Bahnrad-Legende Wilfried Peffgen Bis zur Besinnungslosigkeit

Bahnrad-Legende Wilfried Peffgen: Bis zur Besinnungslosigkeit Fotos
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Jahrzehnte quälte sich Wilfried Peffgen auf Hunderten Bahnradturnieren und Abertausenden Kilometern. Bei einestages erinnert sich der vergessene Radsportstar der Siebziger, wie er Weltmeister wurde und mit Bier und Schlaftabletten den Wahnsinn der Sechstagerennen bekämpfte. Von

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Warum er sich das alles angetan hat? Jahrzehnte der Schufterei auf dem Rennrad, von einem Sechstagerennen zum nächsten. Stundenlanges Fahren in rauchigen, verschwitzten Hallen, gefährliche Jagd bei sechzig Stundenkilometern im Windschatten von Motorrädern. Fahren, fahren, fahren, fast bis zur Besinnungslosigkeit. Muskelkrämpfe, Stürze, Schlüsselbeinbrüche.

Wilfried Peffgen lässt sich etwas tiefer in seine weiße Eckcouch sinken und denkt kurz über die Frage nach. Er könnte jetzt auf die riesigen goldenen Pokale auf der Fensterbank zeigen oder von gewonnenen Weltmeisterschaften erzählen. Er könnte auch von der Faszination des Radsports schwärmen: der Geschwindigkeit, der Dynamik, der technischen Präzision.

Stattdessen deutete er mit dem linken Arm an die Decke mit dem elektrischen Kronleuchter und mit dem rechten Arm auf den Marmorfußboden. Dann sagt er einfach: "Das Haus".

Fahren für ein wenig Wohlstand

Peffgen ist kein Mann der großen Worte und metaphysischen Erklärungen. Er redet unprätentiös und geradeheraus: Ja, er war einer der besten deutschen Rennfahrer der siebziger Jahre. Und nein, es war nie sein Kindheitstraum gewesen, Radrennen zu fahren, er hatte keine Idole, keine Helden. Es ging ihm immer nur um das Geld, das Auto und eben sein Haus: ein rotverklinkerter Bau mit einem kleinen ummauerten Garten in Köln-Pesch, 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Dafür hat er sich Jahrzehnte auf Abertausenden Kilometern abgestrampelt, dafür ließ er kaum ein Rennen aus.

Wenn dieser eisern disziplinierte Söldner des Radsports nun am 1. Oktober 70 Jahre alt wird, darf man sich keinen Sportmillionär in Rente vorstellen, keinen Jan Ullrich, keinen Erik Zabel. Sondern jemanden, der sich mit viel Muskelkraft und noch mehr Zähigkeit bescheidenen Wohlstand erkämpft hat. Jemand, der fuhr, um vielleicht etwas besser zu leben als seine Eltern.

Die ganzen Fotos von seinen Erfolgen und Siegerehrungen hat er in einen windschiefen Schrank in den Keller verbannt. Einen Star würde sich der Mann mit dem ernsten Blick und einer markanten Lücke zwischen zwei Schneidezähnen sowieso nicht nennen. Dabei war er lange Zeit genau das.

Die "Toten der Rennbahn"

Kein Deutscher war jemals so erfolgreich bei den Steherrennen, bei denen die Radfahrer irrwitzige Geschwindigkeiten erreichen, wenn sie im Windschatten eines stehenden Motorradfahrers, des "Schrittmachers", bleiben - und zwar so dicht wie möglich. Dreimal gewann der Kölner in dieser Disziplin die Weltmeisterschaft, fünfmal die Europameisterschaft. Weltweit gibt es zudem bis heute nur eine Handvoll Athleten, die sich auf mehr Sechstagerennen geschunden haben als Peffgen. 188 Mal nahm er teil, 16 Rennen gewann er, 41 Mal wurde er Zweiter.

Randsportarten, könnte man meinen, doch in der Vergangenheit war das ganz anders: Anfang des 20. Jahrhunderts galten besonders die Steher als verwegene und umjubelte Gladiatoren der Moderne, die Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde erreichten. Und Sechstagerennen, bei denen fast rund um die Uhr geradelt wurde, waren Volksfeste; die Arenen so voll wie sonst nur bei Popkonzerten.

Die Massen faszinierte die permanente Lebensgefahr, in die sich die Fahrer begaben: Motorräder stürzten und rissen die dahinter rasenden Rennfahrer in den Tod. Und bei den Sechstagerennen wurde so gnadenlos lange gefahren, dass manche Athleten bewusstlos vom Rad fielen oder in Pausen mit Sauerstoffmasken versorgt werden mussten. Die Zahl der fatalen Unfälle war anfangs so hoch, dass das Fachmagazin "Rad-Welt" die regelmäßige Kolumne "Die Toten der Rennbahn" einführte und stets vorsorglich Nachrufe für prominente Fahrer bereithielt.

Wie ein Geist

Als Peffgen 1965 seine Profikarriere begann, war dieser Wahnsinn zwar längst in strenge Regeln gepresst, die die Sicherheit der Sportler gewährleisten sollten; doch die Faszination für Bahnrennen blieb ungebrochen. "Die Leute hatten einen Spaß, sie standen auf den Bänken, sie schrien, einige waren völlig betrunken", erinnert er sich. "Manche Frauen feierten sogar oben ohne." Doch das fand ein preußischer Vollblutprofi wie Peffgen völlig unangemessen.

Zudem war die aufgeheizte Atmosphäre sowieso nicht immer ein Segen für die Fahrer, die mitten in diesem Hexenkessel übernachten mussten. Der Veranstalter legte ein paar alte Matratzen in die Sportarenen, das war's. Viele Athleten konnten nicht einschlafen: der Lärm, der Qualm, die schmerzenden Beine, die Renntaktik für morgen. Peffgen hingegen hatte seine eigene Strategie: Er spülte Schlaftabletten mit Bier runter, nach zehn Minuten war er weg.

Und am nächsten Tag ging es weiter, der Kölner schaffte es irgendwie, den Hebel umzulegen, das Denken abzuschalten, den geschundenen Körper anzutreiben. "Aber mein Gesicht", sagt er und fasst sich an seine Wangenknochen, "das war am Ende eines Rennens so eingefallen, da gibt es Fotos von mir, das glauben Sie nicht. Wie ein Geist."

Mit zerfetztem Trikot im Rinnstein

Bereut hat er diese Schinderei nur selten, etwa als er nach einem Sturz in den Ardennen völlig ausgepumpt und mit zerfetztem Trikot im Rinnstein saß und einfach alles hinschmeißen wollte. Das Radfahren habe trotz solcher Momente und drei Schlüsselbeinbrüchen meist Spaß gemacht, beteuert er, sonst hätte er nie so lange durchgehalten. Vor allen Dingen sah er in seinem Fahrtalent die einzige Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg.

Peffgen hatte Schlosser gelernt, sein Vater, ein Bahnangestellter, war früh gestorben, seine Mutter verdiente sich ein karges Einkommen als Putzfrau. Irgendwann fuhr er aus Spaß bei einem Radrennen mit und merkte, dass es gut lief. Er blieb dabei, gewann kleinere Rennen, kassierte Preisgelder. Das waren meist zehn Mark, aber er dachte, er müsse einfach nur viel fahren und oft gewinnen. Also schmiss er mit 18 nach wenigen Monaten seine Stelle als Schlosser. Fortan war er zum Siegen verdammt.

Es lief gut: Peffgen konnte sich früher ein Auto leisten als seine Kumpels und feierte, damals noch Amateur, einige Erfolge: Platz sechs bei den Olympischen Spielen 1964 im Einzel-Straßenrennen, ein Jahr später Deutscher Meister. Danach wurde er treuer Helfer bei der Tour de France für Radstar Rudi Altig.

Auf einmal Weltmeister

Bald merkte er, dass es auf der Straße für ihn nicht zur Weltspitze reichte und er, wenn er viel fuhr, weit mehr Geld bei Bahn- und Steherrennen gewinnen konnte. Bei den Sechstagerennen etwa gab es kein Preisgeld für den Sieger. Der Veranstalter bezahlte den Fahrern - je nach ihrem Renommee - einen frei verhandelbaren Tagessatz. Peffgen bekam meist etwa 500 Mark.

Bis zu jenem 9. September 1978, der sein Leben veränderte "wie ein Lottogewinn". Danach konnte der Dauerfahrer seine Tagesgagen verdoppeln und verdreifachen. Denn Peffgen war plötzlich Weltmeister.

Niemand hatte mit ihm bei den Steher-Weltmeisterschaften im süditalienischen Monteroni di Lecce gerechnet, am wenigsten er selber. Er war nicht richtig austrainiert, hatte zu viel am Haus gearbeitet, bei Testfahrten nervte der ständige Wind. Peffgen beging sogar eine Unaufmerksamkeit im Training. Um Unfälle zu vermeiden, mussten an den Motorrädern der Schrittmacher Abstandsstangen mit einer sich drehenden Rolle montiert sein. Peffgen fuhr nun versehentlich mit seinem Vorderrad gegen die Rolle seines Schrittmachers Dieter Durst.

So etwas war ihm noch nie passiert. "Ich hatte immer Angst, gegen die Rolle zu kommen und stets zehn Zentimeter Abstand gehalten", erzählt er. "Danach war der Bann gebrochen." Peffgen wusste nun: Er musste die Rolle schon fest touchieren, um zu stürzen. Die Angst war weg, und vielleicht ist er nur deswegen Weltmeister geworden. Danach jedenfalls dominierte er diese Disziplin wie kein anderer.

Noch 1980, mit 37 Jahren, wurde Peffgen im französischen Besançon zum dritten Mal Weltmeister. Jedes Jahr überlegte er nun, ob er nicht seine Karriere beenden sollte. Aber dann fuhr er den jungen Athleten doch wieder davon. Erst 1983, inzwischen völlig ergraut, hörte Peffgen auf - obwohl er immer noch Top-Platzierungen erzielte.

Bereut hat er seinen Ausstieg genauso wenig wie die Quälerei zuvor. Er fiel in kein Loch, arbeitete in der Firma seiner Frau, doch irgendwie ließ ihn seine Vergangenheit nicht los. Er wurde sportlicher Leiter von Sechstagerennen, eröffnete einen Radladen und denkt noch heute darüber nach, warum die umjubelten Bahnrennen so sehr an Zugkraft verloren haben. Die Straßenprofis verdienten zu gut, um sich das anzutun, glaubt er. Stars wie Rudi Altig und Eddy Merckx seien einst Sechstagerennen gefahren - heute sei so etwas undenkbar.

Peffgen hat immer noch die schmächtig-drahtige Figur eines Jockeys, er wirkt sportlich in seinen Turnschuhen. Fährt er immer noch Rad? Ja klar, ohne Sport könne er nicht leben, sagt Peffgen. Dann winkt er ab. Die 70 Kilometer, die er jedes Wochenende in zweieinhalb Stunden fahre, das sei doch nix.

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