Wie ich den Tsunami überlebte Die Hölle ist flüssig

Wie ich den Tsunami überlebte: Die Hölle ist flüssig Fotos
Miriam Beer

Miriam Beer hat erlebt, wie das Meer zur Sintflut wurde: Sie war am Strand, als die Tsunami-Welle 2004 auf Sri Lanka zudonnerte. Eine einzige Minute veränderte ihr Leben - und sie erfuhr, welche Schmerzen ein Mensch ertragen muss, den die ganze Gewalt der Natur trifft. Von

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Es war ein schöner, sonniger Morgen. Weihnachten unter der Kokospalme. Ich hatte für mein Häuschen, das am Strand von Tangalle an der Südküste Sri Lankas liegt, Christbaumkugeln und ein bisschen Weihnachtsschmuck von zu Hause mitgebracht. Ich schlief etwas länger als sonst und machte dann einen Strandspaziergang mit meinem Hund. Ein richtig schöner Morgen.

Aber der 26. Dezember 2004 hat mein Leben verändert.

Es war etwa neun Uhr am Morgen, ich saß gerade beim Frühstück auf der Veranda des kleinen Restaurants meiner Freunde direkt am Strand und machte Pläne für den Tag. Ich wollte endlich das neue Gebäude meiner Arztpraxis putzen, die ich im Rahmen meines Hilfsprojekts "Augenlicht für Ceylon" aufgebaut hatte. Die neue Praxis hätte schon längst fertig sein sollen, aber die Handwerker waren ein bisschen langsam.

Mit diesen Gedanken im Kopf saß ich vor meinen Spiegeleiern, als plötzlich eine Welle ungewöhnlich nah an die Terrasse heranschwappte. "Guck mal", sagte ich zu Preethi, dem Besitzer des Guesthouse. Denn das war ungewöhnlich, normalerweise ist der Wasserstand im Dezember, der Trockenzeit, niedrig und der Strand breit. 20 Meter liegen gewöhnlich zwischen dem Lokal und der Wasserkante.

Weg hier!

Kaum, dass ich das ausgesprochen hatte, war schon die nächste Welle auf der Veranda. Es war, als ob der Wasserstand alle paar Sekunden weiter ansteige. Nach etwa 30 Sekunden merkten wir, dass es keinen Sinn hatte, die Tische in Sicherheit zu bringen. Dann warf ich einen Blick aufs Meer. Und da sah ich sie: Wellen. Keine gewöhnlichen Wellen, sondern viele Wellen, die sich wie Stufen hintereinander auftürmten. Als würde das Meer in den Himmel klettern. Aber das tat es nicht, stattdessen rasten die Wellen auf uns zu.

"Weg hier!", war mein einziger Gedanke.

"Lauf!", schrie Preethi.

Ich griff nach meiner Tasche. Mein Hund kam zu mir gelaufen, der war schon ganz nass. Er sah mich an, ich schrie ihn an: "Kali, lauf weg!" Ich wollte ins Haus laufen, durch die Küche nach hinten raus. Rechts und links der Terrasse stand das Wasser schon zu hoch, dahin konnte ich nicht mehr. Vor mir stolperte ein anderer Gast, er hatte schlüpfrige Ledersohlen an seinen Sandalen. Als ich ihm aufhelfen wollte, kam das Wasser. Die nächste, die ganz große Welle sah ich schon gar nicht mehr.

Sie riss mir einfach die Füße weg. Ich verlor den Boden, wusste nicht mehr, wo oben und unten war. In der Küche des Restaurants versuchte ich, mich aufzurichten und den Kopf über Wasser zu bekommen. Doch das war unmöglich, der Schlauch zwischen Herd und Gasflasche hatte sich um meinen Hals gewickelt. Ich kam nicht weiter nach oben zur Wasseroberfläche, und das Salzwasser stieg in Sekundenbruchteilen weiter an.

Jetzt kriegst du mit, wie du stirbst

Plötzlich sah ich etwas Großes auf mich zukommen: Der Kühlschrank, eine dieser riesigen amerikanischen Kühl-Gefrier-Kombinationen, kam immer näher. Dann lag er auf mir drauf, und ich sah, wie die Wand des Gebäudes langsam einstürzte. "Okay, das war's", dachte ich, "da kommst du nicht mehr raus." Ich war ganz ruhig. Ich hatte keine Zeit, an irgendjemanden zu denken oder mich an mein Leben zu erinnern. Nur eine Frage war in meinem Kopf: "Wieso bist du Vollidiot zur falschen Zeit am falschen Ort?"

Der Kühlschrank lag halb auf mir, er tanzte im Wasser wie ein Spielzeug. Mit Händen und Füßen versuchte ich, ihn wegzudrücken. Und die ganze Zeit hatte ich diesen Schlauch um meinen Hals. Befreien konnte ich mich nicht, dafür war die Strömung zu stark: Ich fühlte mich wie in einem riesigen Strudel, ständig stieß ich mit Gegenständen zusammen, die in der Küche herum schwammen.

Was dann passierte, weiß ich nicht mehr. Die nächste große Welle riss das ganze Restaurant mit sich, aber das bekam ich nicht mehr mit. Wahrscheinlich prallten mir mehrere Gegenstände gegen den Kopf, denn später hatte ich riesige Beulen, so dass ich meinen Kopf kaum hinlegen konnte. Ich weiß nur noch, dass es irgendwann wieder hell wurde. "Mensch, du lebst ja noch", dachte ich, "so ein Mist, jetzt kriegst du mit, wie du stirbst." Als Mediziner lebt man in dem Bewusstsein, dass das Leben sehr schnell vorbei sein kann, das lernen wir ganz am Anfang des Studiums. Aber zu erleben, dass ich unter Wasser war und noch lebte, zu wissen, jetzt musst du dich diesem Todeskampf stellen - das war grässlich. Ich war wie benommen.

Ein Baum als Retter

Ich glaube, es müssen meine Schutzengel gewesen sein, die mich wieder aufwachen ließen. Die Strömung hatte mich an die Wasseroberfläche gespült. Ich merkte nur, dass ich mit irrsinniger Geschwindigkeit irgendwo entlang trieb. Ich versuchte, mich festzuhalten, aber das war unmöglich, da war ja nichts. Ein paar Zweige bekam ich zu fassen, aber die rissen mir nur die Hände auf. Irgendwann fühlte ich einen Ruck, meine Latzhose hatte sich unter Wasser in einem größeren Gegenstand verfangen.

Ich musste mich befreien. Zum Glück riss der Träger, die Latzhose und mein T-Shirt waren plötzlich weg. Ich trug einen Bikini darunter, den zog das Wasser nicht weg. Ich trieb weiter im Wasser. Zwischendurch merkte ich, dass ich wieder Luft holen konnte, doch gleich darauf zog mich die Strömung wieder unter Wasser. Ich versuchte zu schwimmen. Ich weiß nicht, wie lange das alles dauerte, aber irgendwann schaffte ich es, mich an einem Baum festzuhalten. An den klammerte ich mich. Das Wasser ging ein Stück zurück und ich schaffte es, auf einen der Äste zu klettern und mich darauf zu setzen. Ich saß in der Mangrove und konnte es kaum glauben: Ich hatte überlebt.

Orientierungslos in der Wasserwüste

Mein zweiter Gedanke war: "Gott sei Dank ist Ines abgeflogen!" Meine Schwester hatte ich in der Nacht zuvor in ein Taxi zum Flughafen gesetzt, sie war über Weihnachten bei mir gewesen, ein schöner Urlaub. Als der Tsunami auf Sri Lanka traf, saß sie schon im Flugzeug.

Ich hing also in diesem Baum und versuchte, mich zu orientieren. Meine Brille war weg, und ich bin sehr kurzsichtig. Zuerst checkte ich mich selbst durch: Die Beine waren noch da, die Arme auch. Mit der Zunge fuhr ich über die Zähne, die waren alle noch an ihrem Platz. Im Gesicht konnte ich also nicht allzu schwer verletzt sein. Ich stand unter Schock, die großen Wunden am Bein bemerkte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Ich zupfte mein Bikinioberteil zurecht und schaute mich um.

Schemenhaft konnte ich Menschen in den Bäumen neben mir erahnen, einige riefen um Hilfe. Ich dachte: "Du bist nicht allein. Es wird schon jemand kommen und dich retten." Tatsächlich, ich hatte die naive Vorstellung, dass ein Boot kommen und mich aufsammeln würde. Das Ausmaß der Katastrophe konnte sich zu diesem Zeitpunkt noch keiner vorstellen. Ich schon gar nicht, ich sah ohnehin nur meine unmittelbare Umgebung, den Baum und das Wasser, mehr ging ohne meine Brille nicht. Das Wasser zog sich langsam in Richtung Meer zurück. "Gut", dachte ich, "wenn das Wasser weg ist, kletterst du einfach vom Baum und läufst zur Straße."

Alles war weg: Häuser, Pflanzen, Menschen

Plötzlich bemerkte ich, dass etwas von meinem rechten Unterschenkel tropfte. Ich schaute hin - und sah drei große Wunden, die stark bluteten. Ich brauchte irgendetwas, um die Blutung zu stillen, also rief ich den Mann, der auf dem Baum neben mir kauerte. Er verstand kein Englisch, aber ich zeigte auf mein Bein und er gab mir sofort sein T-Shirt, damit konnte ich wenigstens die größte Wunde verbinden. Ich brauchte Hilfe. Also rief ich die Namen meiner Freunde, der Singhalesen, die ich kannte.

Nach fünf Minuten antwortete jemand: "Yes, Madam." Es war Ranil, ein Angestellter des Guesthouse. Er kletterte von Baum zu Baum, bis etwa zehn Meter an mich heran, und fragte, wie es mir gehe und was ich brauche. Dann beschrieb er mir, was er sah: Da waren keine Häuser mehr, alles war weg. Nur ein paar Menschen auf Bäumen. Wir überlegten, ob wir zur Straße laufen sollten. Ich wollte noch etwas warten, bis das dreckige Wasser abgelaufen wäre - wegen meiner Wunde am Bein hatte ich Angst vor dem Schmutz.

Auf einmal hörten wir in der Ferne ein Grollen. Mir wurde mulmig. "Was ist das?", fragte ich Ranil. Es war eine Welle. "Das darf nicht wahr sein!", war mein einziger Gedanke, "es geht schon wieder los!". Ich musste höher in den Baum. Schon schwappte eine dreckige Welle um meinen Baum, das Wasser stieg 20 Zentimeter höher, erreichte mich aber nicht. Ich atmete auf und klammerte mich weiter an meinen Ast. Keine 30 Minuten später hörte ich schon wieder dieses Geräusch, dieses Mal noch lauter, als ob ein Güterzug heranrollt. Ich merkte, wie die Panik in mir aufstieg, mit aller Kraft versuchte ich, den nächsten Ast zu erreichen. Diese Welle war höher, der Wasserspiegel stieg noch einmal um einen Meter, das Wasser umspülte meine Füße. Aber ich hatte Glück: Der Baum blieb stehen.

Lieber ein Bein weniger als ich weniger

Jetzt war ich wirklich panisch. Was, wenn noch eine Welle käme, höher als die anderen? "Ranil, ich will hier weg!" rief ich meinem Helfer zu. Mein Bein war mir inzwischen egal: Lieber ein Bein weniger als ich weniger! Wir kletterten von dem Baum und machten uns auf den Weg durch diese eklige schwarze Dreckbrühe, die uns bis zur Hüfte reichte, ich mit meinem verwundeten Bein. Ich wusste nicht, in welche Richtung wir laufen sollten, aber Ranil hatte eine grobe Vorstellung. Zwischendurch musste er mir über Stacheldrahtzäune und andere Hindernisse helfen, ich hätte sie ohne Brille nicht bemerkt.

Dann hatten wir es geschafft: Plötzlich hatten wir trockenen Boden unter den Füßen. Ich konnte nicht mehr weiter. Mir tat alles weh, vor allem mein Bein, zur Hauptstraße waren es noch etwa zwei Kilometer. Ich fragte einen Motorradfahrer, ob er mich hinbringen könne. Er zögerte erst, aber als er meine Wunden gesehen hatte, saß ich schneller hinten auf seinem Motorrad als ich denken konnte. Wir mussten riesigen Schlaglöchern ausweichen, die halbe Straße war weggespült. Auf der Hauptstraße wimmelte es von aufgeregten Menschen, viele suchten nach Angehörigen.

Höllische Schmerzen

Ich erkannte eine Norwegerin, zwei Tage zuvor hatten wir im selben Restaurant gegessen. Sie suchte verzweifelt nach ihrem zweijährigen Kind, war aufgelöst, fast hysterisch. Später erfuhr ich, dass das Kind zwei Tage später gefunden wurde, es war ertrunken. Der Vater hatte versucht, es festzuhalten, aber das Wasser riss es einfach weg, er konnte nichts tun.

Nach ein paar Minuten kam ein kleiner Lieferwagen vorbei. Diese Leute fuhren die Straße entlang, suchten nach Verletzten und brachten sie ins nächste Krankenhaus - Krankenwagen gab es nicht mehr, und sehr schnell fehlte es an Benzin. Im Krankenhaus legten sie mich auf eine Liege. Der Arzt entschuldigte sich bei mir, er habe keine Schmerzmittel. Also musste er die großen Wunden an meinem Bein ohne Betäubung versorgen. Ich wollte tapfer sein und sagte, sie müssten mich nicht festhalten. Aber dann lagen sie trotzdem zu Dritt auf mir und hielten mich fest, so höllisch waren die Schmerzen. Der Arzt kippte Desinfektionsmittel in die tiefen Wunden und wischte all den Schmutz mit der Hand raus. Es war so, als ob jemand ein glühendes Eisen in die Wunde stecke. Fürchterlich.

Mehr konnten die Ärzte dort nicht tun, sie schickten mich mit dem nächsten Krankenwagen weiter in den nächsten größeren Ort. Dort lag ich wieder auf einer Pritsche. Eine Schwester wusch mir die Füße, die waren noch schwarz vom Schlamm. Dann passierte nichts mehr. Das Personal war hoffnungslos überfordert, einen Operationssaal gab es in diesem Krankenhaus nicht, also mussten die Ärzte erst klären, wo ich hingebracht werden sollte. Ich bekam ein Antibiotikum und Schmerzmittel, so konnte ich die Wartezeit aushalten.

Odyssee durch die Krankenhäuser

Bald hieß es auch in diesem Krankenhaus: "Wir können nichts für Sie tun." Ich wurde in den nächsten Krankenwagen verfrachtet, auf holprigen Straßen ging es weiter. Die Fahrt dauerte ewig, die Straßen waren hoffnungslos verstopft. Inzwischen konnte ich mein Bein kaum noch in der Schwebe halten, es tat furchtbar weh. Aber im Vergleich zu dem schottischen Touristen, der neben mir im Krankenwagen lag, ging es mir noch ganz gut: Er hatte gebrochene Rippen, eine hatte seine Lunge verletzt. Der Mann heulte, fluchte und schrie.

Als wir endlich im General Hospital von Ratnapura angekommen waren, passierte wieder nichts. Nach drei Stunden legte ich mich mit dem Arzt an - die Uhr konnte ich nämlich sogar ohne Brille sehen. Ich fragte ihn nach Schmerzmitteln und Antibiotika. Er meinte, ich solle mich nicht so anstellen, andere seien viel schlimmer dran als ich. Aber ich setzte mich durch und kam endlich in den OP. Panisch wurde ich bei der Vorstellung, sie könnten mich wieder ohne Narkose behandeln. Doch diese Angst war zum Glück unbegründet. Als ich das erfuhr, war alles egal: Ich würde einfach schlafen, was die mit meinem Bein machen würden, war mir gleichgültig.

Stunden später wachte ich in einem Krankenbett wieder auf, neben mir eine fürchterlich jammernde Patientin. Ihre Angehörigen versorgten sie, brachten ihr Essen, Getränke, ein Kissen. Die kümmerten sich dann auch um mich, besorgten mir frische Kleidung und alles andere, was ich brauchte. Schon am nächsten Morgen wurde ich weiter verlegt in ein Krankenhaus in Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka.

Neuanfang in Tangalle

Insgesamt dauerte meine Odyssee durch die verschiedenen Krankenhäuser zehn Tage, dann kam ich wieder zurück nach Tangalle. Dort war alles zerstört, von meiner neu gebauten Praxis war außer der Bodenplatte nichts mehr übrig. Viele Freunde und Bekannte waren ertrunken. Mein Hund Kali hatte dagegen tatsächlich allein überlebt. Ich begann, meine Augenarztpraxis wieder aufzubauen, und heute steht sie wieder am selben Ort. Jedes Jahr bin ich für zwölf Wochen in Tangalle und kümmere mich um meine Patienten.

Ich bin noch immer gern am Meer, das Wasser kann nichts dafür, was mir passiert ist. Es war eine Naturkatastrophe, und ich hatte das Pech, mittendrin zu sein. Ich bin einfach nur froh, dass ich den Tsunami überlebt habe. Die flüssige Hölle.

Aufgezeichnet von Florian Harms

Profilseite von Dr. Miriam Beer

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