Preisausschreiben für Parteigenossen Wie Nazis erklärten, warum sie Nazis wurden

"Mein Weg zu Adolf Hitler" - glühende Nationalsozialisten gaben im Sommer 1934 freimütig Auskunft über ihre Gedankenwelt. Ein US-Soziologe köderte sie per Preisausschreiben, Hunderte frühe NSDAP-Mitglieder machten mit.


"Wer heute den Sieg des Nationalsozialismus in seinen tiefsten Gründen kennenlernen will", schrieb im Sommer 1934 der Trierer SS-Truppführer Theodor Schieben, "wird nicht umhinkommen, die Frage aufzuwerfen: 'Was sind das für Menschen, die jahrelang fast blindlings nur auf das Wort eines fast unbekannten Menschen hörend und vertrauend, mit verbissenem Eifer für eine Idee stritten, im festen Glauben auf einen endlichen Erfolg?'"

Schieben, 50, war Soldat im Ersten Weltkrieg und im Zivilberuf Postbeamter. Seine Antwort ("Mein Weg zu Adolf Hitler") gab er auf zehn maschinengeschriebenen Seiten. "Maßgebend" für seinen Entschluss, bereits 1925 der NSDAP beizutreten, sei der "Frontgeist" gewesen, der "nicht nach Herkunft, Geburtsvorrechten, Rang und Vermögen" gefragt habe. Nach dem "Schandvertrag von Versailles" habe er in "Zeiten der tiefsten Erniedrigung" Anschluss an "gleichgesinnte Kameraden" gefunden.

Schiebens Bekennerschreiben gehörte zu einem Konvolut von 683 Schilderungen, in denen glühende Nazis freimütig Auskunft über ihre Gedankenwelt gaben.

Die Sammlung entstand auf ungewöhnliche Weise. Im Sommer 1933, wenige Monate nach Hitlers Machtantritt, war Theodore Abel von der New Yorker Columbia University durch Deutschland gereist. Von frühen Nationalsozialisten wollte der 36-jährige, aus Polen stammende Soziologe wissen, warum sie der Partei beigetreten waren. Weil sie sich verschlossen zeigten, verfiel Abel auf einen Trick: ein Preisausschreiben mit Prämien von insgesamt 400 Reichsmark. Der Hauptgewinn von 125 Reichsmark für "die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitler-Bewegung" entsprach einem durchschnittlichen Monatslohn.

Wettbewerb mit Segen der NSDAP

Der Zweck, so Abel, sei eine Materialsammlung zum Nationalsozialismus, "so dass das amerikanische Publikum sich aus realen, persönlichen Geschichten darüber informieren kann". Strammen Nazis wie Otto Hinz, 32, gefiel das: Die Deutschen, schrieb der frühe Berliner Parteigenosse mit der niedrigen Mitgliedsnummer 5188, wünschten sich "nichts sehnlicher", als dass "man im Auslande endlich die Vorurteile" gegenüber "unserer nationalsozialistischen Bewegung (...) fallen lässt".

Die NSDAP unterstützte das Projekt sogar offiziell. Das Propagandaministerium, Parteigliederungen und Parteipresse veröffentlichten im Juli 1934 die Ausschreibung. Was bis zum Einsendeschluss am 1. September eintraf, hielt die NSDAP jedoch zunächst zurück, wegen Bedenken, ob die Erinnerungen der "alten Kämpfer" (ein Ehrentitel für vor 1928 eingetretene Parteigenossen) nicht besser im Parteiarchiv aufgehoben wären. Abel erhielt sie erst zwei Jahre später.

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Preisausschreiben für Nazis: "Na, suchst du auch'n Pöstchen"

Auf die Erlebnisberichte stützte sich sein 1938 veröffentlichtes Buch "Why Hitler Came Into Power". Doch die Verzögerung brachte es um die erhoffte Wirkung. Denn inzwischen ging es weniger darum, "den Reiz des Nationalsozialismus vor 1933 zu verstehen", als sich vielmehr "mit einem unheilvoll mächtigen und zunehmend aggressiven 'Dritten Reich' auseinanderzusetzen", wie Historiker Thomas Childers 1986 im Vorwort zu einer Neuauflage des Buches schrieb.

Lange war Abels Sammlung praktisch vergessen. In jüngster Zeit erwachte wieder Interesse. Die Hoover Institution an der kalifornischen Stanford University digitalisierte den Nachlass des Forschers und stellte 584 Berichte mit etwa 3700 Seiten ins Internet. Die "Abel-Papers" zeigen, wie die Nazi-Anhänger dem Aufstieg Hitlers entgegenfieberten, wie sie zugleich übersteigerten Nationalismus, Judenhass und Gewalt gegen Andersdenkende verklärten. Einige Dokumente sehen Sie in der Fotostrecke.

"Bei Saalschlachten gut aufgeräumt"

Abel fand drei Hauptmotive für den Parteibeitritt: Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen, völkische Ideologie, Sehnsucht nach einem charismatischen Führer. Viele glaubten an die "Dolchstoßlegende" - aus Sicht strammer Deutschnationaler blieb im Ersten Weltkrieg das deutsche Heer "im Felde unbesiegt" und wurde von der Zivilbevölkerung verraten, vor allem von verschwörerischen, "vaterlandslosen" Linken.

So schwadronierten Veteranen wie der Berliner Ferdinand Adler: "Wir hätten den Krieg niemals verloren, wenn der Dolchstoß durch Juden, Marxisten und Logen nicht von hinten gekommen wäre." Daran glaubten auch junge Nazis wie Heinrich Dörnhaus aus Mülheim an der Ruhr, Jahrgang 1910, zum "jämmerlichen Kriegsende" also noch ein Kind.

Durchweg berichteten die Nationalsozialisten von Straßenkämpfen, angezettelt meist angeblich von Kommunisten oder vom SPD-nahen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ihre Schilderungen offenbarten etwas anderes.

Der Berliner Armin Franz berichtete offenherzig, man habe Hitler-Gegnern gern "eins aufs Maul" gegeben. Emil Setny prahlte, jeden Abend hätten seine Freunde und er, "geschmückt mit dem Hakenkreuz", am Berliner Bahnhof Zoo gesessen, um "uns mit den dort bummelnden Juden und Judenknechten zu reiben". Eine "Bouillontasse, die unheimlich dick und stabil gebaut war", habe, "richtig angefasst, im Meinungskampf gute Dienste" geleistet. Der Pirmasenser SS-Mann Fritz Keppner schrieb, er und seine Kameraden hätten "stets bei Händeln und Saalschlachten gut aufgeräumt".

Quasi-religiöse Erweckungserlebnisse

Die Verfasser schwelgten im Hass auf linke Parteien ("rotes Gesindel"). Der Berliner SA-Truppführer Hans Berthold, 62, sah "die Heimat" von einer "parlamentarischen Verbrecherclique verraten und verkauft". Der Eschweger Justizwachtmeister Friedrich Jörns, 49, klagte, Hitler und seine Anhänger seien in den Zwanzigern "in der Presse fürchterlich heruntergerissen und bekämpft" worden.

Manche NSDAP-Mitglieder berichteten von quasi-religiösen Erweckungserlebnissen. "Es war für mich, als wenn ich das Evangelium hörte", erinnerte sich der Berliner Fritz Junghanß an seine erste Begegnung mit Chefpropagandist Joseph Goebbels. Bei einem Hitler-Auftritt lernte der Bremer Hans Thaysen "zum ersten Mal die Begeisterung der Volksgenossen kennen"; vom "Führer" sei "eine unsichtbare Macht" ausgegangen, "die alles in ihren Bann zog".

Jugendliche Mitglieder fühlten sich bestätigt, gerade wenn Ältere widersprachen: "Was scherte es uns, dass wir zu Hause ausgelacht wurden, dass wir lächerlich gemacht wurden, eben weil wir noch jung waren." Viele verließen die Partei indes schnell wieder aus Enttäuschung oder wegen des Unverständnisses bei Verwandten und Arbeitgebern; andere wurden ausgeschlossen, weil sie ihre Beiträge nicht zahlten.

Überzeugte Nationalsozialisten erklärten die hohe Fluktuation anders. "Immer wieder mussten wir Abenteurer aus unseren Reihen entfernen", behauptete Helmut Flörke, Parteigenosse seit 1922, "verkrachte Existenzen, die hofften, bei uns etwas erben zu können."

Zustrom von Karrierenazis

Tatsächlich trat in den Zwanzigerjahren niemand eines Vorteils wegen in die Partei ein, sie hatte noch nichts zu bieten. Das änderte sich schlagartig nach Hitlers "Machtergreifung". Im Februar 1933 wurden 30.600 Neueintritte registriert, im März 78.600, im April mehr als eine Viertelmillion. Die meisten trieb nicht Überzeugung, sondern die Hoffnung auf beruflichen Aufstieg. Der Volksmund kannte NSDAP bald als Kürzel für "Na, suchst du auch'n Pöstchen".

Der Zustrom missfiel vielen alten Kämpfern; dem Ostpreußen Fritz Behrendt etwa graute vor dieser "braunen Inflation". Die Partei verfügte am 19. April 1933 einen Aufnahmestopp, allerdings mit vielen Ausnahmen. Für Hunderttausende von Opportunisten bürgerte sich der Begriff der "Märzgefallenen" ein - was sonst eigentlich den 270 Freiheitskämpfern galt, die bei der Revolution im März 1848 gestorben waren.

Am Preisausschreiben nahmen auch 48 Frauen teil. Ihre Berichte beachtete Abel nicht weiter. Für ihn war Politik, erst recht die der NSDAP, Männersache. Dabei äußerten Nazi-Frauen sich kaum anders. So schrieb die Frankfurter Beamtin Maria Engelhardt, 36, in Deutschland habe es "nie eine Partei" gegeben, "die so den deutschen Menschen in seinem ganzen Wesen erfasste wie die Freiheitsbewegung Adolf Hitlers", er allein sei "berufen, unser Vaterland wieder zur Höhe zu führen".

Dass Hitler Deutschland in den Abgrund reißen würde, ahnten die Schreiber noch nicht. Ihre Berichte stammten aus der Anfangszeit des "Dritten Reichs", lange vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. Die beim Preisausschreiben versprochenen Geldprämien wurden offenbar nicht verteilt. Ein Gewinner ist jedenfalls nicht bekannt.


"Nie mehr zurück in dieses Land": 1939 veranstaltete die Harvard University ein weiteres Preisausschreiben zum Alltag im "Dritten Reich". Diesmal schilderten zumeist jüdische Flüchtlinge ihre Erfahrungen - mehr dazu demnächst auf einestages.

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Rolf Radicke, 30.04.2018
1. Ganz T o l l !
"Mein Weg zu Adolf Hitler" - glühende Nationalsozialisten gaben im Sommer 1934 freimütig Auskunft über ihre Gedankenwelt. Ein US-Soziologe köderte sie per Preisausschreiben, Hunderte frühe NSDAP-Mitglieder machten mit. So steht es tatsaechlich da! Der US-Soziologe sprach demnach 1934 mit hunderten von frueheren NSDAP-Mitgliedern. - - - - - - Da steht "Hunderte frühe NSDAP-Mitglieder", was ein echter Unterschied zu "hunderten von frueheren NSDAP-Mitgliedern" ist... MfG Redaktion Forum
Andrek Groetykz, 30.04.2018
2. mein Opa hat es für die Arbeit getan...
geboren 1908, im Krieg gehungert, er hat in der düsteren Zeit zwischen Kriegsende und 1929 gelegentlich mal einen Hiflsjob gemacht, niemand hatte wirlich Verwendung für einen Buchhalter... er ist 1929 in die NSDAP eingetreten und kurze Zeit später hatte er plötzlich eine feste Arbeitsstelle über die Partei erhalten und nur so konnte er 1930 eine Hochzeit ausrichten ... solange er lebte hat er immer wieder von den schwierigen Zeiten nach dem 1. Weltkrieg erzählt, was einem einen gewissen Eindruck von dem Leben "vor" und "nach" dem Parteibeitritt verschaffte. Leider war er auch kein allzu helles Licht, so daß er es weder in der Partei noch im 2. Weltkrieg zu hohen Rängen gebracht hat. Er hatte das unglaubliche Glück, dem Kessel von Stalingrad mit seiner Kompanie entkommen zu sein, er konnte sich bis nach Bayern durchschlagen und sich den Amis ergeben. Da er bei der Entnazifizierung sein Mundwerk nicht beherrschen konnte hat man ihm zu 5 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Aber verglichen mit einem russischen Kriegsgefangenlager war das beinahe Ponyhof.
andreas wegner, 30.04.2018
3. Die Bedingungen...
...waren es: "Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen, völkische Ideologie, Sehnsucht nach einem charismatischen Führer". Die Unzufriedenheit haben wir dank ziemlich abgehobener Politiker bereits, an den "völkischen" Ideologien wird gerade durch AFD & Co gebastelt, nur mit dem Führer ist man noch nicht soweit. Wehret den heutigen Anfängen!
Wieland Giebel, 30.04.2018
4. Super Artikel - das Buch dazu kommt in zwei Monaten
Die große Menge der kleinen Nazis beschreibt in den Biogrammen, die Abel gesammelt hat, was für sie so faszinierend war, dem "Führer" zu folgen. Es ist tatsächlich die wichtigste Quellensammlung, die alle Bevölkerungsschichten umfasst, von ganz einfach geschriebenen Berichten, handschriftlichen, die wie Briefe wirken, sowie literarischen Ausarbeitungen von 20 bis 30 Seiten. Extrem spannend. Mein Buch mit etwa 900 Seiten dazu erscheint in zwei Monaten unter dem Titel "Warum ich Nazi wurde". Dabei geht es um die gesammelten Lebensgeschichten, soweit möglich als Faksimile, aber auch um das Wagnis von Theodore Abel, dieses Projekt selbst finanziert ohne jegliche Unterstützung durch eine Uni oder eine Stiftung auf den Weg zu bringen. Selbstradikalisierung, Lust an der Gewalt, Überlegenheitsgefühl, das sind immer wiederkehrende Motive.
erwin fortelka, 30.04.2018
5. Hier zeigt sich,
...wie die übergroße Mehrheit des deutschen Volkes aus allen Schichten zu Hitlers willigen Vollstreckern wurde. Die Mechanismen funktionierten im Frieden, sie setzten sich im Krieg fort. Das zeigte sich besonders im Vernichtungskrieg (von Hitler so und ausdrücklich gefordert) gegen die Sowjetunion. In diesem Krieg verübten nicht nur die Einsatzgruppen und SS Verbrechen an der Bevölkerung (besonders an der jüdischen Bevölkerung), sondern auch Teile der Wehrmacht. Da machten Wehrmachtsteile mit, vom Offizier bis zum einfachen Soldaten, das belegen z. B. auch Feldpostbriefe. Und mir komme heute niemand mehr mit dem Satz: "Das haben wir nicht gewusst." Die Deutschenn und der Holocaust: Niemand wollte es wissen, aber jeder hätte es wissen können. Die Zeichen und die Signale auch vor dem Krieg waren für niemanden zu übersehen. Erwin Fortelka (Klarname)
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