Wimbledon-Legende Spiel, Knast - und kein Sieg

Von den Frauen vergöttert, von den Nazis verhaftet: 1909 wurde "Tennisbaron" Gottfried von Cramm geboren. Dreimal stand der erste deutsche Tennis-Weltstar im Finale von Wimbledon - und gilt bis heute als bester Spieler, der dort nie gewann.

Getty Images

Von Ralf Klee


London, 3. Juli 1936. Ein 26-jähriger Deutscher betritt den heiligen Rasen von Wimbledon. In beeindruckender Manier hat sich Gottfried von Cramm bis ins Finale durchgespielt, nun steht er kurz dem größten Triumph seiner Laufbahn. Das Mixed hat er bereits einmal gewonnen, im Vorjahr das Herren-Einzelfinale aber verloren. Auf Cramm wartet am Rand des Centre Courts Englands Tennisheld Fred Perry, der den Deutschen im Vorjahrsfinale besiegt hat. Doch kurz zuvor hat Cramm seinerseits im Endspiel von Paris Perry geschlagen. Gebannt blickt das Publikum von den Rängen auf die beiden in weiß gewandeten Athleten. Allen ist klar: Das wird ein hart umkämpftes Match werden.

Doch schon nach 45 Minuten ist alles vorbei. "Spiel, Satz und Meisterschaft - Perry", hallt es durch das Tennismekka von Wimbledon. Die Anzeigetafel zeigt ein niederschmetterndes Ergebnis: 1:6, 1:6 und 0:6. Gottfried von Cramm humpelt ans Netz, um seinem Kontrahenten zu gratulieren. Er geht weiter zum Schiedsrichter, flüstert mit ihm. "Ich bin gebeten worden mitzuteilen, dass Baron von Cramm sich im ersten Spiel eine Muskelzerrung zugezogen hat.", übermittelt der den Zuschauern eine Entschuldigung des Unterlegenen. "Er bedauert zutiefst, dass er nicht besser spielen konnte."

Unter tosendem Applaus verlässt Cramm den Centre Court, vorbei an dem berühmten Vers des englischen Dichters Rudyard Kipling, der noch heute mahnend über dem Eingang steht. "If you can meet with triumph and disaster / And treat those two impostors just the same." Den "beiden Schwindlern" Sieg und Niederlage gleichmütig begegnen - Cramm konnte es. Der Deutsche sollte als bester Spieler, der nie Wimbledon gewann, in die Tennisgeschichte eingehen.

Der Tennis-Ästhet

Seine Karriere begann 1924 beim Deutschen Tennisverein Hannover; dass ein Pferd dem jungen Cramm den halben Zeigefinger abgebissen hatte, als der ihm ein Zuckerstückchen darbot, hindert ihn nicht. Als Jurastudent in Berlin schloss sich das Riesentalent 1928 dem Tennisclub Rot-Weiß an. In seinen ersten größeren Turnieren bestach er durch sein ästhetisches Spiel - und durch ein tadelloses Auftreten. 1932 gelang Cramm der Durchbruch: Der Freiherr siegte bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften am Hamburger Rothenbaum und debütierte er im deutschen Daviscup-Team.

Nur zwei Jahre später stand der "Tennisbaron" im Finale der French Open. Sein Gegner war der Australier John Herbert Crawford, Titelverteidiger und Weltranglistenerster, der im Jahr zuvor alle vier Grand-Slam-Endspiele erreicht und nur bei den US-Open in Forrest Hills nach einem Asthmaanfall verloren hatte. Doch Newcomer Cramm scherte sich nicht darum und lieferte dem Champion ein hochdramatisches Match. Beim Stand von 4:6, 9:7, 6:3 und 5:4 hatte Crawford Matchball. Er überspielte den ans Netz gestürmten Cramm mit einem Lob, doch der Deutsche eilte zurück und schmetterte die Filzkugel unerreichbar ins Feld zurück. Der atemberaubende Ballwechsel brachte die Wende: Cramm holte den vierten Satz mit 7:5 und entschied auch den letzten Durchgang mit 6:3 für sich. Er war der erste Deutsche, der in Paris siegte.

Furioses Finale

1936 wiederholte Gottfried von Cramm seinen Erfolg bei den French Open. Die Presse stand Kopf, nachdem Cramm seinen alten Rivalen Fred Perry, gegen den er im Vorjahr unterlegen war, mit 6:0, 2:6, 6:2, 2:6 und 6:0 geschlagen hatte. "v. Cramms größter Sieg", jubelte die Berliner "B.Z." und die "New York Times" titelte "Baron Triumphs Over British Ace, 3 to 2, Driving to Love Victory in Last Set". Da bei den Damen Hilde Sperling in Paris triumphierte, sah die Welt einen deutschen Doppelsieg.

In Berlin begann man sich indes Gedanken über den propagandistischen Wert der deutschen Tenniserfolge zu machen. Das Nazi-Regime stand dem weißen Sport zunächst eher skeptisch gegenüber: Tennis, das stand für Oberschicht, Adel und Eliten. Jüdische Spieler waren bereits 1933 im Rahmen der allgemeinen Gleichschaltung des Sports aus den Vereinen und dem Daviscup-Team verbannt worden. Zu Cramm hatte die nationalsozialistische Sport- und Propagandaführung ein ambivalentes Verhältnis. Seine Erfolge ließen sich hervorragend ausschlachten, andererseits war ihnen der weltmännische Baron mit Freunden auf allen Erdteilen suspekt.

Auf einer siebenmonatigen Welttournee 1937/38 gab es dann Eklats in Reihe. In Osaka hielt Cramm vor Tausenden Japanern eine Rede und gab seiner Hoffnung Ausdruck, die "Jugend der beiden Länder möge sich recht oft in edlem, ritterlichem Wettkampf messen, mit dem Ziele gegenseitigen Kennenlernens und Achtens zum Wohle und Segen unserer beiden Völker" - kein Hoch auf die nationalsozialistische Bewegung, kein Dank an Hitler. In Australien besuchte Cramm eine Vorführung von "The Road Back", einer Verfilmung des in Deutschland verbotenen Antikriegsromanes "Der Weg zurück" von Erich Maria Remarque. Zahlreiche australische Zeitungen berichteten über den prominenten Kino-Besucher, die NS-Funktionäre tobten.

Wenn die Gestapo klingelt

Kaum war Cramm nach Deutschland zurückgekehrt, schlug das NS-Regime zu. Am 5. März 1938, die Familie saß nach dem Abendessen im Salon ihres Schlosses Brüggen zusammen, klingelte es an der Tür. Der Diener kündigte zwei Herren von der Regierung an, die begehrten, dem Baron von Cramm zur erfolgreichen Weltreise zu beglückwünschen. Doch die Gratulanten entpuppten sich als Gestapobeamte, die den Tennisstar kurzerhand verhafteten und mit nach Berlin nahmen.

Wegen einer angeblichen homosexuellen Liebesbeziehung zu einem jüdischen Schauspieler und "Devisenvergehen" wurde der Vorzeigesportler vor Gericht gestellt. Dass dies ein Schauprozess war, blieb niemandem verborgen. Um seinen deutschen Freund freizubekommen, sammelte US-Tennisspieler Donald Budge (dem Cramm im Vorjahr im Wimbledon-Finale unterlegen war) Unterschriften, und sogar Baseball-Legende Joe DiMaggio unterzeichnete. Die internationale Presse verbreitete bald Gerüchte, Cramm habe in der Haft einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten. Eine Zeitung berichtete sogar, der Freiherr sei in der Haft verstorben.

Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis ohne Bewährung, doch der Prozess hatte sich für die NS-Führung als propagandistischer Bumerang erwiesen. Nach sieben Monaten Haft kam Gottfried von Cramm im Oktober 1938 wieder frei, offiziell wegen guter Führung. Tatsächlich hatte hinter den Kulissen seine überaus energische Mutter eingegriffen: "Vorsprache bei Göring", vermerkte Frau von Cramm am 13. April 1938: "Versprach zum Schluss, für milde Bestrafung zu sorgen und nach verbüßter Strafe sich hinter G. zu stellen."

Kein Visum für den Vorbestraften

Für ihren Sohn waren die Probleme damit mitnichten vorbei. Cramm war zu einer Persona non grata geworden, und nicht nur in Deutschland. Als Vorbestraften wurden ihm etwa Visa für Turnierreisen verweigert. Trotzdem arbeitete von Cramm weiter an seinem Comeback und meldete 1939 für das Turnier im Londoner Queens Club, wo man ihm erst nach einer Abstimmung das Startrecht erteilte. Cramm siegte souverän Manier und galt nun als Top-Favorit auf den Wimbledon-Titel. Doch der Tennisbaron sollte nicht auf das heilige Grün zurückkehren.

Die Hintergründe sind unklar. Einige Quellen sprechen davon, dass der Spielausschuss des All England Lawn Tennis and Croquet Clubs dem Ex-Strafgefangenen Cramm das Startrecht versagte. Andere berichten, dass Cramm einfach nicht für das Turnier gemeldet habe. Vielleicht wollte der Gentleman alter Schule eine für beide Parteien unangenehme Situation vermeiden und verzichtete von sich aus. Fest steht, dass 1939 der Amerikaner Bobby Riggs Wimbledonsieger wurde - jener Spieler, den von Cramm im Halbfinale von Queens mit 6:0 und 6:1 vom Court gefegt hatte. Wenig später brauchte man sich um Startgenehmigungen ohnehin keine Gedanken mehr zu machen, denn der Krieg brach aus.

Gottfried von Cramm überlebte als Angehöriger eines Luftwaffenregiments und fing nach dem Krieg wieder mit dem Tennisspielen an. 1951 kehrte er noch einmal als Turnierteilnehmer nach Wimbledon zurück, dessen Center Court während der Luftschlacht von England von einer deutschen Bombe getroffen worden war. Das alles war vergessen, als der deutsche Tennisbaron, mittlerweile 41 Jahre alt, den Rasen betrat.

Schmachtende Millionenerbin im Publikum

Noch einmal wurde Cramm mit stehenden Ovationen empfangen. Auch mit seiner weiblichen Begleitung sorgte Cramm für hochgezogene Augenbrauen: Aus dem Publikum himmelte ihn die attraktive Woolworth-Erbin Barbara Hutton, Ex-Gattin von Cary Grant, an. Die beiden heirateten im November 1955.

Im selben Jahr zog sich der Tennisbaron endgültig aus dem aktiven Sport zurück. In Hamburg gründete er die Außenhandelfirma Cramm & Co und importierte fortan Baumwolle aus Ägypten. Bei einem Autounfall in der Nähe von Kairo starb Gottfried von Cramm am am 9. November 1976. Kurz darauf nahm ihn die International Tennis Hall of Fame in Newport, Rhode Island, in ihre Ehrenliste auf - der erste Deutsche, dem diese Ehrung widerfuhr.



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Christian-Alexander Wäldner, 04.07.2009
1.
Zitat: "Wegen einer angeblichen homosexuellen Liebesbeziehung zu einem jüdischen Schauspieler und "Devisenvergehen" wurde der Vorzeigesportler vor Gericht gestellt. Dass dies ein Schauprozess war, blieb niemandem verborgen." Sehr geehrter Herr Klee, ich empfinde als Mitarbeiter des Schwullesbischen Archives Hannover (vgl. http://hannover.gay-web.de/huk/vehn/vframe-start.html) Ihren Artikel als eine gewisse Zumutung, insbesondere den obigen Abschnitt. Nicht alle Prozesse gegen "Schwule" im NS-Staat waren Schauprozesse. Das lässte sich vor allem bei Gottfried von Cramm darin ableiten, dass er im Lager Rodgau eben offenbar keine Vorzugsbehandlung genossen hat. Die Umstände seiner vorzeitigen Haft-/Lagerentlassung sind im Übrigen bislang nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Aussagen seiner Mutter, sie hätte bei Göring vorgesprochen, sind zwar nicht widerlegbar, aber auch nicht beweisbar. Haftunterlagen der Strafgefangenenlagers Rodgau, die heute im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt lagern, enthalten keine Hinweise auf die Haftzeit Cramms; das liegt vor allem daran, dass nicht alle Gefangenenkarteikarten überliefert wurden und sich somit auch auf Cramms Aufenthalt und vor allem Entlassung keine Rückschlüsse ziehen lassen. In dem allerdings bekannten Urteil sind Anhaltspunkte für einen Schauprozess nicht enthalten, so dass die Partnerschaft, die er über einen langen Zeitraum pflegte, nun wirklich nicht als "angeblich" zu bezeichnen ist. Es muss hier aufgehört werden, einen schwul lebenden und später in heterosexuelle Muster gepressten Menschen als heterosexuell darzustellen, weil es angeblich besser ins Bild passen würde. Tatsachen müssen Tatsachen bleiben, Christian-Alexander Wäldner, B.A., Historiker
Johannes Möller, 06.07.2009
2.
Lieber Herr Wäldner, ein sehr interessanter Hinweis. Aber eines Ihrer Argumente verstehe ich nicht: Nicht alle Prozesse gegen "Schwule" im NS-Staat waren Schauprozesse. Das lässte sich vor allem bei Gottfried von Cramm darin ableiten, dass er im Lager Rodgau eben offenbar keine Vorzugsbehandlung genossen hat. Das hört sich für mich danach an, als wollten Sie die Behauptung aufstellen: Wenn v. Cramm in der Haft Vorzugsbehandlung genossen hätte, dann könnte man daraus schließen, dass die Verurteilung auf einem Schauprozess beruhte. Können Sie mir sagen, ob ich Sie richtig interpretiere, und ggf. das Argument erklären? Dank im Voraus und schöne Grüße ellereller
Johannes Möller, 07.07.2009
3.
"Der Deutsche sollte als bester Spieler, der nie Wimbledon gewann, in die Tennisgeschichte eingehen. " Ist das angesichts der Karriere von Ivan Lendl, der u.a. in der Zahl der Grand-Slam-Siege, Turniersiege und der Dauer der Weltranglistenführung von G.v.Cramm liegt, nicht zumindest sehr apodiktisch formuliert?
Christian-Alexander Wäldner, 07.07.2009
4.
Sehr geehrter Herr Eller, der Satz "Das lässte sich vor allem bei Gottfried von Cramm darin ableiten, dass er im Lager Rodgau eben offenbar keine Vorzugsbehandlung genossen hat." ist nicht nur gramatikalisch, sondern auch inhaltlich völlig "daneben gegangen. Ich bitte dieses zu entschuldigen! Eine Art Vorzugsbehandlung für Schau-Prozess-Opfer des NS-Unrechtsstaates gibt es bislang nicht als nachweisbare Form der Inhaftierung. Ganz im Gegenteil: Bei meinen Untersuchungen jüngst bzgl. den Klosterprozessen habe ich entdecken müssen, dass viele vermeintliche Straftäter in Konzentrationslagern gequält und misshandelt wurden. Ich habe nun aus diesen Überlegungen heraus und in Anbetracht, dass die Aussagen der Mutter Cramms richtig sein könnten, dass sie ihn "verteidigt" hätte, formuliert, dass keine entsprechenden Mißhandlungen im Lager Rodgau bislang bekannt geworden sind. im Übrigen erwähnt er seine Zeit dort nicht in seinen späteren Äußerungen wie auch seine Partnerschaft nicht. Christian-Alexander Wäldner, B.A., Historiker
Johannes Möller, 07.07.2009
5.
Lieber Herr Wäldner, Danke für die Korrektur. Aber noch einmal als Laie nachgefragt: Verstehe ich richtig: Dass G.v. Cramm in einer homosexuellen Partnerschaft lebte, ist auch anderweitig und nicht nur durch diese Verurteilung belegt? Danke im Voraus und schönen Gruß Jochen Eller
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