Brandanschläge auf Berliner Mauer "Was für ein Scheißland!"

Mit Bolzenschneidern und Molotowcocktails attackierten vier frühere DDR-Bürger 1989 die Berliner Mauer. Hier berichtet Raik Adam, wie es zu den gefährlichen Aktionen kam, die er nun in einem packenden Comic erzählt.

Dirk Mecklenbeck

Ein Interview von


Zur Person
  • privat
    Die Liebe zum Heavy Metal verband Raik Adam, seinen Bruder Andreas, Dirk Mecklenbeck und Heiko Bartsch. Und allein diese Musik machte die vier Freunde aus Halle für die Stasi verdächtig. Raik Adam legte sich mit der FDJ an und durfte 1986 als erster in den Westen ausreisen; die anderen drei folgten Anfang 1989. In West-Berlin feierten sie - und planten militante Aktionen gegen die verhasste Mauer. Die "Stiftung Berliner Mauer" hat diese ungewöhnliche Geschichte jetzt als Graphic Novel veröffentlicht, gezeichnet und geschrieben von den Aktivisten selbst.

einestages: Herr Adam, als unangepasster Heavy-Metal-Fan legten Sie sich in der DDR früh mit der Obrigkeit an. Jetzt erzählen Sie in einem Buch von dieser Rebellion, die in Brandanschläge auf die Berliner Mauer mündete. Ist es eine späte Rache am Regime?

Adam: Rache, so würde ich das nicht nennen. Fast 30 Jahre nach dem Mauerfall darf man ruhig ein bisschen entspannt bleiben.

einestages: Warum dann dieser Comic, aus dem sich auch viel Wut auf die DDR herauslesen lässt?

Adam: Wir wollen dieser elenden Rehabilitierung der DDR etwas entgegensetzen. Es gibt ja leider viele Eltern, die ihren Kindern heute erzählen: "Klar durften wir das eine oder andere damals nicht, aber im großen Ganzen war die DDR doch eine kommode Diktatur." Eine Graphic Novel erreicht junge Leute. Und denen möchten wir erzählen, dass es für Jugendliche wie uns damals ziemlich bescheuert in der DDR war.

Fotostrecke

34  Bilder
Die Mauerkrieger: "Das Fanal brennt!"

einestages: Die Sprechblasen haben Sie getextet und finden für dieses Lebensgefühl teils drastische Worte - etwa: "Was für ein Scheißland!"

Adam: Wir wollten unseren einstigen Sprachduktus 30 Jahre später noch einmal abrufen. Ich habe deshalb zum Beispiel darauf verzichtet, von der DDR zu reden, denn wir haben immer nur von der "Zone" gesprochen. Und ja, "Scheißland" - das unterschreibe ich heute noch ganz dick. Vielleicht sogar noch dicker. Denn inzwischen wissen wir aus den Stasi-Akten viel mehr über die Verbrechen des Systems als damals.

einestages: Erinnerungen können sich mit der Zeit verzerren. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie Ihre Rebellion gegen den Staat nachträglich glorifizieren und überdramatisieren?

Adam: Genau darüber haben wir viel geredet und uns untereinander oft hinterfragt: War das wirklich so? Seht ihr das auch so? War das in etwa meine Wortwahl? Wir haben uns viele alte Fotos und Videos angeschaut, besonders natürlich die Aufnahmen, mit denen wir unsere Aktionen gegen die Berliner Mauer dokumentierten. Außerdem habe ich erneut unsere Stasi-Akten beantragt. So haben wir genauestens rekonstruiert: Wie bewertete die Stasi unsere Aktionen - und wie haben wir sie damals empfunden und durchgeführt? Aus diesem Zusammenspiel konnten wir unsere Geschichte sehr authentisch erzählen.

einestages: Zu den Aktionen zählten Anschläge auf die Berliner Mauer. Da ging schon mal, wie in der Nacht auf den 13. August 1989, ein DDR-Wachturm in Flammen auf. Was wollten Sie damit bezwecken?

Adam: Ein brennender Wachturm mitten in Berlin, das war ein Fanal. So etwas wirkte im Westen wie im Osten, und der DDR-Grenzsoldat kann es auch nicht einfach ignorieren. Das spricht sich in der Kompanie rum, das wird in der Stasi für Wirbel sorgen. Wir wollten Druck auf das System aufbauen, Unruhe verbreiten. Vom Westen aus gab es meiner Meinung nach keinen Druck. Dort wurde die Mauer komplett ignoriert. Für uns aber war sie ein Symbol. Ein brutales Symbol. Ich war auch auf Demos und habe geholfen, Flugblätter mit Ballons über den Todesstreifen treiben zu lassen. Aber das brachte eigentlich nichts, die Flugblätter wurden abgefangen, fertig.

einestages: Also haben Sie sich für eine eher militante, anarchische Strategie entschieden.

Adam: Ja, wir wollten diese Mauer und alles, wofür sie stand, schädigen. Das war kein Abenteuertum, sondern eine ganz konkrete Aversion gegen dieses Bauwerk und die politischen Verhältnisse. Von Perestroika wollten die DDR-Kader doch nichts wissen.

einestages: In der Graphic Novel haben Sie das so getextet: "Mit unseren Attacken setzen wir die Routine im Todesstreifen außer Kraft. Wir nerven, provozieren und lassen die nicht zu Ruhe kommen."

Adam: Das trifft unsere Ambitionen. Noch im Januar 1989 hatte sich ja Erich Honecker hingestellt und gesagt: "Die Mauer wird noch in 50 und auch in 100 Jahren bestehen bleiben." Das zog uns die Schuhe aus! Der zweite Anlass für unsere Aktionen waren die ersten Demonstrationen an der Nicolaikirche in Leipzig. Jetzt passierte endlich was. Im Osten steckte die Revolution in den Kinderschuhen. Wir wollten ihr vom Westen aus helfen.

einestages: In den Zeichnungen sieht man Molotowcocktails durch die Nacht fliegen, vermummte Männer machen sich mit Bolzenschneidern an den Zäunen Berliner Grenzanlagen zu schaffen. Verherrlichen Sie so nicht Gewalt?

Adam: Nein. Wir waren uns damals der Gefahren bewusst und stilisieren uns auch nicht als Draufgänger. Unsere Sorgen finden sich ebenso im Comic, zum Beispiel: "Hoffentlich läuft die Sache nicht aus dem Ruder." Ich denke, uns ist ein Spagat gelungen. Wir verherrlichen keine Gewalt, sondern erzählen von jungen Leuten, die sich gegen die DDR positioniert haben, wenn auch mit militanten Mitteln. Diesen Weg muss nicht jeder gut finden.

einestages: Sie hätten Grenzsoldaten gefährden können.

Adam: Wir haben sie vorher gewarnt und gerufen: "Achtung, gleich wird es hell und heiß!" Wir wollten niemanden gefährden und hatten es allein auf die Sperranlagen abgesehen.

einestages: Umgekehrt setzten Sie sich selbst großer Gefahr aus.

ANZEIGE
Dirk Mecklenbeck, Raik Adam:
Todesstreifen

Aktionen gegen die Mauer in West-Berlin 1989 (Graphic Novel)

Ch. Links Verlag; 96 Seiten; 10,00 Euro.

Adam: Ja, unser Angriff auf den Zaun in der Kiefholzstraße war absolut leichtsinnig. Ein Grenzer hatte schon seine Waffe auf uns angelegt. Vielleicht wollte der schießen, doch sein Kamerad drückte ihm das Gewehr nach unten. Es hätte schlimm für uns ausgehen können. Das ist im Buch nicht übertrieben, sondern absolut authentisch beschrieben.

einestages: Die Graphic Novel endet mit Neonazis, die kurz nach der Wende in Halle aufmarschieren. Die letzte Sprechblase lautet: "Wir gehen doch den Rechten nicht auf den Leim, oder?" Was ist Ihre eigene Antwort darauf?

Adam: Da bin ich pessimistisch. Die Ausländerfeindlichkeit war im Osten schon zu DDR-Zeiten sehr präsent. Vietnamesen wurden als "Fidschis" verhöhnt, Schwarzafrikaner hießen bei uns in Halle früher "Kohle". Das war zutiefst menschenverachtend. Diese letzte Frage bezieht sich auf die schlimmen Übergriffe, die nach dem Ende der DDR folgten, in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen. Leider lässt sich da eine ziemlich gerade Linie von damals bis heute ziehen.

insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hans Löffler, 12.11.2018
1. Militanz und unbedingter Freiheitswillen
Wenn Geschichte zu Kunst wird! Was für eine Story, was für Bilder! Bildgewaltig bürstet einen diese Graphic Novel das Hirn. In Zeiten wo ultrarechte Politiker wie D.Trump neue Mauern errichten, um Menschen die Freiheit der Wahl ihres Lebensortes zu nehmen, zeigen uns die Herren was es bedeutet in einer Diktatur zu leben, die eine Mauer baut, die alle Menschen davon abhalten soll die schöne DDR zu verlassen. Ist das die ultimative Graphic Novel zur deutschen Teilung? Ich meine ja, dass einstehen für Freiheit und Selbstbestimmung sollte zur Pflichtlektüre der Generation FACEBOOK werden. Für alle anderen sei noch das Buch Mauerkrieger, ebenfalls im Christoph Links Verlag erschienen, empfohlen. Dort wird diese Geschichte u.a. In narrativen Interviews erzählt.
Hans frans, 12.11.2018
2. Terror
Puh, das ist aber harter Tobak, was sich diese gelangweilten, radikal-bürgerlichen Metal-Terroristen da herausgenommen haben. Und sich dann wundern, dass die DDR sich mit zunehmender Härte gegen solchen Terror geschützt hat.
Matthias Frase, 12.11.2018
3. Was hat die DDR denn heute wieder angestellt?
Ich wünschte mir, man würde sich der Zeit zwischen 1933 und '45 auch nur annähernd so kritisch widmen wie der Periode danach. Aber in der braunen "Zwischenzeit" war wohl nicht WIRKLICH was los, wenn ich das hier richtig einschätze: die Männer waren zu Besuch bei den Nachbarn, die Frauen haben ein bissel rumgefegt, und der Nachwuchs übte sich schon mal darin, wie man die Radieschen am besten von unten anschaut. Und am Ende waren Millionen von Menschen tot! .. aber hey, was ist das alles gegen die DDR-Zeit! DIE muß jeden Tag 3 x aufgearbeitet werden, mindestens! Industriell übrigens, wie das in Deutschland eben so ist...
Matthias Frase, 12.11.2018
4. @1 Militanz
Mir gefällt hier in der "schönen" BRD auch sehr Vieles nicht - und was noch gravierender ist: Ich sehe hier Vieles gegen den Baum laufen. Und ich rede hier nicht davon, daß mir die Westjeans besser gefällt als das Zeugs ausm Osten oder ich neulich im Plattenladen mal wieder anstehen mußte! Und nu? Molotowcoktail als Antwort? Irgendwas symbolisch in Brand setzen und mich anschließend selbst feiern?!
Siegfried Wittenburg, 12.11.2018
5. @ Hans frans
"...dass die DDR sich mit zunehmender Härte gegen solchen Terror geschützt hat." - Das verstehe ich nicht. Den Terror übte doch der Staat DDR gegen seine eigene Bevölkerung aus. Viele Menschen wollten auch eine andere Welt erleben, wären vielleicht zurückgekehrt, doch es war ihnen unter Androhung des Todes verboten. Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.