Wiedervereinigung Gesamtdeutschland wird 18

Der Zusammenschluss der DDR und der BRD am 3. Oktober 1990 stieß auf ein gespaltenes Echo: Für viele DDR-Bürger war die Wiedervereinigung nach dem Fall der Mauer die einzig richtige Konsequenz. Doch es gab auch Ablehnung - auf beiden Seiten.

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In den achtziger Jahren wurden die negativen Auswirkungen des politischen Systems in der DDR immer deutlicher. Die Wirtschaft litt unter der sozialistischen Planwirtschaft und fehlenden Außenhandelsbeziehungen. Der Mangel an Waren des alltäglichen Bedarfs führte zu wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Die eingeschränkte Reise- und Meinungsfreiheit, die Missachtung der Menschenrechte und die Bespitzelung durch die Stasi nährten den Wunsch nach Veränderung - der jedoch von der politischen Spitze um Staats- und Parteichef Erich Honecker ignoriert wurde.

Auch in anderen sozialistisch geführten Ländern kam es zu ähnlichen Entwicklungen. Als im Mai 1989 die Grenze zwischen Österreich und Ungarn geöffnet wurde, versuchten viele DDR-Bürger die Flucht über Ungarn in den Westen. Die Botschaften der Bundesrepublik in Budapest und Prag füllten sich mit Ausreisewilligen. Abertausende DDR-Bürger verließen im Sommer 1989 ihre Heimat.

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Im September 1989 begannen in Leipzig die sogenannten

Montagsdemonstrationen. Ausgangspunkt waren die von Pfarrer Christian Führer initiierten Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, die traditionell montags stattfanden. Im Laufe des Septembers schlossen sich immer mehr Bürger dem friedlichen Protest für Freiheit und Bürgerrechte an.

Unbeeindruckt von der Stimmung im Volk plante die DDR-Regierung große Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober 1989. Während die Regierung in offiziellen Paraden die heile Welt des Sozialismus propagierte, kam es in Ost-Berlin an diesem Tag zu großen Demonstrationen von SED-Gegner, die von der Volkspolizei nur gewaltsam verhindert werden konnten. Am 18. März trat Staats- und Parteichef Erich Honecker zurück, sein Nachfolger wurde der ehemalige FDJ-Chef Erich Krenz. Auch mit dieser von der SED für sich in Anspruch genommenen "Wende" änderte sich das politische System in der DDR nicht grundsätzlich.

Dann verlas Politbüromitglied Günter Schabowski am Abend des 9. November 1989 in einer live übertragenen Pressekonferenz Auszüge aus dem Entwurf zu einem neuen DDR-Reisegesetz. Dieses formell noch verabschiedete Gesetz sollte die ständige Ausreise aus der DDR ohne Vorlage von Voraussetzungen möglich machen. Auf Nachfrage eines Journalisten bestätigt Schabowski, dass das Gesetz mit sofortiger Wirkung in Kraft treten sollte - und kurz darauf strömten tausende Ost-Berliner zu den Grenzübergängen in der geteilten Stadt. An die Grenztruppen an den Übergangsstellen war die neue Regelung jedoch noch nicht weitergegeben worden. Am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße gaben die verantwortlichen Offiziere dem Druck der Bevölkerung schließlich nach und ließen die DDR-Bürger in den Westen passieren - die Mauer war offen.

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Es folgte ein knappes Jahr voller politischer Dramatik, das nach den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März schließlich am 3. Oktober 1990 in die Wiedervereinigung von Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik mündete. Dieser Tag war der frühestmögliche Termin nach der KSZE-Außenministerkonferenz am 2. Oktober 1990, bei der die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs formell auf ihre Rechte verzichteten. Der 3. Oktober löste fortan den 17. Juni, den Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR 1953, als bundesweiten "Tag der deutschen Einheit" ab. Das bekanntere Datum des Mauerfalls am 9. November wurde nicht gewählt, da es durch das Pogrom gegen die Juden im Jahr 1938, die sogenannte Reichskristallnacht, als belastet galt.

Nach über vier Jahrzehnten der Trennung, in denen die beiden politischen Systeme unvereinbar nebeneinander gestanden hatten, kam die Wiedervereinigung für beide deutsche Staaten überraschend schnell. Der Großteil der Bevölkerung und der politischen Führungen in Ost wie West stand diesem Schritt positiv gegenüber. Es gab jedoch auch ablehnende Haltungen und Vorurteile auf beiden Seiten. Radikale Linke etwa befürchteten ein Wiederaufleben großdeutschen Vormachtsstrebens und eines grenzenlosen Kapitalismus, alte DDR-Kader fürchteten um Privilegien und auch in der Bundesrepublik verbanden manche Bürger und Politiker wie der SPD-Kanzlerkandidat von 1990, Oskar Lafontaine, mit der Wiedervereinigung die Furcht vor wirtschaftlichem und sozialem Abstieg.

Bis heute, 18 Jahre nach der Wiedervereinigung, sind die kulturellen und ökonomischen Ungleichheiten zwischen alten und neuen Bundesländern nicht zu übersehen - und auch in den Köpfen der Menschen muss, aller Annäherung zum Trotz, noch so manche Mauer eingerissen werden.



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