20 Jahre auf Weltreise In der Ente um die Erde

20 Jahre auf Weltreise: In der Ente um die Erde Fotos
Manfred Müller

Ein halbes Leben in einem winzigen Auto: 1964 wollten zwei deutsche Musiker in einer Ente um die Welt. Nach 20 Jahren kehrte einer von ihnen zurück. Der Abenteurer Manfred Müller feierte in Amerika mit Franz Beckenbauer, wurde in Australien zum TV-Star - und entkam den Vietkong nur knapp. Von

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Für jeden anderen wäre es der blanke Horror gewesen. 12.000 Kilometer in einer 20 Jahre alten Ente durch ganz Afrika, vom Kap der Guten Hoffnung bis ans Mittelmeer. Unterwegs auf kaum befahrbaren Dschungelpisten, vorbei an Milizionären, die bestochen werden wollten. Schlaglöcher verzogen das Chassis der Ente, bis sie kaum noch zu lenken war, in der Wüste versanken ihre viel zu schmalen Reifen ständig im Sand.

Und der Fahrer? Manfred Müller, Rufname Manni, konnte zu diesem Zeitpunkt wegen der heftigen Nebenwirkungen eines Malariamittels vieles nur noch schemenhaft erkennen.

Dennoch war diese Reise für ihn kein Horrortrip. Sondern genau das, wovon er lange geträumt hatte. Denn immer wieder gab es diese ganz besonderen, menschlichen, skurrilen Begegnungen, die für alle Strapazen entschädigten. Auch jetzt wieder, im Frühjahr 1984, kurz vor der algerischen Grenze auf dem Weg zur Sahara-Oase Tamanrasset.

Man muss sich das vorstellen: Da trifft mitten in Afrika ein Mann mit einem urdeutschen Namen einen Franzosen und dessen vietnamesische Freundin. Er läuft zu seinem verstaubten Wagen, holt eine Gitarre von der Rückbank und singt für die Vietnamesin mit süßlicher Tenorstimme eines der bekanntesten Volkslieder ihrer Heimat, intoniert im besten Vietnamesisch. "Da ist die fast umgefallen", erinnert sich Manni Müller und lacht los.

Reisender Kulturbotschafter

Noch verblüffter ist die Vietnamesin, als sie das Heck der Ente entdeckt. Auf dem Kofferraum ist eine große Weltkarte lackiert, bunte Linien durchziehen Amerika, Afrika, Europa, Asien, auch Vietnam. Die Striche markieren Müllers Reiseroute. 19 Jahre ist der Deutsche damals schon unterwegs, und neben der Karte prangt die Aufschrift, die sein Leben in dieser Zeit in vier Worten zusammenfasst: "From Germany with music".

Ein singender Reisender auf Kulturmission: Von 1964 bis 1984 legte Manni Müller 350.000 Kilometer in seiner Ente zurück. Er durchquerte 83 Länder, schaffte den Sprung ins Guinnessbuch der Rekorde, doch viel wichtiger war ihm etwas anderes: "Ich wollte ein guter Gast sein und habe mich immer wie ein Vertreter meines Landes gefühlt", erzählt er. Musikalisch, weltoffen, humorvoll – und kein Hippie. "Die Schuhe waren geputzt, die Haare gepflegt."

Knapp 30 Jahre nach seiner Rückkehr lebt dieser inoffizielle Botschafter im Wohnhaus seines Vaters in Bremerhaven, einem Nachbau eines westfälischen Landhauses. Mit seinen roten Backsteintürmchen ist es so eigenwillig wie sein Bewohner. Manni Müller, inzwischen 72 Jahre, humpelt ein wenig, die lockigen, dichten Haare sind grau geworden. Gesundheitlich ging es ihm schon besser, auch die Rente ist wegen seiner langen Abwesenheit mager. Doch klagen will er nicht.

Abreise mit nur 164 Mark

Schließlich war diese Reise sein Lebenstraum. Und wenn er wie jetzt von seinen Abenteuern erzählt, dann hebt er die Arme, imitiert eine Gitarre, spitzt die Lippen und stimmt ein Lied an. Das weltberühmte Granada etwa, das schon Mario Lanza sang. Eine japanische Volksweise. Oder "Mein Bremerhaven", eine Ode an seinen Geburtsort, die er 1973 im fernen Venezuela komponierte.

Der Stadt hat er tatsächlich viel zu verdanken. Bremerhaven war Standort vieler musikverrückter US-Soldaten, deshalb konnte Müller Ende der fünfziger Jahre Gesangsunterricht bei einer Amerikanerin nehmen. Die verhalf ihm zu einem Auftritt im US-Musical "Brigadoon". Schließlich wurde er Sänger im deutsch-amerikanischen Quartett "The Northwinds", die Folksongs im Stile von Erfolgsbands wie "The Kingston Trio" nach Norddeutschland brachte. Später benannte sich die Gruppe um und sang auf Deutsch, besonders beliebt waren übersetzte Elvis-Nummern.

Ohne diese Erfahrungen hätte Müller es nie gewagt, sich 1964 zusammen mit seinem Freund Paul-Ernst Lührs, ebenfalls gesangsbegabt und reisewütig, einen Citroën 2 CV zu kaufen, um irgendwie die Welt zu umrunden. Mit nur 164 Mark in den Taschen. Doch, so hofften die Abenteurer, die Musik würde sie ernähren, ihnen Türen und Schlagbäume öffnen - und sie zur Not retten.

Ausgeraubt, pleite und glücklich

Danach sah es anfangs nicht aus. Schon einige österreichische Bergpässe konnte die 16-PS-Ente, liebevoll "Difty" getauft, nur rückwärts hochkriechen. Bereits in Jugoslawien war die Reisekasse so leer, dass das Kofferradio verscherbelt werden musste. Und in der Türkei wurden die Reisenden ausgeraubt: Geld, Papiere, Kamera und ein Gewehr waren weg.

Das erste große Erfolgserlebnis verdankten sie ausgerechnet einem Mercedes-Fahrer, der in den Bergen Aserbaidschans liegengeblieben war. Die Deutschen schleppten den Iraner ein Stück ab, der seine Retter im Gegenzug auf die Ländereien seines wohlhabenden Onkels Ibrahim einlud. Jetzt wurde ihre Musik zum Türöffner: Als sie aufspielten, schlug Ibrahim den verdutzten Bremerhavenern vor, sie könnten gerne für immer bleiben.

Doch die Gäste zogen weiter, angetrieben von den Abenteurern des Reisejournalisten Heinz Helfgen, der in den Fünfzigern per Rad um den Globus gefahren war. Dasselbe wollten sie wenigstens mit einer Ente schaffen. Zwei Jahre hatten sie gespart, um 4000 Mark für Difty zusammenzuhaben; einen bequemeren VW-Bulli hatten sie sich nicht leisten können.

Heiße Liebschaften

Difty fuhr und fuhr und fuhr, ausgestattet mit einem Zusatztank im Kofferraum, der die Reichweite auf mehr als tausend Kilometer erhöhte. Und je weiter die Reisenden sich von ihrer Heimat entfernten, umso herzlicher und ungläubiger wurden sie empfangen. Alle wollten plötzlich ihre Musik hören. "Wir merkten schnell, dass deutsche Lieder viel besser ankamen als amerikanische", erzählt Müller. Die Welt bestaunte damals die Bundesrepublik für ihr Wirtschaftswunder, während die USA in vielen Ländern Asiens unbeliebt waren.

Also trällerte das Duo auf Indiens Straßen "Im Frühtau zu Berge", die ARD berichtete in Neu-Dehli über sie und ließ sie zur Belohnung in einem klimatisierten Schneideraum übernachten. Die Deutschen lernten Diplomaten kennen, traten bei offiziellen Empfängen auf, in Hotels, Krankenhäusern oder dem Goethe-Institut. Am liebsten waren sie aber unter einfachen Leuten. "Das sprach sich rum wie ein Lauffeuer: Da kommen die Jungs mit der Ente!", sagt Müller. "Wir spielten auf Partys und bekamen dafür Unterkunft, Essen und unsere Wäsche gewaschen."

Oft auch mehr. Heiße Liebschaften etwa. An 23 kann sich Manni Müller heute noch erinnern, und wenn er mit ihnen etwas durcheinander kommt, ruft er nach Andrea, seiner zweiten Ehefrau, 26 Jahre jünger als er. Die kennt die Details seiner Tagebücher mitunter besser als er, nimmt die wilde Vergangenheit ihres Mannes aber mit Humor. "Heute", sagt sie lachend, "führen wir keine offene Beziehung."

Unter Beschuss des Vietcong

Wichtiger als flüchtige Affären waren den Weltenbummlern damals sowieso echte Freundschaften. Und Kontakte. Leute, die jemanden kannten, der vielleicht weiterhelfen konnte. Mit dem Visum etwa oder der nächsten Übernachtung. Zudem gewöhnten sich die Deutschen an, sich nach jedem Auftritt offizielle Empfehlungsschreiben ausstellen zu lassen.

So bauten sie sich ein weltumspannendes Netzwerk auf, Jahrzehnte vor Facebook und Couchsurfing. Im Zelt schlafen mussten sie fast nie, und manche Kontakte waren Gold wert, etwa die zu den US-Truppen in Vietnam. Nun sangen die "Krauts" wieder auf Englisch, beklatscht von Frontsoldaten. Es gab 150 Dollar für 45 Minuten, bald waren umgerechnet 30.000 Mark verdient. Ungefährlich war das nicht. Einmal gerieten die Musiker unter Beschuss des Vietcong und mussten sich mit einem Sprung in einen Schützengraben retten.

Zeitungen in ganz Asien berichteten über die Abenteurer. Irgendwann interessierten sich auch Lufthansa und Goodyear für sie und sponserten fortan die Reise. Es gab nun professionelle PR-Auftritte, wenn auch ein Veranstalter die Lufthansa mit der Luftwaffe verwechselte, und im australischen Fernsehen traten die Deutschen als "The Happy Wanderers" in gebügelten Anzügen und mit adrett gekämmten Haaren auf, umgarnt von attraktiven Tänzerinnen.

Verprügelt und fast ermordet

Trotz des Erfolgs gab es Probleme. Nach fünf Jahren stieg Paul-Ernst Lührs aus; die Reise hatte die Freundschaft der beiden auf harte Proben gestellt. Allein die Sache mit den Frauen: Zwei freiheitsliebende Männer, die ihre Liebeleien haben, aber es gibt nur ein Auto und ein Ziel, die Weltumrundung - logistisch und emotional nicht unproblematisch. Lührs gründete in Kolumbien eine Reiseagentur und lebt noch heute dort.

Müller reiste alleine weiter, auch dann, als er in Nevada eine Amerikanerin heiratete und Vater wurde. "Ich habe Carol von Anfang an gesagt, dass sie auf einen fahrenden Zug aufspringt", erzählt er. Manchmal reiste das Paar gemeinsam, aber oft pendelte der Deutsche alleine zwischen Süd- und Nordamerika - und manövrierte sich immer wieder in gefährliche Situationen.

In Venezuela etwa wurde er verhaftet und von der Polizei verprügelt, weil seine Interpretation eines nationalen Volksliedes als gewollte Beleidigung missverstanden worden war. In Alaska hingegen war es kein Missverständnis, als er plötzlich ein Gewehr an seiner Schläfe spürte. Der Deutsche hatte zuvor die Nacht mit einer verheirateten Frau verbracht, die ihren gehörnten Ehemann jetzt mit Mühe von einem Mord abhalten konnte.

Rückkehr in ein verändertes Land

Irgendwann beschlich Müller das Gefühl, seine hoffnungslos ausgefranste Reise zu einem Ende bringen zu müssen. Also verschiffte er 1983 seine Ente, inzwischen ein Oldtimer, nach Kapstadt, um Afrika zu durchqueren. Die Ankunft in Bremerhaven plante er für den zweiten Ostertag 1984 - exakt 20 Jahre nach der Abfahrt.

Seine Stadt und er selber hatten sich drastisch verändert, aber das zählte in diesem Moment nicht. "Ich kam mit dem schönen Gefühl zurück, das geschafft zu haben, was ich mir vorgenommen hatte." Kurz danach schloss er seinen Vater, ergraut und hager, zum ersten Mal seit 1964 in die Arme.

1999, trieb es den Entenbummler noch einmal in die Ferne. Erneut umrundete er mit einem Freund in seinem alten Citroën die Welt, diesmal allerdings in genau 80 Tagen. Ob er noch einmal losfahren würde? Manni Müller schmunzelt. Nein, sagt er dann entschieden, er sei dankbar, so viel Glück gehabt zu haben, das dürfe er nicht überstrapazieren. Außerdem habe er seine geliebte Frau hier, seine Freunde, seine Musik. Der Weltenbummler, so scheint es, hat endlich seine Heimat gefunden.

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insgesamt 15 Beiträge
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1.
Martin Bolz, 03.09.2012
Ich kann mich erinnern, die Geschichte schon einmal in den 1980er-Jahren in auto,motor und sport gelesen zu haben. Dort wurde damals auch erwähnt, daß er die Story Citroen angeboten hat. Zitat von damals seitens Citroen: ' Kein Interesse; Wenn Sie das jetzt mit einem Visa gemacht hätten....' ( man beachte die Zeitspanne der Reise, und die Einführung des Modells Visa ) Es scheint schon damals derselbe Menschenschlag an den Schaltstellen der Konzerne gesessen zu sein, wie heute.
2.
Deter Roosu, 03.09.2012
Bereits Ende der 50er Jahre fuhr ein damals junges Paar (Marlotte und Peter Backhaus) zunächst mit einem GOGGO-Coupé in vier Jahren um die Welt bzw. ab Amerika dann mit dem größeren Glas 700. Das Buch ist im Christian-Verlag erschienen, der Film (die DVD wurde aus dem Film gemacht) dazu wurde leider auf Veranlassung der sponsernden Firma GLAS un-historisch modifiziert. Trotzdem alles SEHR lesenswert, und auch sehr lehrreich. Und mindestens genauso exotisch wie die hier geschilderte Weltreise!
3.
Olaf Möller, 03.09.2012
Tja, die gute gute gute alte Ente, mein Herz geht auf... Die hatte unsere WG in Hamburg in den 70er Jahren auch. U.n.v.e.r.w.ü.s.t.l.i.c.h von Hamburg in die Pyrenäen und natürlich zurück. Mehrfach. Und natürlich in der Stadt. Dieser unverwechselbare leicht jaulige Klang bei Hochdrehen. Ein so unendlich unkompliziertes Auto, mit zwei Größen Schraubenschlüssel und zwei Arten Schraubenziehern, zwei Metern Kabel und ggf. Isolierband und einem Taschenmesser überall zu reparieren. Der R 4 (Renault) war ähnlich. Da kommt nur noch Willy's Jeep drüber (vielleicht auch nicht). Die Ente ist jedenfalls ganz klar ein Symbol einer längst vergangenen Epoche. Schwärrrmm ohn' Unterlaß... Dank an den Autor und Citroen.
4.
thorsten krach, 03.09.2012
Danke für diesen sehr interessanten Bericht, der außerordentlich angenehm geeignet ist, Fernweh zu erzeugen.
5.
Michael Krause, 03.09.2012
Ach, ich denke, die beiden Weltreisenden haben das schon richtig gemacht, 20 Jahre die Welt anschauen, Abenteuer hoch drei, wenn jetzt im Alter die Rente auch schmal sein sollte..... das was er erlebt hat, kann ihm keiner mehr wegnehmen.... Andere haben ihr Leben lang von solchen Reisen geträumt, sich nicht getraut, statt dessen gepuckelt, jetzt im Alter tun alle Knochen weh und nichts ist mehr mit reisen....
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