Weltrekordfahrt Rakete im Tiefflug

Ein Cockpit wie im Düsenjet, der Motor ein Raketenantrieb: 1970 fuhr Gary Gabelich als erster Mensch mit einem Auto schneller als 1000 Stundenkilometer. Es war der vorläufige Höhepunkt eines wahnsinnigen Wettbewerbs - dessen Protagonisten ihren Temporausch oft genug mit dem Leben bezahlten.

Corbis

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War es noch ein Auto? Oder schon eine Rakete? Als Gary Gabelich am 23. Oktober 1970 in der Salzwüste von Utah in sein stahlblaues Gefährt kletterte, dürften ihm solch technisch-philosophischen Fragen ziemlich egal gewesen sein. Ihm ging es nur um eines: Er wollte der schnellste Mann auf Erden werden. Und er wollte diese verdammte dritte Null schaffen.

Noch nie war es einem Mensch gelungen, mit einem Landfahrzeug auf mehr als 1000 Stundenkilometer zu beschleunigen. Der Geschwindigkeitsrekord, den Gabelich zu knacken hatte, lag bei 966,96 km/h, aufgestellt fünf Jahre zuvor vom Briten Craig Breedlove. Doch Gabelich wusste: Es würde nicht reichen, die alte Marke einfach um ein paar Stundenkilometer zu übertrumpfen. Sein Ruhm hing von der dritten Null ab.

Hochkonzentriert zwängte sich der Amerikaner also an diesem Oktobertag vor vierzig Jahren in sein elfeinhalb Meter langes, bleistiftförmiges Gefährt namens "Blue Flame". An ein Auto erinnerten nur noch die drei Räder. Sein Arbeitsplatz sah aus wie ein Flugzeugcockpit, der Motor war in Wahrheit ein Raketenantrieb mit 58.000 Pferdestärken, der Treibstoff kein Benzin, sondern ein Gemisch aus flüssigem Erdgas und Wasserstoffperoxyd - und der Start glich einem Abschuss ins Weltall.

Genialer PR-Coup

Der Flug über den Boden war allerdings schon nach wenigen Sekunden vorbei. Nach nur einer gefahrenen Meile löste Gabelich den Bremsfallschirm aus, der die Scheibenbremsen bei der Verzögerung seines fast drei Tonnen schweres Geschosses unterstützte. Er hatte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 1001,474 km/h erreicht - Grund zum Jubeln gab es trotzdem nicht. Um die Auflagen für einen offiziellen Weltrekord zu erfüllen, hätte er dieselbe Strecke binnen einer Stunde wieder zurückfahren müssen - erst aus dem Schnitt beider gemessener Geschwindigkeiten ergibt sich der Weltrekord, so sehen es die Regeln vor. Doch weil ein Ventil streikte, blieb die Rückfahrt aus - seinen Eintrag in das Guinness-Buch konnte Gabelich vergessen.

Fünf Tage später dann doch der Triumph: Der Amerikaner raste mit seinem Raketenauto innerhalb von sechzig Minuten in beide Richtungen der Messstrecke. Er toppte dabei sogar seine alte Marke und kam nun auf 1001,667 km/h. Das brachte ihm den Ruhm - und der amerikanischen Gasindustrie die erhoffte Aufmerksamkeit.

Denn der Wahnsinnsritt war vor allem auch ein sorgfältig inszenierter PR-Coup. Drei Jahre hatten Ingenieure der kleinen Spezialfirma Reaction Dynamics an dem Rekordfahrzeug gebastelt. Ihr Auftraggeber war die American Gas Association, die den erdölverliebten Amerikanern auf spektakuläre Weise die Kraft des Erdgases demonstrieren wollte. "Blue Flame" war das weltweit erste Raketenauto, das mit Gas statt mit Kerosin beschleunigt wurde - und das sollte selbst für jeden Laien schon beim Start sichtbar werden: Die Rückstoßflamme würde blau statt orange aufleuchten.

Auf der Suche nach Mr. Gas America

Am Anfang des Werbefeldzug stand aber eine Tragödie: Der Fahrer Chuck Suba, der bereits einen Vertrag unterschrieben hatte, starb bei einem Dragster-Rennen. Die Suche nach einem Nachfolger wurde kompliziert, weil den Auftraggebern auch Qualitäten abseits der Rennpiste wichtig waren. "Nach Chucks Tod wollte die Gasindustrie einen Fahrer, der TV-Interviews geben und 'Mr. Gas America' sein könnte", erinnert sich Pete Farnsworth, einer der Konstrukteure von "Blue Flame" in einem Interview. "Es sollte eine dynamische Persönlichkeit sein."

Der Kreis solcher Kandidaten war überschaubar, selbst wenn in den sechziger Jahren die Popularität der Hochgeschwindigkeitsautos auf ihrem Zenit stand. Tüftler hatten sich die ersten Modelle noch selbst zusammengezimmert. Binnen weniger Jahre purzelten die Rekorde in immer kürzeren Abständen: Donald Campbell beschleunigte in seinem vier Tonnen schweren "Bluebird" im Juli 1964 auf 690 km/h. Art Arfons überbot das nur wenige Wochen später: In seinem berühmten "Green Monster", das mit dem gleichen Triebwerk ausgerüstet war wie der US-Kampfjet "Starfighter", fuhr er mehr als achthundert km/h. Und nur ein Jahr später raste Craig Breedlove mit 966 Sachen über die Salzwüste in Utah.

Doch gerade Rennlegende Breedlove, der bereits fünf Rekorde aufgestellt hatte, kam als Pilot der "Blue Flame" nicht in Frage. Wieso sollte er seinem eigenen Fahrzeug, der "Spirit auf America" Konkurrenz machen? Zudem konnte er schlecht für die Gasindustrie werben, wenn sein Sponsor Erdölgigant Shell war.

"Unsere erste Wahl fiel auf Don Garlits", verrät Konstrukteur Farnsworth dem Journalisten Cole Coonce, Verfasser des Buches "Infinity over Zero". Eine verständliche Wahl: Don Garlits wird bis heute als der Vater der amerikanischen Dragster-Rennen verehrt, bei denen aufgemotzte Rennwagen auf einer Kurzstrecke von 400 Metern gegeneinander antreten. "Wir konnten niemanden fragen, der sich besser mit Autos ausgekannt hätte", sagt Farnsworth.

"Wahnsinn auf vier Rädern"

Der spektakuläre Deal klappte. Garlits sagte zu, doch dann sprang er völlig überraschend wieder ab - angeblich wegen Konflikten mit seinen Sponsoren. Und das ausgerechnet unmittelbar vor einer lange angekündigten Pressekonferenz, bei der auch der Fahrer von "Blue Flame" vorgestellt werden sollte. In Windeseile wurde nun nach Alternativen gefahndet. Eher durch Zufall stieß man auf Gary Gabelich. Der hatte zwar schon als Jugendlicher Dragster-Rennen gefahren und sogar schon mit 19 Jahren einen Raketenwagen auf 572 km/h beschleunigt, war der Öffentlichkeit aber weitestgehend unbekannt.

Dabei brachte Gabelich die besten Vorraussetzungen mit: Jahrelang hatte er für den US-Flugzeughersteller North American Rockwell gearbeitet, der die Technik für das Apollo-Programm der Nasa entwickelte. Freiwillig soll er sich sogar zu Testzwecken in einer Apollokapsel aus rund 10.000 Meter Höhe gestürzt haben. Für die anspruchsvollen Sponsoren zählte freilich noch ein anderes Argument: "Er sah gut aus", erinnert sich Farnsworth. "Er war Kandidat bei der TV-Show 'The Dating Game' und die Mädchen rissen sich um ihn." Schnell habe auch die Gasindustrie den Eindruck gehabt, dass "dieser Typ nicht nur den Job, sondern auch die PR" erledigen kann.

Mit seinem spektakulären Rekord setzte Gabelich einen vorläufigen Endpunkt unter eine wahnwitzige Jagd nach Rekorden, die gut 70 Jahre zuvor begonnen hatte: 1898 hatte der Graf Gaston de Chasseloup-Laubat den ersten Weltrekord für Landfahrzeuge aufgestellt - mit seiner elektrifizierten Kutsche fegte er mit 63,15 km/h über die Straßen. Damit hatte der Franzose den Startschuss für ein Dauerduell mit seinem belgischen Rivalen Camille Jenatzy gegeben. Die Rekorde fielen nun in Wochenabständen, bis schließlich der Belgier als Erster 1899 die magische Barriere von hundert Stundenkilometern durchbrach. Damit sei dieser "Wahnsinn auf vier Rädern", wie es eine französische Zeitung nannte, hoffentlich beendet.

Todesfahrt des Geschwindigkeitsjunkies

Doch auch danach schraubten Tüftler so lange an ihren Wagen, bis sie immer unglaublichere Marken durchbrachen: 200, 300, 400, 500 Stundenkilometer. Der Brite John Cobb beschleunigte 1947 sogar auf 634 km/h - und erreichte damit die absolute Leistungsgrenze der konventionellen Verbrennungsmotoren. Danach begann das Zeitalter der Raketenautos, die mit Jet-Triebwerken noch weit schneller fuhren - und den bisherigen Nobody Gabelich im Oktober 1970 zu ihrem neuen König machten.

Der neue Rennstar glaubte sogar, mit einer verbesserten Version von "Blue Flame" mehr als 1150 Stundenkilometer fahren zu können - und damit als erster Mensch auf dem Landweg die Schallmauer zu durchbrechen. Doch die Konstrukteure, die ursprünglich genau das vorgehabt hatten, aber aus Kostengründen kein zweites Triebwerk am Wagen montiert hatten, realisierten diese kühne Vision nicht mehr. Es gab keinen Nachfolger von "Blue Flame".

So musste Gabelich seinen Geschwindigkeitsrausch bei Dragster- und Bootrennen ausleben. Zweimal überlebte er nur mit Glück schwere Unfälle. Bei einem verlor er seine rechte Hand, die aber wieder angenäht werden konnte. Am 4. Oktober 1983 dann nahm ihm der Brite Richard Noble den Weltrekord ab. Am Steuer seiner "Thrust2" überbot er Gabelichs Bestmarke um 15 Stundenkilometer.

Nicht einmal drei Monate später starb der gestürzte Geschwindigkeitsheld im kalifornischen Long Beach. Mit seinem Motorrad fuhr Gabelich in einen Laster - "mit hohem Tempo", wie die Polizei der Öffentlichkeit mitteilte.

Zum Weiterlesen:

Cole Coonce: "Infinity Over Zero: Meditations on Maximum Velocity", Kerosene Bomb Publishing 2002.



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