Weltjugendspiele in Ost-Berlin Das Woodstock des Ostens

Acht Millionen Menschen sangen, tanzten, diskutierten: Die Weltjugendspiele in Ost-Berlin 1973 waren für die DDR-Jugend ein Sommernachtstraum, der den miefigen Sozialismus vergessen machte. Doch hinter den Kulissen drehten sich die Räder der SED-Propaganda.

Von Stefan Wolle

Das Bundesarchiv/Ulrich Häßler

Der Himmel war so blau wie die Blusen der FDJ, und die Sonne strahlte so schön wie auf dem goldfarbenen Emblem der Staatsjugendorganisation der Deutschen Demokratischen Republik. Jubel, Trubel, Heiterkeit herrschte auf allen Straßen und Plätzen von Berlin, Hauptstadt der DDR. Bunte Fahnen wehten im Sommerwind und überall hörte man die heißen Rhythmen von Musikgruppen aus Lateinamerika, Afrika und Asien.

Die fortschrittliche Jugend der Welt feierte vom 28. Juli bis zum 5. August 1973 in der Hauptstadt der DDR die Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Von westlichen Beobachtern wurde rückblickend von einem "roten Woodstock" und einem "Summer of Love" des Ostens geschwärmt. Immerhin haben es viele auch in der DDR damals so empfunden. Als großes Festival der kleinen Freiheiten sind die Weltfestspiele im öffentlichen Gedächtnis geblieben.

War ein Wunder geschehen? Das hässliche graue Entlein DDR hatte sich wie im Märchen von Hans Christian Andersen in einen prachtvollen weißen Schwan verwandelt. Auf einmal schien vieles möglich, was sonst streng verboten war. Wenn sich Jugendliche in dem großen Brunnen der Völkerfreundschaft auf dem Alexanderplatz Kühlung verschafften, lachten die Volkspolizisten freundlich, statt wie sonst energisch einzuschreiten. Man durfte ungehindert über den Rasen laufen, sich in die Grünanlagen setzen und zur Gitarre singen, ohne dass ein Großaufgebot von Sicherheitskräften aufmarschierte.

Baden im Brunnen der Völkerfreundschaft

Doch es kam noch besser: Jugendorganisationen aller Couleur aus der Bundesrepublik und West-Berlin traten offen auf, verteilten ihre Flugblätter und diskutierten ohne jede Behinderung mit DDR-Bürgern. Die diskutierenden Menschentrauben auf dem Alex gehörten zum charakteristischen Erscheinungsbild der Weltjugendspiele. Setzte die DDR-Führung wirklich auf Spontaneität und Lockerheit?

Der Blick hinter die Kulissen lässt nicht viel übrig von diesem allzu schönen Schein. Die "führende Partei" und ihre Staatssicherheit hatten sich lange und sorgfältig auf alle Eventualitäten vorbereitet. Schon früh begannen auf breiter Front die ideologischen und organisatorischen Vorbereitungen. FdJler aus der ganzen Republik wurden in Schulungslagern zusammengezogen und erhielten dort genaue Instruktionen über den Umgang mit feindlichen Argumenten und Provokationen. Regelrechte Diskussionsübungen fanden statt, bei denen ein als ideologisch besonders sattelfest geltender Funktionär die Rolle des advocatus diaboli übernahm und die verblüfften Jugendlichen mit gegnerischen Argumenten konfrontierte.

Die Weltjugendspiele vom Juli 1973 sollten der SED als Nagelprobe für Erich Honeckers Politik der kontrollierten Öffnung dienen. Der frühere FDJ-Chef hatte zwei Jahre zuvor Staats- und Parteichef Walter Ulbricht gestürzt und galt damals als Hoffnungsträger für eine Liberalisierung. Die DDR war seit dem deutsch-deutschen Grundlagenvertrag vom Dezember 1972 ein international anerkannter Staat. Diplomaten und Journalisten aus aller Welt waren in der Hauptstadt akkreditiert worden. Eine strikte Isolation der eigenen Bevölkerung schien nicht mehr zeitgemäß, der neue starke Mann Honecker wollte seine DDR der ganzen Welt als fortschrittlicher, offener Staat mit einer lebensfrohen und optimistischen Jugend präsentieren.

Angst vor dem Sturm auf die Mauer

Das politische Risiko dieser Inszenierung war erheblich. Die ganze Brisanz der Situation zeigte sich schon in der Lage des Hauptveranstaltungsortes: Das Stadion der Weltjugend lag gewissermaßen in einer Ausbuchtung des Ostsektors im Stadtteil Mitte, die in den West-Berliner Wedding hineinragte. Auf drei Seiten also war die Mauer, dazwischen Zehntausende Jugendliche aus der DDR und zahllose ausländische Gäste, Reporter und Fernsehteams. Was, wenn es zu einem Sturm auf die Mauer käme?

Den Sicherheitsorganen war noch der 7. Oktober 1969 in Erinnerung. Ausgerechnet am 20. Jahrestag der DDR-Gründung hatte das Gerücht, auf dem Hochhaus des Axel-Springer-Verlags direkt auf der anderen Seite des "antifaschistischen Schutzwalls" in Kreuzberg würden die Rolling Stones spielen, Tausende ostdeutscher Rockfans in Richtung Mauer getrieben. Die Volkspolizei hatte vollkommen die Nerven verloren und war mit Schlagstöcken und Hunden gegen die Jugendlichen vorgegangen. Das schöne Bild der Jubelfeiern zum Republikgeburtstag bekam einen tüchtigen Kratzer.

Tatsächlich gab es im Vorfeld der Weltfestspiele in der Stadt wieder Gerüchte, am Eröffnungstag werde die Mauer gestürmt werden. Das Ministerium für Staatssicherheit registrierte dies sorgfältig - und traf umfangreiche Vorkehrungen. In Uniform und Zivil sicherten zehntausende Stasi-Leute das Umfeld, sogar Fallschirmjäger und Kampfhubschrauber standen in Bereitschaft. Andererseits setzte die DDR-Führung den Schießbefehl an der Mauer für die Tage der Weltfestspiele ausdrücklich außer Kraft - zu groß war die Furcht, ein Toter an der Mauer könne die Feierlaune verderben.

Ab in die Psychiatrie

Auch von westlicher Seite, besonders von linksradikalen und maoistischen Organisationen, wurden Provokationen erwartet. Die Devise hieß also: äußerste Wachsamkeit, aber nicht in Erscheinung treten. Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, brachte die neue Taktik auf einen kurzen Nenner: "Im übrigen haben wir klar orientiert, dass man sich als Kommunist, als Tschekist diesmal wie die drei Affen verhalten muss und trotzdem sehen, hören und richtig und konsequent handeln, wo es sein muss."

Unter dem Decknamen "Aktion Banner" ließ das MfS im Vorfeld des Jugendfestivals in der ganzen DDR Asoziale, Geisteskranke, Vorbestrafte und "HWG-Personen" - die Abkürzung stand für Frauen mit angeblich "häufig wechselndem Geschlechtsverkehr" - regelrecht einsammeln. Mit dem stolzen Gestus hervorragender Planerfüllung wurden der Zentrale in Berlin beeindruckende Zahlen von Ermittlungsverfahren, Einweisungen in psychiatrische Kliniken, Jugendwerkhöfe und Heime gemeldet.

Einer Aufstellung des MfS vom 23. Juli 1973 zufolge wurden im ersten Halbjahr 1973 in der gesamten DDR 6635 Ermittlungsverfahren wegen "Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten" eingeleitet. Allein im Juli 1973 gab es weitere 2720 Ermittlungsverfahren gegen angebliche Asoziale. Darüber hinaus waren seit Jahresbeginn nicht weniger als 917 "kriminelle Gruppen" mit 5258 Mitgliedern aufgelöst und 1824 Personen in Haft genommen worden, 25.927 Personen befanden sich "unter Kontrolle". In psychiatrische Einrichtungen wurden 477 Personen eingewiesen, 639 in Jugendwerkhöfe, 1163 in Spezialkinderheime, gegen 2982 Personen waren sonstige "staatliche Kontrollmaßnahmen" wirksam.

Erich Honeckers beste Stunde

Doch damit nicht genug. Selbst die Zeltplatzgenehmigung wurde 327 Bürgern entzogen, 574 Personen erhielten Urlaubssperre. Ihren Personalausweis mussten während der Spiele 637 DDR-Bürger bei den "Sicherheitsorganen" abgeben und gegen 2577 Personen wurden sonstige Maßnahmen eingeleitet - etwa Überwachung der Wohnung oder Aufenthaltsbeschränkung für Ost-Berlin. Knapp 20.000 DDR-Bürger wurden zu Gesprächen einbestellt, um so ihre Reise in die Hauptstadt der DDR während der Weltfestspiele zu verhindern. Gegen 2293 Personen wurden "Haftstrafen angewandt".

Nach diesem Großreinemachen unter kritischen Zeitgenossen stand der Demonstration von Weltoffenheit und Toleranz durch das SED-Regime nichts mehr im Wege. Die in einer Instruktion des MfS ausdrücklich befohlene Taktik, gegenüber abweichendem politischem Verhalten ausländischer Delegationen "maximale Großzügigkeit" zu beweisen, zeitigte großen Erfolg. Tatsächlich ereigneten sich kaum nennenswerte Zwischenfälle, die Weltfestspiele wurden zu einem großen Erfolg.

Vielleicht war dies Erich Honeckers beste Stunde. Den misstrauischen Apparatschiks in den eigenen Reihen hatte er bewiesen, dass die Jugend treu zum Staat steht. Dem Westen hatte er gezeigt, dass die DDR stabil und selbstbewusst agiert. Die DDR-Bevölkerung sollte durch eine Politik von Brot und Spielen ruhig gestellt werden. Ein paar kleine Freiheiten wurden gewährt - damit die große Unfreiheit in Vergessenheit geraten solle.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Christoph Strube, 29.07.2008
1.
Es gab das INTERNATIONALE VORBEREITUNGSKOMITEE für die 10.Weltfestspiele der Jugend und Studenten (kurz INTERNATIONALES VORBEREITUNGSKOMITEE genannt), und es gab die letzte Rache Walter Ulbrichts für seine Demütigung durch Honecker - er starb während der fröhlichen Feierlichkeiten am 1. August 1973 ("Das kämpferische Leben des Genossen Walter Ulbricht hat sich am 1.August 1973 um 13 Uhr vollendet"). WU ward auf Eis gelegt und die Feiern gingen fröhlich weiter. Nicht zu umgehen waren die Beileidsbekundungen aus aller Welt, die auf den Seiten 1 der sozialistischen Presse abgedruckt wurden. Es äußerte sich natürlich auch das INTERNATIONALE VORBEREITUNGSKOMITEE. Da aber nicht alle Zeitungen so großformatig waren wie das NEUE DEUTSCHLAND, mussten die Überschriften in den Bezirkszeitungen entsprechend gekürzt werden. So war in einer Zeitung zu lesen (ich erinnere es genau): INTERNATIONALES VORBEREITUNGSKOMITEE ZUM ABLEBEN WALTER ULBRICHTS. Nicht bekannt ist bis heute, wer in diesem Komitee mitgearbeitet hatte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.