Wiederkehr des "Mobs" Der Autonome, das unbekannte Wesen

Wiederkehr des "Mobs": Der Autonome, das unbekannte Wesen Fotos
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Martialische Bilder rund um den G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm lieferten die Schwarzvermummten - doch wer waren diese Autonomen? Wieso und wofür kämpfen sie? Sozialforscher bleiben Antworten schuldig. Ein Blick in die Geschichte zeigt: In einer unverbindlichen Gesellschaft könnte der "Mob" zurückkehren.

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War was? Noch vor einer Woche schienen brennende Fahrzeuge symbolhaft ein neue, lange Welle linksextremistischer Gewalt anzuzeigen. Aber am Ende der Woche dominierten dann schon wieder die Bilder der Kirchentagsfriedfertigkeiten, der gutbürgerlichen Diskurs- und Demonstrationszivilität von Attac- und Greenpeace-Zugehörigen. Der martialische Straßenkampf währte nur einen langen Rostocker Samstag.

War es das also schon? Interessant ist jedenfalls, wie wenig wir - wie wenig auch professionelle Sozialforscher des Protests - über die sogenannten Autonomen wissen. Woher kommen sie eigentlich? Gibt es sie überhaupt noch in beträchtlichem Umfang? Aus welchen Klassen, Schichten, Bildungsmilieus rekrutieren sie sich? Wie gut oder schlecht sind sie tatsächlich organisiert; was exakt wollen sie denn nun erreichen? Was ist ihr Projekt, ihre Idee, ihr Ziel? Wer sind ihre Anführer oder Chefideologen? Vor allem aber: Spielen dergleichen Dinge für sie überhaupt eine Rolle?

Man weiß es nicht so richtig; und es gibt ein paar plausible Hinweise, dass selbst diejenigen, welche sich zu dieser Szene rechnen (Mitgliederausweise gibt es schließlich nicht), es ebenfalls kaum erhellend erklären können. Wo der Wurf des Pflastersteins den koitalen Gipfelpunkt des Protest bedeutet, gilt die dürre intellektuelle Begründung nicht einmal als lohnenswertes Vorspiel.

Natürlich, man kann das alles als ziemlich nebensächlich abhaken. Autonome liefern wohl die legitimatorische Munition für die Scharfmacher aus dem konservativen Ordnungslager; aber gefährliche Revolutionäre, überhaupt nur ernstzunehmende Gegner des "Systems" sind sie natürlich nicht. Und doch zeigt ihre Existenz, zeigen ihre Aktionsmethoden einen säkularen Wandel an: die allmähliche Auflösung etlicher industriegesellschaftlicher Strukturen, Organisationsformen und Bindemittel.

Gedanken an die Wiederkehr des "Mobs"

Das aber könnte bedeuten, dass einige der Sozialphänomene zurückkehren, welche die Geschichte bereits kannte, als eben diese Strukturen noch nicht existierten. Noch stärker zugespitzt: Es könnte die Wiederkehr des "Mobs" zur Folge haben. Der "Mob" war eine typische Sozialfigur der vorindustriellen Urbanität.

Hierzu zählten die Tagelöhner, Bettler, die Armen und Ausgeschlossenen, die sich immer wieder, aber ganz erratisch zu militanten Protesten zusammenwürfelten. Charakteristisch war die direkte Aktion, die spontane Erregung, der jähe Aufruhr. Und bezeichnend war ebenfalls, dass es dafür keine festen Organisationsformen gab, erst recht keine ideologischen Zielsetzungen, kein politisches Programm.

Der "Mob" tumultierte; er reflektierte und räsonierte nicht. "Der Revolutionismus des 'Mobs' war primitiv", lautet daher das Urteil des marxistischen Sozialhistorikers Eric Hobsbawm, eines Experten auf dem Gebiet geschichtsträchtiger Rebellionen. Der "Mob" aus der Zeit vor der Industriegesellschaft erhob sich für einige Tage, machte tüchtig Krawall, zündelte hier und randalierte dort, verlor aber alsbald die Energie und Lust - und versank danach für längere Zeit in pure Inaktivität.

Erst mit der industriellen Arbeiterklasse, mit ihrer Organisation in sozialistischen Parteien und Gewerkschaften verschwand der "Mob". Nun transferierte sich der rhapsodische Tumultismus früherer Zeiten in langfristige Strategien und einen kontinuierlichen Reformismus oder in weltanschaulich durchdrungene, kadermäßig zentralisierte Revolutionsanstrengungen. Kurzum: Die industriegesellschaftlichen und sozialstaatlichen Regulationen hatten den zuvor unförmigen, oft elementaren und plötzlichen Protest kanalisiert und dadurch auch befriedet. Die parlamentarische Vertretung linker Parteien, der in Regeln und Ausgleichsmodalitäten eingefasste Tarifkampf der Gewerkschaften ersetzten den eruptiven, ungezügelten, rohen Volkszorn.

Die Eliten haben Brücken zwischen Staat und Gesellschaft abgebrochen

Doch die politischen Repräsentationen und hochzentralisierten Organisationszüge der Industriegesellschaft, der Arbeiterbewegung und ihrer Parteien schwinden seit einem Vierteljahrhundert rapide. Der Entstrukturierungseifer der postindustriellen Gesellschaftseliten hat politische Repräsentationen beschädigt, öffentliche Güter dezimiert, intermediäre Brücken zwischen Gesellschaft und Staat abgebrochen, Bindungen gelockert - und so kulturell-soziale Hohlräume der Integration hinterlassen. Wo immer in den vergangenen zwanzig Jahren in Europa unorganisierte und unvorhergesehene Krawalle ausbrachen, dort wird man verlässlich auf solche gesellschaftliche Leerstellen, auf entbundene Räume, sodann auf die Rückkehr des "Mobs" treffen.

Und man wird ebenfalls darauf stoßen, dass sich die politische Linke zuvor still und grußlos aus diesen Sozialquartieren der Gesellschaft verabschiedet hat. Die frühere Organisationskraft und -kontinuität der Linken hatte im 19. und 20. Jahrhundert noch dafür gesorgt, dass die Energien und Aktivitäten der Unterschichten nicht nach kurzen Höhepunkten rasch wieder abflachten und versandeten, sondern verstetigt und institutionell stabilisiert wurden. Die ideologischen Deutungsansprüche der Linken hatten dem Alltagsunmut, der Verbitterung und Wut in der "Underclass" Sinn, Richtung und Ziel gegeben. Indes: Zumindest die sozialdemokratische und linkslibertär-ökologische Linke ist zu solchen Organisations- und Sinngebungsleistungen seit Jahren bereits nicht mehr in der Lage. Eine irgendwie bemerkenswerte Haltung von Sozialdemokraten und Grünen etwa zum Gipfel-Spektakel der vergangenen Woche ist jedenfalls und beispielhaft nicht erinnerlich.

Sozial marginalisiert, momentan im Mittelpunkt

Und wo die Zukunftsversprechen der traditionellen Organisationen und Ideologien verschwunden sind, da kehrt der Kult des Augenblicks, die Befriedigung der Unmittelbarkeit, der Endorphinenausstoß der direkten Aktion zurück. In diesen Aktionen erfährt der sonst Ohnmächtige einen kurzen, aber berauschenden Moment der Macht. Er sieht die Angst, den Schweiß, die Panik im Gesicht des verhassten Gegners. So wird der Straßenkampf zum Fest, die Gewalt zur Orgie gefühlter Omnipotenz.

Politisch wird der postindustrielle "Mob" kaum einmal ernst genommen, sozial sind etliche darunter marginalisiert, aber nun stehen sie im Mittelpunkt der Medienaufmerksamkeit, sind Helden in den Aufnahmen der Straßenschlachten. Natürlich fehlt dann auch nicht das uralte Symbol des Feuers, das Licht in die Dunkelheit einer verabscheuten Gegenwart bringen soll, das alles Böse auslöscht, jegliche Privilegien in Asche verwandelt - auf diese Weise, für die Stunden des "Kampfes" jedenfalls, die ersehnte Egalität herstellt.

Auch die Medien lieben alle diese Bilder: Flammen, Kämpfe, zertrümmerte Autos, Schurken und Helden, die uniformierten Guten und die vermummten Bösen. Insofern trägt auch die Mediengesellschaft zur Wiederkehr des "Mobs" bei. Das Gefährliche daran ist: Die Gier des "Mobs" nach immer stärkeren Drogen der direkten Aktion, das Interesse der Medien an neuen, die Emotionalitäten noch verstärkenden Events der Provokation - all das enthält eine innere Dynamik der Dosissteigerung. Der Kapitalismus ist dadurch nicht bedroht. Aber für eine besonnen-liberale Innenpolitik wird es in einer solchen Atmosphäre der Erregungseskalation noch ein Stückchen schwieriger.

Franz Walter

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 09.06.2007

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