Wie HipHop nach Deutschland kam Der Durchbruch nach dem Hype

Wie HipHop nach Deutschland kam: Der Durchbruch nach dem Hype Fotos
Philipp Wohlleben

Graffiti-Dokus und Breakdance-Shows im TV: Während HipHop in den USA Anfang der Achtziger nur im Ghetto lief, flimmerte die neue Jugendkultur in Deutschland zur besten Sendezeit über den Bildschirm. HipHop wurde zum Trend. Doch DJ Rick Ski blieb auch dabei, als der Hype vorbei war - und machte mit seiner Crew LSD das erste deutsche HipHop-Album. Von

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1981, zu Beginn der Reagan-Regierung, waren die Folgen der Sozialkürzungen der USA ein großes Thema in den deutschen Medien. Gerade Minderheiten wie Afro-Amerikaner und Latinos litten große Not, wurde dort berichtet. So liefen im deutschen Fernsehen regelmäßig Reportagen aus den sozialen Brennpunkten der USA, wie der Bronx in New York. Neben dem Elend der Leute schimmerten dort auch immer mal wieder HipHop-Elemente wie Graffiti, Rap oder Tanz durch, an denen sich viele der Jugendlichen dort mental festzuhalten schienen.

Eine solche Reportage war zum Beispiel der WDR Beitrag "Breakout" aus dem Jahr 1982, in dem es um die aussichtslose Lage der jugendlichen Tänzer Jorge "Fabel" Pabon (später Mitglied der B-Boy-Formation Rock Steady Crew) und Lil Sput (ein Jahr später in dem HipHop-Film "Wild Style" zu sehen) ging. Am Ende der Reportage wurde eine sogenannte Block Party gezeigt, bei der unter anderem auch der später für einen Grammy nominierte DJ "Grandmixer DST" an den Plattenspielern zu sehen war. Als mein Freund Gerry "Cutmaster GB" Bachmann aus Frankfurt mir Jahre später erzählte, dass er genau auf dieser Party in New York als kleiner Junge gewesen war, konnte ich es kaum glauben.

Denn diese Eindrücke hatten mich damals einfach umgehauen - ich versuchte, mir jede Wiederholung der Sendung anzusehen. Wie cool war das denn bitte? Diese Jungs aus New York hatten sich, scheinbar aus dem Nichts, eine kreative Welt geschaffen, in der man alles sein und erreichen konnte, wenn man nur sein Herzblut reinlegte. Ich war sofort von den bunten Farben der Graffitis, den coolen Bewegungen der Tänzer und den für Normalhörer brachialen Rap- und Electro-Beats angetan. Wir fingen an, diese Musik zu suchen - und wurden zu unserem Erstaunen teilweise sogar in Radio- und Fernsehgeschäften fündig.

Breakdance-Schritte im Blaumann

Als ich etwa 14 Jahre alt war, wurden wir von der Schule in ein zweiwöchiges Schülerpraktikum geschickt.

Ganz in der Familientradition - mein Vater ist gelernter Automechaniker - trat ich meinen Dienst in einer Autowerkstatt an. Dort lernte ich einen Azubi kennen, der mir in der Werkstatt im Blaumann die ersten Electric-Boogie-Moves beibrachte. Ab da ging eigentlich alles sehr schnell voran. Über eben diesen Tänzer lernten mein Bruder und ich diverse Gleichgesinnte kennen. Endlich hatten wir Leute gefunden, mit denen wir uns über Moves und Musik austauschten konnten. Ich lernte über das Tanzen zum ersten Mal in meinem Leben auch ausländische Jugendliche, meist Deutschtürken, kennen. Durch unsere gemeinsamen Interessen war dabei die jeweils andere Herkunft völlige Nebensache und wir behandelten uns respektvoll. Das hat mich sehr geprägt.

1983 war dann auch das Jahr in dem das Fernsehen unübersehbar den HipHop in die deutschen Wohnzimmer transportierte. Im April 1983 ging "Formel Eins" auf Sendung. Dort konnte man zum ersten Mal die Videoclips der angesagten Pop-, Rock- und eben auch Rap-Acts bewundern.

Jeden Samstagnachmittag saßen wir gespannt vor dem Fernseher, in der Hoffnung, einen Clip unserer Helden zu sehen. Wenn dann mal Grandmaster Flash & The Furious Five im Studio waren und einen spontanen Freestyle hinlegten, fühlten wir uns im fünften Musik-Entertainment-Himmel. Von einem Spartensender nur für Musik - wie MTV-, der allerdings in den ersten Jahren außer Michael Jackson keine schwarzen Künstler zeigte, wagten wir damals noch nicht einmal zu träumen.

Fernsehen in den frühen Achtzigern, das bedeutete drei Programme - ARD, ZDF, WDR. Aber Hey, wir bekamen trotzdem und oft authentischer als heutzutage HipHop pur ins Haus geliefert. Ende 1983 lief im ZDF ein Film Namens "Graffiti Wildstyle", den wir aufsaugten wie ein trockener Schwamm. Darin ging es ausschließlich um Grafitti, Rapmusik und Breakdance. Alle Akteure des Filmes waren echte New Yorker Künstler, die vor den echten Kulissen (Manhattan und die Bronx in New York) agierten. Ein Traum! Gerade weil die oft laienhafte Umsetzung des Filmes von Hollywood weiter entfernt schien als Witten von Tokio. Jedes Graffiti und jeder Musikfetzen, jede Tanzbewegung wurde von uns akribisch studiert. Wir hatten das Gefühl, eine originale Schriftrolle des alten Testaments gefunden zu haben.

Der Sell-Out

Als ich Anfang 2008 als DJ bei der Berliner "25 Years of Wildstyle"-Jubiläumsveranstaltung eingeladen war, habe ich mal wieder festgestellt, dass fast alle HipHopper unserer Generation den Film ähnlich verinnerlicht haben. Ebenfalls 1983 lief dann auch noch eine Dokumentation namens "Stylewars", bei denen ebenfalls nur echte Akteure beteiligt waren. Spätestens da war es um uns und um viele andere Jungendliche geschehen.

Zum Massenphänomen wurde das Ganze aber erst, als Hollywood sich einschaltete und 1984 der Film "Beat Street" in die deutschen Kinos kam. Hier war das Licht richtig gesetzt, die Maske perfekt und die Hauptrollen mit Schauspielern besetzt. Doch die Rapper und Tänzer in diesem Film waren die Creme de la Creme der Szene. Dabei waren Legenden wie Grandmaster Melle Mel, die Rock Steady Crew und viele andere, weshalb man den Film einfach feiern musste.

Ab da ging es Schlag auf Schlag. Die Tänzer von Beat Street traten in der damals unglaublich populären Fernsehshow "Wetten dass ...?!" auf und jedes Fernsehformat konnte nicht genug von diesen "sich ungesund auf dem Kopf drehenden" Jugendlichen bekommen. Das gab auch uns einen Popularitätsschub, so dass wir zusammen mit Kumpels die ersten, wohl ziemlich dilettantischen Auftritte als Tänzer hatten. Die Medienmaschine hatte Geld gerochen und so wurde bereits 1984 von der Sendung "Breakdance", einer "Breakdance als Fitness"-Sendung des ZDF mit dem Schauspieler Eisi Gulp als Vortänzer, in Deutschland die erste "Breakdance Weltmeisterschaft" in München veranstaltet.

Gesundgeschrumpft auf den harten Kern

Plötzlich war Breakdance wirklich überall. Auf dem Stadtfest, in der Sportschau, in der Fernsehwerbung, Breakdance-Wettbewerbe in jeder Disco und eine Bravo-Breakdance-Spezialausgabe. Doch während die Popularität steil nach oben ging, sank das Niveau der Darbietungen schneller als die Aktien am schwarzen Freitag. Jeder gefloppte poppige New-Wave-Song wurde damals mit dem Stempel "Breakdance" versehen und bekam eine neue Chance. Auch das Kino ließ nicht warten und warf mit "Breakin' 2" und "Bravo-Breakdance" zweifelhafte Filme auf den Markt, um noch einmal alles abzuschöpfen.

So kam es, dass wir zu einer Zeit, in der man eigentlich erst gut wurde, immer öfter zu hören bekamen "Das ist doch voll out" und "Das will doch keiner mehr sehen". Und auch die Medien inszenierten mit viel Spott einen Abgesang auf die "Breakdancewelle". Man wurde plötzlich für seine Tanzeinlage in der Disco nicht mehr zum König ernannt, sondern vom Türsteher fast herausgeschmissen. Somit war auch Rapmusik für die Masse ab Winter 1985 erst einmal wieder die nervige "Negermusik" und wurde dementsprechend ignoriert. Die Reihen der HipHop-Begeisterten lichteten sich und der übriggebliebene Kern der Aktiven bildete unter anderem die Grundlage für die ersten HipHop-Jams in Deutschland.

Zum Weiterhören:

LSD: "Watch out for the third rail". Melting Pot Music, 2008.

Die CD erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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