Weltkriegsfestung in Ostpolen Träume vom Kanonendonner

Verborgen hinter grünen Hügeln liegt der Schauplatz der größten Belagerungsschlacht des Ersten Weltkriegs. Bei einer Reise durch Ostpolen stieß Matthias Kneip auf die Überreste der gigantischen Festungsanlage Przemysl - und makabere Pläne zur Nachnutzung des robusten Bauwerks.

Matthias Kneip

Das nasse Gras reicht mir bis zu den Knien, und vor jedem Schritt durch den Wildwuchs muss ich mich versichern, dass ich festen Boden unter den Füßen habe. Nicht umsonst mahnt eine Informationsbroschüre die Besucher zu besonderer Vorsicht beim Gang über die Wälle und Dächer des fast völlig zugewachsenen Forts Letownia. Das Areal besteht aus Hügeln und Gräben, in der Mitte befindet sich eine gemauerte Kaserne.

Es braucht ein wenig Phantasie, um sich unter der Decke aus Gras und Büschen die fünfeckige Konstruktion der einstigen Wehranlage vorstellen zu können. Doch das Ausmaß des Areals lässt erahnen, welcher Anstrengung es wohl bedurft hätte, diese Festung im Kampf einzunehmen.

Das Fort Letownia liegt wenige Kilometer westlich der Stadt Przemysl im äußersten Südosten Polens und gehört zu einer der größten Festungsanlagen in Europa während des Ersten Weltkriegs. Die österreichische Monarchie hatte sie zum Schutz gegen das Russische Reich errichten lassen. Wegen ihrer günstigen Lage an der Kreuzung zentraler Handelswege hatten die Österreicher Mitte des 19. Jahrhunderts damit begonnen, die Stadt Przemysl mit einem 45 Kilometer langen Festungsgürtel zu umgeben. Er bestand aus mehreren Dutzend Forts, die durch Wälle miteinander verbunden waren. Während die Verteidigungsanlage zunächst nur aus Holz und Stein bestand, kamen 1881 Artillerieforts hinzu, die von einem oder zwei Wällen umgeben waren und selbst Panzerbeschuss standhalten sollten. Letownia war das erste dieser fest gemauerten Forts.

Die größte Belagerung des Krieges

Als die russischen Truppen im September 1914 vor der Stadt standen, kam es, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, zu einer 194 Tage andauernden Belagerungsschlacht. Erst im März 1915, nach mehreren Gegenoffensiven und Ausbruchversuchen, stimmte der österreichische Festungskommandant Hermann Kusmanek einer Kapitulation zu. Zuvor aber hatte er sämtliche Festungsanlagen sprengen lassen ebenso wie Brücken, Geschütze und die verbliebene Ausrüstung. Fast 120.000 Soldaten gerieten in russische Gefangenschaft, darunter mehr als 2000 Offiziere und neun Generäle.

Im Gegensatz zu vielen anderen Forts des Schutzgürtels blieb das Fort XIII in Letownia relativ gut erhalten und wurde an einigen Stellen sogar restauriert. In einem der Räume in den Kasematten stoße ich auf ein kleines Museum. Dort sind Gegenstände aus der Zeit des Festungsbaus und militärische Utensilien aus der Belagerungszeit ausgestellt. Auf einer Karte sind alle Forts der Festungsanlage verzeichnet, gut erkennbar der innere und äußere Gürtel, an denen die Kämpfe zwischen russischen und österreichischen Truppen tobten. Die Dimensionen machen klar, warum die Belagerung als die größte des Ersten Weltkriegs in die Geschichte eingegangen ist.

Wieder draußen im Labyrinth der Hügel und Gänge setze ich mich ins Gras und versuche, mir das Geschehen vorzustellen. 200 Soldaten und fünf Offiziere waren zur Verteidigung allein dieses Forts Letownia abgestellt. Im Geiste setze ich sie in die Unterstände, lasse sie mit schweren Waffen durch die Gräben laufen oder auf dem Hof vor der Kaserne die Verletzten versorgen. Durch die Luft peitscht ohrenbetäubender Kanonenlärm und das Rattern von Maschinengewehrsalven, zwischen denen sich die kurzen Anweisungen der Befehlshaber geradezu leise ausnehmen.

Unvorstellbar

Doch die Vorstellung misslingt - mangels Erfahrung, um die ich niemanden beneide. Die Niederlage in der Schlacht von Przemysl wurde zum Trauma von Generationen, das sich bis zum heutigen Tag in vielen Familien der Stadt tradiert hat. Die sichtbaren Spuren im Festungsring um die Stadt können dabei nur als Kulisse dienen für die Erinnerung. Das Geschehen selbst ist nicht vorstellbar.

Das Ende der Belagerung aber bedeutete keineswegs das Ende der Geschichte des Forts in Letownia. Aufgrund seiner relativ geringen Zerstörung fand es in der Zwischenkriegszeit Verwendung als Munitionslager. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurden in ihm deutsche Truppen stationiert. Die Nazis machten den Ort zugleich zu einer Exekutionsstätte für Polen und Juden. Ein kleiner Obelisk erinnert heute an diese Ereignisse.

Während des Kommunismus diente das Fort schließlich als Weinlager. Nach der Wende wurde es renoviert und soll nun angeblich zu einem Hotel ausgebaut werden. "Die Besucher sollen sich während ihres Aufenthalts mit den Schwierigkeiten des Kasernenlebens vertraut machen können", heißt es in dem Prospekt. Ein allzu zweideutiges Versprechen, wie ich finde. Die Vorstellung, hier in einer der Kasematten übernachten zu müssen, lässt mich aufbrechen. Ein Hotel mit dieser Geschichte verheißt keine erfreulichen Träume.

Zum Weiterlesen:

Matthias Kneip: "Reise in Ostpolen. Orte am Rand der Mitte". Verlag House of the Poets, Paderborn 2011, 226 Seiten.



insgesamt 7 Beiträge
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Fritz Müller, 15.05.2011
1.
der artikel ist an sich interessant, aber an einigen stellen recht flach. schlimmer sind aber ziemlich offenkundige fehler: -neben dem bild steht etwas von "betongebäuden", die bilder zeigen aber offensichtlich ziegelmauerwerk -die anlage sollte schon nach ihrer planung "panzerbeschuss" standhalten können. so eine planung wäre aber im späten 19. jhdt leicht schwierig geworden, weil panzer erst im verlauf des ersten weltkriegs aufkamen und dort auch nicht als artilleriewaffen verwendet wurden. und das sind nur fehler, die mir laien ohne jede nähere recherche auffallen. wer weiss, was da noch so bei näherer suche zu finden wäre...
Andreas Bender, 16.05.2011
2.
Das Fort Letownia hat die Nummer 8 (VIII) und nicht 13!
Erik Bull, 16.05.2011
3.
Bei der erzählerischen Leichtigkeit zu einem interessanten Thema sind, wie mein Vorredner schon festgestellt hat, ein paar Fakten falsch oder gar im Detail verloren gegangen. So wurde einerseits die Festung schon 1915 wieder zurück erobert und andererseits kam es vom 15. bis zum 19. September 1939 zum Massaker von Przemyśl, bei welchem ca. 600 Juden ermordet wurde. Gerade letzterer "Vorfall" wird der lockere Erzählton nicht gerecht.
Iris Burmeister, 16.05.2011
4.
Bei der erzählerischen Leichtigkeit zu einem interessanten Thema sind, wie mein Vorredner schon festgestellt hat, ein paar Fakten falsch oder gar im Detail verloren gegangen. So wurde einerseits die Festung schon 1915 wieder zurück erobert und andererseits kam es vom 15. bis zum 19. September 1939 zum Massaker von Przemyśl, bei welchem ca. 600 Juden ermordet wurde. Gerade letzterer "Vorfall" wird der lockere Erzählton nicht gerecht.
Olaf Nyksund, 16.05.2011
5.
@ Erik Bull: was hat das Verbrechen an Juden von Przemyśl im Jahre 1939 nun genau mit dem Fort Letownia zu tun? Richtig: gar nichts. Warum hätte der Artikel also diese erwähnen sollen? Exakt: hätte er gar nicht. Warum Sie es denn erwähnen, wissen Sie wohl nur alleine.
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