Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

100 Jahre William S. Burroughs Mein Sommer mit dem "Hombre invisible"

100 Jahre William S. Burroughs: Mein Sommer mit dem "Hombre invisible" Fotos
Corbis

Er schrieb Bücher wie Alpträume und brachte Heroin in die Popkultur: William S. Burroughs ist einer der wildesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Zum 100. Geburtstag erinnert sich sein Übersetzer an einen gemeinsamen Sommer, krasse Bühnenauftritte - und den freundlichen Herren hinter dem Hype. Von

William S. Burroughs ist über Umwege in mein Leben gekommen. Es war Sommer 1970, und ich war gerade 17 Jahre alt, als die Ballett-Compagnie am Schauspielhaus Kassel einen experimentellen Abend veranstaltete. Es ging um "Howl", das Gedicht eines gewissen Allen Ginsberg. Ein Schauspieler trat an den Bühnenrand, dahinter formierte sich das Ensemble - und dann ging es los:

"Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, hungrig hysterisch nackt

wie sie im Morgengrauen sich durch die Negerstraßen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze,

Hipster mit Engelsköpfen, süchtig nach dem alten himmlischen Kontakt zum Sternendynamo in der Maschinerie der Nacht…"

Langzeile um Langzeile brandete das Gedicht über mich hinweg, und das Ballet improvisierte dazu. Ginsbergs Zeilen erzeugten einen Sog, der mich auf der Suche nach dem Gedichtband "Howl" am nächsten Tag in eine Buchhandlung führte.

Was bitte ist ein "Naked Lunch"?

Von Allen Ginsberg war es nicht weit bis zu Jack Kerouac, dessen Romane in einer sowieso bewegten Zeit den Wunsch anstachelten, ihm in Büchern wie "Unterwegs" und "Gammler, Zen und hohe Berge" auf dem langen, langen Weg nach Westen nachzureisen. Aber wer war dieser William S. Burroughs, der Dritte im Bunde. Einer dieser "besten Köpfe" seiner Generation, denen Ginsberg "Howl" gewidmet hatte?

Seine Werke, soweit sie damals schon übersetzt waren, blieben mir ein Rätsel. Was meinte er mit "Soft Machine"? Was war ein "Naked Lunch", und was hatte es mit dieser geheimnisvollen Droge "Yagé" auf sich, über die er sich lange Briefe mit Allen Ginsberg geschrieben hatte? Das wenige, was über den Autor zu erfahren war - Burroughs galt zu der Zeit immer noch als der mysteriöse, "unsichtbare Fremde" - änderte nicht viel daran. Ich bekam keinen Zugang zu Burroughs' Protagonisten Doc Benway, zu Hassan i Sabbah und seiner Organisation der Assassinen, den merkwürdigen Detektiven Hauser und O'Brian. Und die Originalausgaben seiner Bücher waren in der Provinz nicht greifbar. Von meinem eher mäßigen Schulenglisch mal ganz abgesehen.

Die deutsche Quellenlage besserte sich erst langsam im Laufe der Siebziger mit dem Aufkommen einer großen Vielfalt kleiner und kleinster Zeitschriften und Verlage, die Burroughs verlegten. Erst im Sommer 1978 änderte sich alles schlagartig: Da begann der Zweitausendeins Verlag, Burroughs Werke in der Übersetzung von Carl Weissner herauszubringen.

Beinahe Tür an Tür mit Burroughs

Mit Weissner hatte der Schriftsteller einen Mittler gefunden, der dem deutschen Publikum überhaupt erst mal verständlich machte, worum es in seinen in jeder Hinsicht ungewöhnlichen bis kaum fassbaren Werken ging. Weissner kannte Burroughs seit Mitte der sechziger Jahre und hatte mit ihm zusammengearbeitet. Er wusste, warum Burroughs von "Sprache als Virus" redete, und er hatte den Duktus und das Vokabular der Sixties zur Verfügung. So wurde er damals zur deutschen Stimme von Burroughs.

Noch prägender für mich wurde allerdings die Stimme des Autors selbst, den ich im Sommer 1980 in Boulder, Colorado, erleben durfte. Ginsberg hatte im Dezember 1979 zum ersten Mal in Hamburg gelesen, in der Buch Handlung Welt und in der Markthalle im Trio mit Peter Orlovsky und Steven Taylor. Er lud alle ein, im Sommer nach Boulder, Colorado, zu kommen, wo er 1975 an der buddhistischen Naropa University die "Jack Kerouac School of Disembodied Poetics" gegründet hatte.

Wie in all den Jahren zuvor hatte Ginsberg auch 1980 die alten Gefährten aus den frühen Jahren der Beat-Generation für Kurse und Workshops am Naropa Institute zusammengetrommelt. Und wollte ich nicht schon immer mal der Route 66 hinterher reisen, auf den Spuren von Kerouac und Neal Cassady (auch ihm hatte Ginsberg "Howl" gewidmet)? Geträumt - getan. Anfang Juli 1980 landete ich in NYC. Drei Wochen später brachte ein Bus mich und ein paar Freunde quer durchs Land nach Boulder, knapp hundert Kilometer nördlich von Denver.

Der "Lehrkörper" der "Summer Academy" sowie ein paar jugendliche Gäste aus Europa waren in einem großzügigen Wohnkomplex für Studenten untergebracht, und so ergab sich die fast Tür-an-Tür-Nachbarschaft mit Burroughs, diesem stets korrekt gekleideten älteren Herren, der schon zwanzig Jahre früher nicht umsonst "El hombre invisible" genannt wurde. Und in der Tat: Häufig war der "unsichtbare Mann" wirklich nicht zu sehen. Öffnete sich doch einmal die Tür, roch es plötzlich sehr süßlich. Ja, man grüßte freundlich und wurde freundlich zurückgegrüßt. Aber mehr geschah nicht.

"Ich hasse diese Leber"

Ginsberg sagte: "Er ist schüchtern, ihr müsst ihn ansprechen, von selbst sagt er nichts." Aber abends wurde es ernst: Da klang bei Lesungen diese so trockene, nüchterne, aber messerscharf pointierte Stimme durch den großen Vortragssaal des Naropa Instituts, und Hunderte Zuhörer hielten buchstäblich die Luft an: "The appendix is already out!" Burroughs hatte da bereits seinen persönlichen Lesungsstil entwickelt, der ihm im folgenden Jahrzehnt gemeinsam mit Laurie Anderson und diversen Größen des Rock-, oder eher Punk-Business, auf die Bühne bringen sollte. Doktor Benway, die notorischste Figur aus "Naked Lunch", schien durch Burroughs Bühnenpräsenz auferstanden zu sein wie Frankenstein höchstselbst.

In Boulder war ein paar Türen weiter William S. Burroughs Junior untergebracht, sein Sohn. Er hatte zwei Romane veröffentlicht und auch in Sachen Drogen eine Karriere wie sein Vater hingelegt, aber weniger glücklich: Er lebte zu diesem Zeitpunkt nur noch, weil er zwei Jahre zuvor eine neue Leber transplantiert bekommen hatte. Auch William Jr. verließ sein Zimmer selten, war aber wesentlich redseliger als sein (Über-)Vater.

Ich habe zwei oder drei Nachmittage in seinem immer dämmrigen Apartment verbracht, wir sprachen über Gott und die Welt und die Literatur, und er hatte immer ein Sixpack in Reichweite. Immer wiederkehrendes Thema, und meistens beim Aufreißen einer neuen Dose, war seine neue Leber. "Ich hasse diese Leber", sagte er, "ich werde die auch noch kleinkriegen." Ich hörte mir das zunächst sprachlos an, fragte dann aber nach dem Warum. Er hatte die Leber eines Unfallopfers transplantiert bekommen, und irgendjemand hatte nicht dichtgehalten: "Es ist die Leber einer Frau. Ich hasse diese Leber."

Billy Jr. brauchte noch ein knappes Jahr, um diesen Feind zu besiegen. Am 3. März 1981 wurde er tot und vollgepumpt mit Drogen in einem Straßengraben in Florida aufgefunden. Sein dritter Roman blieb ein Fragment.

Burroughs beim "Black Rider"

Sieben Jahre später habe ich William S. Burroughs vor der Premiere des Theaterstücks "Black Rider" am Hamburger Thalia Theater noch einmal kurz gesehen. Weitere sechs Jahre später habe ich in meinem Verlag zum 80. Geburtstag die deutsche Ausgabe der Biografie seines Archivars und Freundes Barry Miles verlegt. Im August 1997 starb Burroughs, nur ein paar Monate nach seinem alten Freund Ginsberg.

Anfang des neuen Jahrtausends war ich vom Verleger zum Übersetzer mutiert, als ich eines Abends auf einer Vernissage gefragt wurde, ob ich nicht "Naked Lunch" neu übertragen wolle. Ich war zwar dem Burroughs'schen Diktum "mutate or die" durchaus gefolgt, aber dieser Aufgabe fühlte ich mich damals noch nicht gewachsen. Vor lauter Schreck habe ich trotzdem ja gesagt - und war heilfroh, als aus dem Projekt nichts wurde.

Zu früh gefreut: 2006 erschien in den USA eine "restaurierte, ursprüngliche Fassung" von "Naked Lunch", und als ich noch einmal gefragt wurde, wollte ich nicht nein sagen. Ich kannte die beiden anderen Übersetzungen von 1962 und 1978 und habe erst beim erneuten Übersetzen gemerkt, dass ich deshalb noch lange nicht "Naked Lunch" kannte. Jede Übersetzung hat ihre Zeit (auch wenn Übersetzer das nicht gerne hören), und ich meinte, den bisherigen "Stimmen" noch eine weitere hinzufügen zu können, weitere Nuancen herauszuarbeiten. Was blieb mir auch anderes übrig?

Inzwischen habe ich von keinem Autor so viel übersetzt wie von William S. Burroughs. Und schon vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass mir das in meinen Anfängen so fremde und ferne Burroughs'sche Universum durchaus vertraut geworden ist. Manchmal sogar gespenstisch vertraut. Man lese nur nach, was Burroughs schon vor über 40 Jahren zur "elektronischen Revolution" und virtuellen Realitäten zu sagen hatte. Dann sind NSA, Google und Mark Zuckerberg wahrlich keine Überraschung mehr.


Michael Kellner übertrug als Übersetzer unter anderem Romane, Gedichte und Briefwechsel von William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Jack Kerouac ins Deutsche. Im seinem Verlag erschien die erste deutschsprachige Burroughs-Biografie. Für seine Neuübersetzung von "Naked Lunch" wurde er 2009 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Zum 100. Geburtstag von Burroughs übersetzte Kellner "Radiert die Worte aus", die Briefwechsel des Schriftstellers von 1959 bis 1974.

Artikel bewerten
Artikel bewerten
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
George Dashwood, 06.02.2014
Fremd wirken die Werke dieses durch Drogen und Hedonismus befeuerten Schrifstellers und seiner Kollegen heute. Vielleicht gab es einmal eine Zeit für diese seltsamen Texte und die merkwürdigen Menschen die diese absonderten wie giftigen Sondermüll. Heute jedoch können sie allenfalls noch als Warnung davor dienen, was Drogen aus braven Bübchen aus gutem Hause machen können.
2.
peter albrecht , 06.02.2014
Mit Verlaub, der unsichtbare Fremde heißt auf spanisch " el extranjero invisible" , Hombre steht für Mann.
3.
Kris Mandusic, 06.02.2014
Am 6. September 1951 erschoss Burroughs in Mexiko-Stadt aus Versehen seine Frau, als er im Zustand der Trunkenheit die Apfelszene aus Schillers Drama Wilhelm Tell nachstellte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH