Widerstandskämpfer des 20. Juli Mein Vater, der verhasste Held

Widerstandskämpfer des 20. Juli: Mein Vater, der verhasste Held Fotos

Er wollte Hitler töten und bezahlte dafür mit dem Leben: Georg Alexander Hansen gehörte zu den Attentätern des 20. Juli 1944. Seine Tochter Frauke verzweifelte nicht allein an diesem Verlust, sondern auch an ihren Mitmenschen - sie galt sogar nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Kind eines Verräters. Von Till Mayer

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Die Ankunft auf dem Bahnhof im oberfränkischen Michelau ist ein Schock für die kleine Gruppe. "Schaut, da kommen die Verräter, aufhängen sollte man sie alle", krakeelt ein junger Mann. Andere pfeifen, ihre Gesichter sind voller Wut und Hass. Die "Vaterlandsverräter", die verängstigt aus dem Zug steigen, sind fünf Kinder. Zwölf Jahre zählt das Älteste, zwei Monate das Jüngste. Sie sind unerwünscht in der kleinen Korbmachergemeinde, die in jenen Septembertagen 1944 in der ganzen Umgebung als stramme Hochburg der Nazis gilt.

Das Leben ihres Vaters hatte erst wenige Tage vorher am Galgen geendet. Georg Alexander Hansen starb einen unvorstellbar schmerzhaften Tod: Langsam wurde der Offizier an einem dünnen Drahtseil in die Höhe gezogen. Der Draht schnitt sich in den Hals. Der Todeskampf in der Haftanstalt Plötzensee muss fast eine halbe Stunde gedauert haben. Der Oberst der Wehrmacht starb am 8. September 1944, weil er zu denen gehörte, die Adolf Hitler töten wollten, um einen längst verlorenen, grausamen Krieg zu beenden: zur Widerstandsgruppe des 20. Juli.

Oberst Hansen hatte den Sprengstoff für das Attentat organisiert, sein Haus für konspirative Treffen zur Verfügung gestellt und als Chef der militärischen Abwehr erste vorsichtige Kontakte zu den Alliierten geknüpft. Wäre der Anschlag in der Wolfsschanze geglückt, hätte Hansen mit den Westmächten umgehend über einen Separatfrieden verhandeln sollen.

Der 20. Juli hat alles verändert

Verurteilt wurden Georg Alexander Hansen und die anderen Mitverschwörer in einem demütigenden Schauprozess des Volksgerichtshofs. Ihres Rangs enthoben, ohne Uniform, in zerbeulter Zivilkleidung, ohne Gürtel und Hosenträger. Die gleichgeschaltete Presse nahm den Verurteilten jede Würde und machte die Namen der Widerstandskämpfer bekannt. Auch in Michelau.

Als die zweijährige Frauke Hansen mit unsicheren Beinen auf dem Michelauer Bahnhof stand, war sie ein zutiefst verängstigtes und verstörtes Kind. Ein kleines blondes Mädchen mit blauen Augen, denen man die Angst ansah. Mutter Irene Hansen, geborene Stölzel, war nach dem missglückten Putschversuch sofort verhaftet worden. Die Kinder wohnten in den ersten Tagen nach dem Attentat zuerst bei den Großeltern Stölzel in Michelau, dann holte die Gestapo auch sie und schafft sie in das Kinderheim Bad Sachsa.

Als die Familie im September 1944 entlassen wird und nach Michelau zurückkehrt, ist nichts mehr in ihrem Leben, wie es einmal war. Bis Kriegsende blieb der Alltag in Michelau für die Hansens ein Spießrutenlaufen. Im Ort lebten nur wenige hundert Menschen, jeder kannte jeden. Die "Hansens", das waren die "Verräter." Die Buben wurden in der Schule verspottet und drangsaliert. Nach der Kapitulation immerhin weniger offen. "Aber viel geändert hatte sich eigentlich nicht. Wir blieben für viele die Vaterlandsverräter", sagt Frauke Hansen heute.

Da half es auch nicht, dass ihre Mutter aus einer angesehenen Michelauer Korbindustriellen-Familie stammte, in der bitteren Nachkriegszeit waren sie den Anfeindungen hilflos ausgeliefert. "Der evangelische Dekan von Michelau, der während der NS-Zeit wohl den Deutschen Christen sehr nah stand, hat uns sogar bestohlen. Aus den Care-Paketen, die über die Kirche verteilt wurden, nahm er Zigaretten und Schokolade-Rationen. Als meine Mutter ihn darauf ansprach, hat er ihr frech ins Gesicht gelacht. Bei anderen hat er sich das nicht getraut", berichtet Frauke Hansen. Zigaretten und Schokolade waren mit die wertvollsten Bestandteile der Pakete - im Nachkriegschaos stellten sie ein wertvolles Tauschmittel gegen Fleisch, Butter und Kartoffeln dar.

"Ich denke, in dieser Zeit verbitterte meine Mutter", sagt sie. Über ihre beiden kleinen Töchter spannte Mutter Hansen damals einen regelrechten Schutzschirm. "Ich durfte kaum mit anderen Kindern spielen", erinnert sich Hansen. Dann brannte auch noch das Haus der Familie. "Viele kamen, um beim Löschen zu helfen. Doch bei der Inventur waren meine Großeltern entsetzt, was dabei gestohlen wurde. Sicher, die Armut war groß. Aber ich glaube, dass wir aus der Familie eines Widerstandskämpfers kamen, hat es so manchen Dieb leichter gemacht", ist sich die Hansen-Tochter sicher.

"Alles andere als eine Heldentat"

Irene Hansen, die Mutter, wollte nach dem Brand nicht mehr in Michelau bleiben, zog 1950 nach Coburg. Dort hatte sie ihr Abitur gemacht. Dort war die Familie ihres Mannes aus Tradition zu Hause. Dort hatte sie alte Schulfreundinnen. Die Söhne gingen auf das Internat, die Eltern halfen aus, so gut es ging.

Die Zeiten des stolzen großbürgerlichen Lebens waren jedoch vorbei, Geld war für die Hansens knapp. Die junge Bundesrepublik verweigerte der Mutter sogar die Rente als Kriegerwitwe. Schließlich sei ihr Mann doch unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen worden, lautet die Begründung. Für Irene Hansen ging es um die Existenz ihrer Familie. Sie klagte und geriet an einen guten Pflichtanwalt. Der erkämpfte mit ihr die Rente. Fast ein Jahrzehnt war darüber vergangen.

Die Beteiligung Hansens am gescheiterten Hitler-Attentat wurde von den vielen Nationalgesinnten im Nachkriegsdeutschland nicht als eine Heldentat gesehen. Gerade deshalb wollte die Mutter ihrer Tochter Frauke von dem mutigen Vater erzählen, der nach dem fehlgeschlagenen Anschlag durch Stauffenberg noch ins Ausland hätte fliehen können: "Mein Platz ist jetzt in Berlin - das hat dein Vater mir zum Abschied gesagt, bevor er in den sicheren Tod ging", erzählte ihr die Mutter.

Hilflosigkeit und Trauer

Der Vater, der Held. Als Kind und Heranwachsende konnte Frauke Hansen damit nur schwer umgehen. Sie wollte von ihrer Mutter lieber etwas von dem Menschen Georg Alexander erfahren, vom Vater, nicht vom Widerstandskämpfer. Vielleicht schmerzte es die Mutter zu sehr, darüber zu sprechen. So wie es heute Frauke Hansen immer noch schwerfällt, über ihren Vater zu reden, ohne dass die Tränen kommen. Ein tiefgehendes Gespräch zwischen Mutter und Tochter kam nie zustande. Es erstickte immer aufs Neue in Hilflosigkeit, Trauer und manchmal in nackter Wut.

Die Wut nahm bei der Mutter nicht selten überhand: "Es hat wehgetan, meine Mutter so zu sehen. Sie war ein guter Mensch, trotz ihrer Strenge", sagt Frauke Hansen. Doch auch sie selbst litt: "Oft habe ich in mein Kissen geweint. Warum, habe ich mich damals gefragt, hat er uns das angetan? Hat er nicht an uns gedacht, an seine Familie? Dann war ich wieder stolz auf ihn. Gerade als ich immer mehr über die Verbrechen der Nazis erfahren habe", sagt die Tochter heute.

Bei den Pfadfinderinnen konnte sie als Jugendliche der oft bedrückenden Enge ihres Zuhauses entkommen. Es ging auf Fahrt, in die Natur, zum Zelten. Doch nie sprach sie jemand auf ihren Vater an, auf den Verlust. Nicht einmal nachts am Lagerfeuer, wenn sich Freundinnen ihre größten Geheimnisse erzählten. Doch keine sagte einen Satz, der sie tröstete, der sie stolz machen konnte. "Das hat schon wehgetan, denn natürlich wussten meine Führerinnen und die meisten älteren Mädchen, wer mein Vater war und wie er starb", meint die heute 69-Jährige.

Eine Straßenwidmung wäre wie die Erfüllung eines schönen Traums

Der Wunsch nach Anerkennung ist geblieben. Als sie jüngst nach einem Zeitzeugen-Gespräch einem Holocaust-Überlebenden kurz von ihrem Vater erzählen will, zeigt der nur wenig Interesse. "Sicherlich, mein Vater war Teil einer fürchterlichen Militärmaschinerie. Aber er stand Ende der dreißiger Jahre dem Regime schon abweisend gegenüber, warnte vor dem Krieg", sagt die Tochter. Doch sie hat eine Verbündete: Franziska Bartl. Die junge Frau hat ihre Facharbeit als Schülerin und später ihre Magisterarbeit dem Leben von Hansen gewidmet, jetzt promoviert die Coburgerin über den Widerstandskämpfer.

Für Frauke Hansen ist das die Anerkennung des Vaters, die sie sich schon so lange wünscht. Derweil wundert sich Franziska Bartl, dass Coburg außer einer Ausstellung in der Stadtbibliothek im Jahr 2010 und einem "Stolperstein" aus Kupfer wenig unternimmt, um den heimischen Widerstandskämpfer zu ehren. "Aus Angst vielleicht, dass Hansen von Historikern als strammer Militarist eingestuft wird. Aber dann dürften wir in Coburg auch nicht eine Hindenburgstraße haben", meint die junge Akademikerin. "Vielleicht trägt meine Forschungsarbeit ja eines Tages dazu bei, dass es doch noch eine Hansen-Straße gibt. Ein Mann, der sein Leben gibt, um einen grausamen Krieg zu beenden, hätte das sicherlich verdient", meint die Coburgerin.

Für Frauke Hansen wäre eine Straßenwidmung wie die Erfüllung eines schönen Traums. Doch manchmal muss sie noch gegen Geister ankämpfen, die sie für längst verschwunden hielt. "Kurz vor meiner Pensionierung als Physiotherapeutin vor drei Jahren kam ein langjähriger Patient auf mich zu: 'Ach Frau Hansen, das wollte ich Ihnen doch noch sagen. Wie man es mit Ihrem Herrn Vater auch wendet, meiner Meinung nach bleibt er ein Vaterlandsverräter'".

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1.
Irina Bruns 19.07.2011
Es ist ja nun nichts Neues, dass die Attentäter des 20. Juli nicht gerade Vertreter einer neuen demokratischen Republik waren, sondern im Erfolgsfalle vermutlich eher zu einer Restauration des Kaiserreiches tendiert hätten. Das ist aber absolut kein Grund, Ihren Widerstand an sich klein zu reden. Die Kinder der Attentäter (und natürlich auch die Mütter) haben mir schon unendlich leid getan, als ich das erste Mal von Ihrem Schicksal gelesen hatte. Sie sind ja auch in den Kinderheimen nicht gerade gut behandelt worden und waren zum Teil jahrelang von ihren Müttern getrennt. Dass sie auch nach 45 benachteiligt und diskriminiert wurden, war mir bisher nicht bekannt und man kann es nur als Schande der Nachkriegszeit bezeichnen. Umso mehr hätten sie eine späte Aufarbeitung und Würdigung verdient. Auch wenn ich um keinen Preis der Welt wieder einen Kaiser würde haben wollen... :-)
2.
Kurt Scholz 20.07.2011
Verräter sind nie angesehen, so ehrenwert sie auch ihre Motive sehen. Die Geschichte über sie wird natürlich goutiert, aber der Mensch, der Nestbeschmutzer, der den eigenen "Betrieb" schlecht dastehen läßt, der aus der Gruppe ausschert? Zumindest sollte die Frau anregen, dass die Bundeswehr sein Gedächtnis bei der nächsten Vereidigung würdigt, denn sie beruft sich ausdrücklich auf diese Männer des Widerstandes. In vielerlei Hinsicht wurde die Nazizeit noch nicht überwunden und ich weiß nicht ob es je sein wird. Man muss die Sache so sehen, ein Diktator kann befehlen so viel er will, wenn es nicht haufenweise Unterstützer gibt. Noch dazu ein Diktator der demokratisch an die Macht gewählt wurde, so als gäbe es keinen anderen der, wie jede Nation in dieser Krise, öffentliche Bauprojekte versprach. Vielmehr war es ein gut finanzierter und organisierter Beutezug gegen die Juden zuerst und danach gegen andere Völker Europas. Die Nutznießer dieser Sache haben bis heute nicht wirklich dafür bezahlt. In einer solchen Gesellschaft läßt sich das Monster an der Spitze, ebenso wie die Verräter an der sauberen Wehrmacht verdammen und die ganzen Totenkopf-SS-Leute die hinter dem Rücken der Bevölkerung böse KZ betrieben.
3.
Kurt Scholz 20.07.2011
>Auch wenn ich um keinen Preis der Welt wieder einen Kaiser würde haben wollen... :-) Die konstitutionelle Monarchie in vielen Ländern funzt gaz gut und bringt gute Einkünfte...
4.
Werner Kraft 20.07.2011
Frauke Hansen und Franziska Bartl: Sie sind nicht allein. Aber eine Minderheit. Auch in dieser Demokratie. Die grosse Masse hat kein Verständnis für Dinge, die den Fluß der Dinge in Frage stellen. Danke, dass Sie anders sind.
5.
Lutz Nowack 20.07.2011
'Ach Frau Hansen, das wollte ich Ihnen doch noch sagen. Wie man es mit Ihrem Herrn Vater auch wendet, meiner Meinung nach bleibt er ein Vaterlandsverräter'" Die richtige Antwort wäre gewesen: "Ja Herr Patient. Und ich kann es drehen und wenden wie ich will, für mich sind und bleiben Sie ein ewig gestriges Nazi-Schwein" Ich neige normalerweise nicht zu solchen Kraftausdrücken, aber wenn es um diese braune Nachkriegssoße geht ist mir kein verbaler Ausdruck dreckig genug. Ich bin Jahrgang 1958 und ich verneige mich vor allen Widerstandskämpfern. Deren Motivation ist für mich völlig zweitrangig. Allein die Tatsache, dass sie für ein Ende dieses Verbrecher-Regimes ihr Leben riskiert und geopfert haben, hat mir in meiner Jugend gezeigt, dass es in Deutschland nicht nur braunes Gesindel, sondern auch noch Menschen mit Verstand und moralischem Kompass gegeben hat. Als nach dem Krieg für viele Nazis die Galgen aufgestellt wurden, hätte sich der 'Patient' ja mit seiner Meinung gerne öffentlich äussern können, aber den gleichen Mut wie Herr Hansen hat dieser Feigling damals offensichtlich nicht aufgebracht. Wir Nachkriegsdeutsche jedenfalls sind stolz auf diese paar wenigen wirklich mutigen Männer dieser äusserst gefährlichen Zeit.
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