Widerstandsbriefe "Leben ist mehr als Überleben"

Widerstandsbriefe: "Leben ist mehr als Überleben" Fotos
Nachlass von Joachim Wolfgang von Moltke

Im Januar 1945 wurde der Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke von den Nazis hingerichtet. Nun werden die Briefe veröffentlicht, die er und seine Frau Freya sich in seinen letzten Wochen im Gefängnis schrieben. Sie lesen sich wie ein Lehrstück über Anstand, Moral und Liebe. Von Susanne Beyer

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Ich jammere auch nicht, denn unser Leben müssen wir bereit sein einzusetzen. Ich billige alles, was Du tatest, aus Herzensgrund.

Freya an Helmuth James von Moltke 6. Januar 1945

Es ist ein Grab unter einer Wiese, einfach nur eine Wiese, mehr nicht. Auf dem Stein, 6000 Kilometer weit entfernt von der Heimat, auf dem Friedhof der Kleinstadt Norwich in Vermont, stehen beide Namen, Freya von Moltke und Helmuth James von Moltke, aber nur sie liegt hier begraben.

Freya von Moltke

29. März 1911 - 1. Januar 2010

Frau von

Helmuth James von Moltke

11. März 1907 - 23. Januar 1945

So hatte es sich Freya von Moltke gewünscht. Ihr Mann war 1945 von den Nazis in Berlin gehängt worden, die Henker kippten seine Asche auf einen Acker vor Berlin. Vor seiner Hinrichtung hatte Freya ihm das Versprechen gegeben, das gemeinsame Leben fortzusetzen, irgendwie.

Freya von Moltke war 1960 in die USA gegangen, nicht aus Protest gegen Deutschland, es hatte sich so ergeben. Sie hatte einen neuen Mann kennengelernt, ihn aber nie geheiratet. Sie mochte die sanfte Landschaft Neuenglands, die Holzhäuser mit den Veranden, den Indian Summer, das Land erinnerte sie an Schlesien. Dort hatte sie mit Helmuth James auf dem Gut Kreisau gelebt. Es ist in die Geschichte eingegangen als Treffpunkt vieler Hitler-Gegner, der Mitglieder des "Kreisauer Kreises".

Nach Kreisau hatte Helmuth James Graf von Moltke ab 1940 Vertraute eingeladen und mit ihnen eine neue Gesellschaftsordnung entworfen für die Zeit nach dem erwartbaren Zusammenbruch der NS-Diktatur. Zum Kreis gehörten Sozialdemokraten wie Julius Leber, aber auch Geistliche wie der evangelische Pfarrer Harald Poelchau oder der Jesuitenpater Alfred Delp; manche der etwa 20 Mitglieder schlossen sich - nachdem Moltke im Januar 1944 festgenommen worden war - den Hitler-Attentätern um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an.

Fast 65 Jahre nach der Hinrichtung ihres Mannes starb Freya von Moltke Anfang des Jahres. Sie wurde 98 Jahre alt. Zu Weihnachten noch waren alle Enkel und Urenkel zu ihr gekommen. Sie hatte gekocht: Schweinefilets und Kartoffeln.

Nun ist es Ende November, und Helmuth Caspar von Moltke sitzt im Haus seiner Mutter, es ist der letzte Tag, an dem das Haus noch so aussieht, wie es immer war. Am folgenden Tag werden die Handwerker mit der Sanierung beginnen, das Haus soll ein Ferienort werden für die Familie. Im Wohnzimmer steht das schlichte Mobiliar der Mutter und ihres Partners Eugen Rosenstock-Huessy, eines Kulturphilosophen, mit dem Freya bis zu seinem Tod 1973 hier zusammenlebte.

Caspar von Moltke hat die Monate nach dem Tod der Mutter damit verbracht, die Abschiedsbriefe seiner Eltern zu edieren. Sie werden am 17. Januar als Buch im C.H. Beck-Verlag erscheinen. Jene Briefe, die sie sich von September 1944 bis zum Tag der Hinrichtung des Vaters am 23. Januar 1945 geschrieben haben. Es sind 184 sehr persönliche und erschütternde Schreiben: ein Gefühlssturm an der Grenze des Todes.

Freya von Moltke, die sich, wie ihr Sohn es nennt, "ungern decouvrierte", hatte sie zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlichen wollen, im Herbst vergangenen Jahres gab sie die Originale ans Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Mit einer postumen Publikation aber war sie einverstanden. Sie wollte das Vermächtnis ihres Mannes am Leben erhalten.

In den achtziger Jahren hatte sie erlebt, was Briefe ihres Mannes bewirken können. Das Verhältnis der Deutschen zu den gescheiterten Helden des Widerstands gegen das Nazi-Regime war lange spröde geblieben, doch als im Jahr 1988 die "Briefe an Freya" erschienen, die Helmuth James in Kriegs- und Vorkriegszeiten an seine Frau geschrieben hatte, änderte sich dies. Längst schon gibt es zahlreiche Biografien über Moltke, und im kommenden Frühjahr wird Freyas 100. Geburtstags gedacht. Die "Abschiedsbriefe" aber ragen heraus aus dieser Flut.

Als Helmuth James von Moltke im Januar 1944 verhaftet wurde, ahnte das Paar, dass es sich wohl kaum wiedersehen würde. Die Moltkes versuchten, Nähe durch Schreiben herzustellen. Sie schrieben sich häufig, oft mehrmals am Tag, sie berichteten einander, wie die Gefängniswärter über Hitler lästern und was sich auf Kreisau tut, wie die Söhne Caspar und der jüngere Konrad spielen oder sich auf Weihnachten freuen. Es ist der Versuch, sich gegenseitig in das Leben des anderen hineinzuziehen. Die Briefe entwickeln einen fast literarischen Sog, es gibt eine Art von Anstand und Mut, die den Leser in ihrer Intensität fast peinlich berührt. Es sind Liebesbriefe und moralische Lehrstücke in einem, sie behandeln große Fragen: Was bedeutet der Tod? Kann Liebe den Tod besiegen? Wie verhält sich Gut zu Böse, Recht zu Unrecht, Liebe zu Leid?

Die Eheleute arbeiten an Helmuth James' Verteidigung für den Prozess. Beide haben Jura studiert, er hat als Anwalt in Berlin gearbeitet. Sie verfassen ein Gnadengesuch und überlegen, an wen sie es richten könnten. Heinrich Himmler, der Reichsführer-SS, galt immerhin als Bewunderer von Helmuth James' berühmtem Urgroßonkel, der als siegreicher Feldmarschall 1870/71 zur Gründung des Deutschen Reichs beigetragen hatte.

Entscheidend für die Verteidigung scheint beiden, dass Helmuth James nicht an den Vorbereitungen eines Umsturzes beteiligt gewesen war, anders als etwa Carl Friedrich Goerdeler oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 Hitler hatte umbringen wollen.

Da Moltke Monate vor dem 20. Juli verhaftet worden war, hoffen er und seine Frau, dass ihnen Richter Roland Freisler in diesem Punkt folgen würde. Doch sie wissen auch, dass Moltke fest mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes gerechnet und mit dem Kreisauer Kreis einen gesellschaftlichen und politischen Neubeginn geplant hatte. Das war belastend genug. "Defätisten" nannten die Nazis all jene, die am Sieg zweifelten.

Freya und Helmuth James von Moltke sind überrascht, wie lange es dauert, bis es zum Prozess kommt - andere sogenannte Kreisauer waren schnell hingerichtet worden. Was sie nicht wissen: Sie sind das einzige Ehepaar des Widerstands, das sich so intensiv hat verabschieden können. Ihr Glück war, dass Moltke ins Gefängnis Tegel verlegt worden war, wo sein Freund und Mitwisser Harald Poelchau als Gefängnispfarrer arbeitete. Poelchau schmuggelte die Briefe, und Freya versteckte sie in Kreisau im Bienenstock.

"Pim", "mein Lieber", "Kleiner" nannte Helmuth James seine Frau. Was sich genau für ein Spiel hinter der männlichen Ansprache verbarg, weiß nicht einmal der Sohn: "Ich habe keine Idee, woher der Pim kam", sagt er.

Seine Mutter sei durch die Monate des Abschieds von ihrem Mann "vorbereitet" gewesen auf ein neues Leben ohne ihren Mann, das habe sie noch kurz vor ihrem Tod so gesagt, erzählt der Sohn. Was ist wichtig? Leben ist mehr als Überleben.

Einen einzigen Brief hat Freya von Moltke im Haus behalten, den letzten, den ihr Mann am Tag seiner Hinrichtung geschrieben hat.

Der Brief vom 23. Januar klingt heiter, fast beiläufig. Seine Frau hat ihm noch antworten wollen, sie saß wie so oft bei den Poelchaus im Wohnzimmer und schrieb, als Poelchau ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbrachte. Sie brach ab.

Caspar von Moltke beendet seine Erzählung über die Eltern. Aus dem Schlafzimmer seiner Mutter holt er den letzten Brief seines Vaters. Er faltet das vergilbte Blatt auseinander und deutet auf die winzigen Buchstaben. "Erstaunlich, nicht? Ein so großer Mann mit einer so kleinen Schrift."

Dieser Brief hatte all die Jahre in Freya von Moltkes Nachttisch gelegen.

1. Teil: Leben ist mehr als Überleben

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1.
Klaus Moll 23.12.2010
Es ist eine eindringliche und für jemand, der diese Zeit erlebt hat völlig glaubwürdige und nachvollziehbare Dokumentation. Sie hat mich sehr berührt.
2.
Tobias Mandelartz 26.12.2010
Ich hab´s in der "Print-Version" gelesen, im übervollen ICE, gestern, und es hat mich zu Tränen gerührt.
3.
Rolf Augustin 01.01.2011
Bei dem Bild "Berghaus Kreisau" handelt es sich tatsächlich um "Schloss Kreisau", dem Gutshaus. Das echte "Berghaus" wird auf dem Bild "Widerstandstreffen in Kreisau" dargestellt. Ich habe beide vor einigen Jahren gesehen.
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