Widerstandsbriefe "Leben ist mehr als Überleben"

Nachlass von Joachim Wolfgang von Moltke

Von

7. Teil: "Und dabei bleibt's"


Helmuth James an Freya

12./13. Januar

Mein Herz, bleierne Müdigkeit hat mich jetzt überfallen. Das ständige Hoch drei Tage lang hat mich eben erschöpft, zumal ich drei Nächte nur mit Pillen geschlafen habe, weil ich über Tag immerzu Kaffee trank, Coffein und Kaffeebohnen aß.

Mein Armer, Dein Brief von gestern Abend und heute früh zeigt mir, wie anstrengend das alles für Dich war. Es ist eben viel schwieriger zuzuschauen, als betroffen zu sein. Nun, so hoffe ich, ist das überstanden. Der Termin ist vorbei, und ich kann deswegen ruhig an die Gnadensache denken und Dir dabei helfen. So will ich mal anfangen zu schreiben, was mir so alles einfällt. Ich jedenfalls bin gegen "Haltung". Trauer ist Trauer und Schmerz ist Schmerz, und man braucht sich keines zu schämen. Haltung verhärtet leicht das Herz, und für Dich wäre das ganz unmöglich. Du darfst nie denken, Du seiest "mir eine gute Haltung schuldig".

Freya an Helmuth James

19. Januar 1945

Mein liebes Herz. Um 3 war ich bei Müller (Gestapo-Chef). Er fing gleich so an, dass er sagte, man/ich könne gar nichts mehr für Dich tun, denn Du seiest ein Hochverräter, und es ginge nicht, dass die lebten und an der Front die anderen für D'land stürben. Das könne auch kein Reichsführer und selbst kein Führer ändern, denn die hätten darin - dem Sinn nach - keinen eigenen Willen mehr.

Kurz, mein Herz, dieser "mächtige" Mann hat ein sehr tiefes persönliches Ressentiment gegen Dich. Wird das H. H. nicht teilen?

Lieber! Mit Recht haben sie es! Gut, dass sie es haben, denn mit denen gibt es keinen Kompromiss! - Dass er mit mir persönlich so sehr freundlich war, war mir so unangenehm. "Hätte er sich Ihnen nur mehr untergeordnet." Das mochte ich gar nicht hören.

Ich nehme Dich mit und bleibe Dir nah in großer, heißer, starker, ungetrübter und so Gott will unangefochtener Liebe. P.

Todestag

Helmuth James an Freya

23. Januar 1945

Mein Lieber, wie schön zu wissen, dass Du da bist. Wie sehr lieb. Eben brachte (der Wachtmeister) mir frisches Fleisch, Schlagsahne und Semmeln.

Sonst nichts anderes als dass ich Dich, mein sehr liebes Herz, sehr lieb habe und dabei bleibt's. J.

Freya an Helmuth James

23. Januar 1945

Wie fest trage ich Dich bei mir mein Herz, ganz ganz fest und mit der felsenfesten Sicherheit, dass daran auch Dein Tod nichts ändern kann.

Ich werde mir jetzt noch eine Sprecherlaubnis besorgen (Brief bricht ab.)

insgesamt 3 Beiträge
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Klaus Moll, 23.12.2010
1.
Es ist eine eindringliche und für jemand, der diese Zeit erlebt hat völlig glaubwürdige und nachvollziehbare Dokumentation. Sie hat mich sehr berührt.
Tobias Mandelartz, 26.12.2010
2.
Ich hab´s in der "Print-Version" gelesen, im übervollen ICE, gestern, und es hat mich zu Tränen gerührt.
Rolf Augustin, 01.01.2011
3.
Bei dem Bild "Berghaus Kreisau" handelt es sich tatsächlich um "Schloss Kreisau", dem Gutshaus. Das echte "Berghaus" wird auf dem Bild "Widerstandstreffen in Kreisau" dargestellt. Ich habe beide vor einigen Jahren gesehen.
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