Widerstandskämpferin Sophie Scholl "Jetzt werde ich etwas tun"

Widerstandskämpferin Sophie Scholl: "Jetzt werde ich etwas tun" Fotos
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Hitler-Gegnerin und BDM-Mädel, kühle Hochbegabte und verliebter Teenie, wilde Tänzerin und strenge Asketin: Hinter der Widerstandsikone Sophie Scholl entdeckt die bislang umfassendste Biografie des berühmtesten Mitglieds der "Weißen Rose" eine junge Frau voller menschlicher Widersprüche. Von

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Am Morgen ihrer Hinrichtung hat Sophie Scholl einen Traum: Sie trägt ein Kind im weißen Taufkleid einen steilen Berg hinauf. Plötzlich klafft zu ihren Füßen eine Gletscherspalte auf. Sophie legt das Kind auf die andere Seite des Abgrundes - und fällt in die Tiefe. Wenige Stunden später verkündet NS-Richter Roland Freisler im Saal 216 des Schwurgerichts in der Münchner Prielmayerstraße das Urteil: Tod durch die Guillotine. Am 22. Februar 1943, um Punkt 17 Uhr, löst der Henker im Rapportzimmer im Gefängnis München-Stadelheim das Fallbeil aus.

Sophie ist wirklich tot, mit nicht einmal 22 Jahren. Ihr Körper liegt im Abgrund, doch die Vision, das gerettete Kind aus dem Traum, überlebt. Es heißt "FREIHEIT". Sorgfältig malt Sophie diese acht Großbuchstaben auf die Rückseite ihrer Anklageschrift. Erst Jahrzehnte später, als jemand die Akte Scholl in die Hand nimmt und umdreht, wird das stumme Vermächtnis entdeckt.

Da ist Sophie Scholl längst zu einer säkularen Heiligen geworden, der Ikone des anderen, besseren Deutschland, das Hitler und seinen Mordgesellen zu trotzen versuchte, auch um den Preis des eigenen Lebens. Aber das wahre Gesicht der Ikone Sophie Scholl bleibt oft ohne Konturen, so unscharf und flüchtig wie die wenigen, grobkörnigen Schwarzweißfotos, die von ihr überdauert haben.

Jetzt erweckt die bislang umfassendste Biografie über Sophie Scholl, verfasst von der Autorin Barbara Beuys, dieses etwas erstarrte Denkmal zum Leben, ohne es dabei zu demontieren. Auf der Basis teils unerschlossener Dokumente entwirft Beuys die hochkomplexe Charakterstudie einer jungen, außergewöhnlichen Frau, die voller Widersprüche steckt, innerlich zerrissen ist und bei weitem nicht schnurstracks, sondern durchaus im Zick-Zack-Kurs ihren Weg in den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur findet.

Hitlers Konterfei im Kinderzimmer

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht kommen, ist Sophie erst knapp zwölf Jahre alt - ein behütet im Schwäbischen aufwachsendes Mädchen. Ähnlich wie ihre vier Geschwister drängt sie begeistert in die Hitler-Jugend - sehr zum Unmut der liberal-humanistisch gesinnten Eltern Robert und Magdalena. Sophies großer Bruder Hans, damals 14, himmelt den Führer regelrecht an: Jeden Tag hängt er eine Radierung Hitlers im Kinderzimmer auf, jeden Tag hängt sie der Vater ab und verbannt sie in eine Schublade - um irgendwann aufzugeben.

Sophie, über Jahre überzeugte Gruppenführerin bei den nationalsozialistischen Jungmädeln, lässt auch nicht von ihrer Haltung ab, als die Nationalsozialisten in der Nacht zum 10. November 1938 die Synagogen ihrer Heimatstadt Ulm zertrümmern. "Das ist recht, dass du eifrig in den Dienst gehst", ermuntert sie anderntags ihre Freundin Lisa Remppis, auch weiterhin den wöchentlichen Heimabend beim Bund Deutscher Mädel zu besuchen (BDM). Die Brutalität der Braunhemden in der "Reichspogromnacht" scheint Sophie ebenso wenig erschüttert zu haben wie ihre eigene Verhaftung, zusammen mit ihren Geschwistern ein Jahr zuvor: Wegen ihrer Arbeit in der "Bündischen Jugend" hatte die Gestapo die Scholl-Kinder Ende 1937 für ein paar Stunden arretiert.

Äußerlich linientreu, verschlingt Sophie gleichwohl die von den Nazis auf dem Scheiterhaufen verbrannten Werke von Thomas Mann, Heinrich Heine oder Rainer Maria Rilke und schimpft über die "braunen Scheiben" der als öde empfundenen Schule. Ungeachtet der politischen Lage und ihrer intellektuellen Wachheit ist sie vor allem ein bis über beide Ohren verliebter Backfisch. Fritz Hartnagel heißt der Auserwählte - ein vier Jahre älterer angehender Berufsoffizier, den die 16-jährige Sophie im November 1937 beim Tanzen kennengelernt hat.

Sexualität oder Entsagung

Und Sophie tanzt für ihr Leben gern: nicht in der Tanzstunde, das ist ihr zu spießig, sondern allein für sich, flippig - und so hemmungslos, dass die Leute beginnen zu tuscheln. "Es heißt, ich hätte sehr unsolid getanzt", schreibt sie Fritz nach dem Maitanz 1938. "Aber es reut mich nichts, dazu war mir der Abend viel zu nett." Früher als die beiden großen Schwestern hat die junge Frau mit dem kessen Kurzhaarschnitt einen festen Freund, raucht Zigaretten und trampt mit ihrer Freundin übers Land. Sie übernachtet bei ihrem Geliebten in dessen Augsburger Kaserne, hat einen Faible für schicke Kleider und schätzt es, hinter dem Steuer des eleganten Autos von Fritz' Vater am Bodensee längs zu brausen.

Kurz: Sophie ist eine selbstbewusste, emanzipierte Jugendliche, die, genau wie so viele andere Mädchen in ihrem Alter, das Leben liebt - und gleichzeitig mit der Liebe hadert. "Glaubst du nicht, das Geschlecht könnte vom Geiste überwunden werden?", fragt die zwischen erwachender Sexualität und Entsagung hin und her gerissene gläubige Protestantin ihren Freund in einem Brief. Sophie begeistert sich für Klosterleben, Askese und den heiligen Augustinus; versucht, sich von "allem Sinnlichen" freizumachen, wie sie schreibt. Dennoch wird die Verbindung mit Fritz Hartnagel bis zu Sophies frühem Tod halten.

Und das, obwohl Fritz seit Kriegsausbruch als Wehrmachtsoffizier für Hitler kämpft. Sophie hasst ihn dafür und beschimpft ihn in ihren Briefen, längst formuliert sie offen ihre Verachtung für das braune NS-Regime. Wann genau ihr definitiver Bruch mit dem Nationalsozialismus erfolgt, vermag auch die Biografin Beuys nicht zu klären. Fest steht indes, dass Sophie keinesfalls direkt nach dem Reichsparteitag von 1935, auf dem die Nazis ihre unmenschlichen Nürnberger Rassegesetze verkündeten, zur entschiedenen Regimegegnerin wird, wie dies ihre große Schwester Inge später behauptete.

Widerstand mit der Blockflöte

Sophie erfüllt trotz aller inneren Widerstände noch einige ganze Weile ihre patriotische Pflicht im Sinne der Nazis, zu der etwa die BDM-Abende gehören. Bis zu ihrem Kindergärtnerinnen-Examen im Frühjahr 1941 besucht sie die Nazi-Treffen, so sehr sie sich dort auch langweilt: ein Widerspruch, der stehenbleiben muss, resümiert Autorin Beuys, "weil die Realität der nationalsozialistischen Lebenswelt nicht in Schwarz-Weiß-Bildern fassbar ist". Spätestens mit dem Beginn des Studiums der Biologie und Philosophie im Mai 1942 in München jedoch reift ihr Willen zur Tat.

Es ist vor allem die direkte Konfrontation mit dem braunen Terror und seine Folgen, die Sophies Entschlossenheit befeuern. Ein Freund der Familie fällt in Russland. Ihr Vater kommt für vier Monate in Haft, weil er Hitler als "Gottesgeißel" bezeichnet hat; anschließend wird Robert Scholl mit Berufsverbot belegt. Sophies Freund Fritz schreibt immer verzweifelter von dem grausamen Massensterben an der Ostfront. Schließlich läuft das Fass für Sophie über. "Schluss. Jetzt werde ich etwas tun" soll sie Freunden gegenüber im Sommer 1942 erklärt haben. Dann schnappt sie sich die Blockflöte um für den inhaftierten Vater vor den Gefängnismauern "Die Gedanken sind frei" zu spielen.

Etwa zeitgleich verschicken ihr älterer Bruder Hans und dessen Studienfreund Alexander Schmorell von München aus die ersten hundert Flugblätter, überschrieben mit "Weiße Rose" - der aktive Widerstand beginnt. Und Sophie mischt mit, mal an vorderster Front, mal scheu im Hintergrund. Denn auch das kennzeichnet Sophies menschliche Zerrissenheit: Einerseits schließt sich die Studentin kompromisslos dem Widerstandskreis um ihren Bruder Hans an, legt am helllichten Tag die Botschaften der "Weißen Rose" in Telefonzellen und geparkten Autos ab oder fährt allein mit 2000 regimekritischen Flugblättern im Koffer von München nach Augsburg und Ulm.

Andererseits akzeptiert die sonst so emanzipierte Sophie Scholl die traditionelle Rollenverteilung innerhalb des Zirkels und bedient bei ihren konspirativen Treffen stumm den Samowar, während die Männer sich die Köpfe heiß reden.

"Brave, herrliche junge Leute!"

Bei allem Mut hat Sophie grässliche Angst. Nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt sie durchhalten - eine Zeit nach dem Terror, in der sie ihren Traum verwirklichen und einen Bauernhof führen wird. Doch dazu soll es nicht mehr kommen. Am 18. Februar 1943, die Schlacht von Stalingrad hat für die deutsche Wehrmacht gerade als Katastrophe geendet, legen Sophie und Hans mitten im Vorlesungsbetrieb unbemerkt Flugblätter vor den Hörsälen im Hauptgebäude der Münchner Universität ab. Als sie schon am Hinterausgang angelangt sind, machen sie plötzlich kehrt. Die Geschwister laufen in den ersten Stock, legen weitere Flugblätter ab, rennen in den zweiten Stock hinauf. Von hier wirft Sophie eine Handvoll Flugblätter in den Lichthof hinunter. Dabei wird sie vom Hausmeister entdeckt, der sie festhält, bis die Gestapo eintrifft.

Die Nazis machen kurzen Prozess mit ihren jugendlichen Gegnern. Nur vier Tage später enden mit Hans und Sophie Scholl sowie ihrem Freund und Mitverschworener Christoph Probst die ersten drei Mitglieder der "Weißen Rose" unter dem Fallbeil. Alexander Schmorell, der Medizinstudent Willi Graf und der Musikprofessor Kurt Huber wurden kurz darauf abgeurteilt und ebenfalls guillotiniert.

"Brave, herrliche junge Leute!", würdigte Thomas Mann die toten Widerstandskämpfer der "Weißen Rose" in einer Radioansprache der BBC am 27. Juni 1944, "Ihr sollt nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein!" Die neue Biografie von Sophie Scholl erfüllt dieses bald 70 Jahre alte Versprechen jetzt mit neuem Leben.

Zum Weiterlesen:

Barbara Beuys: "Sophie Scholl. Biographie". Hanser-Verlag, 2010, 493 Seiten, 24,90 Euro.

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1.
Emine Cakiroglu 18.02.2010
Gegen Faschismus gab zu ehren die Deutschen auch der " Weißen Rose "... Darauf sollte man stolz sein !...
2.
Jan Schäfer 19.02.2010
Leider war sie keine schillernde Heldin, dafür aber ziemlich ambitioniert. Anfangs als Mitglied im BDM und später in der weißen Rose. Ich weiß aus Erfahrungsberichten meiner Großmutter, die Sophie Scholl in schlechter Erinnerung behielt, dass sie in ihrer Jugend weit Vorne war darin Juden und Asoziale zu diskriminieren.
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