Ruinenfotograf Will Ellis Geisterstadt New York

Fotograf Will Ellis liebt das Kaputte: Mitten in New York ist er auf der Jagd nach Ruinen - Fabriken, Lagerhallen, Sanatorien. Seine eindringlichen Gruselbilder frieren die Vergangenheit einer Stadt ein, die sonst immer nur nach vorne starrt.

Will Ellis

Von , New York


Das Abenteuer beginnt mit einem Loch im Zaun. "Vorsicht", warnt Will Ellis, als er sich durch den Maschendraht windet. Den Rucksack lässt er sich hinterherreichen, er enthält seine Forschungsutensilien: zwei professionelle Spiegelreflexkameras, Spezialobjektive, Stativ, Müsliriegel.

Die Seitenstraße ist menschenleer. Selbst das sonst so allgegenwärtige Verkehrsrauschen des Highways I-278 ist verstummt. Manhattan liegt nur 15 Kilometer Luftlinie nordöstlich - doch Welten entfernt.

Staten Island, New Yorks "vergessener" Stadtteil: Abgeschnitten vom U-Bahn-Netz, ist die Insel nur per Fähre oder über Brücken erreichbar. Viele New Yorker kennen die Gegend allenfalls von der Durchreise nach New Jersey.

Will Ellis dagegen kennt das andere Staten Island, das selbst Einheimischen bis heute fremd ist: Hinter dem Loch im Maschendrahtzaun, im tiefsten Herzen der Insel, findet sich ein verwilderter Märchenwald - und mittendrin eine Ruinenlandschaft.

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Ruinenfotograf Will Ellis: Geisterstadt New York

Ellis sprüht sich ein süßliches Spray auf die Waden, Arme und Hände: "Zeckengefahr." Nach längerem Fußmarsch durchs Gestrüpp schimmern hinter den efeuberankten Baumstämmen die ersten Mauern, voller Graffiti.

Relikte eines untergegangenen New York

Dies ist die New York City Farm Colony, früher Armenlager, Irrenanstalt und Quarantänehospital für Cholera und Tuberkulose. In den ab 1829 erbauten 14 Backsteingebäuden hausten bis zu 2000 gemarterte Seelen. Dank der US-Sozialreformen schwand die Zahl der Insassen über die Jahre aber immer mehr. 1975 wurde die Institution ganz geschlossen, seither verfällt sie zur Geisterstadt.

Also genau das Richtige für Ellis: Der Fotograf aus Brooklyn hat sich auf verlassene Liegenschaften spezialisiert. Fabriken, Lagerhallen, Schulen, Kliniken, Sanatorien, aufgegebene Eisenbahntunnel: Auf seinem Blog "Abandoned NYC" und in einem gleichnamigen Buch dokumentiert er die Relikte eines untergegangenen - und täglich weiter untergehenden - New York.

Es sind gruselige Szenen, die weniger mit der Hightech-Millionenstadt gemein haben als mit Horrorfilmen, die im 19. Jahrhundert spielen. Zum Beispiel die Farm Colony: Bemooste Stufen führen in einen stockfinster-muffigen Keller. Die Schuhe versinken in einer Schlacke, der schmale Schein der Taschenlampe erfasst verrostete Metallschränke, Bettpfannen, Kleiderfetzen und einen einsamen Stiefel.

Woher stammt der Schuh? Wer trug ihn mal? Ellis liebt solche Mysterien: "Ich erforsche die vergessene Geschichte dieser Orte."

Schon als Kind begeisterte er sich für Gruselgeschichten - Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft, M. R. James. Seinen ersten eigenen Ausflug in die gespenstische Vergangenheit New Yorks wagte er 2012, als er in Red Hook, einem Hafenviertel in Brooklyn, ebenfalls durch einen Zaun kroch, um ein leer stehendes Lagerhaus zu erkunden: "Das gab mir einen Adrenalinschub."

"Ruinenporno" nennen manche das abschätzig: Fotos von verbotenen Immobilien sind gerade überall Mode, vor allem auf Instagram und Facebook. Ellis aber sucht mehr: Seine unwirklichen Aufnahmen verwischen die Grenze von damals und jetzt und geben einem ein Gefühl für das organische Wachstum New Yorks, wie es in der zusehends gentrifizierten Stadt sonst kaum mehr zu finden ist.

Das erreicht er mit einer besonderen Technik: Von jedem Motiv macht Ellis bis zu 20 Aufnahmen mit verschiedenen Belichtungszeiten; sogenannte Tilt-Shift-Spezialobjektive glätten die Perspektive. Das verschmilzt er dann am Computer, um das Spiel von Licht und Schatten herauszuarbeiten. Am Ende sehen die Fotos aus wie Zeichnungen.

Eine Stadt radiert ihre Vergangenheit aus

Tips holt er sich im Internet, Details findet er bei Google Earth. Eine geradezu archäologische Arbeit: Indem er verschüttete Objekte mit der Kamera "ausgräbt", bewahrt Ellis das ewig voranstarrende New York davor, seine Vergangenheit zu vergessen - zumal es mehr Wandel durchlebt hat als viele andere US-Städte.

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Mehr als 150 Orte hat er schon fotografiert - vom Creedmoor Psychiatric Center, einer skandalumwitterten Nervenheilanstalt in Queens, über den Harlem Renaissance Ballroom, wo Count Basie und Duke Ellington auftraten, bis zur Domino-Zuckerfabrik im Brooklyner Szeneviertel Williamsburg. Viele wurden seither abgerissen, um Platz zu machen für Luxusprojekte.

So gehen ihm langsam die Motive aus. Nach drei Jahren findet er kaum noch neue Abenteuer - ein Zeichen, dass New York seine Geschichte langsam ausradiert. Als Nächstes will sich Ellis deshalb einer anderen Thematik widmen: "Staten Island - der vergessene Stadtteil."



insgesamt 5 Beiträge
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Sven Teschmann, 28.05.2015
1. Die goldenen Zeiten...
...sind leider schon lange vorbei. Das sogenannte "Urban Exploring" hab ich schon betrieben, da gab es dieses Kunstwort noch gar nicht. Ab Ende 1994 gab es gerade im Osten viel zu entdecken, nachdem die Russen weg waren. Da lagen noch die Minen angehäuft am Wegesrand und Öl- und Kerosinlachen säumten die Gelände. Mehrmals war Rennen vor Sicherheitsdienst mit Hunden angesagt. Das waren noch Abenteuer einer der ersten gewesen zu sein! Heute ist schon fast alles in unseren Gefilden entdeckt und x-mal dokumentiert. Man kann sich nur hin und wieder ein Update des laufenden Verfalls holen. Trotzdem: Gute Fotos!
Melanie Stieber, 28.05.2015
2. Es ist mir leider ein Rätsel...
...warum nahezu alle Urbex-Aufnahmen vor der Veröffentlichung erst einmal in den HDR-Topf fallen müssen. 1. ist das auf Dauer echt langweilig weil immer gleich und 2. in vielen Fällen nicht einmal schön. Ich würde mir gefühlvollere und eindringlichere Aufnahmen, z.B. durch andere Bildaufbauten von diesen oftmals sehr interessanten, maroden Orten wünschen.
Dieter Walker, 29.05.2015
3. Seltsam
Bemerkenswert finde ich, dass im so auf Sicherheit bedachten Amerika einfach so Gebäude stehen und verrottet gelassen werden. Perfekte Orte für Leute mit zweifelhaften Absichten; was ja immer wieder so herauskommt. Hier in der Schweiz wird da ziemlich rasch gehandelt. Notfalls von der Gemeinde/Kanton bezahlt wird ein Ort mit luschem Publikum ratzfatz platt gemacht; es sei denn der Besitzer nutzt es weiterhin oder um. Besonders in den Städten werden so gewissen Gruppen "Rückzugsmöglichkeiten" genommen und Szenen-Bildung, rechtsfreie Räume verhindert.
Siegfried Wittenburg, 29.05.2015
4. Kulisse
In Deutschland bleiben solche Hinterlassenschaften ebenfalls stehen - als Kulisse für den "Tatort" oder für Fotografen.
Abel Frühstück, 31.05.2015
5.
Es ist so schade. Ärgerlich. Da hat der junge Mann sich beträchtliche Mühe gemacht, an diese Locations vorzudringen - und bringt dann leider nur mittelmäßig komponierte Bilder zurück. Bei Architekturaufnahmen bin ich streng, am Rechner hätte er besser die kippenden Linien korrigiert statt den schlimmen HDR-Kitsch drüberlaufenzulassen. Auch der Schärfeverlauf ist stellenweise nicht überzeugend. Ich empfehle zum Vergleich Fotos von Christopher Payne. Ansonsten eine prima Sache, die Industriekultur und Architektur wenigstens in Erinnerung bewahrt. Es wird ja viel achtlos abgerissen.
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