Weltkriegsflucht Die verlorene Retterin

Weltkriegsflucht: Die verlorene Retterin Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Hilde Brinckmann-Schröder

Zu Tode erschöpft wurde Paul Kleff 1944 auf der Flucht vor der Roten Armee an der Kurischen Nehrung im Haus einer jungen Frau aufgenommen. Sein Leben lang war er ihr für die selbstlose Gastfreundschaft dankbar - doch er sollte nie die Gelegenheit bekommen, ihr seinen Dank auszusprechen. Von

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Es war Anfang Oktober 1944, als die russischen Truppen nördlich von Memel bis zur Ostsee und südlich davon bis zum Kurischen Haff vorstieß. Aus der eingeschlossenen Stadt Memel flüchtete wer konnte über die Kurische Nehrung, den einzig verbliebenen Ausweg. Auch ich war darunter – jedoch als Soldat. Die Kriegswirren hatten mich von meiner Einheit getrennt. Zu Fuß oder an übervollen Lastkraftwagen hängend fand ich am späten Abend und todmüde in dem Dorf Pillkoppen an der Kurischen Nehrung ein Nachtquartier. Eine junge Frau, die bereits zwei versprengte Soldaten vor mir aufgenommen hatte, nahm auch mich in ihrem Haus auf.

Hier in Pillkoppen schien an diesem Abend noch tiefer Frieden zu herrschen. Doch von der freundlichen Gastgeberin, die hier mit ihrer kleinen Tochter lebte, erfuhren wir, dass auch dieser Ort von allen Zivilisten bis zum nächsten Morgen geräumt sein müsse. Fast entschuldigend erklärte sie, dass sie wohl die ganze Nacht durch packen müsse. Sie sprach davon so, als sei dies eine ganz normale Reise, die eine Rückkehr offen ließe. Ihrer Tochter zuliebe unterließen auch wir alles, was diesem Aufbruch den Anschein einer dramatischen Flucht hätte geben können. Wir bewunderten die starke Frau: Selbst in dieser Situation kümmerte sie sich noch um ältere Nachbarn, dazu um uns Soldaten und besonders herzlich um ihre liebenswerte Tochter, die sie bald zu Bett brachte.

Wir Soldaten fanden an diesem Abend kaum Worte, die unserer Herbergsmutter hätten Trost oder Zuversicht geben können. Wie auch? Der Krieg hatte sie bereits zur Witwe gemacht. Auch gab sie uns keine Möglichkeit ihr praktisch zu helfen. Denn "das Packen", so sagte sie, "muss ich schon alleine machen". Sie war lediglich einverstanden, dass wir mithalfen, ihr Fluchtgepäck am nächsten Morgen zu den im Ortszentrum bereitgestellten LKW zu bringen.

Ein verpasster Abschied

So legten auch wir Soldaten uns betrübt zum Schlafen nieder. Doch trotz körperlicher Erschöpfung fand ich keine Ruhe. Mir ging durch den Kopf, wie schwer es der Frau fallen musste, in diesen Nachtstunden zu entscheiden, was sie mitnehmen könne und was nicht - das Fluchtgepäck war vom Gewicht und Umfang her streng begrenzt. Ich nahm in dem relativ kleinen Haus ungewollt wahr, wie unsere Wirtin des Öfteren nach ihrer Tochter sah. Doch irgendwann wurden meine wirren Gedanken träger, Realität und Traum vermischten sich, bis mich endlich der erlösende Schlaf auffing.

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Tiefschlaf erwachte, erschrak ich, denn das ganze Haus schien mir wie ausgestorben. Beschämt wurde mir bewusst, dass ich den Aufbruch unserer Gastgeberin verschlafen hatte. In der Küche jedoch traf ich die beiden anderen Soldaten an, die schon abmarschbereit waren und mir auf meine fragenden Blicke hin erklärten, dass unsere Mutter Courage mit ihrer Tochter bereits auf dem Weg nach Westen sei. So war auch ich bald fertig zum Aufbruch.

Der Schlüssel im Brunnen

Der Älteste von uns, ein gestandener, bärtiger Oberfeldwebel mit Orden- und Ehrenzeichen an seiner abgetragenen Uniform, verschloss die Außentür des gastlichen Hauses. Es war der Wunsch unserer Wirtin, erklärte er mir, dass wir den Schlüssel in den Hausbrunnen werfen sollten. Mit dieser Vorstellung wollte sie ihr Heim in Erinnerung behalten. Gemeinsam gingen wir zum Brunnen im Garten, unbewusst schweigend, fast feierlich. Seit Jahren waren wir drei Männer mit Not und Tod vertraut - doch als der Schlüssel ins Wasser platschte, mussten selbst wir uns bemühen, unsere Ergriffenheit zu verbergen. Wir erlebten hier erstmals hautnah, dass das Flüchtlingselend nun auch Deutschland erreicht hatte.

Wir Soldaten trennten uns hier, denn am Ortsausgang stand die Feldgendarmerie, die alle versprengten Soldaten in neu errichtete Kompanien steckte. Wir aber wollten zu den Kameraden unserer jeweiligen Einheit zurück, und alleine schlug man sich dazu besser durch. Mir gelang es noch am Abend dieses Tages. Dieses Fluchterlebnis aber war nur der Anfang einer späteren chaotischen wie dramatischen Flucht von Millionen, die ihren Höhepunkt in den Wintermonaten 1945 im Kessel von Ostpreußen erreichte.

Immer, wenn ich in dieser Zeit als Soldat mit Flüchtenden zusammen traf, dachte ich an unsere Herbergsmutter und an ihre Tochter von der Kurischen Nehrung. Ich hoffte inständig, dass beide schon lange im Westen in Sicherheit sein mögen. Meinen unausgesprochenen Dank an diese selbstlose Frau und Mutter aber trage ich bis heute mit mir herum.

Paul Kleff verstarb am 26. Mai 2010. Seine Aufzeichnungen wurden uns von seinen Hinterbliebenen zur Verfügung gestellt.

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