Politik zum Anschauen Die großen Gesten der Geschichte

Obama in Hiroshima, Merkel und Hollande in Verdun - es sind Tage historischer Begegnungen. einestages erinnert an markante Politik-Momente aus 60 Jahren.

Getty Images

Es war Geschichte zum Anfassen: Hand in Hand standen die Staatsmänner da, eine Marseillaise lang, mit ernster Miene und in tiefer Verbundenheit. Gemeinsam gedachten sie der vielen Toten, die 70 Jahre zuvor die blutigen Kämpfe ihrer beiden Nationen, Frankreich und Deutschland, forderten - der Opfer der grausigen Schlacht von Verdun, Inbegriff für die Sinnlosigkeit des Krieges.

Mit ihrer Verbrüderungsgeste wollten sie am 22. September 1984 ein neues Kapitel im Geschichtsbuch aufschlagen: Frankreichs damaliger Präsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl verharrten minutenlang schweigend in dieser Haltung. Wenige andere Politikergesten der Nachkriegsgeschichte haben sich so tief im kollektiven Gedächtnis verankert wie jene, mit der sie ihre einst verfeindeten Nationen wieder versöhnen wollten.

Geschah die große Geste tatsächlich spontan, aus der Emotion heraus? Oder triefte sie vor politischer Symbolik, wurde die Zeremonie krampfhaft als historisches Ereignis inszeniert? "Es ist in der Situation entstanden und ging von ihm aus", sagte Kohl später. Und Mitterrand: "Ich glaube, ich habe Kanzler Kohl ein Zeichen gegeben, aber weil er sofort meine Hand nahm, denke ich, dass diese Idee uns im selben Moment durch den Kopf ging." Viele Kommentatoren indes hielten diesen Moment 1984 für kühl kalkuliert. Aber so oder so erzielten die Händchen haltenden Staatsmänner jene ikonische Bildwirkung der Aussöhnung, auf die sie es anlegten.

Wenn nun am 29. Mai 2016 die Staatsoberhäupter François Hollande und Angela Merkel zusammentreffen, werden sie sich schwertun, ein ähnlich eingängiges Symbol für den Schulterschluss beider Nationen zu finden. Gemeinsam werden sie der mehr als 300.000 Toten der Schlacht um Verdun vor 100 Jahren gedenken. Aber die ganz große Geste - sie ist nicht die Sache des 62-jährigen Sozialisten. Noch weniger liegt Pathos der Kanzlerin; ihre symbolische Expressivität erschöpfte sich bisher in der Merkel-Raute.

Obama besucht als erster US-Präsident Hiroshima

Dabei lehrt die Geschichte, wie sehr sich politische Haltungen gerade über eingängige Posen und prägnante Aussprüche in unser Erinnern einprägen - ob nun bei Brandts Kniefall vor dem Ehrenmal für die Helden des Warschauer Gettos 1970 oder im Fall von Jassir Arafats martialischer Siegesgeste mit Pistolenhalfter vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen 1974. Und wem kommt nicht zuerst beim Namen John F. Kennedy der Satz "Ich bin ein Berliner" in den Sinn?

Um Symbolik rang auch Barack Obama bei seinem heiklen Besuch in Hiroshima - ein Auftritt von großer geschichtlicher Dimension. Es war der erste eines US-Staatsoberhauptes seit dem Atombombenabwurf auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vor 71 Jahren.

Nun musste Obama die richtigen Worte setzen, um die Gräuel des nuklearen Kriegs ebenso wie die Versäumnisse bei der Aufarbeitung angemessen zu würdigen. Schon vor der Reise hatten Veteranenverbände dem scheidenden US-Präsidenten vorgeworfen, mit seinem Besuch vor den Japanern auf die Knie zu fallen. Prompt ließ Obama streuen, um Entschuldigung bitten werde er jedenfalls nicht - aber sein Hiroshima-Besuch selbst ist bereits eine politische Geste.

Von Willy Brandts Kniefall in Warschau und Chruschtschows angeblichem Schuhtrommeln über den Bruderkuss von Breschnew und Honecker bis zum Foto, als die US-Regierung die Jagd auf Osama Bin Laden auf dem Monitor mitverfolgte: einestages zeigt Bilder zu großen Gesten und Momenten der Nachkriegsgeschichte.

Fotostrecke

11  Bilder
Historische Momente: Guten Freunden gibt man doch ein Küsschen

dak/jol/dpa

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thomas Gebert, 28.05.2016
1.
Von Helmut Kohl habe ich nie viel gehalten - ganz im Gegenteil... Aber dieses Bild mit François Mitterand berührt mich auch heute noch. Ich glaube beide haben hier (ob nun geplant, oder nicht - ich persönlich denke es war spontan...) für ihre Völker Großes geleistet.
felix-culpa, 28.05.2016
2. Eine der grossen Gesten...
...war die Ohrfeige von Bundekanzler Kiesinger (für dessen SS-Vergangenheit) durch die Journalistin Beate Klarsfeld am 07. November 1968.
Martin Bussmeier, 28.05.2016
3. der Schuh...
meine Geschichts- und Politiklehrerin in der achten Klasse hatte noch dazu erfunden, dass auf der Sohle "made in Germany" stand...
Gunnar Ganz, 28.05.2016
4. Schade
Einmal mehr zeichnet sich eine Bildunterschrift durch Fehler aus.Der Flugzeugträger liegt nicht hinter dem Rednerpult-das Rednerpult steht auf dem Trägerdeck,dahinter ist die 'Insel 'zu sehen.Zum besseren Verständnis: Mr President war auf dem Flugzeugträger gelandet,ohnehin selbst Flieger,hier jedoch als Copilot in einem Jäger gelandet.Bilder existieren von ihm,wie er dem Cockpit entsteigt!Danke
Stefan Siebigke, 28.05.2016
5. Bitte etwas mehr Recherche...
Secretary of State ist ungleich Staatssekretärin.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.