Suche nach NS-Tagebuch Spurensuche im Altersheim

Suche nach NS-Tagebuch: Spurensuche im Altersheim Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Arthur Grimm

Das Interview eines SPIEGEL-Reporters brachte die US-Behörden auf die Spur: Nach 17-jähriger Suche wurden die Aufzeichnungen des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg entdeckt. Auf einestages erzählt Axel Frohn, wie er unerwartet zu einem der Hauptakteure der Dokumentenjagd wurde.

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Es kommt nicht oft vor, dass ein deutscher Journalist auf der Pressekonferenz amerikanischer Behörden zum Teil der Nachricht wird. Am 13. Juni 2013, morgens um 11 Uhr, wollen Repräsentanten des US-Zolls, der US-Staatsanwaltschaft und des US-Holocaust-Museums der internationalen Presse in Wilmington einen sensationellen Fund vorstellen: Die seit mehr als sechzig Jahren verschollenen Teile eines Tagebuchs des NS-Rassenideologen und Kriegsverbrechers Alfred Rosenberg.

Als Washingtoner SPIEGEL-Mitarbeiter bin ich der Konferenz telefonisch zugeschaltet. Eigentlich erwarte ich gegenseitiges Schulterklopfen der beteiligten Dienststellen, erhoffe Informationen über die Umstände des bedeutenden Quellenfunds, und würde gern wissen, ab wann man das spannende Schriftstück denn wohl einsehen darf.

Doch dann traue ich meinen Ohren nicht: Unerwartet werde ich als einer der Hauptakteure bei der Dokumentenjagd genannt. Nicht namentlich, doch als "ein SPIEGEL-Reporter". Vor zehn Jahren hätte dieser einen entscheidenden Hinweis für die weitere Suche nach dem Rosenberg-Tagebuch geliefert.

Vom Keller bis zum Dachboden mit Nazi-Akten vollgestopft

Damals forschte ich für den SPIEGEL nach dem Verbleib der Kempner-Papiere. Der deutsche Jurist Robert M. W. Kempner war in den dreißiger Jahren in die USA emigriert. 1945 kehrte er als US-Ankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen nach Deutschland zurück.

Kempner besaß eine legendäre Sammlung von Nazi-Dokumenten, die aus den Nürnberger Gerichtsverfahren stammten und die er wie einen Schatz hütete. Vom Keller bis zum Dachboden war sein Haus in Lansdowne, einem Vorort von Philadelphia, vollgestopft mit Nazi-Akten und eigenen Korrespondenzen. Doch nach seinem Tod im August 1993 kamen viele dieser wichtigen historischen Quellen abhanden.


Heft 25/2013

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Meine Suche führte mich bei Staats- und Rechtsanwälten in die Vorhöfe der Macht, im düsteren Hafenviertel von Philadelphia in die Hinterhöfe des allenfalls halblegalen Autografenhandels - und in ein Altersheim an den Niagarafällen. Dort traf ich die damals 89-jährige Jane Lester. Sie war die langjährige Sekretärin und Gefährtin Kempners, der man auch in fortgeschrittenem Alter noch die Schönheit ihrer Jugend ansah.

Vor ihrem Umzug ins Heim hatte sie im Haus des befreundeten Ex-Professors Herbert Richardson im nahe gelegenen Lewiston gewohnt. Dorthin hatte sie rund 700 Kisten voller Kempner-Papiere mitgebracht, die zwischenzeitlich jedoch wieder dem rechtmäßigen Eigentümer, dem Holocaust-Museum, ausgehändigt worden waren. Doch wo steckte der Heilige Gral der Kempner-Sammlung, das Rosenberg-Tagebuch, das er in wissenschaftlichen Schriften zitiert hatte?

Der entscheidende Hinweis

"Richardson war ein richtiger Taugenichts", empörte sich Kempners Sekretärin Lester. Er wollte angeblich verhindern, "dass der Name Dr. Kempners dadurch besudelt würde, dass er [in Nürnberg] Dokumente habe mitgehen lassen". Solche Vorwürfe seien belanglos, habe Richardson behauptet, wenn es dafür keine Beweise gäbe. "Ob er die Papiere dann in den See geworfen hat", sinnierte Lester, "weiss ich nicht. Er wollte Dr. Kempners Namen schützen und die Papiere für sich haben. Natürlich wollte er sie für sich!"

Lester war sicher, dass sie das Rosenberg-Tagebuch gesehen hatte, und konnte es beschreiben. Doch sein Verbleib sei "das Rätsel des Jahrhunderts”. Ich vermutete sofort, dass sich das Tagebuch noch in Richardsons Händen befinden könnte. Nach dem Treffen mit Jane Lester telefonierte ich noch mehrfach mit ihrer Schwester Elisabeth. Ihr gegenüber äußerte ich meinen Verdacht. Diese Vermutung gab sie ans Holocaust-Museum weiter.

Mit Hilfe der Staatsanwaltschaft und eines Privatdetektivs machten sich dessen Vertreter erneut auf die Suche. Kürzlich führte sie an vermuteter Stelle zum Erfolg: Nach siebzehnjähriger Fahndung wurde das geheimnisumwitterte Rosenberg-Tagebuch bei Lesters früherem Freund Richardson beschlagnahmt.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Stephan Kaiser 17.06.2013
Man fragt sich, warum dieses Museum der "rechtmäßige" Besitzer der Unterlagen sein soll? Gestohlen sind die Unterlagen doch in jedem Fall...
2.
Rudi Meergans 18.06.2013
Ich nehme an,daß in den Tagebüchern keine besonders belastenden Dinge stehen. Wenn dem wirklich so wäre, hätte man sie schon längst veröffentlicht.
3.
Michael Karuner 18.06.2013
>Ich nehme an,daß in den Tagebüchern keine besonders belastenden Dinge stehen. >Wenn dem wirklich so wäre, hätte man sie schon längst >veröffentlicht. Wer sollte denn dadurch belastet werden? Sie wissen aber schon, dass Rosenberg seit fast 70 Jahren in der Hölle schmort, oder?
4.
Joachim Neuhaus 10.09.2013
Das Urteil der Geschichte ist ein andres als das der Justiz. Insofern ist die Akte möglicherweise ein wichtiger Zeuge.
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