Weltkriegserinnerungen Von Katholiken zum Tode verurteilt

Den jüdischen Jungen David und Marek gelang 1941 die riskante Flucht aus dem Ghetto im polnischen Chrzanów. Sie entkamen den Nazis - nicht jedoch einer Gruppe katholischer Partisanen, die sie zu Todfeinden erklärten. Die Empörung vieler Polen über das ZDF-Epos "Unsere Mütter, unsere Väter" veranlasste Josef Königsberg, von den Geschehnissen zu berichten.

Josef Königsberg/Museum Chrzanòw

Im Leben jedes Menschen gibt es unauslöschliche Erinnerungen. Wie in einem Kaleidoskop sehe ich den Abschied von meiner Mutter und meiner Schwester, ihren Abtransport in die Auschwitzer Gaskammer, mein eigenes Leiden im KZ und die Wiederbegegnung mit meinem Vater, der erst sechs Jahre nach seiner Verschleppung aus Russland zurückkehrte. Unvergesslich bleibt mir auch der Abschied von David Abramowicz und Marek Knoblauch, meinen Freunden im jüdischen Ghetto von Chrzanów. Marek wurde 1941 von Mitgliedern der polnischen Partisanenorganisation AK, der Armia Krajowa, deutsch: Heimatarmee, exekutiert, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er Jude war.

Damals lebte ich mit meiner Familie im Ghetto. Die Repressalien der deutschen Besatzer in Polen wurden zu der Zeit immer schlimmer. Eines Tages baten mich meine Freunde David und Marek um ein hochvertrauliches Gespräch. Beide waren wie ich 17 Jahre alt und sehr sportliche junge Männer. Ihre Körper waren stark und muskulös, sie gehörten zu den besten Fußballspielern in Chrzanów.

Meine Freunde hatten sich dazu entschieden, aus dem Ghetto in Richtung Krakau zu fliehen, und zwar in die Kleinstadt Brzesko, in der David geboren worden war. Dort hoffte er, seine Tanten und Onkel wiederzutreffen, sofern sie noch nicht von den Deutschen vertrieben worden waren. In der Umgebung von Brzesko hatte er außerdem viele Freunde, die ihm sicherlich helfen würden, sich in den Wäldern zu verstecken. Den Vorschlag mitzukommen, musste ich leider ablehnen. Mein Vater war auf der Flucht, und ich hatte mich um meine kleine Schwester und meine Mutter zu kümmern.

Einige Tage später waren meine beiden Freunde fort. Wie ich hörte, konnten sie über die wenig bewachte Grenze entkommen, die die deutschen Besatzer bei Chrzanów um das sogenannte polnische Generalgouvernement gezogen hatten. Von Krakau in Richtung Osten weiterzukommen, war allerdings ein schwieriges Unterfangen.

Einige Monate nach Kriegsende habe ich David Abramowicz in meiner Heimatstadt Kattowitz wiedergetroffen. Über seine Flucht aus dem Chrzanówer Ghetto und seine Erlebnisse in den ostpolnischen Wäldern erzählte er mir Entsetzliches. Polnische Freunde halfen ihm und Marek dabei, in den Wäldern unterzutauchen. Dort trafen sie auf Partisanen der AK, die die kräftigen jungen Männer zunächst mit offenen Armen aufnahmen. Die Freude darüber dauerte jedoch nicht lange an.

Die Gruppe bestand aus etwa 30 Leuten, die ihren Tag mit einem katholischen Morgengebet begannen. In Unkenntnis der christlichen Zeremonie verhielten sich David und Marek passiv, sangen und beteten nicht mit. Dies fiel dem Kommandanten natürlich auf. Er hatte rasch den Verdacht geschöpft, dass die beiden gar keine Christen seien. Auf seine Befragung hin sagten sie ihm die Wahrheit. Seine Reaktion war kurz und bündig: "Juden, Russen und Deutsche sind unsere Todfeinde und werden von uns auf der Stelle getötet." Er befahl seinen Leuten, die beiden zu exekutieren. Zuerst wurde Marek eine Schlinge um den Hals gelegt.

ANZEIGE
Josef Königsberg:
Ich habe erlebt und überlebt!

Das Leben des Menschen ist vom Schicksal bestimmt

Portalis; 195 Seiten; 8,99 Euro.

Doch bevor die Männer auch David aufknüpfen konnten, gelang ihm in letzter Sekunde die Flucht. Tagelang irrte er durch die Wälder, um den deutschen Nazis und den ebenfalls antisemitischen AK-Mitgliedern zu entkommen. Er war schon am Ende seiner Kräfte, als er schließlich von einer politisch links eingestellten polnischen Partisanengruppe aufgenommen wurde. Direkt nach Kriegsende kam er auf Empfehlung dieser Gruppe zum polnischen Sicherheitsdienst in Kattowitz, wo wir uns kurz darauf wiedersahen.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ireneusz Zablocki, 19.04.2013
1.
Waru wurden denn in 'Unsere Mütter, unsere Väter' nicht nur deutsche Wehrmachtssoldaten dargestellt die Partisanen erschossen oder Scheunen mit Dorfbewohnern drin anzündeten? Weil an ja so differenziert sein wollte. Wieso wird das nicht bei den Polen gemacht, die von den Deutschen besetzt waren, und die mit ihrer (deutschen!) Besetzung dazu beigetragen haben, das Schlechteste im Menschen hervorzuholen. Ja, solche Fälle gab es, aber die Ursache waren die Deutscghen mit Ihre Krieg und de Besetzungsalltag. Wenn man jetzt noch feige als Redaktion solche Geschichten - um zu zeigen, wie autentisch das ZDF ist - hinterherschiebt, wird es nicht besser. Unanständig!
Alexander Dittrich, 23.04.2013
2.
>Waru wurden denn in 'Unsere Mütter, unsere Väter' nicht nur deutsche Wehrmachtssoldaten dargestellt die Partisanen erschossen oder Scheunen mit Dorfbewohnern drin anzündeten? Weil an ja so differenziert sein wollte. Wieso wird das nicht bei den Polen gemacht, die von den Deutschen besetzt waren, und die mit ihrer (deutschen!) Besetzung dazu beigetragen haben, das Schlechteste im Menschen hervorzuholen. Ja, solche Fälle gab es, aber die Ursache waren die Deutscghen mit Ihre Krieg und de Besetzungsalltag. Wenn man jetzt noch feige als Redaktion solche Geschichten - um zu zeigen, wie autentisch das ZDF ist - hinterherschiebt, wird es nicht besser. Unanständig! Szanowny Panie Zablocki, augenscheinlich sehen sich viele Polen nicht in der Lage anzuerkennen, daß in diesem furchtbaren Krieg auch Polen schwere Schuld auf sich geladen haben. Sicherlich - ohne den Krieg und die Besatzung wäre es zu solchen Aktionen von Polen gegen Juden wohl nicht gekommen. Sie haben wohl recht, daß die Deutschen "dazu beigetragen haben, das Schlechteste im Menschen hervorzuholen". Aber dieses Schlechte gab es eben. Auch in polnischen Menschen. Die vielen Deutschen, die zu Tätern wurden, wären vielleicht ohne Hitler, ohne Krieg auch "anständig" geblieben. Das entlastet sie aber nicht, wenn sie persönliche Schuld auf sich geladen haben. Es gibt nun einmal diese Zeitzeugenberichte wie den des Herrn Königsberg über David Abramowicz: polnische Widerstandskämpfer erklärten nicht nur die Deutschen und Russen zu ihren Feinden, sondern eben auch die Juden. Niemand behauptet, daß diese Einstellung alle Polen teilten. Aber es gab eben auch solche. Warum darf die filmische Darstellung des Krieges immer nur die bösen Deutschen zeigen und muß dabei die im Krieg begangenen Verbrechen von Volksgruppen in besetzten Ländern ausblenden? Ist das "Aufarbeitung der Geschichte"? Mit nachdenklichen Grüßen A. Dittrich
Thomas Marx, 30.04.2013
3.
Übriges wurden nach dem Krieg alle von Polen während des Krieges an Juden verübten Verbrechen mit der Begründung, "dieses sei im Interesse der Deutschen Nazi Faschisten gewesen", von polnischen Gerichten als "Nazi Verbrechen" verhandelt und auch bis heute so gezählt. So kann man seine Weste auch rein halten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.