Brandt-Besuch in Erfurt Fünftausend für Willy

"Willy Brandt ans Fenster!" Am 19. März 1970 traf der Bundeskanzler zum ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen in Erfurt ein und wurde von Tausenden gefeiert. Uwe Gerig war dabei, als die Polizei die Menge nicht mehr kontrollieren konnte - und der Hoffnungsträger aus dem Westen ein bescheidenes Zeichen gab.

Uwe Gerig

Der 19. März 1970 war ein eiskalter Vorfrühlingstag. Der Bahnhofsvorplatz in Erfurt war von allen Seiten mit transportablen Metallgittern und dicken Seilen abgesperrt. An den Gittern waren im Abstand von etwa zehn Metern Volkspolizisten postiert. Auf dem Bahnhofsplatz stand eine kleine Holztribüne für die Pressevertreter und Fotografen. Einige Uniformierte liefen auf dem Platz hin und her und sprachen in ihre Funkgeräte.

An diesem Tag sollte Willy Brandt nach Erfurt kommen. Die Einzelheiten des Besuchsprogramms kannte ich aus dem Westfernsehen. Der Bundeskanzler würde mit einem Sonderzug bei Herleshausen die innerdeutsche Grenze passieren und dann über Eisenach und Gotha nach Erfurt fahren. Als Tagungsort in Erfurt war das Interhotel Erfurter Hof, genau gegenüber dem Bahnhofsgebäude gelegen, vorgesehen.

Brandt war sehr beliebt in der DDR, und sein Treffen mit Ministerpräsident Willi Stoph weckte viele Hoffnungen. Tausende sollten an diesem Tag kommen, um Willy Brandt zu sehen. Ich stand in der Menge und jubelte mit.

Als westdeutsche Journalisten den Regierungssprecher Conrad Ahlers fragten, ob dort gute Arbeitsbedingungen garantiert seien, antwortete der im Fernsehen flapsig: "Wir kommen doch in ein halbwegs zivilisiertes Land!" Diese Bemerkung sollte am Tag darauf noch für Gelächter sorgen.

Geschrei , Gedränge, Tumult

Mit mir hatten sich schon früh mehrere Dutzend andere Schaulustige an der Absperrung in Höhe des Eingangs zur Reichsbahndirektion postiert. Vor uns war der Bahnhofsplatz mit guter Sicht auf das Tagungshotel links und das Bahnhofsgebäude rechts. Von hier aus würde ich Willy Brandt sehen können.

Dann wurde es unruhig. Von der linken Seite schoben sich immer mehr Menschen auf dem bereits überfüllten Fußweg in unsere Richtung, nach rechts hätten wir nur unter die Bahnhofsunterführung ausweichen können. Oben auf den Gleisen würde bald der Sonderzug aus dem Westen einrollen. Wir wurden nach vorn gegen die Absperrgitter gedrängt, und die Polizisten funkten Verstärkung heran. Doch lange würden die Gitter den Drängenden nicht standhalten.

Irgendjemand hatte in diesem Augenblick die Anweisung gegeben, einen Straßenbahnzug mit Anhängern auf den Gleisen, die parallel zu den Absperrungen verliefen, zu stoppen. Der Straßenbahnverkehr war bisher nicht unterbrochen worden. Doch jetzt versperrten uns plötzlich Waggons die Sicht auf den Platz. Wir waren vom Geschehen abgeschottet worden.

Zuerst gab es einzelne Pfiffe, dann laute Rufe, dann ein großes Geschrei: "Straße frei! Straße frei!" Die wenigen Polizisten, die noch zwischen Absperrung und Straßenbahn standen, wurden von der aufgebrachten Menge gegen die Wagen gedrückt.

Der Tumult eskalierte. Die ersten in der Menge stürzten zu Boden. Nach keiner Seite gab es einen Ausweg. Geschrei und Gedränge wurden so groß, dass die Polizisten um ihr Leben fürchten mussten. Dann wurde der Straßenbahnzug nach vorne, Richtung Anger, weggefahren.

Der Willy mit dem "Y"

Der Weg auf den Bahnhofsplatz war frei. Unbemerkt von uns hatten dort kurz zuvor die Politiker das Tagungshotel betreten. Wir vorne Stehenden stolperten über die umgestürzten Absperrgitter und rannten los. Hinter uns folgten Hunderte andere. Die vorher explosive Stimmung hatte sich in Sekundenschnelle gelöst. Es herrschte Volksfeststimmung. Auf dem Bahnhofsplatz standen bald etwa 5000 Menschen. Wir alle blickten auf das Hotelgebäude, wo sich Willy Brandt seit etwa zehn Minuten befand.

Noch sagte niemand ein Wort.

Dann wurden vereinzelte Rufe laut.

"Willy! Willy! Willy!"

Wir alle wussten, welcher Willy gemeint war. Nicht Willi Stoph, sondern der mit dem "Y”.

Die Rufe wurden zum Gebrüll: "Willy! Willy! Willy!" Und schließlich: "Willy Brandt ans Fenster! Willy Brandt ans Fenster!"

Wir wollten diesen Mann sehen. Er war ein Symbol für unsere Hoffnungen. 5000 Ostdeutsche riefen nach dem westdeutschen Kanzler. Niemand hatte sie auf diesen Platz befohlen. Wir alle waren freiwillig hier. Wir waren hier und riefen nach Willy.

Plötzlich öffnete sich oben am Hotelgebäude das längliche Seitenfenster eines schmalen Erkervorbaus. Willy Brandt stand dort. Er hob langsam die Rechte und blickte, wie mir schien, ungläubig-staunend hinunter zu uns. Nein, da war nicht der geringste Triumph zu bemerken! Keine pathetische Geste! Keine Erwiderung unseres lautstarken Jubels!

Neben mir rissen die Menschen ihre Arme hoch. Ich machte mit meiner Kleinbildkamera zwei, drei Bilder und versteckte die Kamera schnell wieder unter meiner Jacke.

"Weitergehen. Gehen Sie weiter"

Schon Minuten vorher hatte ich die jungen Männer wahrgenommen, die sich vor mir und neben mir durch die Menge schoben. Ich hoffte nur, dass sie meine Kamera nicht bemerkt hatten. Brandt zeigte sich vielleicht eine Minute am offenen Fenster. Nicht länger. Danach klatschten wir alle. Einige in der Menge riefen "Hoch! Hoch!" Das ostdeutsche Volk auf dem Erfurter Bahnhofsplatz war beeindruckt von der zurückhaltenden Geste ihres westdeutschen Hoffnungsträgers.

Da zischten die jungen Männer, die sich unter uns gemischt hatten, plötzlich: "Weitergehen. Gehen Sie weiter." Sie rempelten und zischten "Weitergehen." Niemand widersprach. Wegen meiner Kamera verließ ich den Platz schnell. Mit der Stasi wollte ich mich keinesfalls anlegen.

Abends sahen wir dann im Westfernsehen die bedrückenden Bilder des Tages. Die Räumung des Bahnhofsplatzes durch den Staatssicherheitsdienst und den Aufmarsch von "Demonstranten", die von der Bezirksparteischule eilends herantransportiert worden waren. Sie skandierten vor dem Erfurter Hof unter anderem den Spruch: "Wir sind ein zivilisiertes Land!" und "Die DDR wird anerkannt!" Immer und immer wieder riefen sie das. Im Fernsehen wurde dieser komische Auftritt der Genossen zur Lachnummer.

Wenn in der DDR jemand vom "zivilisierten Land" sprach, wurde das später immer als Witz und komische Anspielung auf Erfurt verstanden. Regierungssprecher Ahlers hatte mit seiner flapsigen Bemerkung einen Dauerkalauer gelandet.

Zum Weiterlesen:

Uwe Gerig: "Die Stasi nannte mich 'Reporter': Journalist in Ost + West. Eine merkwürdige Karriere im geteilten Deutschland ". Books on Demand, 2009, 496 Seiten.

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