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17. Mai 2016, 11:52 Uhr

Furor der Folk-Fans

Warum Bob Dylan als "Judas" verflucht wurde

Von Willi Winkler

Es war der wohl berühmteste Zwischenruf der Musikgeschichte: "Judas!" Im Mai 1966 stand Bob Dylan vor seinen Fans in Manchester - und wusste nicht, wie ihm geschah.

Der echte Judas, der aus der Bibel, machte ein gutes Geschäft. Fahndungsfotos gab es noch keine, oder Phantombilder. Aber obwohl Jesus vor aller Augen und nicht wenig predigte, brauchten die Hohepriester in Jerusalem jemanden, der ihnen sagte, wie der Prediger aussah, der sich als Messias ausgab. Dafür zahlten sie Judas dreißig Silberlinge, womit sich damals ein ganzes Grundstück kaufen ließ.

Judas hat seither einen verheerenden Ruf, aber für die Heilsgeschichte ist er zwingend notwendig: Ohne seinen Verrat wäre es nicht zur Kreuzigung gekommen, ohne Judas gäbe es kein Christentum.

Am 17. Mai 1966 hielt ein Band in miserabler Tonqualität fest, wie jemand bei einem Konzert in der Manchester Free Trade Hall "Judas!" brüllte, in der Umstimmpause zwischen zwei Songs. Der Judas, der Verräter, sollte Bob Dylan sein. Der selbsterklärte song and dance man, ein reisender Sänger, Gitarrenschlenzer, chronischer Mundharmonikasauger, schlechtgelaunter Hipster und dabei Dichter - er wusste nicht, wie ihm geschah.

Strahlender Held der akustischen Gitarre

Er, ein Judas? Was hatte er denn verraten? Seine Heimat, seine Frau? Doch nicht im Ernst seine akustische Gitarre? "Als wäre das damit zu vergleichen, dass einer Christus verrät und ihn zur Kreuzigung ausliefert." Noch Jahrzehnte später beklagte sich Dylan, der am kommenden Dienstag 75 Jahre alt wird, in einem "Rolling Stone"-Interview, ihm habe man an jenem Abend in Manchester den "meistgehassten Namen der Menschheitsgeschichte" angehängt, nur weil er elektrische Gitarre gespielt habe.

Die "Judas!"-Geschichte ist unverzichtbarer Teil der Dylan-Legende geworden, ebenso wie der angeblich lebensgefährliche und lebensverändernde Motorradunfall oder später die Bekehrung zu einem üblen fundamentalistischen Christentum. Die Legende ist so lebendig, dass mindestens zwei Männer beansprucht haben, den Sänger an jenem Abend als "Judas!" beschimpft zu haben. Dabei wusste kaum jemand Genaueres über das Konzert.

Bis in die Neunzigerjahre kursierten Bootlegs, auf denen der berüchtigte Aufschrei aus einer offenbar tief verwundeten Seele in die weit königlichere Royal Albert Hall in London verlegt wurde. Auch dort, zehn Tage später, gab es Proteste gegen den früher einmütig gefeierten Musiker, aber zu seinem Glück befanden sich unter seinen Fans im Publikum die Beatles und die Rolling Stones, die wiederum die Störer niederzischten. Danach kehrte Dylan nach Amerika zurück, wo angeblich niemand mehr mit dem Verräter zu tun haben wollte.

Er war ein erledigter Fall, sagt die Legende. Elektrifiziert zwar und in jeder Jukebox, aber erledigt. Dieser Teil der Judas-Legende ist zu schön, um auch noch wahr zu sein.

Eklektisch und elektrisch

Sie beginnt 1963 mit seiner großen USA-Tournee, die ihn als junge Stimme des Protests berühmt macht - der einzig legitime Nachfolger von Woody Guthrie, Schützling von Pete Seeger, Gefährte der stimmstarken Joan Baez, ein strahlender Held der urbanen Folkmusik.

Zwei Jahre später das Folkfestival in Newport an der amerikanischen Ostküste: Die Gemeinde hat sich zu seinen Füßen versammelt und erwartet, dass er zur gepflegt gezupften Gitarre den drohenden Atomtod beklagt, die Rassentrennung anprangert oder sich wenigstens wegen der ärgerlichen Übergriffe der Polizei beschwert. Und was tut Dylan? Er stöpselt seine Gitarre ein und fetzt, verkatert womöglich und hinter der Sonnenbrille entsetzlich schlecht gelaunt, "Maggie's Farm" herunter. Er will, brüllt er heraus, nicht mehr auf dieser Farm arbeiten.

Womöglich ist damit tatsächlich die amerikanische Wirtschaft gemeint. Vielleicht hat er aber auch nur genug von den Zumutungen der Protestbewegung, hat einfach keine Lust mehr, immer und immer wieder das Unrecht in der Welt anzuklagen. Dylan sagt dazu nie etwas. Ein Künstler interpretiert sein Werk nicht gern, es möge für sich selbst sprechen.

Es gibt Buhrufe, es gibt Pfiffe beim Newport-Auftritt 1965. Der Sage nach versucht der entsetzte Pete Seeger sogar, mit einer Axt das Stromkabel zu kappen, um seinem missratenen Zögling den Krach abzuschneiden. Zu spät: Bob Dylan, der elektrische Star, ist geboren.

Überall Rebellion gegen den verstromten Rebellen

In den Ohren seiner treuesten Fans hat Dylan das Sakrileg begangen, sich vom Folksänger zum Rocker weiterzuentwickeln. Er will das Beste aus beiden Welten. Für die empörten Fans spielt er in Newport (eine ziemlich schlappe Version von) "Like a Rolling Stone". Das Lied, das erst seit ein paar Tagen als Sechs-Minuten-Monster-Single auf dem Markt ist, ein Verzweiflungs- und ein Menschheitslied, heute in jeder besseren Rangliste der beste Popsong aller Zeiten. Für die Dylanisten, die ihm seit seinen ersten woodyguthriestark gehusteten Liedern die Treue gehalten haben, ist das nicht bloß Strom und Lärm, sondern: Ausverkauf! Schlimmster Kommerz!

Der Vorwurf verfolgt ihn auf der ganzen Welttournee ab Anfang 1966, mit den Hawks unter Robbie Robertson. Zwar leben seine Fans in Europa keineswegs hinter dem Mond, irgendjemand kauft ja "Like a Rolling Stone" an die Spitze der Charts, aber sie rebellieren überall gegen den verstromten Dylan. Er tut ihnen den Gefallen, jeweils mit einem akustischen und einem Rock-Teil aufzutreten; die Puristen laufen in der Pause scharenweise davon. In Paris, eine Woche nach Manchester, kratzen die von Rockmusik sonst freundlich verschonten Franzosen ihr ganzes Englisch zusammen und brüllen allen Ernstes "Ami go home!" zur Bühne hinauf.

Vielleicht ist er ihnen einfach zu laut. Die Europäer haben zu dieser Zeit zwar ihre eigenen mörderischen Krachmacher - die Stones lauter als die Beatles, die Who lauter als die Stones, Dave Clark Five schlägt alles. Aber die Verstärker, die Dylan aus Kalifornien mitgebracht hat, donnern alles nieder.

Ohnehin ist es ein Wunder, dass sich der "Judas!"-Schrei aus dem rauschstarken Proto-Dolby-Band herausfiltern ließ. John Cordwell, damals Jurastudent und einer der möglichen "Judas!"-Rufer, ärgert sich über den Lärm, den "Musikbrei". Und er lässt es raus, wie er später der Zeitung "Independent" erzählen sollte. Viel Applaus. Der schwer verunsicherte Dylan reagiert: "I don't believe you", ruft er ins Mikro, "you are a liar!" - ein Lügner sei der Zwischenrufer.

In diesem Moment der Irritation sammelt die Band sich, der Sänger auch, die Gitarre plackt, dann der Befreiungsschlag: "Play it fuckin' loud!", ruft der als Verräter Geschmähte mit dem Rücken zum Publikum, die Band solle jetzt erst richtig reinhauen. Und dann folgt auf der CD, die 1998 auch offiziell veröffentlicht wurde, eine so triumphale Version von "Like a Rolling Stone", dass sie den letzten Zweifler vor die Gewissensfrage stellen musste: Entweder du hast es kapiert oder nicht. Dann kannst du aber gleich Engelbert Humperdinck hören oder Cliff Richard.

Dylan und Lennon: Die Chemie stimmte

Bis heute bleibt das Rätsel, warum ausgerechnet die immer schon avancierteren Engländer Bob Dylan ablehnen sollten. Dass er anders war als die Beatles, hatte man merken können. Ein paar Monate blühte sogar eine innige Freundschaft zwischen Dylan und John Lennon. "Wir nahmen eine Menge Chemikalien, wie sie der Arzt für Entertainer und Sportler verschreibt", so drückte Dylan es aus.

Es muss ziemlich viel Chemie dabei gewesen sein. Dylan hörte sich in London das Demo für "Revolver" an, die Beatles bekamen dafür "Blonde on Blonde" geboten. Lennon schrieb sein schönes Liebeslied "Norwegian Wood". Im akustischen Teil des Manchester-Konzerts tauchte es unvermutet wieder auf, hieß jetzt "Fourth Time Around" und war eine unverschämte Parodie des Lennon-Songs. Ob das vielleicht der Verrat war? Oder dass der längst heiser gesungene Dylan sich manchmal anhörte wie Mick Jagger? Drohte er seinen englischen Fans womöglich zu englisch zu werden?

Zehn Tage nach dem legendären Konzert fuhren Dylan und Lennon zusammen im Auto durch London. Der Dokumentarfilmer D. A. Pennebaker war dabei, als die beiden Egomanen, die sich nichts schenken konnten, auf den großen Trip gingen. Nacheinander brabbelten sie delirantes Zeug, beide stoned wie sonst nur im Lehrbuch für Suchtmittelmissbrauch, schließlich sagte Dylan, er müsse jetzt aber kotzen. Auch eine Reaktion.

Bob "Judas" Dylan hat nie viel gehalten von all den Dylanologen, den Deutern und Haltungsnotenverteilern. Und die Nörgler von 1966 bedachte er Jahrzehnte später mit einem zärtlichen Fluch: "Diese ganzen Arschlöcher [im Original sind es natürlich motherfuckers] können meinetwegen in der Hölle schmoren." Schließlich hatte er bereits in dem Stück "I Shall Be Free No. 10", 1964 auf "Another Side of Bob Dylan", sein Glaubensbekenntnis veröffentlicht:

I'm a poet, and I know it
Hope I don't blow it

Nein, er hats nicht vermurkst, die Judas-Schreier waren einfach zu blöd.

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