Werbeklassiker Oh, wie verführerisch!

Sie machte müde Männer munter, Kinder froh und wusste, was Frauen wünschen: Fernsehwerbung. 1956 lief der erste Spot im deutschen TV. Damals ahnte keiner, wie sehr die Verführer uns prägen würden - und unsere Kindheitserinnerungen. einestages zeigt die Verkaufsschlager der Werbepausen.

Von und


Werbung ist gemein. Denn was ist fair daran, wenn sie so kumpelhaft und sympathisch rüberkommt mit all ihren berühmten, ehrlichen, perfekten Werbefiguren? Und mit all dieser Ranschmeißerei doch nur eins erreichen will: dass wir unser Geld ausgeben?

Werbung ist nie ehrlich. Werbung schwankt immer zwischen halben Wahrheiten, Unwahrheiten und dreistem Schwindel. Schließlich kürt die Verbraucherorganisation Foodwatch jedes Jahr die dreistesten Werbelügen. "Gesunde Durstlöscher", "sportlich-leichte Zwischenmahlzeiten", "ideale Begleiter für Schule und Freizeit". So was.

In dem Werbespot für Milchschnitte schlägt Box-Weltmeisterin Susi Kentikian ganz am Anfang noch auf einen Sandsack, aber schon in der nächsten Sekunde - bamm - hat sie es mit ganz anderen Gegnern zu tun: unbequemen Pumps, nervenden Reißverschlüssen und Haaren, "die sich mit allen Mitteln wehren". Wackeln, ziehen, fönen - bei so viel Stress, findet Kentikian, "braucht man zwischendurch schon mal was, das nicht so reinhaut".

Werbung ist wirklich böse!

Die Kühlschranktür geht auf, und zwischen grünen Trauben (gesund) und einer Kanne Milch (gesund) liegen drei Milchschnitten. Aus vielen Zutaten und mit viel guter Vollmilch seien die gemacht, sagt der Werbefilm. Milchschnitte schmecke leicht, belaste nicht und sei "ideal für zwischendurch". Ein Biss, das ist die Botschaft, und schon können die nächsten Gegner kommen.

Vielen schmeckte diese Werbung überhaupt nicht - mehr als 50.000 Verbraucher kürten das Ferrero-Produkt in diesem Jahr zusammen mit Foodwatch zur dreistesten Werbelüge. Das Fazit von Foodwatch: "Mit etwa je einem Drittel Fett und Zucker haut Milchschnitte mehr rein als Schoko-Sahnetorte." Die Antwort von Ferrero: ein Pressemitteilung. Die Erkenntnisse und Erfahrungen würden keine Hinweise darauf geben, "dass die Verbraucher die Werbung für Milchschnitte als irreführend empfinden".

Foodwatch hat dafür gesorgt, dass wir den Milchschnitte-Spot mit anderen Augen sehen. Ein Gefühl macht sich breit: Werbung ist wirklich böse! Denn was kann schon gut sein an all dieser Manipulation, Übertreibung und Vereinfachung?

"Darauf einen..."

Ein Mann werkelt in seiner Küche, es klingelt. Vor der Tür steht eine blonde Frau mit Sonnenbrille. "Herr…", sagt sie. "Angelo", sagt der Mann. "Ich glaube, Ihr Auto steht auf meinem Parkplatz", entgegnet die Blondine. Sie tritt ein, erklärt, sie habe "gar keine Zeit". Angelo quasselt in einer Tour italienisch, während er ganz schnell einen Instant-Cappuccino zubereitet. Von Nescafé. Schließlich fragt die Frau: "Und was ist nun mit Ihrem Auto." Und der Italiener antwortet?

Jeder kennt diesen Spot - und jeder kennt die Antwort. Sie hat sich eingebrannt in das Gehirn des Konsumenten wie so viele Slogans der vergangenen Jahrzehnte. "Isch abbe gar keine Auto, Signorina." Mühelos können wir heute noch "Wo ist der…?" mit "Deinhard" oder "Darauf einen…" mit "Dujardin" ergänzen. Wir wissen, dass "nichts" über Bärenmarke geht und dass "morgens, halb zehn in Deutschland" Zeit für ein "Knoppers" ist.

Aber was passiert mit uns, während wir an diese Werbespots denken? Wir lächeln, wir grinsen. Es kommt zu spontanen Lachanfällen oder Streit darüber, wann der Coke-light-Mann immer kam. 11.30 Uhr? 12.30 Uhr? In diesen Momenten ist Werbung nicht böse, sondern eine gemeinsame Erinnerung.

Als in Villabajo noch geschrubbt wurde

Als 1956 der erste TV-Werbespot im deutschen Fernsehen lief und Liesl Karlstadt sagte: "Persil, und nichts anderes", da reinigte das Waschmittel der Konkurrenz natürlich genauso gut. Der Instant-Cappuccino von Nescafé-Angelo schmeckte schlechter als der im Café. Und wer Bärenmarke-Kondensmilch in seinen Kaffee kippte, wünschte sich oft, doch lieber richtige Milch genommen zu haben. Aber die Wahrheit interessiert uns immer weniger, je weiter sie zurückliegt.

Wenn wir heute Werbung für Joghurt sehen, die wahre Wunderdinge verspricht, sind wir skeptisch. Und dann sehen wir bei YouTube alte TV-Spots der Achtziger und Neunziger - und aus Zaudern wird Zauber. Wir werden zurückversetzt in eine Zeit, in der in Villariba und Villabajo noch geschrubbt wurde und wo es dank Calgonit auch mit dem Nachbarn klappte.

Und reisen gleichzeitig in unsere eigene Vergangenheit. Werthers Echte, gab's die nicht immer vom Großvater, wenn wir die Sommerferien dort verbrachten? Saßen wir nicht noch mit den Eltern vorm Fernseher, als Angelo auf seine Nachbarin im Stakkato einredete? Und Jacobs Krönung! Der Duft von Filterkaffee aus Tantchens Küche wabert plötzlich wieder durch die Luft. Werbung aus unserer Kindheit und Jugend hat die Kraft, uns zu verzaubern, weil sie uns erinnert.

Und weil sie uns nichts mehr verkaufen will.

einestages zeigt in der Bildergalerie die legendärsten Protagonisten aus fast 60 Jahren deutscher TV-Werbung - aber kennen Sie noch die Produkte dazu?

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Uwe Cossmann, 03.11.2011
1.
Eine Spot-Serie aus den 60er Jahren fehlt definitiv: Racke Rauchzart! Es ist unerträglich heiss, die Sonne brennt. Menschen fächeln sich Luft zu, übergiessen sich mit Wasser, wischen sich das Gesicht ab usw. Eine Frau lässt ein Taschentuch auf den Asphalt fallen - es geht augenblicklich in Flammen auf. Da schwenkt die Kamera auf einen Mann in absolut korrekter Kleidung: Im schwarzen Anzug, mit weissem Hemd, Krawatte, zugeknöpftem Sakko sitzt er auf einem Stuhl und hält ein Whiskyglas in der Hand. Kein Schweisstropfen ist an ihm zu erkennen. Dazu der Text aus dem Off: Ein Mann bleibt kühl - ein Mann trinkt Racke Rauchzart! Lange bevor das Wort 'cool' in den allgemeinen Sprachgebrauch überging wurde sein deutsches Synonym bereits eindrucksvoll in der Werbung eingesetzt.
Uwe Schmidt, 03.11.2011
2.
Was definitiv fehlt: "Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola ? Alles ist in afri-cola?" - das war Kunst, die mit der Mischung aus der damals in den allgegenwärtigen Hippie-Kreisen anzutreffenden verlockenden Laszivität sexueller Revolution und Drogenrausch kokettierte. Das war der Zeitgeist jener Tage von Woodstock, Rolling Stones, Sex, Drugs & Rock'n Roll: "Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola ? Alles ist in afri-cola?"
Michael Stephan, 03.11.2011
3.
Mami, Mami, er hat gar nicht gebohrt..... Alles Rot..das ist gefährlicher Zahbelag... Damit Sie auch morgen noch kraftvoll .. bei mir hat sich wohl alles rund um die Zahnhygiene stark eingeprägt. Aber davon gab es ja auch viel zu meiner Kinder- und Jugendzeit.
Mona Künnemann, 03.11.2011
4.
Es fehlt definitiv die ARAL Werbung mit "dem Läufer" - "I'm walking..."!!!
Almut Gassmann, 03.11.2011
5.
Den "Weißen Riesen" werde ich nie vergessen: In der DDR musste man ja immer aufpassen, was man sagt. Kurzum, zu dieser Zeit Ende der 80iger hatte meine Schwester 10.-Klasse-Prüfungen. Eine ihrer Freundinnen kam in Astronomie in die mündliche Prüfung und wurde nach dem Hertzsprung-Russell-Diagramm gefragt, woran man die Entwicklung von Sternen erklären kann. Dabei kommen dann auch 'Rote Riesen' und 'Weiße Zwerge' vor -- irgendwann wird unsere Sonne ein roter Riese und wird unsere Erde schlucken -- . Naja, die Freundin redete natürlich von "Weißen Riesen" -- die Westwerbung hatte also ihr Ziel erreicht -- aber die Ostlehrer waren mit ihrer sozialistischen Lebenseinstellung nicht zufrieden und fragten sie, welches Fernsehprogramm sie denn schaue. Das war ziemlich peinlich. Allerdings: Woher wußten denn die Lehrer vom "Weißen Riesen"?
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