Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Werwolf"-Organisation im Zweiten Weltkrieg Himmlers nutzlose Terrortrupps

"Werwolf"-Organisation im Zweiten Weltkrieg: Himmlers nutzlose Terrortrupps Fotos

Im Herbst 1944 rief Heinrich Himmler die Aktion "Werwolf" ins Leben. Hinter den feindlichen Linien sollten Guerilla-Gruppen Angst und Schrecken verbreiten. Doch der "Reichsführer SS" fand kaum Freiwillige für sein letztes Aufgebot - am Ende wurde seine Strategie sogar zum Bumerang. Von

Heinrich Himmler wollte den "Verräter" tot sehen. Deshalb bestiegen am 19. März 1945 fünf Männer und eine Frau in Hildesheim eine erbeutete amerikanische Maschine vom Typ "Flying Fortress". Im Schutze der Dunkelheit sprangen sie auf Befehl des "Reichsführers SS" hinter feindlichen Linien in der Nähe von Aachen ab. Ihr Opfer mit dem Namen Franz Oppenhoff war nun nicht mehr fern. Die Amerikaner hatten ihn nach ihrem Einmarsch in die Stadt am 31. Oktober 1944 zum Oberbürgermeister erklärt, während die Front weiter auf deutsches Gebiet zog. Himmler raste vor Zorn, als er von der Ernennung Oppenhoffs erfuhr. Nun sollte er seine Rache zu spüren bekommen.

Am 25. März 1945 war es so weit. Die Mörder hatten Oppenhoffs Haus aufgespürt. In deutschen Fliegermonturen gaben sich die beiden SS-Männer Herbert Wenzel und Josef Leitgeb als abgeschossene deutsche Piloten aus, die dringend Hilfe bräuchten. Der arglose Oppenhoff verköstigte sie mit belegten Broten, als Leitgeb ihm mit einer Pistole aus kurzer Distanz in den Kopf schoss. Oppenhof war sofort tot. Himmler war zufrieden. Zumal seine neueste perfide Idee funktioniert hatte: Das Mordkommando war eine Einheit der im September 1944 gegründeten nationalsozialistischen Guerillaformation "Werwolf".

Die "Werwölfe" waren ein Versuch, dem im Todeskampf um sich schlagenden "Dritten Reich" doch noch zum Endsieg zu verhelfen. Als Partisanen hatten die "Werwolf-Einheiten" hinter den feindlichen Linien die Aufgabe, die auf Reichsgebiet vorrückenden Alliierten zu terrorisieren: durch Anschläge, Sabotageakte und Attentate. Himmler, Oberbefehlshaber des Ersatzheeres, orientierte sich bei seiner Idee an den Jagdkommandos der Wehrmacht, für die die Vorschrift galt: "Die Jagdkommandos vernichten jeden in die Falle hineingelaufenen Gegner. Mit stark überlegenem Gegner wird der Kampf nicht aufgenommen."

Angst, Chaos, todbringende Puderdosen

Was den Gegner durch die Überfälle seiner "Werwölfe" erwarten sollte, erklärte Himmler in einer Rundfunkrede am 18. Oktober 1944: "Jeder Häuserblock einer Stadt, jedes Gehöft, jedes Dorf wird von Männern, Knaben und Greisen, und wenn es sein muss, Frauen und Mädchen, verteidigt. Und wie 'Werwölfe' werden todesmutige Freiwillige dem Feind seine Lebensfäden abschneiden." Auch deutsche "Verräter" wie Franz Oppenhoff sollten durch die Androhung von Racheaktionen des "Werwolfs" eingeschüchtert werden.

Einen willigen Organisator für seine Idee hatte Himmler schnell gefunden. Dem hochrangigen SS-Führer Hans-Adolf Prützmann, wurde die Organisation des "Aufbaus der Widerstandsbewegung in den dt. Grenzgebieten" übertragen. Der Offizier hatte sich in Himmlers Augen bewährt: Bei der Räumung des Donezbeckens in der Sowjetunion hatte Prützmann Angst und Chaos verbreitet - kein Stein war dort auf dem anderen geblieben. Unzählige tote Partisanen pflasterten Prützmanns Weg.

Nun brauchte es nur noch die von Himmler beschworenen "todesmutigen" Freiwilligen. Die allerdings waren nur schwer auffindbar. Die Menschen waren kriegsmüde, freiwillige Meldungen selten.

Die Sabotagemittel selbst sollte die "Zentrale für geheime Spezialzerstörungsmittel" stellen. Neben Klassikern wie Sprengstoff und Granaten tüftelten die Wissenschaftler der Nationalsozialisten auch an perfideren Methoden zur Ermordung des Feindes. Vergiftete Lebensmittel wie Würste, Kontaktgifte, die beispielsweise auf Türklinken aufgetragen, und die Opfer in den Tod befördern sollten. Für weibliche Killer wurde über Puderdöschen nachgedacht, die tödliche Bakterien verbreiten sollten. Bisweilen waren die Gedankengänge der Wissenschaftler allerdings recht kompliziert: Die mit tödlichem Gift versehene Aspirin-Tablette sollte feindlichen Offizieren dadurch schmackhaft gemacht werden, dass sie zuvor eine ebenfalls präparierte Zigarre bekamen, die bei Inhalation starke Kopfschmerzen hervorrief. Wie weit diese Überlegungen aber verwirklicht wurden, ist unbekannt.

Ausbildung für den Terror

Konkretere Anstrengungen unternahm Joseph Goebbels. Er gründete den "Sender Werwolf", der Deutschen und auch den Alliierten weismachen sollte, dass die Aktion eine ernstzunehmende Gefahr war. Am Ostersonntag 1945 ging "der Sender der deutschen Freiheitsbewegung" das erste Mal auf Sendung: "Der Werwolf ist eine Organisation aus dem Geist des Nationalsozialismus", hieß es da, "er hat seine eigene Gerichtsbarkeit. Jeder Bolschewist, jeder Engländer und Amerikaner, der auf deutschem Boden steht, ist Freiwild unserer Bewegung. Wir nehmen auf eine veraltete Vorstellung einer sogenannten bürgerlichen Kampfführung keine Rücksicht. Hass ist unser Gebot und Rache unser Feldgeschrei". Die folgenden Tage verkündete der Sender weitere dieser Durchhaltebotschaften. Dass hinter dem Sender in Wirklichkeit Goebbels und sein Propagandaministerium standen, wussten die wenigsten.

Auch nicht die Jugendlichen, die ausgewählt wurden, als "Werwolf"-Gruppen den Krieg hinter die feindlichen Linien zu tragen. Der schleswig-holsteinische Gymnasiast Broder K. wurde beispielsweise im Herbst 1944 in eine Jugendherberge beordert, die in eine "Werwolf"-Ausbildungsstätte umfunktioniert worden war. Eisernes Schweigen wurde dem Schüler und seinen Kameraden für den Fall einer Gefangennahme eingebläut. Ein fünftägiges Training sollte sie zu Partisanen machen. Wie viel Sprengstoff braucht man, um einen Bahnhof zu sprengen? Was fange ich mit Knetsprengstoff an? Und wie baut man einen Bunker?

Die Feuerprobe der Ausbildung bestand in einem Auftrag im eiskalten Wasser der Ostsee. Die angehenden "Werwölfe" sollten zu einer im Meer liegenden Boje schwimmen, von dort ein Zündkabel bis zum Strand ziehen und dann die Explosion auszulösen. Zur Belohnung gab es eine heiße Dusche.

Der Einsatzbefehl - der niemals kam

Dann wurde es für Broder K. ernst, die Pflicht rief. Ein Erdloch wurde für ihn und zwei weitere Jungen zur Basis in der Nähe eines Flughafens. Mit Balken abgedeckt und Rasendecke getarnt, war die "Werwolf"-Höhle gut ausgestattet. Konserven, Sprengstoff und Granaten. Alles war streng durchorganisiert, auf Karten waren militärische Ziele verzeichnet, weitere Punkte markierten Stellen, an denen Landwirte regelmäßig Lebensmittel zur Versorgung der "Werwölfe" deponierten. Fehlte nur noch der Einsatzbefehl - der niemals kam. Die Verantwortlichen hatten sich beim Einmarsch der Briten selbst abgesetzt. Nach ein paar kleineren Sabotageanschlägen verließ die Jungs die Lust.

Andere "Werwolf"-Gruppen waren offenbar berauscht von der Möglichkeit zur Selbstjustiz. Etliche deutsche Deserteure und "Kollaborateure" wurden von umherziehenden "Werwölfen" grausam hingerichtet. Anschläge und Terrorakte gegen die alliierten Streitkräfte gab es hingegen kaum. Himmlers Idee von Angst und Schrecken verbreitenden "Werwolf"-Rudeln muss als gescheitert betrachtet werden. Den Krieg verlängert haben diese Gruppen wahrscheinlich um keinen einzigen Tag. Wie viele "Werwölfe" es gegeben hat, ist kaum zu ermitteln. Rund tausend werden für den Osten vermutet, weil die vorrückende Rote Armee den Menschen tiefe Furcht einflößte und sich deshalb mehr Freiwillige fanden.

Letztlich ist der "Werwolf" vor allem ein Propagandaerfolg der Nationalsozialisten gewesen. Vor allem die Alliierten, das Beispiel Franz Oppenhoff vor Augen, glaubten in der Tat, dass überall die "Werwölfe" auf sie lauerten.

Vor allem die Sowjets griffen jedoch brutal gegen mögliche "Werwolf"-Mitglieder durch. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte noch 1946 an einem Potsdamer Gymnasium zwölf Schüler als angebliche "Werwölfe" zum Tod durch Erschießen - Beweise gab es nicht. Auch heute spukt der Geist von Himmlers "Werwolf" noch herum. Das Taktikhandbuch "Werwolf. Winke für Jagdeinheiten" wird immer noch verlegt und erfreut sich in einschlägigen Szenen trauriger Beliebtheit.

Zum Weiterlesen:

Volker Koop: "Himmlers letztes Aufgebot. Die NS-Organisation 'Werwolf'". Verlag Böhlau, Köln 2008, 309 Seiten.

Artikel bewerten
3.8 (21 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Sascha R., 21.07.2013
Wann sind denn Terrortrupps "nutzvoll"?
2.
Christian Fischer, 19.07.2013
Das, was hier als "Werwolf" verdammt wird heißt in anderen Berichten dann Widerstandkämpfer, Partisan oder Resistance...
3.
An On, 19.07.2013
Wo wurde die Strategie zum "Bumerang"? Weil Stalin verdaechtige Kinder zum Tod verurteilen liess? Das war den Erfindern der Strategie sicher herzlich egal...
4.
Arno Wahl, 19.07.2013
der Groesenwahn des gesamten Regimes wurde zum Verhaengnis : von der MAAS bis an die MEMEL von der ETSCH bis an den BELT......................! Die waren doch total uebergeschnappt und erhielten die Quittung !
5.
Christian Schmidt, 21.07.2013
>der Groesenwahn des gesamten Regimes wurde zum Verhaengnis : von der MAAS bis an die MEMEL von der >ETSCH bis an den BELT......................! Die waren doch >total uebergeschnappt und erhielten die Quittung ! Sicherlich kann man den Nazis Größenwahn unterstellen. Die von Ihnen zitierte Passage aus dem Deutschlandlied ist dafür aber kein Beleg: Der Text stammt von 1841. Die angegebene Reichweite war kein Größenwahn, sondern entsprach grob so ungefähr den Ausdehnungen aller "deutschen" Länder, die man zu einem Deutschland zu vereinigen hoffte. Dass z.B. Österreich als Vielvölkerstaat im Fall der Einheit einen Teil seines Reiches abzugeben hätte und somit die Außengrenzen deutlich verschoben wären, daran dachte damals niemand.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH