Wettlauf im ewigen Eis Ein Pol, zwei Entdecker

Wettlauf im ewigen Eis: Ein Pol, zwei Entdecker Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Vor 100 Jahren erreichte Robert Peary den Nordpol - doch bereits ein Jahr zuvor wollte Frederick Cook das gleiche vollbracht haben. Zwischen den Männern entbrannte ein bitterer Streit, wer von beiden der wahre Entdecker war. Am Ende fiel die Entscheidung fernab der Arktis. Von Johannes Zeilinger

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.8 (44 Bewertungen)

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts war die geografische Erforschung der Erde weitgehend abgeschlossen, lediglich ein markanter Punkt des Globus war noch nie betreten worden: der Nordpol. Die Suche nach dem arktischen Gral hatte zahllose Todesopfer unter Forschern wie Abenteuern gefordert und wurde zu einer Kette von Tragödien und Dramen, zu einer endlosen Saga von Mut und Überheblichkeit, von Tapferkeit, Neid und Verrat.

Das Erreichen des Pols hatte auch hohen symbolischen Wert. Es markierte den Endpunkt der kolonialen Expansion des weißen Mannes, der die Erde mit einem fiktiven Netz von Linien überzogen hatte. Groß war daher die Begeisterung der zivilisierten Welt, als vor genau 100 Jahren bekannt wurde, dass endlich auch diese Bastion gefallen war. Zwei Amerikaner hatten den Norpol, so die Meldungen, unabhängig voneinander betreten: Am 21. April 1908 der Arzt Frederick Albert Cook und am 6. April 1909 der Marineingenieur Robert Edwin Peary.

Frederick Cook, Sohn des aus Deutschland stammenden Arztes Theodor Koch verlor schon früh seinen Vater, und bittere Armut markierte Kindheit und Jugend. Doch Erfindungsreichtum und harte Arbeit ermöglichten ihm in New York ein Medizinstudium, das er Anfang 1890 erfolgreich abschloss. Als kurz darauf Robert Peary in einer Annonce nach einem Arzt für seine erste Nordgrönlandexpedition suchte, bewarb sich Cook um diese Stelle und erhielt sie zu seiner großen Überraschung.

Toteninsel im Eis

Peary hatte richtig entschieden. Als er sich einen Unterschenkel brach, versorgte ihn Cook fachmännisch und rettete so das Unternehmen vor einem frühen Fiasko. Voller Lob war daher Peary über seinen Arzt: "Persönlich verdanke ich viel seiner ärztlichen Kunst und seiner unerschütterlichen Geduld und Kaltblütigkeit in Notlagen."

Doch die Freundschaft zwischen beiden dauerte nicht lange. Als Cook seine medizinischen Beobachtungen über die Polareskimos veröffentlichen wollte, untersagte ihm Peary die geplante Publikation und berief sich auf eine vertragliche Regelung, die allen Expeditionsteilnehmern das Recht auf eigene Reisebeschreibungen verweigert.

left false custom left false custom

Wieder war es eine Zeitungsmeldung, die das Leben des Arztes veränderte. Eine belgische Antarktisexpedition unter Leitung von Adrien de Gerlache suchte einen Mannschaftsarzt, und so betrat Cook im Spätherbst 1897 in Rio de Janeiro ihr Schiff, die "Belgica". Erster Offizier an Bord war ein junger Norweger, Roald Amundsen, und zwischen ihm und dem Amerikaner entwickelte sich bald eine feste Freundschaft, die ein Leben lang hielt. Beide retteten die Expedition vor einem Fiasko.

Denn aus Fahrlässigkeit hatte der Expeditionsleiter das Schiff zu weit nach Süden geführt, so dass die "Belgica" plötzlich im Eis festsaß und überwintern musste. Darauf waren aber weder die Mannschaft noch das Schiff vorbereitet gewesen, und noch nie hatte bis dahin ein Mensch die antarktische Nacht überlebt. Bald glich das Schiff einer Toteninsel. Geschwächt von Skorbut und zermürbt von Hoffnungslosigkeit verfielen die Männer mitsamt ihrer Leitung in eine lähmende Lethargie, die schließlich in dunklem Wahn endete.

Robbensteaks gegen Mangelernährung

Cook, der bereits in Nordgrönland die Folgen von fehlendem Licht und Mangelernährung studiert hatte, verordnete eine rigorose Diät aus bislang verschmähtem Pinguinfleisch und Robbensteaks. Außerdem ließ er die Kranken stundenlang nackt vor dem heißen Ofen sitzen und in das helle Licht blicken. Amundsen berichtete später in seinen Lebenserinnerungen:

"In dieser furchtbaren Not der dreizehn langen Monate, während der uns die Gewissheit eines fast unvermeidlichen Todes ins Antlitz grinste, lernte ich Dr. Cook kennen, und aus dieser Zeit stammt meine Liebe und Dankbarkeit für ihn. Er war der einzige auf dem ganzen Schiff, dessen Mut nie sank, der immer heiter, stets voller Hoffnung und unermüdlicher Hilfsbereitschaft war. Aber nicht nur, dass sein Glaube niemals wankte, auch seine Erfindungskraft und seine Unternehmungslust hatten keine Grenzen."

Robert Peary hatte inzwischen in immer neuen Expeditionen vergeblich versucht, den Nordpol zu erreichen. Im Sommer 1906 endlich schien er seinem Ziel nahe zu sein, als er mit einer perfekt abgestimmten Mannschaft das arktische Polareis betrat. Doch wieder scheiterte er in der "Hölle von aufgebrochenem Eis" und konnte lediglich einen neuen Rekord melden, sein "farthest north" lag nun bei 87°06' nördlicher Breite. Ein letztes Mal konnte er eine Niederlage in eine Siegesmeldung verwandeln, doch sein Expeditionsschiff, die "Roosevelt", war durch das arktische Packeis so sehr beschädigt, dass erst im Sommer 1908 ein neuer und diesmal letzter Vorstoß nach Norden möglich wurde.

Jagdausflug zum Nordpol

Inzwischen hatte ein wohlhabender Casinobesitzer namens John R. Bradley Cook gebeten, einen Jagdausflug nach Nordgrönland zu organisieren. Plötzlich bot sich dem Arzt die unerwartete Chance, seinem Konkurrenten Peary im Wettlauf um den Nordpol zuvorzukommen. So rüstete Cook in der Rekordzeit von nur einem Monat nicht nur eine Arktissafari, sondern auch eine Expedition für einen Vorstoß zum Nordpol aus. Er war überzeugt, dass nur eine kleine Mannschaft von entschlossenen Männern Erfolg haben könne, und reduzierte Gewicht und Umfang des Gepäcks auf ein Minimum. Unbemerkt verließen Bradley und Cook im Sommer 1907 Amerika und erreichten bald Nordgrönland.

Während der Wintermonate bereitete Cook sorgfältig seinen Vorstoß vor und startete am 19. Februar 1908 die Schlittenreise zum Pol. Als Begleiter wählte er lediglich zwei Inuitjäger aus, und westlich der Ellesmere-Insel betrat der Trupp das Polareis. Zunächst erschwerten Riffe aus Presseis, offene Wasserkanäle und Stürme ihren Vormarsch, je weiter sie aber nach Norden kamen, umso leichter wurden die Eisfelder passierbar.

Am 21. April 1908 erreichten sie, so Cook später, schließlich den nördlichen Scheitelpunkt der Welt. Er hatte nichts Erhebendes, nur gefrorenes Eis über einer See von unbekannter Tiefe. Damit war die jahrhundertealte Frage nach seiner Natur - Festland, Insel oder eisfreies Meer - beendet. Jetzt lockte nur noch ein Ziel: südwärts, heimwärts. Noch lag der gefährlichste Teil des Marsches noch vor ihnen - keiner er drei konnte aber ahnen, zu welchem Drama der Heimweg geraten würde.

Entscheidung vor dem US-Kongress

Anfang Mai legte sich plötzlich dichter Nebel über das Eis, und ein beißender Westwind kam auf. Bei fehlendem Sonnenlicht waren astronomische Positionsbestimmungen, die den Weg durch die Öde weisen sollten, nicht mehr möglich, und da sich der Nebel auch in den folgenden Tagen nicht mehr auflöste, stolperte der Trupp durch ein graues Halbdunkel einem ungewissen Ziel entgegen.

Als sich der Himmel lichtete, stellte Cook fest, dass eine unbekannte Eisdrift sie weit westwärts versetzt hatte und eine unüberwindbare See sie von dem rettenden Land trennte. Ihre Nahrungsreserven waren fast aufgebraucht, so schlugen sie sich südwärts bis zu einer unbewohnten Felsinsel durch. Dort errichteten sie ihr Winterlager, denn an eine rechtzeitige Rückkehr nach Grönland war nicht mehr zu denken.

Erst am 19. April 1909 erreichten die drei entkräfteten Männer nach einer 14-monatigen Odyssee durch Nacht und Eis wieder eine menschliche Siedlung. Für Cook war die Reise aber noch nicht beendet, er eilte weiter nach Südgrönland und bestieg dort ein Schiff, das ihn nach Kopenhagen brachte. Nun meldete er der Welt die Sensation: "Erreichte den Nordpol am 21.4.1908."

Doch auch Robert Peary hatte inzwischen das Ziel seines Lebens, den Nordpol, erreicht. Jetzt sollte ein Arzt ihn übertroffen haben? Um nach dem Zieleinlauf als Zweiter doch noch das Gold des Ersten zu erlangen, gab es nur einen Weg: der Sieger musste disqualifiziert werden. Denn wenn Menschen kämpfen, dann kämpfen sie am liebsten gegen Ihresgleichen, so geriet die Eroberung des Nordpols zu einem erbitterten Streit um Ruhm, der schließlich nicht in den arktischen Eiswüsten, sondern in der amerikanischen Heimat entschieden wurde. Dort hatte Peary mächtige Verbündete wie die "New York Times" und die National Geographic Society, die kaum eine Intrige scheuten, um ihren Helden auf das Siegerpodest zu hieven.

Cook wurde pauschal als Lügner und Hochstapler abgeurteilt, obwohl auch der Marineingenieur keine stichhaltigen Beweise für das Erreichen des Nordpols vorweisen konnte. Schließlich entschied der amerikanische Kongress die Nordpolkontroverse. Im März 1911 unterzeichnete der Präsident William Howard Taft eine Entschließung, die Peary feierlich den Dank der Nation für das Erreichen des Nordpols aussprach. Frederick Cook starb verarmt und entehrt am 5. August 1940. Kurz zuvor hatte er ein Resümee seines Lebens gegeben: "Ich bin erniedrigt und schwer verletzt worden. Aber das spielt keine Rolle mehr. Ich werde alt, und was für mich wichtig ist, ist der Glaube, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Ich erkläre mit Nachdruck, dass ich, Frederick A. Cook, den Nordpol entdeckt habe."

Johannes Zeilinger lebt als Autor, Arzt und Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft in Berlin. Sein neuestes Buch beschäftigt sich mit der Reise Cooks zum Nordpol.

Johannes Zeilinger: "Auf brüchigem Eis - Frederik A. Cook und die Eroberung des Nordpols". Matthes & Seitz, Berlin 2009, 351 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Artikel bewerten
3.8 (44 Bewertungen)
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
A M 22.03.2009
"Cook, der bereits in Nordgrönland die Folgen von fehlendem Licht und Mangelernährung studiert hatte, verordnete eine rigorose Diät aus bislang verschmähtem Pinguinfleisch und Robbensteaks." Pinguine am Nordpol?
2.
Robert Spielhagen 22.03.2009
>Mit Beginn des 20. Jahrhunderts war die geografische Erforschung der Erde weitgehend abgeschlossen, lediglich ein markanter Punkt des Globus war noch nie betreten worden: der Nordpol.< Und was war mit dem Südpol? Da ist vor 1908 bzw. 1909 auch noch niemand gewesen! Amundsen und seine Begleiter erreichten ihn erst am 14.12.1911 als erste Menschen.
3.
Frank Lehmann 22.03.2009
Schon nach dem ersten Satz hatte ich keine Lust mehr weiterzulesen. "Vor 100 Jahren erreichte Robert Peary den Nordpol..." - dabei sind sich fast alle Experten heutzutage einig, dass Peary nie am Nordpol war! Einem Sachbuch-Autor, der den Stand der Diskussion nicht kennt oder unterschlägt, kann man nichts glauben.
4.
Ingo Petzke 23.03.2009
Meines Erachtens sind das rein sprachliche Unsauberkeiten. Im Kern geht der Text so in Ordnung - auch wenn Vieles fehlt: etwa dass Peary in Etah Cook's Eigentum beschlagnahmt hatte und es auch nie mehr herausgab; dass Peary alle Weissen vor seiner letzten Pol-Etappe zurueck liess, um den Ruhm mit niemandem teilen zu muessen (nur Weisse galten damals als Menschen); den fanatischen Ehrgeiz von Peary, gepaart mit wissenschaftlichen Fehlern, der mehrere Menschenleben kostete - um nur das vielleicht Wichtigste hier kurz zu erwaehnen. Und vielleicht sollte man doch klar machen, dass Peary vom Congress eben nicht als Entdecker des Nordpols geehrt wurde oder weil er ihn als Erster erreicht hatte - sondern bewusst dafuer, dass er ihn erreicht hatte - nicht mehr, nicht weniger. Hinter Peary stand die Maschinerie des damaligen "Establishments": Regierung, Militaer, National Geographic, Spitzen der Wirtschaft. Cook dagegen war der typische "Underdog" - liebenswuerdiger Einzelgaenger mit grossem Respekt vor den Inuit, denen er alles verdankte und dies auch stets oeffentlich betonte. Der Streit ist laengst nicht entschieden, die Wunden sitzen nach 100 Jahren noch immer tief. Als ich in den 80er Jahren lange Zeit fuer den WDR fuer einen Dokumentarfilm zu diesem Thema recherchierte, verweigerte mir beispielsweise National Geographic jedes Interview, waehrend Janet Vetter, Cook's damals noch lebende Enkelin, mir sogar sein Original-Tagebuch der Ueberwinterung in Cape Sparbo vorlegte.
5.
Johannes Zeilinger 23.03.2009
Natürlich kennt der Autor den Stand der Diskussion, hier sollte sich nicht Frank Lehmann von einem Satz, der übrigens aus der Feder der Spiegel-Online-Redaktion stammt, verunsichern lassen. Zur genaueren Information hier ein Zitat aus dem Buch: Die einflussreiche National Geographic Society zählt bis heute Robert Edwin Pearys Nordpolreise zu den Großtaten der Entdeckungsgeschichte unserer Erde und hält an der Fiktion eines aufrechten und siegreichen Entdeckers fest, dessen knorriges Porträt regelmäßig das Titelbild von Publikation der Gesellschaft ziert. Zu ihrem 100-jährigen Jubiläum beauftragte sie den Engländer Sir Wally Herbert als den herausragenden Arktisforscher der Gegenwart seine Route nachzurechnen, und ermöglichte ihm die Auswertung aller vorhandenen Dokumente und Briefe aus dem Nachlass Pearys. Zu Pearys Ortsbestimmungen bemerkte Herbert trocken, sie seien "simple Berechnungen, die meine Gefährten und ich auf unserer Reise über dem Arktischen Ozean um Mittag in ein paar Sekunden anfertigen, indem wir mit der Spitze eines Skistockes die Zahlen in einen glattgefegten Fleck Schnee einkratzten." Zum Missfallen seiner Auftraggeber stellte daher der Engländer fest, dass Peary am 6. April 1909 "etwa 55 Seemeilen [102 km, d.V.] vom Pol" enfernt sein letztes Lager errichten ließ und dann die Rückkehr befahl. Ein weiterer Hinweis: Cook hatte natürlich in Grönland weder Pinguine gesichtet noch verzehrt, sondern auf der Antarktisexpedition der Belgica die Speisekarte der skorbuterkrankten Forscher um frisches, zumeist rohes Fleisch erweitert. Dort gab es allerdings Pinguine in Hülle und Fülle, deren Fleisch von den Forschern allerdings nur widerwillig verzehrt wurde.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen