Weltkriegskindheit Kinderspiel im Kugelhagel

Luftschutzkeller statt Pyjamaparty, Bomberabstürze statt Fernsehen: Als Neunjähriger erlebte Rolf Klüsener den Zweiten Weltkrieg mit dem Blick eines Kindes: wie ein großes Abenteuerspiel. Doch am Ende holte der Schrecken auch ihn ein - auf einer Flucht-Odyssee per Zug unter Tieffliegerbeschuss.


Ich war gerade mal drei Jahre alt, als mein Vater 1939 gemustert und einberufen wurde. Zwecks Ruhmessteigerung des Größten Feldherren aller Zeiten sollte er im Eifelstädtchen Prüm seinen Dienst antreten und für unbestimmte Zeit das sogenannte Kleid der Ehre tragen. Wenig später zog ich mit meiner Mutter in die Mark Brandenburg zu ihrer Schwester, Tante Else. Auf dem Land war es im Krieg weniger gefährlich. Was genau das eigentlich bedeutete, "Krieg", war mir als Dreikäsehoch natürlich noch nicht klar.

Nach Ostern 1942 begann für mich der Ernst des Lebens: Ich wurde in die Volksschule Wustermark eingeschult. Unter dem strengen Blick des Führers an der Wand regierte hier Lehrer Schulz. Auf seinem Stundenplan: deutsche Tugend, deutscher Fleiß, deutsche Ordnung und Pünktlichkeit - nebst Schreiben, Rechnen und Lesen, versteht sich. Jedes Mal am 20. April, wenn Hitlers Geburtstag gefeiert wurde, standen wir stolz vor Lehrer Schulz, im Angesicht des Führers, den rechten Arm zum Deutschen Gruß erhoben, das Horst-Wessel-Lied singend.

Damals schwoll mir und meinen Klassenkameraden vor Stolz die Brust, wenn wir Uniformträger mit einem zackigen und lauten "Heil Hitler" grüßten. Immerhin waren Lehrer Schulz und der Führer für uns Kinder Identifikationsfiguren. Nicht zuletzt deshalb, weil fast allen von uns die Väter fehlten. Die waren schließlich für Führer und Volk, wie man uns sagte, in den Krieg gezogen. Doch obwohl wir unsere Väter vermissten, schienen uns der Krieg und die Veränderungen, die er mit sich brachte, zunächst wie ein großes, aufregendes Abenteuer - bis wir selbst den bitteren Ernst des Krieges am eigenen Leibe erfahren sollten.

Erstarrt vor Hitlers Stimme

Als Rheinländer war ich katholisch erzogen worden. Meine Mutter legte großen Wert auf das tägliche Tisch- und Nachtgebet. Die Evakuierung in die Mark Brandenburg bedeutete für uns gewissermaßen ein Leben in der Diaspora. Nationalsozialistische Repressalien im Hinblick auf unseren Glauben sind mir aus dieser Zeit meiner Kindheit aber nicht in Erinnerung. Zwischen den Fronten - der Kanonendonner war schon deutlich zu hören - feierte ich im April 1945 meine Erstkommunion.

Damals pflegten wir Kinder eine etwas andere Lebensart als heute. Was inzwischen selbstverständlich ist, war damals entweder noch nicht erfunden oder nur wenigen Menschen vorbehalten: Fernsehen, Tiefkühlkost, Supermärkte und Kugelschreiber zum Beispiel. Unsere Ranzen waren aus Hartpappe und geschrieben wurde auf Schiefertafeln mit sogenannten Griffeln. Die Schulranzen waren gut als Wurfgeschosse geeignet. Manchmal ging ein Nasenbein zu Bruch oder die Schiefertafel, manchmal auch beides.

Wir rollerten und spielten Kreisel, wir hüpften aus dem Himmel geradewegs in die Hölle, und wir gierten nach Zitsch-Brausepulver und nach Limo, die für einen läppischen Groschen zu haben war. Wir lauschten dem Bericht der Kriegsgroßereignisse am Volksempfänger, angekündigt durch die sogenannten Siegesfanfaren aus den Präludien von Franz Liszt. Und wenn die schnarrende Stimme des Führers ertönte oder ein Rheinländer namens Goebbels sich zu Wort meldete, erstarrten wir in Ehrfurcht.

Der Krieg schien weit weg zu sein

Als Goebbels am 18. Februar 1943 bei seiner berüchtigten, im Radio übertragenen Rede im Berliner Sportpalast fragte "Wollt ihr den totalen Krieg?" lag die Antwort auf der Hand: "Ja!" Nicht nur ich und meine Klassenkameraden sahen das so, auch Lehrer Schulz, der mit uns über die große Rede sprach.

Zuerst war es spaßig, mit dem Trainingsanzug ins Bett zu gehen, um zwei Stunden später schon wieder im Luftschutzkeller zu sitzen. Angstgefühle waren damit anfangs nicht verbunden. Erst als die Luftschutzkeller wackelten und die Bombeneinschläge immer näher kamen, erst als die ersten zerstörten Häuser und Bombenkrater zu sehen waren, begriff auch ich als Drittklässler den Ernst der Lage. Zunehmend stellten sich mulmige Gefühle ein, wenn es Fliegeralarm gab, und alle angsterfüllt in die Schutzräume und Luftschutzkeller hasteten.

Nichtsdestotrotz übten bei Tag die Bomber große Faszination auf uns aus. In großer Anzahl dröhnten die viermotorigen Maschinen, Kondensstreifen in den Himmel ziehend, in Formation Richtung Berlin, wo sie ihre tödliche Fracht abwarfen. Doch davon merkten wir auf dem Dorf nichts, das alles schien weit weg zu sein. Wie gebannt beobachteten wir auch in der Abenddämmerung Luftkämpfe mit deutschen Jagdflugzeugen oder das fesselnde Schauspiel der Flak-Scheinwerfer, die mit mehrfach gekreuzten Strahlen einen Bomber einfingen, der manchmal auch abgeschossen wurde, was uns zum Jubeln veranlasste.

Flucht unter Fliegerbeschuss

Als ich neun Jahre alt war, 1945, wünschte ich mir nichts sehnlicher als vorzeitig ein "Pimpf" zu werden - ein Mitglied des Deutschen Jungvolks und damit auch ein Teil der Hitlerjugend. Heute vermute ich, dass ich vor allen Dingen die in meinen Augen so schönen Uniformen begehrte. Meine Mutter allerdings sträubte sich gegen meinen Wunsch, sie tat alles, um es zu verhindern. Im Durcheinander des sich auflösenden Großdeutschen Reiches kümmerte es glücklicherweise niemanden mehr, dass meine Mutter in dieser Hinsicht ideologisch nicht ganz vorbildlich war.

Am 29. April 1945 schließlich flohen wir. Meine Mutter und Tante Else, damals Frauen um die 30, hatten Angst vor den herannahenden russischen Soldaten. Warum, konnte ich damals noch nicht verstehen. Heute ist es hinlänglich bekannt. Die Reise zwischen den Fronten sollte von Berlin nach Elmshorn gehen, einem mehr oder weniger zufällig ausgesuchten Ziel. Der Zug geriet unter Tieffliegerbeschuss, Passagiere starben, es gab zu wenig Nahrungsmittel und Trinkwasser und die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal.

In Neustadt an der Dosse wurde die Lokomotivbesatzung getötet. Die Einschüsse der Tieffliegerbordkanonen hörten sich für uns im Zugabteil an, als hätte jemand hart an die Wagentür geklopft. Nach Austausch von Lok und Besatzung ging die Fahrt unter Tieffliegerangriffen weiter. Der Zug hielt auf offener Strecke, und wir fanden hinter den großen Eisenrädern Schutz, sahen die Flugzeuge hochziehen und drehen, in Vorbereitung weiterer Angriffe. Zeit genug, um sich auf die andere Seite des Waggons zu flüchten und in Deckung zu gehen. Tote gab es zum Glück keine mehr. Wir überlebten.

Als der Zug am 7. Mai in Elmshorn neben einem Munitionstransport zum Stehen kam, war die Odyssee zu Ende. Bis zuletzt hatten wir große Angst gehabt, dass noch ein Unglück geschehen könnte. Aber es passierte nichts. Am nächsten Tag, wir hausten noch im Zugabteil, wurde die Kapitulation der Deutschen verkündet, was wir erleichtert vernahmen. Drei Monate später kehrte dann mein Vater aus englischer Kriegsgefangenschaft heim, wie durch ein Wunder vollkommen unversehrt. Es würde mich nicht wundern, wenn ich ihm von meinen Kriegserlebnissen erzählt hätte wie von einem einzigen großen Abenteuer.



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