Pilgerreise kopfüber 1070 Kilometer auf Händen zum Papst

Alle Wege führen nach Rom, seiner von Regensburg bis zum Vatikan - kopfüber. 1967 gelang Ludwig Hofmaier eine irre Tour: Er lief, so weit ihn die Hände trugen. Hunderte Handschuhe blieben auf der Strecke.

Archiv Hofmaier

Von


Hereinspaziert! Einen verrückteren Pilger gab es im Vatikan wohl nie. Papst Paul VI. wartete schon, als Ludwig "Lucki" Hofmaier im Sommer 1967 durch das Tor in die heiligen Hallen kam. Auf seinen Händen. "Das ist ein Wunder, was Sie machen", sagte der Papst. Hofmaiers Plan war aufgegangen. Der Niederbayer küsste den päpstlichen Fischerring und drehte eine kleine Runde über Kopf durch den Vatikan - die letzte Etappe einer 1070 Kilometer langen Reise. Drei Monate war Hofmaier mit den Füßen im Wind von Regensburg nach Rom gepilgert. Was für eine Strapaze.

"Ich ging schon als Kind mehr auf Händen als auf Füßen", erzählt "Lucki" fast 50 Jahre später in einer Drehpause beim ZDF. "Verstehst?" Er spricht langsam, aber lebhaft in breitem Dialekt. Um ihn herum Fernsehhektik, alles minutiös geplant. Juckt ihn kaum. Der 74-Jährige strahlt bayerische Hosenträger-Gemütlichkeit aus und streut Schnupftabak auf seinen Handrücken.

Seit 2013 ist Hofmaier in der Sendung "Bares für Rares" einer der fünf Händler, die auf deutsche Dachbodenantiquitäten und Kellerfunde bieten. Erst schätzen Experten die Objekte, dann wird um den Preis gefeilscht. Die Trödelshow mit Horst Lichter - mal ohne Kochschürze - ist längst fester Teil des beschaulichen ZDF-Nachmittags und ein Quotenerfolg beim älteren Publikum.

Hinaus in die große, weite, verkehrte Welt

Sportliche Höchstleistungen erahnt man bei Hofmaier, 1,55 Meter klein, kugelig und immer im bunten Hemd, heute eher nicht. Aber seine Tour von 1967 war ein Riesenspektakel: "Es war der 21. April, als ich Richtung Rom losmarschierte." Unzählige Zeitungen, internationale Fernseh- und Radiosender waren dabei. Tausende Menschen auf dem Kopf, Asphalt und Autos statt Himmel, der Regensburger Dom mit den Turmspitzen mitten in den Wolken - so war die "Lucki"-Perspektive.

Schon mit sieben Jahren spazierte er auf Händen über den Dachfirst daheim. "Die Eltern fanden das nicht so lustig. Schon klar", sagt "Lucki" und hustet ein Lachen in sich hinein. Er machte Karriere als Turner, war Deutscher Meister im Bodenturnen und Bayerischer Meister im Kunstturnen. Daneben zeigte er Unterhalterqualitäten, etwa als "Hofnarr" bei der Karnevalsgesellschaft Narragonia Regensburg.

Dort wurde auch die Idee seines ersten Langstreckenhandlaufs geboren. Wie weit er wohl auf Händen gehen könne, fragte ein Karnevalist. 20 Kilometer, meinte "Lucki", packe er schon. Die Wette stand. Einsatz: 500 Mark. Route: von seinem Geburtsort Saal an der Donau nach Regensburg.

Tagsüber hatte Unteroffizier Hofmaier Dienst in der Kaserne und konnte nur abends loswatscheln. Einige hundert Meter Handlauf, Absetzen, Pause, weiter. Bis zwei Uhr nachts war er unterwegs, Begleiter fuhren ihn in die Kaserne zurück. Ab der markierten Stelle ging es am nächsten Abend weiter. Nach vier Nächten war er am Ziel und auf den Geschmack gekommen. Die nächste Wette sollte spektakulärer ausfallen. Und lukrativer.

Fotostrecke

14  Bilder
Handstand-Lucki auf Tour: Der läuft und läuft und läuft

Hofmaier las in der Zeitung, dass ein Franzose den Handlauf-Rekord hielt - 70 Kilometer. Das wollte er überbieten und wählte die 132-Kilometer-Strecke von Regensburg bis München. Diesmal ging es um 2000 Mark. In den größeren Orten brauchte er Polizei-Genehmigungen. "Hab ich überall bekommen. In Landshut haben die Polizisten an einer Kreuzung sogar die Ampel auf Rot geschaltet, damit ich durchmarschieren konnte."

"Des hot mer scho g'falln!"

13 Tage brauchte Hofmaier für insgesamt 48 Stunden auf Händen. In München empfing ihn Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel. Mit einem Schlag war er überregional bekannt, trat auf in Peter Frankenfelds Sendung "Und Ihr Steckenpferd", in der "Sportschau", dem "Aktuellen Sportstudio".

"Handstand-Lucki", wie er jetzt genannt wurde, machte seine Akrobatik zum Geschäft. Er gab Autogrammstunden und turnte als Werbeträger für diverse Unternehmen auf Dächern, Kaminen oder Dachrinnen. Seine Popularität nutzte Hofmaier sogar, um in die Gastronomie einzusteigen. Zwischenzeitlich führte er drei Lokale in Regensburg und hat "ein gutes Geschäft gemacht".

Aber satt war "Lucki" nicht. Er wollte seinen eigenen Rekord pulverisieren und vor allem: einmal dem Papst die Hand schütteln. "Heute gehen die Popstars da ja ein und aus, aber vor 50 Jahren war das etwas ganz Besonderes." Für sein Vorhaben trainierte er hart: täglich 200 Liegestütze, 80 Klimmzüge und mehrere Hundert Meter auf Händen. Eine Handschuhfabrik fertigte speziell für ihn verstärkte Handschuhe an - 200 Paar davon sollte er bis Rom verbrauchen.

Auf dem weiten Weg nach Rom begleiteten ihn ein Notar, ein Fotograf sowie sein Manager und Betreuer. Der hatte die Route geplant, war sie vorher abgefahren, holte Genehmigungen ein und sammelte bei Geschäftsleuten vor Ort Geld für das rekordverdächtige Vorhaben.

Ob es wirklich ein Weltrekord war? Nach Auskunft der Firma Guinness World Records, die für das Rekorde-Buch arbeitet, stellte Johann Hurlinger bereits im Jahr 1900 die noch heute gültige Bestleistung auf: Der Österreicher lief 1400 Kilometer auf Händen, von Wien nach Paris, 55 Tage lang für jeweils zehn Stunden.

Päpstlicher Segen, "das Allergrößte"

"Lucki" pilgerte 1967 mit seinem Tross mitten durch die großen Städte. Landshut, Salzburg, Innsbruck, überall standen Menschen Spalier. Hofmaier genoss die Öffentlichkeit: "Überall bekam ich Geschenke. Aber besonders hab ich mich gefreut, wenn schöne Mädels kamen und Autogramme wollten", sagt er. "Des hot mer scho g'falln!" Autofahrer trauten ihren Augen nicht, manche fragten: "Bist du deppert?" Am Brenner empfing ihn ein ungläubig schauender Grenzer - Passkontrolle über Kopf.

Hofmaier handwandelte in Etappen. Maximal drei Kilometer am Stück schaffte er, ernährte sich von Ovomaltine, Obst und Gemüse. Ein Arzt kontrollierte ihn regelmäßig, "hatte aber nie was zu beanstanden". Abends schlief er im Wohnmobil, morgens um 6 Uhr machte er sich wieder auf den Weg. Durch die norditalienische Ebene, über den Apennin.

Nach drei Monaten war er am Ziel - auf dem Petersplatz, ein überwältigendes Gefühl. "Die päpstliche Garde machte den Weg frei, ich marschierte auf Händen hindurch." Die Fotografen mussten draußen bleiben. "Ich danke Ihnen für Ihren langen Marsch zu mir", sagte Papst Paul VI drinnen. "Lucki" drehte eine letzte kurze Handrunde und erhielt den Segen. "Das war das Allergrößte für mich", erzählt der Katholik leise, fast ehrfürchtig.

Auch heute ist Hofmaier ständig auf der Straße - mit einem Wohnmobil voller Antiquitäten. 200.000 Kilometer fährt er im Jahr, zu Flohmärkten und Messen durch ganz Europa. Der Handel ist sein Geschäft. Zuletzt war er in Belgien und Italien.

Hofmaier stand schon einmal vor der Kamera. Kurz vor seinem Rom-Trip spielte er die Hauptrolle im Kurzfilm "Play Harlekin". Seine Figur: ein Akrobat, ein Draufgänger, ein Spaßmacher in bunten Klamotten. So turnte er über die Dächer Regensburgs und machte einen einarmigen Handstand in schwindelerregender Höhe - ohne jegliche Absicherung. "Ich habe immer alles frei gemacht. So bin ich. Wäre ich abgestürzt, wäre es vorbei gewesen. Aber wenn ich was mach, mach ichs richtig."



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Olaf Olafsson, 22.04.2016
1. 550 km jedenTag - realistisch?
200.000 Kilometer fährt er im Jahr angeblich - ohne einen freien Tag sind das ca. 550 km jeden Tag (bzw. Nacht - tagsüber sind vermutlich die Märkte) mit einem Wohnmobil. Ist das realistisch?
Lucas Thomas, 23.04.2016
2. @1
Ein Bekannter von mir ist Qualitätstester einer Hotelkette und fährt im Jahr 130.000-150.000km quer durch's Land. Allerdings "nur" 5 Tage die Woche und mit 6 Wochen Urlaub. Falls Herr Hofmaier also also begeistert ist vom Antiquitätenhandel und 6-7 Tage die Woche unterwegs ist; so sind die 200.000km sicher möglich.
Robert Black, 23.04.2016
3.
Hat der Papst ihm dann bei Ankunft die goldene Eselskappe überreicht für Dummheiten, die die Menschheit nicht braucht?
Albert Obstfelder, 24.04.2016
4.
Hochachtung vor der sportlichen Leistung, da würden manchen schon zu Fuß schlapp machen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.