Wende in der DDR Wie Rosa Luxemburg das SED-Regime brüskierte

"Freiheit ist immer auch die Freiheit des A.": Mit einem verstümmelten Luxemburg-Zitat auf einer Schulmauer begann für den Ost-Berliner Marko Schubert bereits im Dezember 1987 die "Wende". Den Sprayer lernte er nie kennen. Bis heute fragt er sich: Wer war das?

Marko Schubert/K. Schubert

In der zehnten Klasse rauchten wir auf dem Schulhof schon vor Beginn des Unterrichts die erste Zigarette. Sie schmeckte zwar wie Dachpappe, und die Zunge fühlte sich an wie ein staubiger Aschenbecher. Doch was tat man nicht alles, um in der coolen Gang zu bestehen.

Auch an diesem Dezembertag 1987 sah ich schon von weitem ein Gemisch aus Qualm und warmer Atemluft aus den Mündern meiner Freunde aufsteigen. Tessi, Bergi, Bommel und Andi standen am Zaun und schauten angeregt diskutierend hinüber zur "Rosa", wie wir die verhasste Nachbarschule nannten. "Freiheit ist immer auch die Freiheit des A", stand in großen schwarzen Lettern auf die graue Außenwand der Polytechnischen Oberschule "Rosa Luxemburg" gepinselt. Leise schlich ich mich von hinten an und rief mit tiefstmöglicher Stimme: "Wer war das?" Bommel fiel vor Schreck die Kippe aus dem Mund, doch auch er musste lachen, als er mich sah.

Natürlich war das keiner von uns, und niemand konnte sich einen Reim darauf machen, was der Satz bedeutete und wie er ausgehen sollte. Dennoch sah ich in den Augen der Jungs, dass sie den "Sprayer" bewunderten. Das hatte was von dem Film "Beat Street", auch wenn dies hier keine bunten Graffitis an U-Bahnwagen in der New Yorker Bronx waren.

Freiheit mit Farbe übertüncht

Als wir in der Pause auf den Hof zurückkehrten, war der Satz verschwunden. Nur eine etwa vier Meter lange und einen Meter breite weiße Farbschicht zeugte davon, dass dort mal etwas gestanden hatte. Es schimmerte noch feucht, so dass wir unseren Kumpels beweisen konnten, keinen Quatsch erzählt zu haben. Allerdings hatten wir weder den nächtlichen Schreiber noch den rasenden Malermeister zu Gesicht bekommen.

Durch unsere Angeberei schossen wir dafür ein Eigentor. In der Mittagspause wurden wir zur Direktorin gerufen, wo bereits zwei Herren in Lederjacken, Marke Stasi, saßen. Die Sache hatte sich herumgesprochen. Einzeln führten sie uns in ein leeres Klassenzimmer. "Wer war das?", fragte mich einer der Kerle mit tiefer Verhörstimme. Ich war mir sicher, dass ich nichts zu befürchten hätte. Denn weder meine Freunde noch ich hatten etwas damit zu tun oder wussten, wer der Täter war. Und selbst wenn, sie hätten es nicht erfahren!

In unserem Freundeskreis gab es einen unausgesprochenen Ehrenkodex: Es wird niemals jemand verpetzt oder denunziert. "Ich war das nicht!“, durfte man sagen, aber niemals: "Der da war das!"

Deshalb waren wir alle geschockt, als wir hörten, dass die Männer in Lederkluft unseren Andi eingesackt hatten.

Erst am frühen Abend sprach sich herum, dass er wieder aufgetaucht war. Gespannt warteten wir darauf, dass er endlich im "Alfclub" erschien. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen schnappte er sich ein Bier, setzte sich auf einen Sessel - und schwieg. Er wusste natürlich, dass er gerade der uneingeschränkte Mittelpunkt unserer Runde war und kostete dies aus. Nach und nach begann er zu erzählen. Sie hätten ihn irgendwo nach Lichtenberg, Höhe U-Bahnhof Magdalenenstraße, gekarrt und "in ’nem richtigen Verhörzimmer und so" ordentlich in die Mangel genommen. Er schilderte die Situation so lebensnah und bedrohlich, dass wir alle muckmäuschenstill wurden.

Die alles entscheidende Frage

Doch scheinbar hatten alle außer mir die entscheidende Frage vergessen. Ich unterbrach ihn: "Was haben sie dir eigentlich vorgeworfen?" Er schaute mich an: "Na, blöderweise hatte ich denen gesagt, dass ich wüsste, wie der Satz vollständig heißt." Wir staunten. Weder die befragten Eltern noch unsere Lehrerin Frau Wagenbach hatten eine Antwort darauf parat gehabt. "Und?" brüllte Tessi genervt. Andi lehnte sich zurück und rief: "Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andi."

Schallendes Gelächter erfüllte den Klub in den Tiefen des Neubaublocks. Andreas, alias Andi, war an diesem Abend für viele der uneingeschränkte Held unserer Clique. Ich dachte da ein bisschen anders. Okay, momentan ist es so, dass derjenige, der den größtmöglichen Mist anstellt, in der Hierarchie der Gruppe aufsteigt. Dass man sich dafür allerdings mit der Stasi anlegt, hielt ich jedoch für keine so besonders schlaue Idee.

Am nächsten Morgen betrachtete ich den überpinselten Spruch und dachte: "Mich würde ja wirklich einmal interessieren, wer das war und vor allem wie dieser Satz ausgeht."

DDR - ein Land der Duckmäuser?

Genau jetzt komme ich zu Gedanken, die mich regelmäßig in Rage versetzen: Die DDR wird heutzutage vornehmlich in den Medien und von Politikern auf Mauerschützen, höllengleiche Stasigefängnisse und brutale Kinderheime reduziert. Auf ein Land der Duckmäuser, der Wegschauer und Verräter - ein Land der Feiglinge, in dem jeder Einzelne ständig in einer Atmosphäre der Angst vor einem unerbittlichen Staatsapparat lebte. Gleichgeschaltete Menschen, die permanent andere bespitzelten. Und wenn sie selbst mal in Bedrängnis gerieten, riefen alle Chor: "Ich war das aber nicht, sondern der da!"

Neulich wurde mir sogar das Wort "Wende" von einem alten CDU-Politiker verboten. In einer Talkshow betonte er mehrfach, dass dies ein Begriff der SED-Staatsführung gewesen sei. Da war ich wohl einem Irrtum anheimgefallen. Denn ich dachte immer, "die Wende" bezeichne den Prozess des Wandels in der DDR. Ein Prozess, der auch als friedliche Revolution bezeichnet wird und schließlich 1989 zum Mauerfall und Ende der SED-Herrschaft führte. Doch wann begann diese Wende eigentlich?

Am 18. Januar 1988, knapp einen Monat nach der Geschichte mit der Schmiererei, kam mir Bergi ganz aufgeregt entgegen. Der sonst so schweigsame Typ rief sofort: "Haste gestern Abend Nachrichten gehört?" Ich wusste natürlich, dass er die von ARD, ZDF oder von RIAS im Radio meinte, verneinte aber. "Dann weißt du ja leider auch nicht, wie unser Andi-Spruch ausgeht." Er deutete auf die Rosa-Luxemburg-Schule. "Nee, spuck's aus", brüllte ich, doch Bergi ließ mich zappeln. "Komm mal heute Abend mit deinem Rekorder zu den Platten. Um 20 Uhr bringen sie auf RIAS den Bericht noch mal."

Am Abend fummelte ich sechs neue R14-Batterien in meinen SKR700 und lief in eisiger Kälte zu unserem Treffpunkt. Die üblichen Verdächtigen waren da. Im Gegensatz zu mir interessierte sie jedoch mehr der Fruchtsaft-Likör, Marke Kirsch mit Whisky, als die Sendung des "Rundfunks Im Amerikanischen Sektor". Kurz bevor es losging, versammelte sich die Truppe dann aber doch vor meinem anthrazitfarbenen Jugendweihe-Rekorder.

Subversives Rosa-Luxemburg-Zitat

Die ersten Worte der Reportage waren: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. Dieser Satz Rosa Luxemburgs stand auf einem selbst gefertigten Plakat von unabhängigen Gruppen, die sich an einer offiziellen Demonstration zum Jahrestag der Ermordung Luxemburgs und Karl Liebknechts in Ostberlin beteiligten. Insgesamt wird den aktuellen Angaben nach von über 100 Festnahmen berichtet. Wolfgang Hauptmann weiß Näheres aus Ostberlin…"

Genau diese Sekunden waren der Beginn meiner persönlichen Metamorphose. Sie leiteten die Wandlung eines kleinen, dummen Jungens mit allerlei Flausen im Kopf hin zu einem bewusst denkenden Menschen ein. Erstmals erfuhr ich, dass in unserem Land so etwas wie eine Opposition existierte, dass es da draußen Menschen gab, die sich für eine andere DDR einsetzten. Erstmals machte ich mir über ein Zitat der bei uns so verehrten Rosa Luxemburg wirklich Gedanken. Auch wenn ich den Satz zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig begriff, erschütterte mich, dass ihn nicht mal unsere Deutschlehrerin kannte.

Ich sah in die Gesichter meiner Freunde. Auch sie lauschten gespannt der Reportage. Wir hörten, dass sich die Szenen ganz in unserer Nähe am Frankfurter Tor abgespielt hatten. Wir waren nur deshalb dort nicht angetreten, weil die Teilnahme an der Demo freiwillig gewesen war. Als ich vom Radio wieder auf das Kassettenfach wechselte, brüllte Andi: "Freiheit ist trotzdem immer auch die Freiheit des Andi!" - und nahm einen großen Schluck aus der Pulle. Allmählich kehrte die Farbe in unsere Gesichter zurück. Wir grinsten und waren wieder 16-jährige Jungs mit allerlei Flausen im Kopf.

Es war genau diese "Freiheit der Andersdenkenden" - so das korrekte Zitat auf dem Plakat des 17. Januars 1988 - welche den Anfang vom Ende der DDR einläutete. In die Fänge der Stasi gerieten an diesem Tag Mitglieder der Berliner Umweltpolitik, ein bekannter Liedermacher und Mitglieder der Initiative für Frieden und Menschenrechte. Viele von ihnen setzten sich für Reformen und für die Aufhebung von Berufsverboten ein. Einige der Demonstranten wurden alsbald ausgebürgert - oder vom Westen freigekauft.

Niemand kuschte mehr

Es begann eine Zeit, in der sich niemand mehr versteckte und Menschen, die die DDR verlassen wollten, dies auf Plakaten, Handzetteln oder bei spektakulären Aktionen offen zeigten. Auf die Frage "Wer war das?" lautete die Antwort nun immer öfter: "Ich!". Die friedliche Revolution hatte begonnen, und die Zahl dieser Menschen nahm bis zum November 1989 ein für die alten SED-Herrscher immer bedrohlicheres Ausmaß an.

Erst heute, über 20 Jahre danach, habe ich begriffen, dass ich diese Anfänge unmittelbar miterlebt habe. Für mich begann "die Wende" in meinem geliebten Friedrichshain schon im Dezember 1987 mit einem Spruch an der ungeliebten Nachbarschule "Rosa Luxemburg". Der Revoluzzer der ersten Stunde war damals nur bis zum "A" gekommen - und bis heute frage ich mich: "Wer war das?"

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Georg Scheffczyk, 11.11.2013
1.
Eine beeindruckende Erzählung. Wirklich erstaunlich, daß selbst die Lehrerin Rosa Luxemburgs Ausspruch nicht kannte, oder ihn in Beamtenmanier nicht kennen wollte. Während der Nazizeit waren selbst überzeugte Nazis erschrocken, daß so viele Deutsche ihre Nachbarn anschwärzten. Also gar nichts mit dem Mythos kämpferischer Germanen, vielmehr devote Mitläufer, wie im Film "Der Untertan" zu sehen.
Ingo Meyer, 11.11.2013
2.
Gute Geschichte, im doppelten Sinn des Wortes! Nein, die Leute in der DDR waren keine Duckmäuser. Alle hätten ja eine Familie, auf die es Rücksicht zu nehmen galt. Das war eine Diktatur mit einem total perfiden und kleinteiligen Überwachungssystem. Dagegen kommt man als einzelner nicht an. Erst die ausweglose desolate wirtschaftliche Lage in Kombination mit Gorbatschow führte zu den Massenprotesten. Ich bedauere zu tiefts, dass die Richter nicht nach 1990 verurteilt wurden, die entgegen des von der DDR unterschrieben Helsinker Abkommens, den Tatbestand der Republikflucht weiterhin gelten gelassen und entsprechende Verurteilungen vorgenommen haben. Dass diese Leute heute auf hohem Niveau durchgefüttert werden, ist eine Ohrfeige für jeden Gerechten! Auch für die ehemaligen DDR-Bewohner!
Claude Alexander, 10.11.2013
3.
Kann mir jemand bestätigen, oder widersprechen, dass Rosa Luxemburg sagte: "Freiheit ist immer die Freiheit des anders denkenden, sich zu äußern."
Ann König, 11.11.2013
4.
Dieses Zitat gibt es in zwei Versionen. Einmal die im Text verwendete, die aus einer R.L. Ausgabe aus den 80er Jahren aus Ost-Berlin stammt. Und dann die von Ihnen genannte Version aus einder Ausgabe aus Nachwendezeiten. Näheres hier: http://de.wikiquote.org/wiki/Rosa_Luxemburg Man müsste schon die Urschrift im Archiv lesen, um herauszufinden, was denn nun die richtige Version ist....
Björn Czeschick, 11.11.2013
5.
Hallo Herr Alexander. Das vollständige Zitat ist bei https://de.wikiquote.org/wiki/Rosa_Luxemburg nachgewiesen. Es lautet demnach: "Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird."
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