Wie alles anfing Pling, plong, Gottschalk

Wie konnte es nur soweit kommen? Thomas Gottschalk moderiert den Deutschen Fernsehpreis - wie immer in miesen Klamotten. Dabei hatte seine TV-Karriere so innovativ begonnen - mit der Reihe "Telespiele" und Hausfrauen, die begeistert durch die Kulisse hüpften.

SWR

Von Sven Stillich


Dübeldübeldübdüb-dübdüb-düb-düdüb: Computerklänge tönen aus dem Fernseher, Neonpixelschrift flackert über den Schirm. Dann zeigt die Kamera einen jungen Schlacks mit langen Haaren und breitem Grinsen. "Guten Abend und herzlich willkommen bei unseren Telespielen", begrüßt er die Zuschauer, "diese Sendung ist etwas ganz Neues, und ich dürfte Ihnen auch neu sein: Mein Name ist Thomas Gottschalk." Artig will das Publikum im Studio des Südwestfunks dem Neuling applaudieren, doch der unterbricht es charmant: "Danke", sagt er, "dafür kann ich nun wirklich nichts." Es ist Donnerstag, der 11. November 1977, und die Fernsehkarriere von Thomas Gottschalk beginnt mit einem flotten Spruch.

Es ist diese Mischung aus jugendlichem Auftreten und Schwiegermuttercharme, die den ehemaligen Discjockey im Radio bereits zum Star gemacht hat. Junge Zuhörer lieben seine Sendung im Bayerischen Rundfunk, weil er rockige Musik spielt und ihre Sprache spricht, die Älteren haben nichts gegen ihn, weil Thomas Gottschalk zwar frech ist, aber niemals böse. Auch Regisseur Alexander Arnz erkennt das "Riesentalent" des Franken sofort, als er ihn im Autoradio hört. Er lädt ihn zum Moderationstest ein, den Gottschalk besteht, "obwohl er immerzu ganz fürchterlich mit den Armen gerudert hat", wie sich Holm Dressler erinnert, der damals frisch als Nachwuchsredakteur beim Südwestfunk arbeitet. "Wir wurden uns ganz klassisch vorgestellt, und dann hieß es: Los, ihr macht jetzt zusammen mal was."

Was dieses "Was" sein wird, ist bald klar - eine Sendung rund um etwas, das zu dieser Zeit Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistert: die neuen "Bildschirmspiele". Überall in Deutschland wird gerade Ataris "Pong" gespielt, der Vorläufer aller heutigen Videogames. "Pong" zeigt nicht mehr als einen schwarzen Bildschirm, links und rechts je einen weißen Balken und einen Punkt. Und auch das Spielprinzip ist simpel: Der hin-und-her-sausende Punktball muss mit den Balken reflektiert werden - und wer ihn verpasst, der schenkt dem Gegner einen Zähler. Doch "Pong" ist mehr: Es ist Tennis für alle. In Kneipen, Spielhallen und auf Bahnhöfen stehen "Pong"-Automaten, es gibt das Spiel sogar als Spielkonsole für das Wohnzimmer zu Hause.

"Pling", "Plong" - und alle haben Spaß

Ein paar Wochen vor Gottschalks Moderationstest kam SWF-Techniker Erhard Möller die Idee, "Pong" im Fernsehen zu spielen. Er baute das Spiel um, so dass sich die Balken statt per Hand mit Geräuschen steuern ließen: Die Spieler erhalten ein Mikrofon, und je lauter sie hineinrufen, desto höher schnellt ihr Schläger. Wolfgang Penk, einem der Unterhaltungschefs des Senders, gefällt die Idee, und so kommt es, dass Thomas Gottschalks "Telespiele" im November 1977 ihre Premiere feiern.

Und so steht er nun da, vor ein paar Monitoren und hinter einem rotgelben Pult, auf dem ein rotes und ein gelbes Telefon bereit stehen. Denn nicht nur das Publikum im Baden-Badener Studio soll in "Pong" gegeneinander antreten, auch per Telefon können sich Zuschauer in die Sendung einwählen - so viel Interaktivität gab es im deutschen Fernsehen noch nie. "Kommando: Telespiel, ab!", ruft Gottschalk, und das erste Publikumsspiel beginnt: Frau Schmidt, eine Hausfrau, spielt gegen eine Sportlehrerin, Fräulein Christian. "Oooh!" ruft Frau Schmidt, und ihr Schläger macht einen Hüpfer, "oaah!" macht Fräulein Christian und verfehlt den Ball nur knapp. Es macht "Pling", es macht "Plong", und alle haben Spaß, die Spieler und die Zuschauer.

Am Ende steht es 15:13, die Hausfrau hat gewonnen und darf sich nun ihren Gewinn aussuchen: einen Musikclip von Smokie zum Beispiel, von den Bay City Rollers oder von Cliff Richard. Frau Schmidt will Kevin Johnson mit "Rock'n Roll" sehen, und schon wird der Mitschnitt eines Live-Auftritts aus dem SWF-Archiv abgespielt. Jahre, bevor Musikvideos mit Peter Illmanns "Formel Eins" das Fernsehen erobern, gibt es in den "Telespielen" Musik aus der Konserve.

Drei Helfer für Promi-Gast Bud Spencer

Auch Prominente sind von Beginn an ein fester Teil des Konzepts. Per Telefon spielen nun Paola und Tony Marschall gegeneinander. Der Sänger gewinnt die Partie und wünscht sich einen Clip von Heintje (Thomas Gottschalk: "Aber Sie schauen zu, ja? Jetzt nicht weggucken oder weghören!"), nach seinem zweiten Sieg wählt er Pink Floyd für seinen Sohn. In den nächsten Sendungen wird Franz Alt auftreten, der Moderator des Magazins "Report", Elmar Gunsch, Alfred Biolek und Roger Whittaker werden da sein, und auch Bud Spencer tritt in den "Telespielen" auf. Der will nur für seinen neuen Film werben, nun steuert er mit einer Tröte "Pong" und muss sich für ein Flugzeugspiel in einen Flieger quetschen, den sich das Team vom Europapark Rust ausgeliehen hatte. Drei Mitarbeiter des Senders müssen ihm dabei helfen, aus dem Flugzeug wieder herauszukommen. "Die Stimmung war immer klasse", erinnert sich Erhard Möller, "weil man sich plötzlich gemeinsam auf einem kindlichen Niveau wiederfand."

Denn nicht nur "Pong" wird inzwischen gespielt, und selbst das nicht nur per Stimme. Die Spieler blasen in Gießkannen, um ihre Schläger zu bewegen, sie rasseln und schlagen auf Trommeln. Schauspieler Manfred Krug setzt sich auf ein Motorrad, dessen Gaspedal ein Motorradrennen-Videospiel steuert, ein Kandidat lenkt "Pac-Man" aus einem Autoscooter heraus. "Die Spielehersteller fanden das natürlich toll und haben uns mit Spielen eingedeckt", sagt Holm Dressler, "Geld bezahlt haben wir nie. Ich glaube, wir haben damals nicht einmal gefragt, ob wir deren Spiele für die Sendung verwenden dürfen."

Die "Telespiele" werden im Nachmittagsprogramm zum Riesenerfolg und zum Pflichttermin für die erste Generation der Videospieler. Am Faschingsdienstag 1981 werden sie zum ersten Mal zur besten Sendezeit in der ARD ausgestrahlt und ersetzen Frank Elstners "Montagsmaler" - die Sendung ist unkonventionell und trifft den Zeitgeist dieser Jahre wie keine andere: "Automat und Telespiel / leiten heute die Zukunft ein" singen "Kraftwerk", "Pac-Man" wird vom Teenager-Leitmedium "MAD" zum "Mann des Jahres" gekürt, bald kommt der "Commodore 64" auf den deutschen Markt und wird der erste Computer vieler Heranwachsender. "Telespiele" hat Einschaltquoten von mehr als 40 Prozent, das Sendungskonzept wird nach England, Holland und Frankreich verkauft.

Ritterschlag von Rudi Carell

Thomas Gottschalk ist der Star dieser Spiele, der "schelmische Lausbub" ("Quick"), der "sonnige Smartie" (DER SPIEGEL) , der "Kuhlenkampff von morgen" ("Zeit"). Gottschalk ist populär bei Jung und Alt. Eines Tages ruft Showmaster Rudi Carell in der Redaktion an, damals der König der großen Unterhaltungsshow am Samstagabend. "Was ihr da macht, ist großartig", sagt Carell und lädt den jungen Spielleiter in seine Sendung ein. "Das war unser Ritterschlag", sagt Holm Dressler, "ich weiß noch, wie Thomas völlig von den Socken war. 'Woher kennt der mich?', hat er immer wieder gefragt."

Bald wird Thomas Gottschalk jeder kennen. Doch nicht mehr als Moderator der "Telespiele". 1981 gehen Redakteur Holm Dressler und Unterhaltungschef Wolfgang Penk zum ZDF, ihr Moderator folgt ihnen - wegen der neuen Herausforderung und wohl auch wegen des Geldes. 7000 Mark soll Gottschalk damals für eine Sendung "Telespiele" bekommen haben, schreibt DER SPIEGEL, 13.000 Mark sollen es für seine neue ZDF-Sendung "Na sowas!" gewesen sein. Gottschalk macht Karriere. Für die "Telespiele" bedeutet sein Wechsel zum ZDF nach 29 Sendungen das Aus.

Doch Holm Dressler ist davon überzeugt, dass eine Show mit Videospielen auch heute ein Quotenbringer wäre. Seit zwei Jahren verhandelt er mit Sendern über ein Konzept. "Noch befürchten viele Sender, dass das Publikum einer solchen Samstagabendshow zu jung sein könnte", sagt Holm Dressler, "und sie haben Angst, sich wegen der Gewaltdiskussion auf zweifelhaftes Terrain zu begeben." Derzeit sei jedoch der Sender Sat1 an der Idee interessiert. Vielleicht heißt es dort ja bald wieder einmal: "Herzlich willkommen bei unseren Telespielen."



insgesamt 5 Beiträge
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Wolfgang Baumann, 12.10.2008
1.
Kleiner Schönheitsfehler: Der 11. November 1977 war ein Freitag.
Reinhold Kocaurek, 12.10.2008
2.
"Telespiele" waren definitiv nicht der erste Fernsehauftritt von Thomas Gottschalk: er moderierte füher schon zwei Produktionen des bayerischen Rundfunks: zuerst die "Plattenecke" in der Sendung "AHA, die Sendung mit der Punktmaschine" und dann die Musik-Kultsendung "Szene 76". Ich machte dort damals in Unterföhrung die MAZ-Technik. Ausserdem präsentierte er die Sendung "18-19 Musik" im BR-Regionalprogramm, allerdings weiss ich nicht mehr, ob das auch schon vor 1977 war. Und dann erst kamen die "Telespiele", - anyway.
Hans J. Laumanns, 12.10.2008
3.
Es paßt zur allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Sitatuion. Ein hervorragendes Timing. Spaßgesellschafter und -gesellschaften läuten ihr Ende ein.
Sven Stillich, 13.10.2008
4.
>Kleiner Schönheitsfehler: Der 11. November 1977 war ein Freitag. Lieber Herr Baumann, Sie haben Recht. Doch der richtige Fehler im Text liegt nicht beim Wochentag. Das korrekte Datum der Sendung ist der 10. November 1977. Danke für den Hinweis und die Möglichkeit, den Tippfehler zu korrigieren. Viele Grüße, Sven Stillich
Friedhelm Dohmann, 13.10.2008
5.
>"Telespiele" waren definitiv nicht der erste Fernsehauftritt von Thomas Gottschalk: er moderierte füher schon zwei Produktionen des bayerischen Rundfunks: zuerst die "Plattenecke" in der Sendung "AHA, die Sendung mit der Punktmaschine" und dann die Musik-Kultsendung "Szene 76". Ich machte dort damals in Unterföhrung die MAZ-Technik. Ausserdem präsentierte er die Sendung "18-19 Musik" im BR-Regionalprogramm, allerdings weiss ich nicht mehr, ob das auch schon vor 1977 war. Und dann erst kamen die "Telespiele", - anyway. Richtig Reinhold, Bei einigen der "Szene 76" Sendungen war ich Aufnahmeleiter und oft nur bemüht Groupies von den Umkeidekabinen des Studios in Unterföhring fernzuhalten. Es muß "betont" werden, nichts war live, lip-synching war damals durchaus üblich.
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