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James-Bond-Vorbild William Stephenson Der wahre 007

James-Bond-Vorbild William Stephenson: Im Dienste Ihrer Majestät Fotos
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James Bond hatte viele Vorbilder - der berühmteste war William Stephenson. 1940 entsandte Winston Churchill den Meisterspion nach New York. Seine Mission: Die USA in den Zweiten Weltkrieg zu zwingen. Um jeden Preis. Von Eva C. Schweitzer

William Stephenson war schockiert. Gerade hatten seine Männer den Funkspruch einer geheimen Sendestation der Nazis in New York abgefangen. Ein Matrose, erfuhr der britische Oberspion in den USA, verriet den Nazis gegen Geld die Routen von Schiffen. Schiffe, die Waffen aus der Neuen Welt Richtung Großbritannien brachten. Auf dem Atlantik wurden die Transporter dann leichte Beute für die deutschen U-Boote.

Es dauerte nicht lange, bis Stephenson herausbekam, wo sich der Landesverräter aufhielt. Entschlossen verließ er sein Büro im New Yorker Rockefeller Center, dem Sitz der British Security Coordination, kurz BSC, einer Tarnorganisation des britischen Secret Intelligence Service. Als er spät in der Nacht zurückkehrte, sagte ein Agent des ebenfalls ermittelnden FBI: "Diesem verräterischen Hurensohn sollte man die Axt geben." Stephenson hieb auf die Kante seines Schreibtisches: "Schon passiert." Der Amerikaner hielt das für einen Scherz - bis man den Matrosen später tot in einem Keller fand.

Reich durch Dosenöffner

Überliefert hat diese Geschichte, die sich irgendwann zwischen Juli 1940 und Dezember 1941 ereignet haben soll, Ian Fleming, der Schöpfer des legendären Spions James Bond. Gehört hat er sie wiederum von FBI-Chef J. Edgar Hoover. Der spätere Schriftsteller Fleming war tief beeindruckt von Stephensons Fähigkeiten, wie er 1962 der "Sunday Times" verriet: James Bond sei die "romantisierte Version" eines Agenten, Stephenson aber sei "das echte Ding". Fleming hatte sein Idol im Zweiten Weltkrieg in seiner Funktion als Verbindungsoffizier des britischen Marinegeheimdienstes kennengelernt. Neben einigen anderen Agenten, darunter dem Briten Edward Yeo-Thomas und dem jugoslawischen Doppelagenten Dusko Popov, der die Amerikaner vergeblich vor dem Angriff auf Pearl Harbor gewarnt hatte, diente Stephenson als Vorbild für James Bond.

Wie der Roman- und spätere Kinoagent hatte auch William Stephenson eine illustre Biographie. 1896 im britischen Dominion Kanada geboren, hatte er bereits im Ersten Weltkrieg in Frankreich gegen die Deutschen gekämpft. Erst als Infanterist im Schützengraben, später als Kampfpilot. Als ihn die Franzosen irrtümlich abschossen, kam Stephenson in deutsche Kriegsgefangenschaft. Bei seiner Flucht aus dem Lager im Oktober 1918 stahl er einen neuartigen Dosenöffner. Wieder in Freiheit ließ der Ex-Soldat den Haushaltshelfer patentieren - und machte ein Vermögen damit.

1924 gelang Stephenson bei einer Reise nach Berlin der nächste Coup. In einem Laden entdeckte er ein Exemplar der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma - und übergab sie dem britischen Geheimdienst. Der warb ihn an - und schickte ihn im Zweiten Weltkrieg auf eine lebenswichtige Mission.

Am 21. Juni 1940 erreichte Stephenson, Codename "Intrepid", zu Deutsch "Unerschrocken", New York. Der britische Premierminister Sir Winston Churchill hatte ihn höchstpersönlich in die USA entsandt. Für Großbritannien ging es um die schiere Existenz. Als einzige Macht leistete es in Europa noch Widerstand gegen Hitlers Armeen. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sollte Stephenson daher versuchen, die USA zum Kriegseintritt auf britischer Seite zu bewegen. Keine einfache Aufgabe, denn rund 80 Prozent der Amerikaner lehnten eine Kriegsbeteiligung ab.

"Kleiner fetter Mann"

In aller Eile begann der Agent, Mitarbeiter zu rekrutieren. An den Büros seiner BSC hing zur Tarnung ein Schild mit der Aufschrift "Passbehörde". Am Kriegsende arbeiteten rund 3000 Männer und Frauen für Stephenson - in den USA, Kanada und der Karibik. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt war über seine geheime Mission nicht nur informiert, das Staatsoberhaupt half sogar, wo es möglich war. FBI-Chef Hoover erhielt die Anweisung, die BSC unauffällig zu unterstützen. Roosevelts Redenschreiber legte Stephenson sogar die Reden des Präsidenten vor, bevor sie gehalten wurden.

Der Brite tat alles, um dem Kriegsgegner Deutschland zu schaden. Irgendwann im Laufe des Jahres 1941 eröffnete die BSC zwei Fälscherwerkstätten namens Camp X und Station M in Kanada. Dort wurden getarnte Sprengbomben produziert, reihenweise fälschten Experten Uniformen, Karten und Pässe. Ende 1941 gelang Stephenson ein besonderer Erfolg, indem er Brasilien mit seiner kriegswichtigen Kautschukproduktion ins Lager der Gegner Italiens und Deutschlands trieb. Eigentlich wollte er nur die italienische Fluglinie LATI ausschalten, die eine Flugverbindung zwischen Italien und Rio de Janeiro unterhielt.

Dabei half ein gefälschter Brief, angeblich aus dem LATI-Hauptquartier in Rom, an Vicenzo Coppola, den Chef der Fluggesellschaft in Rio. In dem Brief wurde der autoritär herrschende brasilianische Präsident Getulio Vargas als "kleiner fetter Mann in der Tasche der Amerikaner" beleidigt. Zudem unterstütze Italien eine faschistische Partei in Brasilien, die Vargas' Sturz plane. Die BSC sorgte dafür, dass das gefälschte Schriftstück auf den Schreibtisch des brasilianischen Präsidenten gelangte. Zornentbrannt machte Vargas daraufhin nicht nur LATI dicht. Coppola landete im Gefängnis und Brasilien brach mit Mussolini und Hitler. 1942 erklärte es beiden Ländern den Krieg.

Mit seiner Verhaftung hatte Coppola noch Glück gehabt: Erst wollten Agenten der BSC sein Flugzeug in die Luft sprengen. Aber Stephenson legte ein Veto ein: Er fand, dies gehe zu weit. Niemand kam den Briten je auf die Spur: Station M hatte für den Brief eigens eine Schreibmaschine hergestellt, die später zerstört und deren Reste obendrein in den New Yorker Hudson River geworfen wurde, um alle Spuren zu verwischen.

"Liebhaber der Nazis "

Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung in den USA war allerdings Stephensons Hauptanliegen. Dazu installierte er zunächst einen Agenten beim Umfrageinstitut Gallup, der fleißig Umfrageergebnisse frisierte. Bei einigen Zeitungsverlegern musste Stephenson allerdings nachhelfen. Paul Patterson, Verleger der "Baltimore Sun", erlag dem Charme seiner Agentin Prinzessin Alice - immerhin eine Enkelin der Queen Victoria. Um zusätzlich Druck auszuüben, ließ J. Edgar Hoover seine Agenten telefonisch die Redakteure kleiner Zeitungen bearbeiten, damit diese nur Kommentare aus wohlgesonnenen Blättern nachdruckten. Mit ihrer eigenen Radiostation World Radio University Listeners machte die BSC zusätzlich kriegsbejahende Stimmung. Die Hörer hielten den Sender für eine heimische Station.

Missliebige Politiker wurden systematisch diskreditiert. Das bekam auch Gerald Nye zu spüren. Auf Zigtausenden Handzetteln, in Zeitungsanzeigen und im Radio wurde der kriegskritische republikanische Senator beschuldigt, ein "Liebhaber der Nazis" zu sein. Manipulierte Fotos zeigten seinen Parteigenossen Hamilton Fish bei einem Treffen mit amerikanischen Faschisten. Der Ruf des Abgeordneten war fortan ruiniert.

Am 7. Dezember 1941 hatte William Stephenson schließlich sein Ziel erreicht - mithilfe der Japaner. An diesem Tag attackierte die japanische Kriegsmarine ohne Vorwarnung den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii. Vier Tage später erklärte Hitler den USA den Krieg. Die Amerikaner waren nun offiziell britische Verbündete geworden.

Stephenson blieb in New York und half beim Aufbau des CIA-Vorgängers OSS. Für seine Verdienste zum Ritter geschlagen, setzte er sich später auf den Bermuda-Inseln zur Ruhe. Ian Fleming blieb er immer als der Mann in Erinnerung, der die größten Martinis in Amerika mixte. Ob geschüttelt oder gerührt, ist unbekannt.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Gerührt, geschüttelt oder was?
Wanton Claims, 22.06.2015
Waren es nun die "largest Martinies" oder vielleicht doch eher die "greatest Martinies"?
2. Der Zweck heiligt die Mittel
Johannes Höper, 22.06.2015
Am Anfang steht Patentdiebstahl beim Feind und persönliche Bereicherung. Mord, Diffamierung und Verleumdung sind natürlich ok wenn es gegen die Nazis geht. Der heldenhafte Täter darf sich auf den Bermudas zur Ruhe setzen. Wäre ich doch auch mit einer so schön schwarz-weißen Weltsicht gesegnet. Hach, manchmal wünsche ich mir die alten Zeiten zurück.
3. Werden heute wir
Klaus Pupke, 22.06.2015
für einen Krieg manipuliert? Toller Artikel; dass die Engländer Angst davor hatten, dass die Russen gleich bis Paris durchmarschierten, sah ich mal in einer Doku. Sie hätten die Nazis allein geschlagen. Aber, wie hier geschildert, gab es enormen Druck durch die Engländer mit Manipulationen u. Lügen. Der Artikel ist deshalb wertvoll, weil er indirekt eine Warnung darstellt, auch aus dieser Geschichte zu lernen. Ein toller Filmstoff wäre diese Wahrheit.
4. Seit wann ist es ein Coup, etwas regulär einzukaufen?
Michael Straub, 22.06.2015
Die Verschlüsselungsmaschine, die er "Coup" in Deutschland erwarb, gab es zu dieser Zeit regulär zu kaufen. Das Militär hatte damals (noch) kein Interesse. Die Maschine war auch nicht mit der späteren militärischen Variante zu vergleichen.
5. clever und durchtrieben...
Matthias Stangl, 22.06.2015
...man stelle sich vor wie mit heutigen Mitteln die öffentliche Meinung frisiert wird. man kann eigentlich nichts mehr glauben.
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