West fotografiert Ost Ost-Berlin, mon amour

Der raue Charme Ost-Berlins zog ihn magisch an: Auf langen Streifzügen porträtierte der West-Berliner Fotograf Udo Hesse Anfang der achtziger Jahre die andere, herbere Hälfte der geteilten Stadt. Dann nahm er die Ostseite der Mauer in den Sucher - und hatte plötzlich mächtig Ärger.

Udo Hesse

Natürlich muss man sich vorsehen. Es gibt Fotografierverbote in der DDR, das weiß man auch als Westdeutscher. Grenzbauten und Grenzsicherungsanlagen zum Beispiel. Die Mauer ist aus Ost-Berliner Perspektive ein verbotenes Fotomotiv. Höchst leichtsinnig handelt, wer in der Nähe des "antifaschistischen Schutzwalls", sagen wir in Sichtweite, mit einem Fotoapparat hantiert. Denn leicht könnte einmal versehentlich ein Stück desselben ins Visier geraten, und der nächststehende Polizist würde das Vergehen beobachtet haben und einschreiten.

An einem Dienstag im März 1982, so gegen 13 Uhr, kam ich auf einem Streifzug durch Ost-Berlin von der Kastanienallee in die Schwedter Straße und ging diese bis an ihr Ende, dort wo die Mauer ein weiteres Geradeausgehen unmöglich macht. Gegenüber, auf westlicher Seite, befindet sich das Ende der Bernauer Straße, und ebendort dicht hinter der Mauer steht ein Aussichtsturm von beträchtlicher Größe.

Manchmal mag von dort eine ganze Busladung Sightseeing-Publikum herüberstarren, die DDR zum Greifen nahe. Zu dieser Zeit standen dort oben nur zwei, drei Leute. Einer davon war in blauer Uniform, wahrscheinlich ein Mitarbeiter der Westberliner Verkehrsbetriebe, der BVG. Trotzdem ein Foto wert, die Aussichtsplattform aus der Sicht des DDR-Bürgers. Das Motiv sehen, die Kamera ans Auge heben und auslösen, zwei, drei mal, ist nur eine Sache von Sekunden. Und nun füllte es sich dort oben. Also noch ein Versuch mit einem anderen Objektiv.

"Ich kann Sie auch durchsuchen"

Der Vopo, der mich augenblicklich anrief, schien nur wenige Meter vor mir aus dem Boden gewachsen zu sein. Gutmütig und freundlich sah er aus, mit Bauch und roten Bäckchen. Ein Nikolaustyp, wenn nur die Uniform nicht gewesen wäre. Aber er ließ sich nicht beirren. Was ich da gemacht hätte oder nicht, solle ich seinen Kollegen erzählen. Sofort kam der Polizeiwagen um die Ecke, und ich durfte mich nach hinten zu dem Vopo setzen. Die Kameratasche samt Inhalt brauchte ich nun nicht mehr selbst zu tragen.

Bis ins Polizeirevier 14 in der Brunnenstraße war es nur ein Katzensprung. Hier brachte mich ein anderer Vopo in einen kleinen hohen Raum, in dem nur ein Tisch und ein Stuhl standen. Der Kerl war zwei Köpfe größer als ich und schnauzte mit mir herum. Die Taschen sollte ich ausleeren und alles was ich dabei hatte auf den Tisch legen. Die Kameras und Filme hatte ein anderer schon mitgenommen. Er könne mich auch durchsuchen, meinte er. Also tat ich, wie er mir befohlen hatte.

Als ich dann mit den Händen in der Hosentasche dastand, explodierte er förmlich. Eine weitere unbeabsichtigte Provokation war, als ich mich mit den Händen auf den Tisch aufstützte. Ich antwortete, dass ich schließlich nur die gleiche Haltung eingenommen hätte wie er. Meine Ruhe schien er mir übel zu nehmen, und er versetzte mir einen Schlag gegen die Brust. Die Wand hinter mir fing mich auf. Dann musste ich mich in die Ecke des Raumes stellen und zusehen, wie er seine Notizen machte. Als er fertig war, durfte ich alles wieder zurück in die Kameratasche räumen. Sie würden die Filme jetzt entwickeln, sagte er und verließ den Raum.

Zeit, sich alles Mögliche auszumalen

Die Tür hatte von innen keine Klinke, der Tisch und der Stuhl waren mit Eisenwinkeln am Boden festgeschraubt. Außer Reichweite in vielleicht drei Meter Höhe befand sich ein vergittertes Fenster, das kaum Licht hereinließ. Erhellt wurde der Raum durch eine Neonröhre, die knapp unter der Decke hing. Irgendwann kam der Vopo noch mal rein und fragte nach verschiedenen persönlichen Daten. Ich musste auch pinkeln, und er zeigte mir das Klo, schien jetzt auch etwas milder gestimmt zu sein. Dann brachte er mich wieder in meine Zelle.

Es war rein zufällig der Tag, an dem der Palästinenserführer Jassir Arafat auf Staatsbesuch in Ost-Berlin war, und überall in den Schaufenstern hatte ein großes Foto von ihm neben einem von Honecker gehangen, über Waschmaschinen und zwischen Kleidungsstücken. Das würde auf den entwickelten Filmen zum Vorschein kommen, was mochten sie darüber denken? Ich hatte genug Zeit, mir alles Mögliche auszumalen.

Schätzungsweise eine Stunde wartete ich, bis es hieß: "eine Instanz höher", zur Kripo würden sie mich bringen. Also wieder im Polizeiauto mit zwei Vopos zum Präsidium der Volkspolizei gefahren, Kameratasche und Kameras waren wieder dabei. Kein Wort von entwickelten Filmen. Im Fahrstuhl ging es hoch in den vierten Stock, ein langer Gang mit 'zig Türen und daran jeweils eine viertausender Nummer aber kein einziger Name.

Einladung zum wöchentlichen Rendezvous

Dann die Vernehmung in einem biederen Bürozimmer, zwei Zivile an Schreibtischen, einer recht jung und freundlich, der andere älter und bärbeißig. Weshalb ich mich dort herumgetrieben hätte, wieso gerade da? Jeder, der sich in Grenznähe aufhalte, sei von vornherein verdächtig, das sei doch klar. Und wieso ich gerade die Mauer fotografieren wollte, den Hochstand könnte ich doch von westlicher Seite aus viel besser fotografieren. Der ältere zeigte sich besonders unverständig. Was es denn da zu fotografieren gäbe, das nähme er mir nicht ab. Stattdessen schlug er den Alexanderplatz mit Fernsehturm als lohnendes Foto-Objekt vor. Genauestens wollten sie Persönliches wissen, wovon ich lebe, wie viel Geld ich woher bekomme. Auch das: "Bei welcher Firma arbeitet Ihr Bruder?"

Irgendwann löste sie ein anderer Beamter ab, leger gekleidet, dicklich, schwarze dünngestellige Brille, der sich auch nicht vorstellte. Der Name tut nichts zur Sache, meinte er. Dafür hatte er die lockere Art drauf, bot mir Zigaretten an und führte die Unterhaltung in fast kollegialem Tonfall. Das heißt, in erster Linie redete er, und vornehmlich über politische und ideologische Themen. Mühelos schweiften wir ab bis in die Kolonialzeit und zurück zum neuen sozialistischen Menschen. Es war für ihn kein Problem, alle Zusammenhänge genauestens zu durchschauen. Auch die Schwierigkeiten und Torheiten des Westens wurden mit Klarblick analysiert. Mir mussten ja die Augen übergehen! Wo er nur all die Informationen her hatte!

Dass ihm das Gespräch gefalle, sagte er, und ihm meine Einstellung ja irgendwie zusage, wenngleich wir hier und da sicher nicht ganz übereinstimmten. Aber ich scheine ja doch verständig zu sein, und er wolle einmal sehen, was er für mich tun könne. Ich meinerseits solle die Sache nicht an die große Glocke hängen. Er schlug vor, dass wir uns in vierzehn Tagen, am Dienstag um 11 Uhr, wieder treffen sollten, aber nicht auf dem Präsidium, sondern im Sport- und Freizeitzentrum an der Dimitroffstraße/Ecke Leninstraße. Das werde mir gefallen. Bis dahin seien die Filme entwickelt, und dann könne er mir vielleicht einen Teil der Aufnahmen zurückgeben. Nein, anrufen solle ich ihn besser nicht, das könnte Schwierigkeiten (für mich) geben. Wenn ich den Termin nicht einhalten könne, sei er einfach am Dienstag darauf wieder dort, wieder um 11 Uhr.

Herr Lehmann und der Ost-West-Verkehr

So plump hatte ich mir die Stasi nicht vorgestellt. Ich musste ihm noch die Filme aus den beiden Kameras spulen, wobei er neben mir stand und gut aufpasste. Dann packte er alle Filme, einschließlich der unbelichteten, in seinen Diplomatenkoffer und ließ sich von dem Bärbeißigen, der wieder hereingekommen war, in den Mantel helfen. Handschlag und Lächeln - weg war er. Der Alte zog sich auch seinen Mantel an und brachte mich nach unten, erklärte mir noch, wie ich mit der U-Bahn wieder zu meinem Wagen kommen würde. Tasche samt Inhalt und Kameras hatte ich wiederbekommen, nur die Filme waren weg. Die U-Bahn kostete 20 Pfennig. Es war 17 Uhr 30. Ich hatte den ganzen Tag noch nichts ausgegeben und investierte in irgendetwas meinen Zwangsumtausch, bestellte in einem Café Kaffee und Kuchen, dann zog es mich heim.

Wer unvermittelt mit der Polizei in Berührung kommt, noch dazu in einem anderen Staat mit anderen Gesetzen, der ist natürlich verunsichert. Hatte ich mich wirklich strafbar gemacht? Und wenn ja, wie schwer war mein Vergehen? Welche Konsequenzen bei etwaigen späteren Besuchen in der DDR konnten mir schlimmstenfalls drohen? Um diese Fragen zu klären, machte ich mich auf zur "Beratungsstelle für den West-Ost-West-Verkehr" am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf.

Dort gab es Herrn Lehmann, väterlich freundlich, der meinte, das könne natürlich jedem einmal passieren. Aber schon allein Kontakt zu haben zu dem Sicherheitsdienst eines anderen Staates sei nach unserem Gesetz strafbar. Er füllte ein Formular aus und schickte mich zur "Politischen Polizei". Das hatte ich nicht gewollt, es ging mir ja nur darum, die rechtliche Situation in Erfahrung zu bringen. Aber er müsse dort sowieso Meldung über meinen Fall machen, könne mich zwar nicht zwingen, aber rate mir in meinem eigenen Interesse - und so weiter. Telefonisch besorgte mir Herr Lehmann noch einen Termin am gleichen Tag.

Kein Durchschlag für den Unterzeichner

Bei den westdeutschen Schlapphüten gab ich meine Erlebnisse einem schlecht gelaunten Beamten zu Protokoll. Er befragte mich eindringlich und ließ keinen Zweifel daran, dass er mich scharf verurteilte. Ich sollte doch nicht glauben, dass ich auch nur ein Bild zurückerhielte. Aber wenn ich zu dem Treffen ginge, machte ich mich strafbar, und da würde man nicht zusehen können. Dann sollte ich das Protokoll durchlesen und unterschreiben. Die Sekretärin hatte mit zwei oder drei Durchschlägen geschrieben, aber davon sollte ich keinen bekommen, auch keine Fotokopie. Das sei nicht vorgesehen.

Erstaunt über solchen Missstand, weigerte ich mich zu unterschreiben. Er reagierte mit zornigem Schweigen, und sofort verließen wir das Zimmer. Auf meine Frage hin erklärte er, dass er mein Verhalten als unmännlich betrachte, man(n) müsse zu seinem Wort stehen. Dass ich das ja auch tue, wandte ich ein. "Ich sehe die Sache wertfrei", sagte er dann wieder, ein Ausdruck, den er vorher schon gern benutzt hatte. Dann waren wir auch schon beim Pförtner jener Etage, wo ich meinen Ausweis wiederbekam. Kein "Auf Wiedersehen".

Am Tag nach dem verabredeten Termin in Ost-Berlin rief er wieder an. Nein, ich war nicht drüben gewesen.

Der Fotograf Udo Hesse hat diesen Text im Oktober 1983 niedergeschrieben und es für die erweiterte Neuauflage des Bildbands "Als noch Osten war" (Berlin Story Verlag, 2007), dem wir das Gedächtnisprotokoll entnehmen, überarbeitet.



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insgesamt 3 Beiträge
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Ernst Pelzing, 27.01.2010
1.
Checkpoint Charlie und ein fragwürdiger DDR-Geld-Export Ich sammelte Münzen, u. a. auch die DDR-Alu-Ausgabe. 1961 war meine Sammlung noch recht bescheiden. Das sollte sich durch einen Kurzurlaub, den meine Familie für Ostberlin vorgesehen hatte, ändern. Meine Frau hatte den konkreten Auftrag, Münzen von dort mitzubringen. Mir war bekannt, dass es ungesetzlich war, DDR-Geld ins Ausland zu verbringen, nahm diesen Tatbestand jedoch nicht allzu ernst. Der Übergang nach Ostberlin erfolgte am Checkpoint Charlie in der Berliner Friedrichstraße. Frau und Tochter machten einige Einkäufe im sozialistischen Ostberlin. Während des Kurzaufenthalts kam es dort u. a. auch zu einem im Ostblock alltäglichen, "inoffiziellen" West-Ost-Geldtausch, bei dem die Familie durch Unkenntnis des eigentlichen Tauschwertes im Lande des real existierenden Sozialismus' zubutterte. Doch Anekdotisches am Rande. Die Rückreise erfolgte an derselben Stelle. Die Kontrolle auf DDR-Seite war allgegenwärtig. Spiegel und Kameras beherrschten die Szene. Normalerweise konnte ihnen nichts entgehen, was nach Ansicht der dortigen Kontrollorgane unzulässig oder Straftatbestand war. Meine Frau führte ohne Wissen der minderjährigen Tochter DDR-Alu-Geld mit sich, damit ich es in meine Sammlung einbringen konnte. Ohne Wissen deshalb, weil mögliche unliebsame Reaktionen des Kindes an der Grenze so vermieden wurden, die die DDR-Mannschaft hätte auf sich aufmerksam werden lassen. Just dort, wo die DDR normaleweise mit dieser massiven Kontrollszenerie am Grenzübergang punktete, geschah Unglaubliches. Meiner Frau fielen beim Herausnehmen eines Taschentuchs einige der in der Tasche befindliche Alu-Münzen auf den Boden. Genau das hätte nicht passieren sollen! Doch keine Reaktion auf Seiten der DDR-Grenzorgane. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen war dieser Zwischenfall Kameras und Spiegeln offensichtlich entgangen. Der Kelch war an ihnen (und an mir als Sammler) vorübergegangen.
Ernst Pelzing, 01.02.2010
2.
Zum Artikel "Checkpoint Charlie und ein fragwürdiger DDR-Geld-Export" Hier ist mir ein Irrtum unterlaufen. Es muss 1981 heißen und NICHT 1961.
Tatjana Bischitzky, 05.07.2012
3.
In Berlin-Mitte habe ich (Bj. '70) bis Ende der 80er gelebt, in der Karl-Marx-Allee zwischen Alex & Straußi. Und ich freß' einen Besen, wenn das nicht die Quarkeulchenbude neben der Milch-Mocca-Mix-Eis-Bar ist (gegenüber vom Café Moskau), in der es (in der Bude) im Sommer Eis & im Winter eben Quarkkeulchen gab. Leider leider! ist das Buch derzeit überall vergriffen, deshalb stelle ich hier die Frage: ist das Foto Nr. 2 in der KMA entstanden? Falls nicht, bitte ich um Richtigstellung und Zusendung des zu verdauenden Handfegers :-) Danke für die Aufnahmen, die jede Menge Kindheits- und Jugenderinnerungen hochkommen ließen. Ob früher/drüben alles besser war oder nicht, politisch korrekt oder nicht, es war zu Hause, und es war Heimat, und das darf & wird einem niemand nehmen, wenn man es nicht zuläßt!
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