Wembley-Tor "Is goal, goal, goal!"

Drin? Nicht drin? Vor einem halben Jahrhundert fiel das Wembley-Tor. Wollte sich der sowjetische Linienrichter an den Deutschen rächen?

AFP

Von Udo Muras


Der Name des Mannes, der ihn um den Weltmeistertitel brachte, kam Uwe Seeler nicht leicht über die Lippen. "Na, wie hieß der Typ denn?", stammelte er 1990 ratlos im Gespräch mit dem "Kicker". "Alibrow, Bratinow, Babitschow?"

Der Mann hieß Tofik Bachramow, kam aus Aserbaidschan und schwenkte als Linienrichter im wichtigsten Spiel im Leben Seelers eine orangefarbene Fahne. Am 30. Juli 1966 fiel in London das längst mystische Wembley-Tor im WM-Finale. Es sollte Spiele zwischen Deutschland und England erst zu Klassikern machen und wurde zum Inbegriff umstrittener Tor-Entscheidungen.

Eine Frage des Glaubens

Diese Zeit ist vorbei. Die moderne Torlinientechnik, die sich die Deutschen schon nach Wembley gewünscht hätten, beraubt den Fußball mittlerweile seiner letzten Geheimnisse. Die Frage "Drin oder nicht drin?" muss heute kein Linienrichter mehr beantworten - jedenfalls nicht bei Welt- und Europameisterschaften oder in der Bundesliga.

Tofik Bachramow aus der damaligen Sowjetunion aber musste damals entscheiden über Sieg oder Niederlage in der 101. Minute dieses epischen Finales, das nach 90 Minuten erst durch ein Last-Minute-Tor des Kölners Wolfgang Weber in die Verlängerung gegangen war. Seit diesem Moment, exakt nach 100 Minuten und 12 Sekunden, als der Engländer Geoff Hurst freistehend aus fünf Metern die Latte des deutschen Tores traf, stehen Fußballhistoriker vor zwei Rätseln, die sie nicht mehr lösen können. Und genau das lässt den Mythos weiterleben.

Die wichtigste Frage ist eine Glaubensfrage: Drin oder nicht? Dass der Ball nicht hinter der Linie aufschlug, bezweifeln heute nicht mal mehr die Engländer. Die Fotos sind deutlich. Aber vielleicht war er ja irgendwie in der Luft im Tor? Oder gar unter der Latte im straff gespannten Netz eingeschlagen? So wollte es Bundespräsident Heinrich Lübke gesehen haben, und so beschrieb es Bachramow 1967 in einem Interview.

Es gibt heute immer noch zwei Meinungen, auch neue Technik ändert daran nichts. Computersimulationen von zwei Metallbauingenieuren aus Oxford brachten 1995 angeblich den Beweis, dass der Ball nicht drin war. Im Januar 2016 kam der englische Sender "Sky" mit Hilfe einer Virtual-Reality-Technologie zum gegenteiligen Ergebnis - jenem, das die ganze Nation hören wollte. Jamie Carragher, Ex-Nationalspieler im Dienste des Senders, sagte zufrieden, nun sei "ein für alle Mal" bewiesen, dass der Ball die Linie überschritten habe. Dabei hatte zwischenzeitlich selbst Torschütze Hurst eingeräumt, der Ball könne nicht drin gewesen sein.

Und so gilt seit 50 Jahren: Nichts ist belegt. Das führt zur zweiten offenen Frage: Warum signalisierte Bachramow dem Schiedsrichter ein Tor, indem er auf den Mittelkreis zeigte?

In seiner Heimat wurde der spätere Generalsekretär des aserbaidschanischen Fußballverbands fast kultisch verehrt. 2009 wurde in der Hauptstadt Baku eine riesige Bronze-Statue vor dem nach ihm benannten Tofik-Bachramow-Stadion eingeweiht. Mit solchen Denkmälern hatte man zu Sowjetzeiten eher an Kriegshelden erinnert.

Für Außenstehende blieb Bachramow dagegen eine dubiose, widersprüchliche Gestalt. Der Physiklehrer war 1966 schon 41 - und wirkte noch älter. Die BBC verglich ihn mit einem alternden Konzertpianisten und in einem WM-Buch von 1966 hieß es, er stolziere "wie ein Opa" über das Feld.

Fußball als Politikum

Vor dem Finale hatte er nur ein Spiel geleitet und dabei der Schweiz beim 1:2 gegen Spanien ein Tor verweigert - ausgerechnet auf Zuruf seines Linienrichters. Da die sowjetische Mannschaft im Halbfinale von den Deutschen geschlagen wurde, kam er als Schieds- oder Linienrichter für das Finale in Frage.

Erst 1999 kam heraus, dass Bachramow bei der Entscheidungsfindung etwas nachhalf. Das behauptete zumindest sein Landsmann Nikola Latyschew, 1966 ein Fifa-Funktionär: "Er wollte unbedingt bei einem WM-Endspiel dabei sein und bat mich um Hilfe. Da wir aber aus demselben Land kamen, dachte ich, dass ich ihn nicht unterstützen könnte. Es gab im Komitee einen Mann aus Malaysia. Bachramow ging also zu ihm. Soweit ich mich erinnern kann, machten zwei Dosen Kaviar den Handel perfekt."

Koe Ewe Teik hieß der Mann, der womöglich Bachramow den Weg ins Finale öffnete. Als die Geschichte bekannt wurde, waren beide schon verstorben. Sie belegt nicht Bachramows Parteilichkeit, aber sie nährt Zweifel an seiner Redlichkeit: Zu Hochzeiten des Kalten Krieges war selbst Fußball politisch.

Widersprüche über Widersprüche

So hießen etwa die von der Akkreditierung ausgeschlossenen Reporter der DDR-Zeitungen einhellig Bachramows Entscheidung gut. Die "Junge Welt" erkannte (vom Fernseher aus): "Der Ball sprang hinter die Torlinie und dann durch Effet-Wirkung wieder ins Feld." Dass der deutsche Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, den Ball nicht im Tor sah, brachte ihm eine Breitseite des SED-Organs "Neues Deutschland" ein: "Damit war er zum Kronzeugen der kalten Fußballkrieger aufgerückt, und es erscheint mehr als zweifelhaft, wie Daume seine Mitgliedschaft im IOC mit solchen Redensarten vereinbart."

Am zweifelhaftesten aber verhielt sich Bachramow. Kurz nach dem Turnier kam es zum Zerwürfnis mit dem Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst. Der hatte nach dem Lattenschuss schon auf Eckball entschieden, weil Weber den Ball danach übers Tor geköpft hatte. Von englischen Spielern bedrängt, ging Dienst zu Bachramow und fragte ihn auf Deutsch, ob es ein Tor gewesen sei. Dienst: "Er bejahte. Da blieb mir nichts anderes übrig, als zur Mitte zu zeigen." Die überlieferte Antwort erfolgte übrigens auf Englisch: "Is goal, goal, goal."

Doch kurz danach erzählte Bachramow dem jugoslawischen Reporter Vasa Stojkovic, er habe Dienst nur "daran erinnert, dass er ja selbst Tor gepfiffen habe." Als Dienst dies erfuhr, wurde er wütend: Wenn dem so gewesen sei, warum sei Bachramow dann nicht gleich zum Mittelkreis gelaufen? "Mit seiner unentschlossenen Haltung machte Bachramov also den Schiedsrichter noch unsicherer", kommentierte das "Sport Magazin" und fragte: "Log Bachramow?"

Spielentscheidung nach Bauchgefühl

Das lässt sich nicht klären. Bachramow widersprach sich jedenfalls immer wieder. Am Tag nach dem Finale traf er zufällig Dienst. Mit den Händen formte er die Umrisse eines Balles - eine Geste, die Dienst zeigen sollte, der Ball sei mit vollem Umfang im Tor gewesen.

1967 wiederum erzählte Bachramow der italienischen "Corriere dello Sport": "Ich habe nicht gesehen, dass der Ball im Tor war. Aber ich sah, wie der Engländer Hunt nach dem Schuss von Hurst seine Arme hochriss. Ich sah auch, dass der deutsche Torwart einen untröstlichen Eindruck machte. Deshalb muss es Tor gewesen sein."

Lange nach Bachramows Tod brachte sein Sohn Bakhram 2011 in der Zeitschrift "11 Freunde" diese Version in Umlauf: "Egal, wo er war, er gab immer die gleiche Antwort: 'Der Ball berührte das Netz und fiel ins Tor.' Und das ist ja auch bestätigt worden, als die Technik verbessert wurde." Wenn Patriotismus den Blick verstellt, bleibt die Objektivität auf der Strecke. Im Netz ist der Ball nie gewesen.

Viele Zeitzeugen glaubten damals hingegen: Es musste ein Tor gewesen sein, weil die Bundesrepublik einfach nicht gewinnen durfte.

Rätsel vom Totenbett

Kurz vor seinem Tod im März 1993 soll Bachramow auf die Frage, warum er sich bei seiner Entscheidung so sicher gewesen sei, einmal ganz anders geantwortet haben - und das Wort "Stalingrad" sei dabei gefallen. Wer genau die Frage stellte und wie die komplette Antwort hieß, ist nicht bekannt. Nur eben dieses Stichwort: Stalingrad. Das klang nach Rache.

Die nachgeschobene Begründung von Bachramows Sohn im "Elf Freunde"-Interview liest sich merkwürdig, aber etwas diplomatischer: "Die Schlacht von Stalingrad ist in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs als vorentscheidender Kampf bekannt. Nach dieser Schlacht kam die Wende. Das ist die Weltgeschichte, das ist die Wahrheit. Deshalb sagte mein Vater 'Stalingrad', weil das Tor im WM-Finale ebenfalls die reine Wahrheit ist."

Ob sich da nicht eine andere Metapher für "Wahrheit" hätte finden können, fragten sich hingegen alle, die Bachramow für jemanden hielten, der sich revanchieren wollte für den deutschen Sieg gegen die Sowjetunion im Halbfinale. "Ein russischer Linienrichter schenkte England die Fußballweltmeisterschaft. Die Hauptschuld an diesem traurigen Ende, an diesem Skandal, den das Spiel nicht verdient hatte, trägt die Fifa", unterstellte etwa der "Kicker".

Erst mit den Jahren legte sich die Erregung. Aus dem Skandal wurde ein Mythos, und allen Beteiligten stiegen zu kleinen Helden auf. Hans Tilkowski etwa, der deutsche Torwart, ist heute 81 und muss noch immer Fragen nach dem dritten Tor beantworten. Seine Biografie trägt einen passenden Titel: "Und ewig fällt das Wembley-Tor".

Im Video - Erinnerungen an das Wembley-Tor:

imago
insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Olivier Steiger, 30.07.2016
1. Is goal!
Sollte der Ball tatsächlich nicht komplett hinter der Linie gewesen sein, dann um zwei, drei Zentimeter. Solche Tore werden auch heute noch gegeben. Aus der Perspektive eines Linienrichters ist so ein Ball im Tor. Das "Wembleytor" sagt sehr viel über die deutsche Mentalität aus. Welches andere Volk jammert denn 50 Jahre später noch über ein verlorenes Fussballspiel ...
Vorname Nachname, 30.07.2016
2. Mythos und Mystik
War es nun ein mystisches Tor, oder ein mythisches?
Peter Müller, 30.07.2016
3. Denkmal
Als das Denkmal für Bachramow in Baku eingeweiht wurde, hatte man auch den "Torschützen" Geoff Hurst eingeladen. Hurst fuhr auch hin. Darauf angesprochen, äußerte sich Hursts Gegenspieler Horst-Dieter Höttges, der legendäre Eisenfuß, wie folgt: "Ich wäre auch hingefahren, mich hat bloß keiner eingeladen."
Max Fischer, 31.07.2016
4. Genau so war es!
Der sowjetische Linienrichter hasste die Deitschen und die Marsianer wollten Tschland einfach ärgern! Ey: Blödes Glück gehört zu diesem Sport! Tschland hätte bei der letzten WM glatt gegen Costa Rica verloren. Ebenso gegen Kolumbien. Aber mit Glück mussten sie nicht gegen diese Mannschaften spielen und wurden, unverdienter Massen, Weltmeister. Der Titel hätte den beiden anderen Mannschaften gebührt. Also: Ball schön flach halten, danke!
Werner Mueller, 31.07.2016
5. Deutschfeindlich?
Welches andere Volk jammert denn 50 Jahre später noch über ein verlorenes Fussballspiel ... Z. B. die Ungarn und für die sind es jetzt schon 62 Jahre seit dem WM-Finale von Bern.
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