Pavillons. Über allem thronten als Wahrzeichen die neun Aluminiumkugeln des Atomiums. Die luftige Konstruktion des Belgiers Waterkeyn symbolisierte die Kristallstruktur des Eisens, dessen Verarbeitung eine Säule der belgischen Volkswirtschaft darstellte.

Triumph der Moderne

Baulich war die Expo 1958 ein Triumph der Atomzeitalter-Moderne. Rechtwinklige Stahl- und Glasflächen dominierten, angereichert durch geschwungenen Beton und technizistische Ornamentik. Der Beitrag der Bundesrepublik kam von den Architekten Sep Ruf und Egon Eiermann und umfasste acht quadratische Pavillons, erreichbar über ein elegantes Viadukt und untereinander durch Passagen verbunden.

Die Glaskästen boten Einblicke in das Leben des neuen, demokratischen Deutschland - auf Nierentisch-Ästhetik und Wirtschaftswunder-Werbung war klugerweise verzichtet worden. Die Fachpresse erklärte den Beitrag der BRD denn auch zur gelungensten Anlage der Ausstellung. Die DDR, der andere deutsche Teilstaat, war bei der Konkurrenz außen vor geblieben: In Brüssel nahmen nur Nationen teil, mit denen Belgien diplomatische Beziehungen pflegte.

Nördlich auf dem Gelände trafen Sowjets und Amerikaner direkt aufeinander. Die fabrikähnliche Halle der UdSSR war um eine riesige Lenin-Statue herumgebaut und zeigte im Parterre die Erfolge der Schwerindustrie, Flugzeug- und Sputnikmodelle, dazu viel Propaganda. Im ersten Stock konnten sich die Besucher an Werkzeugmaschinen erfreuen und Gemälde und Skulpturen des sozialistischen Realismus studieren.

Kapitalistische Leichtigkeit

Der lichtdurchflutete Rundbau der USA antwortete mit kapitalistischer Leichtigkeit und Modenschauen am Wasserbecken, mit abstrakter Kunst und ironischen Grafiken von Saul Steinberg. Ein 360-Grad-Rundum-Kino führte die Schönheiten der USA vor, ein IBM-Computer beantwortete mehrsprachig die Fragen der Besucher, und elektrische Wahlmaschinen brachten - auf speziellen Wunsch von US-Präsident Dwight D. Eisenhower - den Europäern die Erfolge der Demokratie zum Anfassen nahe.

Hinter den Kulissen sah es etwas anders aus. Zum Ausstellungspersonal zählten auch Geheimagenten, die mit Kameras ausschwärmten und die Exponate der Ostblock-Pavillons untersuchten. Darüber hinaus prüfte das amerikanische Außenministerium die Künstler vom Kulturprogramm penibel auf ihre politische Zuverlässigkeit: Chansonier Harry Belafonte durfte in Brüssel auftreten, der linke Schauspieler James Kershaw dagegen nicht - die Inszenierung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" musste ohne ihn stattfinden.

Ein echtes Science-Fiction-Gebäude steuerte der Schweizer Architekt Le Corbusier bei. Sein vierzig Meter langes "Elektronisches Gedicht" war der Expo-Beitrag des Philips-Konzern und ein Meilenstein der Multimediatechnik. Die sanft gebogenen Betonschalen des Pavillons umschlossen Filmprojektoren, Leuchtstoffröhren, Lautsprecher, eine menschliche Figur und ein Atommodell, die zusammen ein Acht-Minuten-Programm mit elektronischer Musik von Edgar Varèse erzeugten.

Glänzender denn je

Neben dem Atomium erstreckte sich eine der größten Sektionen der Ausstellung, sieben Pavillons und ein botanischer Garten zum Kongo, seit 1885 belgische Kolonie. 1960 wurde das Land unabhängig und versank für Jahrzehnte in Chaos, Mord und Bürgerkrieg. 1958 aber war die Welt noch heil, und allabendlich war auf dem Brüsseler Expo-Gelände die exotische Lightshow "Congorama" zu sehen. Kaum ein Besucher störte sich daran, dass nur vier Nationen aus Afrika offiziell in Brüssel teilnahmen: Ägypten, Sudan, Tunesien und Marokko.

Die Ausstellung brachte die Besucher auch schon so an ihre physischen Grenzen. Wer alle Präsentationen sehen wollte, musste 25 Kilometer Fußmarsch auf sich nehmen. Dennoch war die Brüsseler Expo ein sagenhafter Erfolg. Sie leitete die Ära der zukunftsfrohen, technikbegeisterten Spektakel ein, die sich in den Weltausstellungen von Seattle 1962, New York 1964 und Montreal 1967 fortsetzte. Mit der Schau im japanischen Osaka 1970 kam diese Art von optimistischer Zukunftsfeier an ihr Ende; die weitere Entwicklung der Technik verlief angesichts von Umweltzerstörung, spektakulären Unglücksfällen und zunehmenden Bürgerprotesten gegen Großprojekte ganz anders als gedacht.

Über Brüssel strahlt das Atomium nach wie vor auf dem Heysel-Plateau - nachdem die alte Aluminiumhülle 2005/6 durch Edelstahl ersetzt wurde, glänzt es mehr als bei der Eröffnung vor 50 Jahren.


Fliegen Sie durch die Jahrzehnte mit der einestages-Zeitmaschine!

Noch mehr interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages!


Artikel bewerten
2.9 (888 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH