Wiedervereinigungssongs Und jetzt alle zusammen!

Wiedervereinigungssongs: Und jetzt alle zusammen! Fotos
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Einigkeit und Recht und Umsatz: Im Glückstaumel des Mauerfalls verdienten sich Westmusiker von den Scorpions bis Neil Young mit Wendehymnen goldene Nasen. Unbekannter blieben dagegen die Wendesongs der DDR-Bands, obwohl die oft viel explosiver waren. Von Danny Kringiel

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Breitbeinig steht Klaus Meine auf der Bühne von "Top of the Pops", eingerahmt von seiner Band, den Scorpions, und beginnt zu pfeifen. Begeisterter Applaus für das Lied, das von Menschen berichtet, die sich endlich so nah wie Brüder sind, von einem Sturm, der Freiheitsglocken läutet. Es ist 1991, Jahr eins nach der deutschen Wiedervereinigung, und das Lied, mit dem die Scorpions seit Wochen die Charts anführen, heißt "Wind of Change". Die Idee zu dem Lied war Meine gekommen, als die Scorpions 1988 beim "Music Peace Festival" in Moskau vor 100.000 Fans spielten. Mit mehr als 14 Millionen verkauften Exemplaren wurde das Lied zu dem größten Hit der Band, zu einer der erfolgreichsten deutschen Singles der Geschichte und zur Hymne der Wiedervereinigung. Genauer: zu einer der Hymnen.

Denn nachdem im November 1989 die Berliner Mauer gefallen war und am 3. Oktober 1990 die geteilte Republik zu einem Deutschland zusammengeführt wurde, entwickelte sich das Einheitshymnenschreiben zu einem Spitzengeschäft - mit entsprechend vielen Mitstreitern. Marius Müller-Westernhagen, David Hasselhoff, Roger Waters und viele andere zauberten plötzlich die Einheitshits hervor, die nicht selten beherzt umfunktionierte ältere Gassenhauer waren. Vor allem westliche Musiker verdienten sich so mit dem Ende des real existierenden Sozialismus eine goldene Nase. Dabei gab es auch aus dem Osten Wendehits, die oftmals viel ehrlicher, subversiver und wagemutiger waren als ihre westlichen Pendants - nur eben nicht so gut vermarktet.

"Fraiiiiha-a-a-a-aiiit!"

"Die Verträge sind gemacht", sang der Mann mit dem Hut, "und es wurde viel gelacht." In Christuspose stand Marius Müller-Westernhagen vor einem Meer aus Menschen, die Feuerzeuge über ihren Köpfen schwenkten und den Refrain mit anstimmten: "Freiheit, Freiheit/ Ist das Einzige, was zählt!" Mit der Liveversion seines Songs "Freiheit" eroberte Westernhagen 1989 die gefühlsschwangeren Herzen der neuvereinten Republik - und die Spitze der deutschen Hitparade. Das dazugehörige Album verkaufte sich mehr als eineinhalb Millionen mal. Dabei hatte der Sänger den Song bereits knapp drei Jahre zuvor geschrieben. Im Interview mit "Rheinpfalz" gab er 2010 zu, beim Schreiben gar nicht den Fall der Mauer im Sinn gehabt zu haben: "An so was habe ich damals überhaupt nicht geglaubt, sondern mich mit der ewigen Existenz von zwei deutschen Staaten abgefunden."

Für ähnlich unwahrscheinlich hatte wohl auch sein britischer Kollege Roger Waters, ehemaliger Bassist der Rocklegende Pink Floyd, eine deutsche Wiedervereinigung gehalten. Und so hatte er laut "musikexpress" im Juli 1989 eine voreilige Erklärung abgegeben: Der einzige Anlass, zu dem er noch einmal mit Pink Floyd live "The Wall" aufführen würde, wäre der Fall der Berliner Mauer. Seit acht Jahren hatten er und die anderen Pink-Floyd-Musiker sich nicht mehr auf der Bühne, sondern höchstens vor Gericht getroffen, um über Urheberrechte zu streiten. Und tatsächlich recycelte Waters nach dem Mauerfall am 21. Juli 1990 in Berlin vor 200.000 Zuschauern "The Wall" als gigantisches Livespektakel mit prominenten Gästen wie Bryan Adams und Cindy Lauper - aber ohne seine Pink-Floyd-Kollegen.

Plötzlich hatte jeder irgendwie in prophetischer Vorahnung einen Wende-Hit geschrieben: Neil Young veröffentlichte nur fünf Tage nach dem Mauerfall seine Single "Rockin' in the Free World", die ihm gemeinsam mit dem dazugehörigen Album "Freedom" nach einem kommerziell eher zähen Jahrzehnt ein steiles Comeback bescherte und die US-Charts stürmte. Und seine ehemaligen Bandkollegen Crosby Stills and Nash reisten am 20. November 1989 nach Berlin und ließen sich vor der Mauer filmen - für das Video zu ihrer Neuaufnahme der Single "Chippin' Away" (weghacken). Auch wenn das Lied von Graham Nash eigentlich schon sechs Jahre zuvor veröffentlicht worden war und sich nicht um den Fall der Berliner Mauer drehte.


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Eine Weile schien es fast so, als würde der "Einheitshit" ein Lehrstück in Sachen Marktwirtschaft, eine unschlagbare Vermarktungsformel, mit der sich fast alles irgendwie in den Hitparaden platzieren ließ: Selbst der Westberliner Jugendchor "Die Gropiuslerchen" schaffte es, mit einem Remix seines Lieds "Berlin, Berlin", das eigentlich schon zwei Jahre alt war und in das man nun schnell noch ein paar "Wir sind das Volk!"-Samples hineingemischt hatte, Anfang 1990 bis auf Platz drei der deutschen Charts aufzusteigen.

"Der liebe Gott hat sich verpisst"

Doch während im Westen die Kassen klingelten, machten sich ostdeutsche Hits zur Wende in den Charts rar. Was nicht daran lag, dass es zu wenige geeignete Lieder gegeben hätte: So hatten City 1987 gegen die Teilung Deutschlands angesungen: "Wenn du lachst, klingt es herüber wie aus einem anderen Land/ Wand an Wand". Im gleichen Jahr drohten Karussell in einem Lied mit dem vielsagenden Titel "Als ich fortging" dem SED-Regime: "Nichts ist von Dauer, was keiner recht will." Und auch der kurz vor dem Mauerfall veröffentlichte Song "Neue Helden" der Puhdys ließ sich als drastische Regimekritik lesen: Die Welt brauche "lang ersehnte Drachentöter" gegen den "bösen Drachen" der Verhetzung und des Machtmissbrauchs, hieß es da. Kritische Töne, die in dieser Schärfe in der DDR lange undenkbar gewesen wären.

Anders als für ihre Kollegen aus dem Westen stand für die Wendemusiker des Ostens weit mehr auf dem Spiel als nur Plattenverkäufe - sie verstanden sich als politische Bewegung, und das nicht nur im Rahmen ihrer Texte: So unterzeichneten am 18. September 1989 Mitglieder etlicher bekannter DDR-Bands wie Silly, City oder Pankow die "Resolution der Rockmusiker und Liedermacher", in der sie gegen die "unerträgliche Ignoranz der Staats- und Parteiführung" protestierten. Verboten zum Trotz verlasen die Unterzeichner die Resolution bei Liveauftritten ihrer Bands - und riskierten damit Repressionen durch das SED-Regime.

Denn bis zuletzt packte die Partei Kritiker hart an: Das erfuhr etwa Silly Anfang 1989 mit ihrem Album "Februar". Mit Zeilen wie "Der liebe Gott hat sich verpisst/ Weil für ihn hier nischt mehr zu machen ist" hatte die Gruppe um Sängerin Tamara Danz die Missgunst der Partei auf sich gezogen, und mit "Es geht ein Gespenst/ In der Mitropa um/ Es spukt/ Auf dem Friedhof der Träume" eine einstweilige Verfügung der staatseigenen Eisenbahngesellschaft gegen die Veröffentlichung kassiert. Wenige Monate später wurde gegen die regierungskritische Band Herbst in Peking ein Auftrittsverbot verhängt: Sie hatte zu einer Schweigeminute anlässlich des Massakers des chinesischen Militärs auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking aufgerufen.

Ende mit Wende

Trotz aller eingegangenen Risiken blieb der große kommerzielle Erfolg der Wendesänger der neuen Bundesländer aus. Und während die Scorpions, Marius Müller-Westernhagen und Neil Young weiter ihre von der Wende befeuerten Comebacks feierten, verliefen die Karrieren im Osten weit weniger positiv: So blieb "Am Fenster" bis heute der letzte große Hit von City, die Band Silly konnte nach dem Krebstod ihrer Sängerin Tamara Danz im Jahr 1996 nicht mehr an ihre alten Erfolge anknüpfen und Karussell lösten sich schon unmittelbar nach der Wende 1991 auf, während "Wind of Change" von den Scorpions noch die Charts stürmte. Die Wende war für sie schneller wieder vorbei gegangen, als sie gekommen war.

Doch auch im Westen hielt der Wende-Hype nicht ewig vor: So wurden die Arbeiten an dem mit zehn Millionen Euro Produktionskosten veranschlagten Wende-Musical, das die Scorpions seit 2002 in Kooperation mit den "König der Löwen"-Machern Stage Entertainment geplant hatten - laut Gitarrist Rudolf Schenker "eine Art Politthriller, in dem es menschelt" - mittlerweile abgebrochen. Dann wollte Stage Entertainment es stattdessen mit einem Wende-Musical von "Sonderzug nach Pankow"-Rocker Udo Lindenberg versuchen, mit einer Uraufführung pünktlich zum Jahrestag des Mauerfalls 9. November 2010. Doch auch das wurde nun erst einmal verschoben. Anlässlich der offiziellen Gedenkfeier am 9. November 2009 war Star-DJ Paul van Dyk mit der Komposition eines neuen Wende-Hits beauftragt worden. Doch dessen Single "We Are One" schaffte es nie in die Charts.

Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung scheint es, als würden nun auch endlich all die Hits, die mal mehr, mal weniger glaubhaft für sich beanspruchen, zur Wiedervereinigung beigetragen zu haben, zu Museumsstücken der Wende werden. Sie ließen sich einreihen zwischen den anderen etwas angestaubten Exponaten im Mauermuseum am Checkpoint Charlie zwischen Mauersplittern und Fotos von Fluchtballons. Zumindest ein Besucher des Museums hat dies kürzlich auch eingefordert - der ehemalige "Knight Rider"-Serienstar David Hasselhoff zeigte sich bei einem Berlinbesuch enttäuscht darüber, nicht im Museum vertreten zu sein. Dem "Berliner Kurier" erklärte er seinen Beitrag zur Wiedervereinigung: "Ich weiß, es klingt verrückt. Aber als die Leute in der DDR 'Looking for Freedom' gehört haben, hat ihnen das Auftrieb gegeben."

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1.
Siegfried Wittenburg 06.10.2010
In der DDR wurden keine ?Wendehymnen? und ?Einheitssongs? produziert, die dann mehr oder weniger zufällig im Taumel des Mauerfalls vermarktet werden konnten. ?Wind of Change? von den Scorpions mag eine Ausnahme gewesen sein, weil dieser Titel unter dem Eindruck von der Aufbruchstimmung in der Sowjetunion entstanden ist. Auch aus Moskau wehte ein frischer Wind nach Berlin, der ab Warschau böiger wurde. Zu meinen Lieblingsplatten gehört ?Casablanca? von City (Amiga 1987). Die gesamte zweite Seite ist gesellschaftskritisch. Doch auch bei vielen anderen Bands wirkten manche Worte in den Texten elektrisierend, Worte, die bis zum Erscheinen in der Öffentlichkeit mit einem Sprechverbot belegt waren. Jede Zeile in den Texten musste, wie in der Literatur auch, durchgeboxt werden angesichts der Gefahr, den Bogen zu überspannen. An das Plakat für ein Silly-Konzert mit Tamara Danz kann ich mich noch gut erinnern, doch leider schaffte ich es nicht, dorthin zu gehen, weil inzwischen die kritische Masse in Bewegung geraten war. Die Rockmusiker, die Liedermacher, die Punks und die Jazz-Musiker haben vorher die Menschen ermutigt, ihre eigenen Worte auszudrücken. Eigentlich waren es die Texter. Eine ?Wendehymne? veröffentlichen, als die Gefahr längst vorbei war, oder aus dem sicheren Westen heraus, konnte jeder. Die eigentliche Schlacht wurde schon vorher geschlagen. Inzwischen haben wir neue Bands in Deutschland, doch als ich die neue CD ?ALLES ROT? von SILLY mit Anna Loos als Sängerin in das Gerät schob, war ich schon bei den ersten Klängen wie elektrisiert. Das ist die populäre Musik, die alles Gestern überwunden hat, das Heute reflektiert und Lust auf das Morgen macht, ohne die Geschichte zu verdrängen. Und das in einer einzigartigen Qualität.
2.
Michael Otto 06.10.2010
Warum schreibt niemand über das Schicksal der "DDR" Band Scirocco ?
3.
Marco Damp 07.10.2010
Um das Bild noch ein wenig weiter zu vervollständigen, von der US-Band Dokken gab es vom Album "Back For The Attack" den Song "Lost Behind The Wall" aus dem Jahre 1987. Im Chorus singt Don Dokken "Die Mauer muss weg! Tear it down!"
4.
Bodo Thöns 07.10.2010
Das beste Lied zur Einheit kam erstaunlicherweise aus Österreich - "Es steht ein Haus in Ost-Berlin" von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.
5.
K.H. Hildebrandt 08.10.2010
Sorry, aber bei derartigen Texten stößt es einem sauer auf: "Trotz Verboten verlasen die Mitglieder von City, Silly, Pankow und vielen anderen Bands das Schriftstück immer wieder auf Konzerten - und riskierten damit Auftrittsverbote und weitere Repressalien." Das kann eigentlich nur satirisch gemeint sein, denn zu diesem Zeitpunkt waren die genannten Bands wenig, bis gar nicht gefährdet. Angesichts von Menschen, die für ihre Musik tatsächlich inhaftiert wurden, z.B. Bernd Stracke von L`Attentat, muß man sich fragen ob der Autor grad den Kinderschuhen entwachsen, oder schlicht ein Bewohner des Tals der Ahnungslosen, oder noch schlimmer; Bild-Leser ist..
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