West-Berlin und der Mauerfall "Das war keine Überraschung für uns"

Wurde der Westen vom Mauerfall kalt erwischt? Nicht ganz: Der West-Berliner Senat hatte einen Tipp bekommen. Fieberhaft plante ein Team unter Staatssekretär Jörg Rommerskirchen seit Ende Oktober für den Ernstfall - und hatte am 9. November sechs Stunden Vorsprung vor den historischen Ereignissen.

DPA

Ein Interview von Sibel Sen


einestages: Herr Rommerskirchen, wenn Sie die Berichterstattung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls verfolgen, was fällt Ihnen als jemand, der die internen Abläufe aus der Sicht West-Berlins kannte, auf?

Rommerskirchen: Was mich heute sehr wundert ist, dass man sich in dieser Schabowski-Sache nicht vernünftig verständigen kann. Das war für mich kein Versprecher. Günter Schabowski wollte der Welt verkünden, dass es jetzt eine erhebliche Reiseerleichterung für die Bürger der DDR gibt. Das war auch keine Überraschung für uns in der West-Berliner Senatsverwaltung. Nur dachten wir, dass die Besucher erst Ende Dezember kommen würden.

einestages: Unter ihrer Führung versuchte die "Projektgruppe zur Vorbereitung auf einen verstärkten Besucher- und Reiseverkehr aus Ost-Berlin und der DDR" West-Berlin auf die möglichen Veränderungen im innerdeutschen Reiseverkehr vorzubereiten. Wie kam es zur Gründung dieser besonderen Arbeitsgemeinschaft?

Rommerskirchen: Walter Momper, damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin, kam Ende Oktober in den Senat und berichtete von einem Gespräch mit Günter Schabowski. Momper hatte den Eindruck, es würde vor Jahresende noch eine nennenswerte Reiseerleichterung geben. Dass die DDR Druck ablassen musste, war uns allen klar. Die Reiseerleichterung kam da für keinen von uns überraschend. Aber wir wussten, dass wir die Stadt und die Menschen gut vorbereiten mussten. Dieter Schröder, der Chef der Senatskanzlei, wies darauf hin, dass wir Krach mit den Alliierten bekommen würden, wenn wir direkten Kontakt zur DDR aufnähmen. Also haben wir das Ganze als Tourismus deklariert.

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einestages: Die Planungsgruppe wurde am 31. Oktober 1989 eingesetzt, mit Ihnen als Chef. Schon am nächsten Tag kam das Krisenteam zur ersten Sitzung zusammen. Was musste geklärt werden?

Rommerskirchen: Wir haben bis nach Mitternacht getagt. Damals sind wir von einer großen Besucherwelle zur Weihnachtszeit ausgegangen und haben uns gefragt, mit wie vielen Leuten wir rechnen mussten. Ich habe gesagt: Wir schreiben 200.000 Leute und denken an 300.000. Eine Woche später verbesserte ich mich auf 400.000. Dass schon am nächsten Wochenende mehr als eine Million Menschen aus dem Ostteil nach West-Berlin kommen würden, damit haben wir nicht gerechnet. Uns war klar, dass wir wenig Zeit hatten.

einestages: Wie sahen Ihre Pläne aus?

Rommerskirchen: Die ganze Stadt musste vorbereitet werden. Wenn die Menschen aus Ost-Berlin kommen, dann müssen sie Bahn fahren können und zwar umsonst, brauchen Stadtpläne, Parkplätze und Bahnpläne. Die Berliner Verkehrsgesellschaft hat letztlich ihren Smog-Notfallplan aus der Schublade geholt, um deutlich mehr Menschen transportieren zu können. Natürlich mussten wir auch die Besucher vorbereiten, wenn sie nach 40 Jahren Sozialismus auf die andere Seite der Mauer kommen. Der Springer-Verlag erhielt den Auftrag, Informationszeitungen zu drucken. Wir wollten diese Leute so gut es ging vor Abzockern schützen und sie richtig an die Hand nehmen. Ich wollte Fehler vermeiden.

einestages: Das zweite Treffen der Planungsgruppe fand dann am 8. November statt, dem Tag vor der Maueröffnung. Noch immer gingen Sie ja davon aus, noch Wochen Zeit zu haben. Was geschah dann am 9. November, als Ihre Pläne auf einmal von jetzt auf gleich gefragt waren?

Rommerskirchen: Was ich weiß ist, dass ich am späten Vormittag während einer Sitzung einen Anruf bekam. Mit einem Gruß ließ mir der "Bild"-Journalist Peter Brinkmann aus Ost-Berlin ausrichten, dass dort erheblich etwas im Gange sei. Mir war sofort klar, was er meinte. Brinkmann war schon lange mein Freund und Informant. Ich habe ihm vertraut. Also ging ich zu Walter Momper, erzählte ihm von dem Anruf und sagte: "Ich schließe daraus, dass heute Abend die Mauer aufgeht." Momper fragte nach meiner Quelle. Ich habe mich für Brinkmann verbürgt. Ich war sicher, dass er eine Wanze im Politbüro hatte.

einestages: Ab diesem Moment hatten Sie dann noch knappe sechs Stunden bis zu Günter Schabowskis legendärer Pressekonferenz. Was haben Sie aus diesem historischen Vorsprung gemacht?

Rommerskirchen: Ich habe versucht, alles zu beschleunigen. Aber wir alle haben schon unter großem Zeitdruck gearbeitet und konnten nicht schneller. Wir mussten ständig improvisieren. Den anderen habe ich nur gesagt, dass es anscheinend vor Weihnachten zur Grenzöffnung kommt und wir deswegen deutlich schneller handeln müssen, aber nicht, dass es noch am gleichen Tag passieren würde. Die Zeitung wurde natürlich nicht rechtzeitig fertig, also haben wir Handzettel gefertigt, um sie an der Grenze zu verteilen. Die Gruppe blieb dann nach dem 9. November bestehen, um die Abläufe in Berlin zu koordinieren. Das war alles Improvisation. Vor allem beim Begrüßungsgeld. Da haben wir den Leuten Stempel in ihre Pässe gedruckt, obwohl wir das nicht durften. Später haben alle bei der Geldausgabe einen Stempel auf die Hand bekommen, wie in der Disco. Das zu organisieren war unheimlich schwer. Wir brauchten ja allein säckeweise Fünf-Mark-Stücke in Berlin.

einestages: Sie wurden 1989 als "DDR-Kenner" von Hamburg, wo Sie das Amt für Hafen, Schifffahrt und Verkehr geleitet haben, als Staatssekretär zum Berliner Wirtschaftssenator nach Berlin berufen. Welche Bedeutung hatte Ihre Kenntnis für Ihre Tätigkeit im Herbst 1989?

Rommerskirchen: Es hat mit sehr geholfen, die DDR gut zu kennen. Beruflich und privat. Ich kannte die maßgeblichen Leute und musste nicht jeden Anruf gegenchecken. Ich bin regelmäßig mit dem großen Reisevisum von Hamburg in die DDR gereist und habe dort die geschäftlichen Termine mit privaten Besuchen verbunden. Die Verwandtschaft meiner Frau lebte in Thüringen. Nachdem dann am 9. November 1989 die Mauer fiel, bin ich mit meinem Fahrer, einem waschechten West-Berliner in meinem Alter, auch über die Grenze gefahren. Aber der kannte sich natürlich gar nicht aus im Osten. Da habe ich als Hamburger meinen Berliner Fahrer durch Ost-Berlin gelotst.



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Martin Milz, 10.11.2009
1.
Da war der Senat aber langsam. Ich wusste schon 2 Tage vorher das was nicht stimmt. Damals war ich Kipperfahrer in Berlin und fuhr oft 3 mal am Tag in die DDR zur Deponie Schöneiche. Ich fuhr über den Kirchhainer Damm in den Osten dort gab es einen speziellen Übergang für LKW. Jede fahrt wurde damals immer mit Hunden untersucht. Es ist niemals vorgekommen das es nicht so war. Es wurden auch immer sorgfältig die Papiere mit Visum kontroliert, ohne ausnahme. Zwei tage vor Maueröffnung war das erste mal kein Hund da. Auch nicht in der Hundehütte. Am nächsten Tag sitze ich bei der Ausreise im LKW an der Rampe und warte und warte, es kommt keiner raus aus dem Häuschen. Nach ca. 5 Minuten geht die Tür auf und der sagte zu mir wollen sie hier Wurzeln schlagen. Ich den LKW an und losgefahren. So etwas hätte früher den Schlagbaum ausgelöst. Da war mir klar hier stimmt etwas nicht mehr.
jörg beyer, 10.11.2009
2.
Ich freue mich, dass jetzt manche Sachen aus dieser Zeit deutlicher werden und glaube, die Geschichte gar mit einem Bild eines Treffens von West und Ost in der Hauptstadt der DDR eine Woche vor dem Mauerfall bereits in der taz gelesen zu haben. Nun mag man mich für kleinlich halten. Fakt ist aber, dies den jungen Kollegen gesagt: In West-Berlin gab es keine "Staatssekretäre" - sondern nur Senatsräte. Die waren im Aufgabenbereich mit Staatssekretären in anderen Landesverwaltungen aufgabengleich, klar. Ich finde das Interview dennoch sehr aufschlussreich. Beweist es doch auch hier bei Spiegel-Online, wie über Jahre die Bevölkerung einfach auch bei solchen Ereignissen historischen Ausmaßes im Unklaren gelassen, vielleicht sogar verdummt worden ist.
Jörg Rommerskirchen, 10.11.2009
3.
Danke für die nette Reaktion. Der Hinweis auf die taz stimmt, und für kleinlich halte ich Sie auch nicht. Fakt ist aber, dass aus den früheren Senatsdirektoren schon etliche Jahre vor dem Mauerfall Staatsekretäre geworden waren. Meine Bestellungsurkunde jedenfalls lautet auf Staatssekretär. Aber viel wichtiger war, dass wir in einem toll engagierten Team die einmalige Gelegenheit hatten, Menschen sehr schnell, unbürokratisch und effektiv zu helfen - und das allen Vorurteilen gegen "die Bürokratie" zum Trotz.
Patrick Illing, 11.11.2009
4.
Interessant, dass in der Reportage "Schabowskis Zettel" (Szene beginnt bei 17 min.) Herr Brinkmann genau das Gegenteil sagt - nämlich dass er von einem "Staatssekretär" aus der Senatskanzlei einen Anruf bekam, er müsse nach Berlin kommen, es tut sich was.
Peter Brinkmann, 13.11.2009
5.
Peter Brinkmann Beides ist richtig, lieber Herr Illing. Wir haben uns jeweils gegenseitig über die neuesten Erkenntnisse in Ost-Berlin informiert.
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