Nazi-Trio im Ammerland "Adi says Sieg Heil"

Auf dem Dachboden ihres Hauses stießen die neuen Bewohner auf eine staubige Kiste, darin ein Kriminalfall von 1965 - wie drei Rechtsradikale Anschläge planten, etwa auf Fritz Bauer, Willy Brandt und Günter Grass.

ullstein bild/AP

Den Traum vom Eigenheim im ammerländischen Torsholt feierten Sabine und Ronny Knudsen (Namen geändert) 2017 ausgelassen. Nach der Party folgte die Arbeit: das Ausmisten ihres neuen Hauses. Über Jahrzehnte hatten wechselnde Vorbesitzer ihren Plunder hinterlassen. Zwischen altem Kinderspielzeug, Ausgaben der Regionalzeitung "NWZ" der Fünfziger- und Erotikmagazinen der Achtzigerjahren entdeckten die Knudsens eine verstaubte Kiste. Und darin eine unglaubliche Kriminalgeschichte.

Zum Dachbodenfund gehörten eine strohblonde Bartattrappe, eine Ordnerbinde sowie Quittungen und Briefe. Der Inhalt der Kiste führt gut ein halbes Jahrhundert zurück, in die sonderbare Gedankenwelt von drei Rechtsradikalen, die vermeintliche Feinde des deutschen Volkes ausmerzen wollten.

In diesem Haus des Örtchens zwischen Oldenburg und Leer, nicht weit vom Zwischenahner Meer, kam im Februar 1965 ein Trio zusammen: die beiden Deutsch-Amerikaner Reinhold Ruppe, Jahrgang 1942, und der zwei Jahre ältere Kurt Rheinheimer, außerdem der damals 33-jährige Oldenburger Erich Lindner, der in ein Regenschirmgeschäft eingeheiratet hatte. Unter einer üppigen Hakenkreuzflagge legten die drei ein feierliches Gelöbnis ab, wie Spiegel-Reporter Gerhard Mauz später berichtete: "Ich, Sohn deutscher Abstimmung, deutschen Blutes, gelobe meiner heißgeliebten Heimat und meinen Kampfgefährten (…...) unverbrüchliche Treue."

Adolf sollte das Kind heißen

Was diese Treue bedeutete, stand in einem sechs Punkte umfassenden Pflichtenkatalog, der in der Kiste lag. Unter Punkt drei heißt es in holprigem Deutsch: "Er [der deutsche Freiheitskämpfer] muß sorgen das die Feinde des Vaterlandes still gesetzt seien sollen, egal wie."

Feinde waren für die drei Kampfgefährten all jene, die Nazi-Verbrechen im und vor dem zweiten Weltkrieg erwähnten und somit aus ihrer Sicht dem Ruf Deutschlands schaden wollten. Dazu zählten aus ihrer Sicht vor allem der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit NS-Verbrecher verfolgte, ebenso SPD-Politiker Willy Brandt und Schriftsteller Günter Grass.

Ruppes Familie war 1952 in die Staaten ausgewandert, dort sah er sich isoliert und gedemütigt. "Nazi" sei er auf dem Schulhof beschimpft worden, Kontakt zu Amerikanern habe er nicht gefunden. Dafür zu Rheinheimer, der nach dem Krieg ebenfalls in die USA übergesiedelt war und Einzelgänger blieb.

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Nazis im Ammerland: "Das äuserste tun für sein Vaterland"

Zusammen entwickelten sie eine Faszination für den Nationalsozialismus. Ein Treffen mit dem "American Hitler" George Lincoln Rockwell, Führer der American Nazi Party, scheiterte jedoch - beim Hauptquartier-Besuch war Rockwell nicht zugegen. Stattdessen richteten die beiden ihren Blick in Richtung alte Heimat und reisten 1964 nach Deutschland. Rheinheimer wollte, dass sein Kind auf deutschem Boden geboren wurde. Name des Neugeborenen: Adolf Wilhelm.

Mit Ruppe träumte Rheinheimer davon, in Deutschland wieder ein autoritäres, dem "Dritten Reich" ähnliches Regime zu errichten. Dass dies nicht auf friedlichem Wege zu schaffen war, wurde beiden bald klar. Zwar bekleideten im Nachkriegsdeutschland immer noch zahlreiche Ex-Nazis leitende Positionen in Justiz, Wirtschaft oder auch der Politik. Doch zögerlich begannen die Deutschen mit der Aufarbeitung ihrer braunen Vergangenheit. Als Ende 1963 in Frankfurt der Auschwitz-Prozess begann, rückten die Verbrechen in der größten Mordfabrik des Holocaust erst richtig ins Licht der Öffentlichkeit.

Zu Gast bei der NPD

"Hetze" wollten die beiden Deutsch-Amerikaner in den USA festgestellt haben und fanden sie nun auch in Deutschland. Dagegen wollten Ruppe, Rheinheimer und ihr Gesinnungsgenosse Lindner vorgehen. Und sei es mit Gewalt.

Doch mit nur drei Leuten war kein Staat zu machen. Auf der Suche nach Verstärkung stießen sie auf die NPD. Im Döhrener Maschpark in Hannover wurde die Partei 1964 als neue Sammlungsbewegung der Rechten gegründet; zu Bier, Pathos und "Deutschland, Deutschland über alles" bejubelten rund 700 Menschen den Betonfabrikanten Friedrich Thielen als ersten Vorsitzenden. Vor allem zu Zeiten der Großen Koalition (1966 bis 1969) wurde die NPD zum Auffangbecken von alten und neuen Nazis wie enttäuschten Konservativen. Sie zog in einige Landesparlamente ein, 1968 in Baden-Württemberg sogar mit fast zehn Prozent.

Auch Ruppe beobachtete die NPD mit Interesse: 1965 besuchte er den Parteitag in Hannover und zahlte zwei Mark Eintritt, wie eine Gästekarte in der Kiste zeigt; Ruppe war auch Ordner bei Parteiveranstaltungen. Seine Bemühungen, vor Ort weitere Gesinnungsgenossen zu rekrutieren, scheiterten aber - er traute sich schlicht nicht, seine Pläne gegenüber anderen zu offenbaren.

"Der muss weg"

Stattdessen wurde aus dem Trio bald ein Duo. Rheinheimer zog es zurück in die USA, dort wollte er Geld für den bewaffneten Widerstand verdienen und verbreitete in seinen Briefen an die Kameraden Endzeitstimmung: "Hier gibt es mehr Nigger als je zuvor. Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit." Einen Brief aus der Torsholter Kiste beendete der 26-Jährige mit Grüßen seines Sohnes: "Adi says Sieg Heil".

In Deutschland wurden derweil die Kampf-Vorbereitungen konkreter: Lindner und Ruppe hatten aufgerüstet. Allein Ruppe hatte nach seiner Überfahrt aus den USA vier Pistolen am Zoll in Bremerhaven vorbeigeschmuggelt, so der Bundesgerichtshof später in seinem Urteil . Lindner galt zudem als Waffennarr. Weitere Waffen sollten bei einem in Süddeutschland stationierten GI erworben werden. Und im Juni 1965 versuchte das Duo, aus einem Bunker bei Lengerich Sprengstoff zu stehlen, musste den Einbruch aber aufgeben.

In seinen Briefen aus Übersee, Teil des Dachbodenfundes, drängte Rheinheimer zur Tat: "Did you see the man down south?", fragte er. Unklar ist, ob er den Waffendealer oder das auserkorene erste Opfer meinte: Fritz Bauer, maßgeblich für das Zustandekommen des Ausschwitz-Prozesses verantwortlich. Rheinheimer forderte: "Der muss weg", wie Spiegel-Gerichtsreporter Mauz später berichtete.

Tankquittungen in der Kiste belegen, dass Ruppe sich in Richtung Süden aufmachte - zwecks Tatort-Recherche, die das Gericht später jedoch als "stümperhaft" beschrieb. Ruppe begnügte sich mit einem Blick ins Frankfurter Telefonbuch sowie der Feststellung, dass in der Straße der Staatsanwaltschaft auch eine Polizeiwache stand. Fazit: zu viel Risiko.

Stümperhaft und geistig beschränkt

Anfang April 1966 erkundete Ruppe in Neuengamme die Möglichkeit, dort das Mahnmal für KZ-Opfer zu sprengen, verhielt sich aber so auffällig, dass eine Polizeistreife seine Autonummer notierte. Noch dilettantischer erfolgte vier Tage darauf die Auskundschaftung der "Zentralen Stelle der Justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen", zweites Hauptziel neben Fritz Bauer. Dafür reiste Ruppe nach Ludwigsburg, um die zuvor von Lindner gemachten Beobachtungen zu bestätigen. Das Problem: Lindner war selbst nie vor Ort gewesen. Der Oldenburger hatte seinen Compagnon nur mit ausgedachten Details versorgt, wie vor Gericht später deutlich wurde.

Entsprechend erstaunt war Ruppe, als er in Ludwigsburg eintraf. Die Zentrale Stelle befand sich in einem Gefängniskomplex hinter einer hohen Mauer - an den geplanten Brand- oder Sprengstoffanschlag war nicht zu denken. Als er Beweisfotos schoss, wurden zwei Polizisten auf den mit falschem Bart ausstaffierten Ruppe aufmerksam und nahmen ihn fest. Durch Lindners Lügen und Ruppes Unachtsamkeit fand die Torsholter Mini-Terrorzelle an diesem Apriltag somit ein jähes Ende.

Vor Gericht ging es für die Angeklagten trotzdem glimpflich aus. Rheinheimer war für die deutsche Justiz nicht zu greifen, Lindner und Ruppe konnte eine konkrete und endgültige Mordvorbereitung nicht vollständig nachgewiesen werden. Der Bundesgerichtshof verurteilte beide letztlich zu zweijährigen Haftstrafen, unter anderem wegen unerlaubten Waffenbesitzes und "Geheimbündelei". Als strafmildernd erkannten die Richter die "geistige Schwerfälligkeit" der "erschreckend unreifen" jungen Männer an.

Das Karlsruher Urteil besiegelte das Ende der Anschlagspläne. Ruppe zog es später wieder in die USA, auch Lindner schien nun dem Schirmgeschäft Priorität zu widmen. Das einstige Torsholter Hauptquartier wechselte seitdem mehrfach den Besitzer. Zurück blieb die staubige Kiste, von allen späteren Bewohnern unbeachtet. Bis das Ehepaar Knudsen sie 2017 öffnete.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Till Neumann, 25.01.2019
1. Sorry, aber...
...dass bei einem Artikel über dieses Thema der Name "Auschwitz" in der Bildunterschrift Nr. 9 gleich zweimal falsch geschrieben wird, sollte den verantwortlichen Redakteuren peinlich sein.
Little_Nemo, 25.01.2019
2. Schirmherren der rechten Revolution
"Als strafmildernd erkannten die Richter die "geistige Schwerfälligkeit" der "erschreckend unreifen" jungen Männer an." Viel schöner und treffender hätte ich es allerdings auch kaum formulieren können. Hervorragender Stoff für eine Slapstick-Komödie.
Hans-Gerd Wendt, 25.01.2019
3. Deutlicher
Ich kannte diesen Fall nicht. Augenscheinlich ist er aber gerichtlich längst aufgearbeitet. Leider nennt der Artikel kein Datum, wann die zwei Neonazis vor Gericht standen und noch weniger zu den Funden in der Kiste. Was die Bedeutung dieser "Entdeckung" ausmacht, bleibt unklar. Auch, was später aus den Verurteilten wurde. Immerhin ruft der Autor uns in Erinnerung, dass der NSU kein Einzelfall war oder noch ist, sondern unzählige Vorgänger hat. Wer weiß, wie viele "Kisten" noch in Kellern und Bodenkammern lagern...
Kai Bonte, 25.01.2019
4. @1
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das umgehend korrigiert.
rascha koch, 30.01.2019
5. Früh übt sich
Interessanterweise entscheiden sich frühere Emigranten eher für rechtsnationale Lösungen. Denn sie sind zu lange schon im Land, als dass man sie dafür ignorieren würde. Mit demselben Stream der Patrioten wehren sie sich vorallem gegen die Nachzügler, aus Angst, jene könnten ihnen die Plätze streitig machen. Gut ersichtlich wird das an den 'Alteuropäern', welche Trump gewählt haben. Ob es mit "geistiger Schwerfälligkeit" von "erschreckend Unreifen" zusammenhängt, weiss ich nicht.
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