Wendezeiten Wenn der Landrat zweimal aufräumt

Er kam, sah und machte klar Schiff: Kurz nach der Wende übernahm Heinz Eggert das Landratsamt in Zittau. Als erstes entließ er alle ehemaligen SED-Kader. Die klagten sich zurück in ihre Ämter - doch so einfach gab sich der ehemalige Pfarrer nicht geschlagen.

DPA

Bis zum Mai 1990 war ich noch nie einem Landrat begegnet. Außer in Romanen und angestaubten Lexika, in denen es hieß, Landräte würden von Königen eingesetzt. Aber in der DDR gab es eben keine Landräte. Erst im Mai 1990, wenige Monate vor der Wiedervereinigung, hielten sie nach den ersten freien und geheimen Kommunalwahlen auch in der DDR Einzug in die Verwaltungen.

Sogar mich als Pfarrer sollte es von der Kanzel direkt ins neu gebildete Landratsamt verschlagen, das noch immer der hartnäckige Geist der Ewiggestrigen durchwehte. Unter der Bedingung, parteilos zu bleiben und fällige Personalentscheidungen selbständig zu treffen, ohne auf die Parteiangehörigkeit zu achten, hatte ich dem Vorschlag von Vertretern des Neuen Forums zugestimmt und kandidiert. Nach erfolgreicher Wahl gab ich mein Pfarramt auf.

Wie gewohnt in Jeans, Pullover und Jackett fuhr ich an meinem ersten Arbeitstag in den Sitz des ehemaligen Rat des Kreises, den ich früher nur höchst ungern betreten hatte. Die Eingangstür war geöffnet. Wie in DDR-Behörden üblich war die zweite Tür dahinter jedoch verschlossen. Dazwischen thronte ein Pförtner, der darüber entschied, wer auserwählt war, sein Reich zu betreten und wer nicht. Der befehlsartigen Aufforderung "Bürger, Ihren Ausweis!" entgegnete ich mit meiner Vorstellung als neuer Landrat. Als erste Dienstanweisung gab ich aus, dass ab sofort die zweite Tür zu öffnen sei und dass ein Pförtner die Bürger nicht nach ihrem Ausweis zu fragen, sondern sie zu beraten habe.

Die Rückkehr der Windig-Wendigen

Auf dem großen Korridor im ersten Stock, wo sich die heiligen Hallen des ehemaligen Kreisvorsitzenden befanden, überraschte ich die führenden Mitarbeiter bei einem Pläuschchen. Meine Bemerkung, in diesem Haus gebe es wohl nicht allzu viel zu tun, wenn sich alle auf dem Flur zum Quatschen träfen, entkrampfte die Situation nicht besonders. Grüßend verschwanden die einen, matt oder ein wenig zu überschwenglich gratulierten die anderen.

Mein zukünftiges Büro war von einfacher Geschmacklosigkeit. Man sah sofort, wo früher die Honecker-Bilder gehangen hatten. Die Schrankwände waren leergeräumt. Nur die polnischen und sowjetischen Freundschaftsgeschenke waren noch da. An ihnen hatte offenbar nicht einmal mehr der treue Genosse, dem das Büro vor mir gehört hatte, ein Interesse gehabt. In der untersten Schublade des Schreibtisches fand ich eine von Honecker anlässlich des 40. Jahrestages der DDR unterzeichnete Auszeichnungsurkunde und den dazugehörigen Orden.

Auf dem Schreibtisch lagen bereits die Neubewerbungen aller ehemaligen Führungskader. Die alten Genossen waren nicht untätig geblieben. Sie hatten westliche Landratsämter besucht, deren Verwaltungsstrukturen studiert und die alten Posten, auf die sie sich jetzt bewarben, einfach anders benannt. In ihren Augen wurde aus dem Rat des Kreises ganz einfach und schnell ein Landratsamt - nämlich auf dem Papier. Die Windig-Wendigen wollten also wieder an die Macht und an den Entscheidungen für morgen beteiligt werden, natürlich ohne Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen. Scham? Fehlanzeige. Was also war zu tun im Landratsamt Zittau, an dessen Mauern nach wie vor die Worte "Rat des Kreises" prangten?

Kündigung und Hausverbot

Zuerst bat ich die alten Chefs, deren Neubewerbungen meinen Schreibtisch blockierten, zu mir und kündigte ihnen fristlos. Ich erklärte ihnen, dass sie aufgrund ihrer vorherigen Tätigkeit in einem neuen Landratsamt unter meiner Leitung keine Anstellung mehr finden würden. Das überraschte sie. Ohne Experten, bemerkte einer von ihnen, könne man eine Verwaltung nicht führen; er sagte mir mein Scheitern als Landrat voraus. Ich verzichtete auf die DDR-Experten und appellierte stattdessen an jeden Mitarbeiter, sich allmählich in die neuen Verantwortlichkeiten einzuarbeiten. So erhielten auch Leute die Chance zur Mitgestaltung, die sich dem DDR-Staat nie zur Verfügung gestellt hatten.

Die meisten der alten Chefs klagten gegen mich beim Arbeitsgericht. Ich verlor alle Prozesse. Kein Wunder in Anbetracht noch geltender DDR-Gesetze und ehemaliger SED-Mitglieder als Richter und Staatsanwalt. Als am Tag nach der letzten Verhandlung der Kreis jener, die vor dem Gericht erfolgreich waren, wieder ins Landratsamt kam, bat ich sie zu mir, kündigte ihnen erneut und sprach ihnen Hausverbot aus. Sie gingen - und kamen nie wieder.

Als nächste Amtshandlung kündigte ich umgehend und fristlos allen Personen, die seit November 1989 eingestellt worden waren. In den zurückliegenden Monaten vor meinem Amtsantritt waren ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit, der SED-Kreisleitung und der Gewerkschaftsleitungen ins Amt geholt worden, ohne dass nennenswerter Bedarf bestanden hatte. Auf 366 statt 250 erforderlicher Mitarbeiter war es künstlich aufgebläht worden.

Unerwünschte Mitarbeiter

Als ich erfuhr, dass wir Personal aus der Volkspolizei ins Amt übernehmen sollten, ausgerechnet aus der Abteilung für die Aus- und Einreisen und die Genehmigung von Besuchsreisen in die BRD, war ich beunruhigt. Wegen ihres überheblichen, arroganten und beleidigenden Tones im Umgang mit dem "Bittsteller" Bürger waren diese Leute äußerst unbeliebt. Viele Menschen hatten mir unter Tränen von ihren demütigenden Erlebnissen mit ihnen erzählt.

Doch zur Klärung im örtlichen Kreispolizeiamt der Volkspolizei, das sich direkt gegenüber dem Landratsamt befand, kam ich nicht weit. An der Pförtnerschranke verlangte ein Volkspolizist meinen Ausweis. Ich stellte mich als neuer Landrat vor und verlangte seinen Vorgesetzten zu sehen. Ohne Ausweis wollte er ihn nicht rufen, schließlich könne er nicht wissen, ob ich der Landrat sei. Ich bestand darauf, er möge umgehend seinem Chef ausrichten, dass ich ihn sprechen wolle. Andernfalls - kleine Drohungen wirken bisweilen Wunder - würde ich seine Ablösung betreiben.

Zehn Minuten später entschuldigte sich der Chef des Kreizpolizeiamtes bei mir und ich lud ihn auf einen Kaffee. Er war zuvor vom Runden Tisch auf Kreisebene bestätigt worden, nachdem der alte Chef sein Amt aufgegeben hatte. Wir verabredeten eine enge Zusammenarbeit und ich erbat mir für jeden Morgen einen Bericht über die Sicherheitslage im Kreis Zittau. Die Mitarbeiter, die ich später aus der Abteilung für Ein- und Ausreisen ins Landratsamt holte, suchte ich selber aus.

Mein persönlicher Referent wurde ein junger Ofenbaumeister, mein persönlicher Kraftfahrer ein Facharbeiter aus meinem Bekanntenkreis. Ein Diplomingenieur und ein Oberarzt, die nie in der SED gewesen waren, wurden Dezernenten und als Kämmerer wurde auf Probe jemand eingestellt, der gerade die Finanzschule absolviert hatte. Jeden Morgen hielten wir Besprechungen ab, jeden Tag tauchten neue Probleme auf, mussten neue Lösungen gefunden werden. Wir brauchten viel Zeit und viel Kraft, aber es machte auch Spaß. Die Arbeit hatte jetzt erst richtig angefangen.



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André Laender, 27.10.2008
1.
Dieser Artikel laesst mich ziemlich irritiert zurueck. Nicht nur die Tatsache, dass Heinz Eggert seinerzeit allen Verwaltungsmitarbeitern mit SED-Zugehoerigkeit pauschal die fristlose Kuendigund ausstellt - er erzaehlt auch heute noch davon, als haette er eine wahre Heldentat vollbracht. Dabei sagt allein die blosse Parteimitgliedschaft noch ueberhaupt nichts ueber die wirkliche Staatsnaehe des jeweiligen DDR-Buergers aus. Es ist hinlaenglich bekannt, dass fuer bestimmte Arbeitsfelder (oder Studiengaenge) in der DDR ein SED-Parteibuch Pflichtvoraussetzung war und die Fuehrungsposten in der Verwaltung gehoerten zweifelsohne dazu. Wer hier Gerechtigkeit zur Handlungsmaxime machen moechte, kommt an der Einzelfallpruefung nicht vorbei - auch wenn diese natuerlich deutlich aufwaendiger und weniger schillernd daherkommt als ein Rundumschlag Eggertscher Art. Der Autor scheint motiviert, mit der administrativen Willkuer aufzuraeumen und legt dann Zeugnis eines aeusserst mangelhaften rechtsstaatlichen Bewussteins ab, als er die Gerichtsentscheide zugunsten der gefeuerten Ehemaligenfreimuetig ignoriert. Und nicht zuletzt das Auftreten, welches jedem SED-Bonzen wuerdig gewesen waere: Dem Polizisten, der seinen Ausweis verlangt (tun sie auch heute noch regelmaessig auf dem Revier), droht Heinz Eggert mit der Abloesung - wie er uns stolz erzaehlt. Bei allem Respekt fuer die wahrscheinlichen Verdienste Heinz Eggerts als Kirchenvertreter in der DDR - selten hat bisher ein Artikel eine solch ablehnendes Grundgefuehl gegenueber dem Autor bei mir hinterlassen...
Heinz Eggert, 27.10.2008
2.
Moin André Laender,das ist offensichtlich einiges falsch angekommen oder falsch gelesen worden.Wenn ich allen Verwaltungs Mitarbeiter mit SED Zugehörigkeit gekündigt hätte, wäre das Landratsamt fast leer gewesen. Gekündigt habe ich dem Führungspersonal. Ich bin bis heute fest davon überzeugt, dass Menschen die früher mit Hilfe ihres Amtes andere Menschen bedrückt und in ihrer Würde verletzt haben, nicht erwarten können , durch die Steuergelder ihrer ehemaligen Opfer ihren Arbeitsplatz finanziert zu bekommen. Besonders dann nicht wenn diese selbst schuldlos ihren eigenen Arbeitsplatz verloren hatten. Es konnte nicht sein das die Herren eines undemokratischen Systems völlig bruchlos ihrer Herrschaft in einem demokratischen System weiter fort führten. Für diese Personalpolitik hatte ich mir damals das Votum des Kreistages geben lassen. Es wurde ein Personalausschuss gebildet, in den jede Fraktion einen Vertreter entsandte. Dabei war aber klar, dass ich die Personalhoheit und die letzte Entscheidung hatte, aber gegen die Mehrheit des Personalausschusses niemanden einstellen würde. Zu einer solchen Situation sollte es auch nie kommen. Durch eine neue Personalpolitik mit integeren und kompetenten Mitarbeitern sollte das Vertrauen der Bevölkerung in ein neues Landratsamt wieder neu erworben werden. Das hatte ich vor, in der Annahme, dass es jetzt überall in der DDR geschehen würde. Das war allerdings ein Irrtum! Übrigens nicht mein einziger. Ansonsten fehlt Ihnen ein wenig DDR Erfahrung. Es ist nämlich ein ungeheurer Unterschied damals auf einem Volkspolizeikreisamt zu stehen oder heute in einer Polizeidienstelle. Ich bin heute noch sehr froh, das ich alle Entscheidung damals getroffen habe,als die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland für uns noch nicht zutrafen. Der Rechtstaat ist nämlich nur ein unzureichendes Mittel eine Diktatur aufzuarbeiten.
Martin Mueller, 27.10.2008
3.
Seltsamerweise fanden sich im örtlichen Arbeitsamt dann sehr viele ehemalige SED- Mitglieder wieder. Das war dafür berühmt-berüchtigt. Ob die neuen, unbelasteten Mitarbeiter im Landratsamt ihre Aufgaben kompetenter ausführen konnten scheint indes zweifelhaft. Mir jedenfalls schienen diese, die dann in einem neuen Palazzo Prozzo auf der grünen Wiese saßen und so ihren Teil zum Absterben der im Schnelldurchgang schrumpfenden Stadt Zittau leisteten, nicht grundlegend kompetenter. Aber im Gegensatz zur alten Bundesrepublik konnte man es sich diesmal eben leisten die belasteten Eliten komplett zu entsorgen, es standen ja genug zweit- und drittklassige Westbeamte für den Karriere- Durchlauferhitzer Ost bereit.
Thomas Ziegler, 27.10.2008
4.
Die Entgegnung auf den ersten Diskussionsbeitrag bestaetigt, was der Artikel schon vermuten laesst. Auch als Pfarrer ist man nicht vor undemokratischen Grundeinstellungen gefeit. Was fuer ein Glueck fuer Herrn Eggert, dass er die Gesteze des Unrechtsstaates nutzen durfte, um die nach seinem Rechtsempfinden unrechtmaessig amtierenden Herren herauszubefoerdern. Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich waere nicht dafuer die alten Beamten einfach so zu uebernehmen, aber diese Art von Saeuberungsaktionen befoerdern letztendlich immer das Gegenteil von dem eigentlich angestrebten Ziel. Da bleibt nur zu hoffen dass Herr Eggert nicht weiter aufsteigt. Auf Zittau beschraenkt waere wohl ausserhalb nie jemand darauf aufmerksam geworden, wenn es nicht hier veroeffentlicht worden waere. In groesserem Rahmen solche undemokratische Entscheidungen zu faellen, waere fuer Neufunfland dagegen verhehrend.
Uwe Schulz, 27.10.2008
5.
Hallo Herr Laenders, Menschen, denen die Karriere übers eigene Rückgrat geht, waren mir schon immer suspekt. Ich weiss nicht auf welcher Seite des Zaunes Sie groß geworden sind, jedenfalls gab es auch in der DDR Möglichkeiten, ohne Parteibuch ein wenig mehr zu erreichen als der Durchschnitt. Dass dazu viel harte Arbeit gehörte, ebenfalls mehr als beim Durchschnitt, und nicht nur Phrasendrescherei auf Parteiversammlungen, versteht sich hoffentlich von selbst. Ohne mich als Oppositionellen bezeichnen zu wollen, bin ich noch heute ein wenig stolz auf mich, den mit 200 Mark höher dotierten Job abgelehnt zu haben, weil daran die Parteimitgliedschaft geknüpft gewesen wäre. Dazu bedurfte es keines Heldenmutes, nur ein wenig Selbstachtung, nicht auch noch für eine Handvoll Ostmark mehr zur Stütze des Regimes zu werden. Herrn Eggert kann ich nur für seine geleistete Arbeit für den Freistaat Sachsen danken. Schade, dass es zu wenige seines Formats gegeben hat, die den eisernen Besen mit ähnlicher Härte geschwungen haben. Dass man sich damit selbst in der eigenen Partei nicht nur Freunde macht, zeigte die Schmutzkampagne gegen ihn Mitte der neunziger Jahre. Und ja - gegen die alten Bonzen derartig resolut vorgegangen zu sein grenzt an eine Heldentat. Kein Mensch konnte zu dieser Zeit ahnen, wie sich ehemalige Kader und StaSi-Mitarbeiter organisieren, welche Untergrundstrukturen entstehen würden, wie uns die Negativbeispiele von Rumänien und Bulgarien lebhaft vor Augen führen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,548353,00.html Herr Laenders, Ihnen wünsche ich, nie Entscheidungen treffen zu müssen, wie es viele tausend aufrechte DDR-Bürger taten, für ihre Überzeugungen, gegen ein wenig mehr Wohlstand oder Ansehen. Herrn Eggert wünsche ich Kraft und Gesundheit für seine weitere Arbeit!
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