Wiedervereinigung "Ihr könnt auf mich zählen"

Wiedervereinigung: "Ihr könnt auf mich zählen" Fotos
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1989 fiel die Mauer - und viele Staatschefs in Schockstarre. Ein geeintes Deutschland? Die verängstigten Politiker bremsten, wo sie konnten. Nur der frühere spanische Ministerpräsident Felipe González stand auf dem Gas - mit einestages spricht er über seine Rolle bei der Wiedervereinigung. Von

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einestages: In seiner Biografie und in verschiedenen Reden hat Helmut Kohl immer wieder hervorgehoben, dass Sie der einzige europäische Regierungschef waren, der ihn von Anfang an bei seinem Vorhaben unterstützt hat, Deutschland wieder zu vereinigen. Wie haben Sie dieses Lob verdient?

González: Noch in der Nacht des 9. November 1989, als die Mauer aufging, habe ich zwei Telefongespräche nach Deutschland geführt. Ich habe Helmut Kohl, der aus Polen zurückgeeilt war, und Willy Brandt angerufen. Beiden habe ich genau dieselbe Botschaft vermittelt: "Wenn wir sehen, wie das Pferd der Geschichte an uns vorbei galoppiert, ist es nicht aufzuhalten. Herzlichen Glückwunsch. Der Lauf der Geschichte hat sich verändert. Ihr könnt auf mich zählen beim Prozess der Wiedervereinigung." Beide waren in ihrer Art sehr emotional. Sie waren sehr dankbar. Helmut Kohl hat mir die Geste nie vergessen.

einestages: Haben Sie dem Kanzler damals ganz konkret geholfen?

González: Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erzählt habe, denn ich unternehme wenig Anstrengungen, meine Erinnerungen zu dokumentieren. Am nächsten Tag hielten wir in Madrid, wie immer freitags, unsere Kabinettssitzung ab. Da sprach ich über das Thema mit meinen Leuten. Und am Samstag, sehr früh am Morgen, rief ich meinen damaligen Außenminister Francisco Fernández Ordóñez an. Der befand sich auf dem Flughafen Barajas, um in einer Vermittlungsangelegenheit im Rahmen der EU-Troika nach Tunis zu fliegen. Ihn begleitete sein französischer Kollege Roland Dumas. Die Franzosen hatten damals gerade die EU-Ratspräsidentschaft inne, zuvor waren wir an der Reihe gewesen. Ich bat meinen Minister, die Gelegenheit zu nutzen, um Dumas zu raten, dass Präsident François Mitterrand sofort einen Sondergipfel über die deutsche Wiedervereinigung einberufen solle.


Geheimakte Deutschland - Vor 20 Jahren: Wie Europas Politiker die Einheit verhindern wollten

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einestages: Also war der erste Sondergipfel im Grunde Ihre Idee?

González: Ja, wir trafen uns schließlich in Paris.

einestages: Aber zuvor gab es Widerstände?

González: Dumas sagte, dass Mitterrand die Dinge nicht überstürzen wollte. Im Dezember würde ja der turnusmäßige Gipfel stattfinden. Er empfahl, dass ich mit seinem Präsidenten sprechen sollte, denn ich hätte Recht.

einestages: Und Sie riefen in Paris an?

González: Ich sprach mit Mitterrand. Der hatte einfach keine Lust, einen Sondergipfel zu veranstalten. Allerdings war er ein außerordentlich intelligenter Mann, der schnell denken und handeln konnte. Am selben Tag kritisierte ihn Valéry Giscard d'Estaing, sein politischer Gegenspieler in Frankreich, in einer öffentlichen Erklärung. Es scheine ihm undenkbar, dass nicht sofort ein EU-Sondergipfel veranstaltet würde. Darauf reagierte Mitterrand mit einer für ihn typischen petite phrase: "Wir sind darüber schon im Gespräch, mit der EU-Troika." Und tatsächlich bestellte er dann schon am nächsten Samstag die EU-Kollegen zu einem Abendessen nach Paris ein.

einestages: Mussten Sie dabei Helmut Kohl zur Seite springen?

González: Das Abendessen gab ein lebendiges Bild dessen, was für Eindrücke die Ereignisse in Deutschland vom Wochenende hinterlassen hatten. Für alle politischen Führer bedeutete der Mauerfall eine riesige Freude. Aber die Konsequenzen verursachten zumindest auch Besorgnis. Weil fast alle Anwesenden zur Kriegs- oder unmittelbaren Nachkriegsgeneration gehörten, hatten sie schlechte Erfahrungen mit Deutschland gemacht.

einestages: Wurden denn Beschlüsse gefasst bei diesem besonderen Dinner?

González: Nein, nichts Tiefgreifendes, das Treffen von eineinhalb Stunden war eigentlich recht banal. Helmut Kohl, genauso wie Hans-Dietrich Genscher oder Brandt und Helmut Schmidt, um nur von den Parteispitzen in Deutschland zu sprechen, die waren sich klar, worum es ging in diesem Augenblick. Ich habe das einmal bei einer Ehrung für Kohl in ein Bild gefasst: Man musste auf das Pferd aufspringen, das führerlos durchging, man musste die Zügel ergreifen und es auf den richtigen Pfad lenken.

einestages: Sahen das die anderen Europäer auch so?

González: Es gab welche, die schwiegen und andere, die anfingen, Einwände zu erheben. Keiner konnte geradeheraus Nein sagen, aber viele brachten Argumente gegen eine Beschleunigung der Entwicklung.

einestages: Was folgte danach auf dem regulären EU-Gipfel vom 8. und 9. Dezember? Kohl hat die Atmosphäre dieses Straßburger Treffens als eisig beschrieben. War die Ablehnung gegen seinen Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung so heftig?

González: Ja, Kohl hat oft gesagt, er konnte damals die Europäer an einer Hand abzählen, die ihn unterstützten gleich nach dem Mauerfall, und er habe noch Finger übrig gehabt. Irgendwie ist es auch verständlich. Denn die Ereignisse hatten so gewaltige Folgen, nicht nur für Deutschland, für Europa, ja für die ganze Welt. Die Menschen brauchten Zeit, diese enorme Veränderung zu verdauen, umso mehr, wenn es sich um Staatenlenker handelte. Ganz im Besonderen galt das für die Besatzungsmächte.

einestages: Aber auch kleinere Nachbarn waren nicht gerade vereinigungsfreundlich.

González: Andreotti sagte, er liebe Deutschland so sehr, dass er am liebsten zwei davon hat. Mitterrand war gerade von einem Treffen mit Michail Gorbatschow zurückgekehrt. Der hatte ihm gesagt, dass der Fall der Mauer unumkehrbar sei, aber dass ein historischer Prozess wie die Wiedervereinigung Jahrzehnte dauern könnte.

einestages: Mitterrand hielt ja an seinem geplanten Besuch in der DDR fest, obwohl Erich Honecker, der ihn eingeladen hatte, schon abgetreten war.

González: Ich glaube, Mitterrand dachte auch so: alles ganz in Ruhe beobachten, die Folgen abwägen. Aber er sagte das nicht. Er legte all diese Bedenken Gorbatschow in den Mund. Obwohl es dem niemals in den Sinn gekommen wäre, diesen Prozess aufhalten zu wollen. Es gab aber auch keine radikal negative Position. Außer Margaret Thatcher. Die leistete sehr starken Widerstand, aus historischen und auch aus persönlichen Gründen.

einestages: Konnten Sie konkret etwas tun damals, um Kohl beizuspringen?

González: Auf diesem Gipfel begannen wir über alle Bedenken zu diskutieren. Meine Position war ganz klar. Ich hatte es auch nicht so schwer, weil Spanien ja zumindest theoretisch nicht am Zweiten Weltkrieg beteiligt war. Unser Bürgerkrieg war vielmehr ein Vorspiel dazu. Ich versuchte, mit meiner Haltung durchzudringen. Ich sagte allen, dass der Prozess der deutschen Wiedervereinigung in die europäische Entwicklung einbezogen werden muss. Europa müsse also die Integration Ostdeutschlands mittragen. Kohl sagte mir dann in einer Pause, er bedanke sich herzlich, aber ich solle nicht länger darauf bestehen, dass Europa die Verantwortung übernehmen müsse für die Eingliederung der Ostdeutschen, denn das würde keiner akzeptieren. Die Wiedervereinigung werde sicher nur dann möglich, wenn die Deutschen allein die Folgen trügen. Ich sagte ihm, dass ich das für einen Irrtum halte, weil wir Europäer alle zusammen direkt oder indirekt Anstrengungen unternehmen müssen, um ganz Deutschland einzubeziehen in unsere Gemeinschaft. Ob wir wollen oder nicht, sagte ich Helmut, wir werden alle zahlen müssen.

einestages: Damals gab es ja auch in Deutschland selbst viele, die glaubten, die Dinge würden sich viel langsamer entwickeln.

González: Für mich war der Mauerfall eines der letzten Ereignisse, die durch eine Bewegung der Volksmassen in Gang gesetzt wurden ohne Anstiftung von politischen Parteien. Es hatte dieselbe Spontaneität wie der Mai 1968 in Paris. Aber ich war genauso überrascht wie alle anderen politischen Führer. Wer behauptet, er hätte das Ende der deutschen Teilung so vorausgesehen, der lügt. Der Verdienst von Leuten wie Kohl, Brandt und Genscher bestand darin, schnell zu begreifen, dass sie Zeugen eines historischen Geschehens waren, dessen Protagonist das Volk war, das sich erhoben hatte, wie ein Pferd, das den Reiter abgeworfen hat und durchgegangen war. Die historische Größe Kohls besteht darin, dass er dieses Pferd bestieg, um es zu reiten und zu lenken. Denn in jedem Fall war das Volk schon nicht mehr aufzuhalten, es hatte sich die Freiheit genommen, die Mauer einzureißen.

einestages: Entscheidend für das Gelingen der Wiedervereinigung war sicher auch die Haltung der USA.

González: Ja, auch George Bush war einer der ersten, der nach dem 9. November entschlossen war, die Dinge voranzubringen. Und er hat sehr schnell zum Mauerfall gratuliert.

einestages: Aber noch im Sommer 1989 schien das Verhältnis zwischen Kohl und Bush getrübt.

González: Genau. Auf einem Nato-Gipfel war es um die Modernisierung der Kurzstreckenraketen gegangen. Die Deutschen wussten, dass diese Waffen allein Deutsche töten würden. Denn sie waren dazu bestimmt, an der deutsch-deutschen Grenze einen Angriff des Warschauer Pakts abzufangen. Es gab damals eine harsche Auseinandersetzung zwischen Margaret Thatcher und Kohl. Die Lady bestand darauf, dass die alten Waffen ersetzt werden müssten. Die Deutschen wiesen darauf hin, wie ich glaube mit großer Berechtigung, dass Gorbatschow mit der Perestroika schon sehr weit vorangekommen war. Er wollte ein Übereinkommen mit den USA über atomare Abrüstung schließen. Thatchers Plan hatte also nicht mehr viel Sinn. Aber Bush wusste nicht, auf welche Seite er sich stellen sollte. Kurz darauf hatte ich ein Treffen mit Kohl in Deutschland. Der Kanzler führte mich in sein Arbeitszimmer und sagte, er wolle mich um einen Gefallen bitten. Es war eine sehr emotionsgeladene Szene. Denn er nahm die Skulptur einer trauernden Mutter, die ihren im Kampf getöteten Soldaten-Sohn im Schoss hielt, und stellte sie vor mich hin. "Ich möchte, dass du mit Bush redest, denn wir sind nicht mehr im Gespräch, unser Vertrauensverhältnis ist zerbrochen." Ich versuchte einen Scherz. "Helmut, in jeder Hinsicht hast du mehr Gewicht als ich, um mit Bush zu sprechen." Und Kohl darauf: "Nein, mir ist nicht nach Scherzen, bitte sprich mit ihm, sag ihm, was du willst, aber sprich mit ihm."

einestages: Haben Sie Kohls Wunsch erfüllt?

González: Gleich am Tag nach meiner Rückkehr rief ich George Bush aus Madrid an und erklärte ihm, wie unglücklich Kohl über den Abbruch des Kontakts mit ihm war. Er schätze Kohl sehr, sagte mir der US-Präsident, aber er sei auf dem Nato-Gipfel in eine unmögliche Lage geraten wegen der unbeugsamen Position Großbritanniens. Ich sagte ihm, er solle Kohl dringend anrufen und das Missverständnis ausräumen.

einestages: So ist es im Grunde Ihrer Intervention zu verdanken, dass wenig später, als die Mauer überraschend aufging, George Bush und Helmut Kohl wieder im besten Einvernehmen waren.

González: Ja.

einestages: Mussten Sie im Jahr 1990 noch einmal eingreifen zugunsten der Wiedervereinigung?

González: Nein, alles Entscheidende passierte in den ersten Wochen nach der Öffnung der Mauer. Mitterrand war so intelligent, dass er sehr schnell seine historische Rolle als damaliger EU-Ratspräsident sah und seine Widerstände gegen die Wiedervereinigung aufgab und sich an die Spitze der Förderer setzte. Vor dem 3. Oktober fiel ihm dann plötzlich ein, nach dem Ende der kommunistischen Regime im Osten Europas sollte eine Europäische Föderation Freier Staaten gegründet werden. Wir anderen dagegen sahen eher den Prozess der deutschen Wiedervereinigung und auf der anderen Seite die Aufgabe, die ehemals kommunistischen Staaten in unsere Gemeinschaft zu integrieren. Der ganze französische Apparat versuchte, der Idee Mitterands Struktur zu geben. Aber da er sie selbst nie entwickelt hat, blieb es bei der schönen Idee.

Das Interview führte Helene Zuber.


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Cormac Lucey 10.10.2010
Sie Schreiben: ?Nur der frühere spanische Ministerpräsident Felipe González stand auf dem Gas - mit einestages spricht er über seine Rolle bei der Wiedervereinigung ? In seiner Biografie und in verschiedenen Reden hat Helmut Kohl immer wieder hervorgehoben, dass Sie der einzige europäische Regierungschef waren, der ihn von Anfang an bei seinem Vorhaben unterstützt hat, Deutschland wieder zu vereinigen.? Was Sie schreiben stimmt aber es stimmt nicht ganz. Irland, und ihrer damilige Regierungschef Charles Haughey, hat auch die Wiedervereingigung Deutschlands voll unterstützt. Helmut Kohl wortlich (?Errinerungen 1990-1994?, Seite 62) ?Nur der spanische Ministerpräsident Felipe González und der irische Regierungschef Charles Haughey waren ohne Wenn und aber für die Wiedervereinigung.?
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